Dienstag, 23. April 2013

GELD ODER LEBEN V / DICO - CO - WIN-WIN






Als in  den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Saul Alinsky in Amerika die Methode des Comunity Organizing begründete, war damit eine größere politische Botschaft verbunden. Zunächst in der Gewerkschaftsbewegung und verschiedenen Kirchengemeinden angewandt, sollten die Bewohner der Armenviertel von Chicago, befähigt werden, sich unter einander zu vernetzen und selbst bestimmt ihre Interessen gegenüber den staatlichen Institutionen und großen Unternehmen duchzusetzen. Ziel war eine tief greifende gesellschaftliche Veränderung, in der Arbeitskämpfe und Initiativen für Einzelmaßnahmen nur ein Aspekt einer politischen Bewegung für eine gerechtere Gesellschaft waren. Um als Graswurzelbewegung Unabhängigkeit zu garantieren, wurden die Aktionen ausschließlich durch Beiträge der einzelnen Mitglieder der Bewegung sowie durch Spenden finanziert.

Comunity Organizing ist in den USA bis heute eine populäre Möglichkeit zur Mobilisierung. Mit Graswurzelbewegung hat dies allerdings heute nicht mehr viel zu tun und ist deshalb nicht nur in Deutschland in der linken Bewegung sehr umstritten. Eher ist Saul Alinskys CO zu einer Methode ohne irgendeine politische Agenda geworden, der beispielsweise Barack Obama seinen ersten Wahlsieg verdankt (seine Frau Hillary schrieb eine Bachelor-Arbeit darüber). Aber auch die Tea-Party-Bewegung mobilisiert auf diese Weise. In den armen Bezirken der amerikanischen Großstädte ist Comunity Organizing so normal geworden, wie Quartiersmanagement in deutschen Großstädten. Und die tun ja auch nur so als ginge es um die Interessen der Bevölkerung. Eher könnte man sagen, der Bürger holt das Volk da ab, wo es steht.

Einer Veranstaltung die einem das Gruseln lehren konnte, wohnte ich am vergangenen Dienstag bei. Im Hotel Mercure traf sich die Bürgerplattform (so die vorläufige deutsche Übersetzung für Comunity Organizing) "WIN-Wir in Neukölln". Anwesend waren vor allem religiöse Gemeinschaften, wie die evangelischen und katholischen Gemeinden Neuköllns, aber auch Milli Görüs, Freikirchen sowie migrantische Kulturvereine. Ausserdem: Vertreter der IHK, der HWK und des Jobcenters Neukölln. Erklärt wurde einem da nichts aber man konnte sich schnell zusammen reimen, dass hinter dem Ganzen eine gewisse DICO steckt. Das Deutsche Institut für Comunity Organizing, dass sich unter dem amerikanischen Priester Dr. Leo J. Penta an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen gegründet hat. Penta hatte zuvor in Brooklyn, New York organized  und sollte diese Methode nun nach Deutschland tragen. Nach Wedding/Moabit und Treptow-Köpenick ist Neukölln der dritte Problemkiez in dem eine Bürgerplattform zustande gekommen ist.

Sich kennen lernen und in Beziehung kommen, so lautet ein Credo der Bewegung, und deshalb wurde das Publikum auch am Anfang erst einmal von dem Moderatoren (eine Dame von Milli Görüs und ein junger Mann, der sich als Theologiestudent bezeichnete) dazu aufgefordert, sich mal umzusehen: "Vielleicht kennen Sie da jemanden noch nicht und lernen sich jetzt einfach mal kennen!" Ich war jedenfalls froh, dass ich die beiden links und rechts von mir schon kannte... Anschließend betraten junge Menschen die Bühne, die in drei Sätzen begeistert verkündeten, dass ein leadership training einen bis auf eine solche Bühne bringen kann, auch, wenn man bisher geglaubt hat, man könne nur hoffnungslos auf die Altersgrundsicherung warten - Und deshalb sollte jeder ein leadership training machen. Darauf folgte dann kräftiger Applaus. Ich dachte an die Szene in der Südstaatenkomödie, deren Titel ich vergessen habe, in dem ein Mann, der versehentlich auf die Bühne einer evangelikalen Erweckungsmesse geraten war, in die Menge rief: "Seit der Blitz in mich eingeschlagen ist, bin ich Geistheiler!" Worauf das Publikum in ein Halleluja einstimmte.

Nur bei wem macht man dieses leadership training? Ich vermutete, bei diesem ominösen DICO, dessen Logo auf die Rückseite der Bühne projiziert wurde. Dazu gibt es dann auch ein Zertifikat. Am nächsten Tag fand ich ein Zitat einer Organizerin aus den USA, die sagte: "A leader, who does not have 10-20 followers, is just a man on the walk!" Denn darum geht es. Führung übernehmen. In Deutschland haben wir das ja nicht so gerne. Männer, die spazieren gehen, sind mir jedenfalls lieber, weshalb man den Namen für dieses Training auch besser nicht übersetzt hat. Mir blieb endgültig das Lachen im Halse stecken, als eine Frau mit afrikanischen Migrationsvordergrund die Bühne betrat und rief: "Mein Fallberater hatte mir nicht zugetraut, dass ich als allein erziehende Mutter von vier Kindern eine Ausbildung machen kann. Dann habe ich jeden Tag acht Stunden geputzt er hat Vertrauen gefasst. Nun mache ich eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Einen Applaus für meinen Fallberater!"

