Mittwoch, 29. Mai 2013

FREMDE SIND WIR UNS SELBST / DER ANDERE III

.
.
 .

BERLINER SZENEN
taz vom 22.05.13
.

Der Andere

Den Nachmittag lungere ich mit Freunden auf dem Spielplatz am Reuterplatz rum. Natürlich drehen wir es irgendwie situationistisch. Wagen aber nicht, dort Bier zu trinken. Oder den Jungs an der Tischtennisplatte die Pommes zu klauen. Danach laufe ich zur Backstube Somnia, weil ich aufs Klo will, nehme einen Kaffee, setze mich auf das Sofa vor der Tür und beginne mein neues Buch von Emanuel Levinas zu lesen, "Zwischen uns".

Ein etwas narbiger Mann trägt seinen Tee heran, ich mustere ihn: komischer Typ. Blousonlederjacke, dämliche Turnschuhe. Er fragt, ob er sich mit an den Tisch setzen dürfe. Natürlich. Dann nimmt er direkt neben mir Platz. "Guter Typ!", sagt er mit einem Fingerzeig in Richtung Buch und zwinkert. Knick Knack. Blutige Stelle unterm Auge. Ne, is klar …, denke ich und lese weiter.

Als ich mal in seine Richtung schiele, nickt er aufmunternd. Dann beginnt er zu telefonieren: "Sollen wir heut Abend nich mal Auszeit nehmen? Okay, dann treffen wir uns im Kasino an der Schillerpromenade, ick freu mir! … Nö, bin im Reuterkiez, da hab ick doch mal gearbeitet …, find ick immer schön hier. Bis dann!" 

Die Glocken läuten zur Abendmesse. Ich stehe auf und gehe in die Backstube, um im Kühlschrank nach Bier zu suchen - blicke mich dabei immer wieder nervös nach meiner Tasche um, setze mich wieder und beschließe, nicht so scheiße zu sein: "Der Platz ist ja sehr lebendig geworden!" So plaudern wir eine Weile dahin. Dann steht er auf, um zu zahlen, und sagt noch mal: "Tolles Buch!" Ich frage müde, ob er das gelesen habe. Er: "Ne, 'n anderet. Aber mir hat ja 'ne Autorin besser gefallen. Komm aber nicht auf ihren Namen. Geht auch darum, dass wir alle anders sind. Fremd. Jeder is 'n Universum! Und dit is gut so."

Er geht rein, ich grüble. Als er rauskommt, frage ich ungläubig: "Julia Kristeva?" Und er: "Genau! ,Fremd bin ick mir selbst!' "
.
.

Sonntag, 5. Mai 2013

KATHOLISCHE GEFÜHLE / DER ANDERE II



FÜR IMMER

Ganz ohne Ungeduld werde ich träumen.
Ich werde mich an die Arbeit machen,
Die nie enden kann.
Und nach und nach, gegen Ende,
Kommen Arme den Armen entgegen,
Öffnen sich wieder hilfreiche Hände.
Geben die Augen wieder Licht
In ihren Höhlen.
Und du, plötzlich unversehrt,
Wirst auferstehen.
Nochmals
Wird deine Stimme mir Lenkerin sein.
Für immer seh ich dich wieder.

Giuseppe Ungaretti



Gestern fuhr ich endlich mal zur Buchhandlung "Schwankende Weltkugel im sehr protestantischen  Prenzlauer Berg. Ich erhoffte mir Einblick in Bücher Emanuel Levinas', dessen Konzept vom Anderen mir von dem Jesuiten Christian Herwartz empfohlen worden war. Die Fachbuchhandlung für Kritik und Alltag ist aus dem Ableger des kreuzberger Buchladen-Kollektivs "Schwarze Risse" hervor gegangen und hat seinen Schwerpunkt auf Philosophie und Psychoanalyse gesetzt. Da es keinen Levinas gab, kaufte ich zwei Bücher mit Texten des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan zur katholischen Religion, den man mit Levinas nach Empfehlung meines neuköllner Antiquars unbedingt parallel lesen sollte. Sind sie doch auf ähnliche Weise abschweifend. Die Schule Lacans jedenfalls wurde der Gesellschaft Jesu ein wichtiger Zugang zur Psychoanalyse. Das passte also gut.