"Halleluja!", tuschelte ich einem meiner Begleiter zu, der kurz von seinem Smartphone aufsah. Dann sang der Chor, und jedenfalls der war eine Wucht.

DICO bildet professionelle Organizer aus und begleitet diese in der praktischen Arbeit in den Bezirken. Dem DICO-Organizer Gunter Jancke wurde auf einer Konferrenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung Ende 2011 vom Publikum vorgeworfen, dass eine solche Bewegung ja wohl durchaus verpflichtet sei, ihre politische Agenda offen zu legen. Ausserdem sei CO in Deutschland mitnichten eine Graswurzelbewegung, denn sie finanziere sich laufend aus den Geldern dreier Stiftungen. Die Frage nach den drei Stiftungen wurde von ihm zunächst nicht beantwortet. Wie dem auch sei, heute kann man die sogar vier Stiftungen auf der Webseite des DICO durchaus finden. Das sieht dann doch eher aus, wie gut mittelstands-finanziert.

1. BMW-Stiftung Herbert Quandt
2. Generali Zukunftsfond
3. Körber-Stiftung
4. Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

Unabhängig ist das von DICO angeleitete Comunity Organizing bestimmt nicht, aber ein amerikanischer Diskutant in der Rosa-Luxemburg Stiftung brachte auf den Punkt, in welcher Weise, die Bewegung längst mit der Tradition Alinskys gebrochen hat. Es wird nicht über beispielsweise 12 Millionen Menschen der amerikanischen Unterschicht gesprochen, die von der Regierung wie Verbrecher behandelt werden, 2,3 Millionen Bürger in amerikanischen Gefängnissen, Menschen, die in diesem Land nicht genug zu essen haben. CO scheint eher eine nette Mittelklasse-Organisation zu sein, die eine nette Nachbarschaft möchte und damit total getrennt ist von den großen Fragen unserer Zeit. Und die Aussage, man wolle einer Gemeinschaft keine politische Agenda aufdrängen, bezeichnete er als einen alten rhetorischen Trick der Alinsky Organizer: "Ihr habt eine sehr starke Agenda. Die Agenda lautet: nicht über den Krieg zu sprechen, nicht über Rassismus, nicht über den Kapitalismus, Gender, über Nazi-Organisationen in Deutschland oder etwa die Frage nach dem Zugang zu Macht! Damit fehlt es der Bewegung gänzlich an Werten."
Alex Demirovic (TU Berlin/Rosa-Luxemburg-Stiftung) bemerkte dann noch, dass es keine beruhigende Erklentnis sei, dass CO seiner Meinung nach eh nicht funktioniere. Leider handle es sich viel mehr um eine Beschäftigungstherapie für das Volk, einen sinnlosen Aktionismus, der eben genau verhindere, dass Volkes Wille politisch wirksam werden könne. Denn es setzt nicht da an, wo die politischen Entscheidungen getroffen werden.
Man kann eine Menge Schwierigkeiten mit der ganzen Sache haben. Pseudo-von-unten kam in Deutschland vieles, auch der Faschismus. Und daran haben sich  BMW-Stiftungs-Namensgeber Herbert Quandt und seine Familie mit größtem Engagement schuldig gemacht. Große Teile des Stiftungsvermögens stammen aus dem Privatvermögen der Familie Quandt. Eine Entschuldigung der Familie bei den Opfern bleibt bis heute aus und schon so manche wollten deshalb auf keinen Fall Zivilgesellschaft in Deutschland mit diesem Geld gestalten. Schön zusammen getragen, hat das beispielsweise das Institut für Soziologie der Westfälischen Wilhemls-Universität Münster 2008 im Seminar „Strukturen und Akteure des Reichtums“:

"Familie Quandt beschäftigte in ihrer Afa AG in Hannover-Stöcken insgesamt rund 1500 Zwangsarbeiter, Häftlinge, die aus dem KZ Neuengamme bei Hamburg in die Afa-Produktion geschickt wurden. Anders gesagt: Die Quandts unterhielten unter Aufsicht der SS ein eigenes Konzentrationslager für die angrenzende Batteriefabrik.
 
Es gab dort weder Schutzanzüge noch Atemschutz. Die Zwangsarbeiter waren den gefährlichen Chemikalien schutzlos ausgesetzt, die Lebenserwartung entsprechend gering, Hunderte starben an den Folgen. Außerdem berichten Zeitzeugen von Schlägen und dass Juden hier schon den gelben Stern tragen mussten, als dieser reichsweit noch nicht einmal vorgeschrieben war. Ein Facharbeiter kostete 6 und ein Hilfsarbeiter 4 Reichsmark am Tag – direkt bezahlt an die SS.
Diese entsetzlichen Methoden haben sich jedoch scheinbar rentiert. Und das Geld ließ sich sogar retten, trotz der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, in denen sich die Familie Quandt nicht verantworten musste. Während andere Industrielle nach dem Krieg verurteilt und enteignet wurden, wurde Günther Quandt nur als Mitläufer eingestuft und das Vermögen blieb im Familienbesitz. ...