Nach dem Buchkauf kann man sich, Gott sei es gedankt, nebenan im Café Morgenrot geschützt der Lektüre widmen. Der Rest diese Bezirkes ist bald komplett in den Händen von Menschen, die meinen, wenn sie sich den ganzen Tag fair gehandelte Scheisse in den Kopf hauen, bei der vergoldeten Currywurst die Ironie nicht vergessen und später einen klimafreundlichen Flug buchen, alles richtig gemacht zu haben. Wie kann man nur sein Leben damit verdaddeln, vor Boutiquen und in irgendwelchen Chez Irgendwas Restaurants rumzulungern? Eine riesige Blase, die sich ganz von der Wirklichkeit getrennt, immer dicker aufbläst. Wie behält man da die Füße auf den Boden? Solche Fragen drehte ich in meinem Kopf, vermisste sogar diese deppen Barthipster in Neukölln und beschloss in Zukunft weniger zu schimpfen.

"Du bisch' ja heut' so mönschisch unterwegs!", frotzelte eine Frau am Nachbartisch ihren Begleiter an. Ich glaube, er war einfach mit nur einem Kaffee zufrieden. Ob das jetzt typisch mönchisch ist? Ich weiss nicht - da hab ich andere Erfahrungen gemacht. Protestanten haben eben keine Ahnung, worum es da geht.

Meine Schulzeit in der hamburger katholischen Elite-Schule Sankt-Ansgar überstand ich glaube ich nur, weil es in den Kellerräumen der Schule das Angebot des katholischen Jugendverbandes KSJ gegeben hatte, seine kompletten Nachmittage dort zu verbringen. An besonders harten Tagen, die ich voller Angst vor meinem Erdkunde- und Lateinlehrer, von dem die anderen Kinder erzählten, er habe einem Mitschüler das Ohr eingerissen, duchzitterte, blickte ich in den Pausen zur rettenden Tür rüber und dachte: Wenn ich jetzt krank nach Hause gehe, kann ich da später nicht hin. Kam ich dann am Nachmittag blass und erschöpft in die Kellerküche, saß da Jesuitenpater Sigi, machte gerade die 80ste Kanne Kaffee, bot mir einen großen Becher an, grinste und sagte: "Na? Seelenquieken?"

Irgendjemand hatte sich darüber wahnsinnig aufgeregt. Nicht über den vielen Kaffee, den man uns da einflößte, sondern über diese Verniedlichung kindlicher Sorgen. Nur deshalb erinnere ich mich so genau daran und weiß: Mir wars recht. Sigi brachte meine Gefühle auf ein erträgliches Niveau. Der Kaffee und das abendliche Bier in der "Teestube" taten ihr weiteres, wenn man das so sagen kann.

Der italienische Philosoph und Kunstheoretiker Mario Perniola sieht in seinem im März erschienen Buch "Vom katholischen Fühlen" einen wichtigen Unterschied zwischen der protestantischen und der katholischen Kirche darin, wie in den beiden Glaubensgemeinschaften Gefühle verhandelt werden: Das Wesen des Katholizismus drückt sich nicht in Lehre und Dogma aus, sondern in einer bestimmten Art zu fühlen. Während bei den Protestanten die Subjekte individuell reflektieren, was gut und schlecht ist (War das fair gerade? Musste diese Currywurst denn wirklich noch sein heute, dann noch mit Balttgold? Obwohls ja lustig war...) und diese dann in der Kirche zusammen kommen und das formen, was man Gemeinde nennt, wird den Katholiken in der Kirche in fest gelegten Ritualen ein Gefühl vorgeschlagen - Schuld, Sühne, Umkehr (Entlastung) u.s.w. Die Gefühlswelt wird damit gewissermassen an die Kirche delegiert.

Das mag etwas einfach runtergebrochen sein, aber mit einer katholischen Erziehung ist das dann tatsächlich so sehr verinnerlicht worden, dass man erwachsenen Menschen vollkommen selbstverständlich hinwirft, wie es ihnen gerade zu gehen hat: Legendär in meinem hamburger Freundeskreis bis heute der Satz, den ich einem Freund im gemeinsamen Urlaub zuwarf: "Sipf, Dir ist kalt!"

Diese manipulative und gerade zu übergriffige Art ist nicht nur liebenswert und lebenserleichternd, man kann so eigentlich auch nichts lernen. Perniola sieht darin allerdings ein politisches Potential. Weg von der protestantischen Sentimentalität, dem Individalismus und den Meinungsmassen. Und wer will das nicht?


Foto: Inboundmedia aus London, Zweigniederlassung Hobrechtstraße, Neukölln. © Antonia Herrscher 2013
.

BAUMSCHEIBE BABA AGA




"Die Blumen machen den Garten,
nicht der Zaun"