Herbert Quandt (1910-1982) trat 1940 in die NSDAP ein und stand unternehmerisch stets an der Seite seines Vaters Günther. Herbert Quandt war während der NS-Zeit im Vorstand der Afa AG und unter anderem als Leiter der Personalabteilung eindeutig mitverantwortlich und schuldig an der Ausnutzung von Zwangsarbeitern. 

Bemerkenswert ist die Version desgleichen Sachverhalts, die auf der Homepage der Herbert Quandt-Stiftung dazu fällt: „Nach einer umfassenden Ausbildung an den Standorten familiennaher Unternehmen im In- und Ausland tritt Herbert Quandt 1940 in den Vorstand der AFA - der späteren Varta AG - ein. Er übernimmt schnell immer mehr Verantwortung für die Unternehmen, die sein Vater zusammengeführt hat. Nach dem Krieg widmet er sich mit großer Tatkraft dem Wiederaufbau: Er erneuert die internationalen geschäftlichen Beziehungen und entwickelt die Idee partnerschaftlicher unternehmerischer Verantwortung.“


Foto: Selbstorganisierte Baumscheibe Neukölln. © Antonia Herrscher 2013
Musik: Woody Guthrie: This Land Is Your Land

Donnerstag, 18. April 2013

BAUMSCHEIBENSAISON / DER ANDERE I


 






Nur zwei Dinge

Durch so viele Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage-
dein fernbestimmtes: Du mußt.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich. 

Gottfried Benn



Dienstag, 16. April 2013

GELD ODER LEBEN IV / WIEDER SOZIAL SCHWACH


 

Hier raus wird sich doch auch
noch eine Gewinnsteigerung machen lassen.
Wohn- und Geschäftshaus Hermannplatz




Aushilfshausmeister Werner ruft mich ja nur an, "wenn etwas ist", wie er mir neulich sagte.

Irgendwas ist hier nur sowieso immer, und seit der Brief der Hausverwaltung an alle Mieter ging, in dem ein baldiger Besuch zwecks Besichtigung aller Wohnungen angekündigt wurde, ist er sehr nervös. Wir sprachen auch über die Zwangsräumung am letzten Dienstag in Reinickendorf. Und den Tot der Bewohnerin Rosemarie F. zwei Tage später. Werner hat Angst und das kann ich verstehen. Und er ist wütend.

Gestern lasen wir gemeinsam einen Spiegel-Artikel über das global aufgestellte Unternehmen, denen zahlreiche Häuser hier in Neukölln gehören. Beruhigend war das nicht. Aber Werner, Rentner mit Aufstockung durch das Grundsicherungsamt, gesundheitlich stark angeschlagen ist eine Neuköllner Pflanze und ein harter Brocken wie aus einer Geschichte von Andreas Groschupf. Ein wahrer Hinterhofheld, überzeugter Antifaschist ("aber die taz les ick ja nicht, ick les Tagesspiegel") Nachbarschaftsmoderator und wenngleich etwas anhänglich: Er hat das Herz auf dem richtigen Fleck. Vor einem halben Jahr hatte er eine ganze Weile einen entfernten Verwandten der libanesischen Restaurantbetreiber im Haus in seiner Wohnung aufgenommen. "Der Junge hatte keinen Aufenthaltsstatus, sprach kein Deutsch, da muss man sich doch kümmern..." Seine Thailand-stämmige Exfrau ("meine Waschmaschine auf zwei Beinen") brachte murrend jeden Tag eine extra Portion Mittagessen vorbei und sein nichtsnutziger Sohn sollte im Internetcafé endlich mal was sinnvolles tun und Anträge ausdrucken, Telefonnummern suchen... Werner hat früher mal eine Zeit in Ägypten verbracht. Beruflich war er lange in Südamerika "tätig". Je mehr Menschen aus aller Welt hier her kommen, desto heimischer fühlt er sich.

In den letzten Tagen hält er mich über den NSU-Prozess in München auf dem laufenden. Durch meine Arbeit habe ich ja gelernt, Nachrichten zu lesen, inhaltlich zu erschließen und gleich wieder zu vergessen. Aber Werners NSU-Ticker bleibt hängen. Für die Unterlagen reist er mir dann noch die Seiten aus dem Tagesspiegel aus. Gestern kam er angelaufen: "Hast du gehört? Die verschieben das jetzt, Frau Herrscher! Dann müssen die die türkischen Journalisten rein lassen!" Ich sagte: "Werner, ich kann jetzt nicht, ich hab meine Arbeit unterbrochen, um kurz Eis bei Frollein Frost zu essen und nun muss ich mich beeilen, dass ich die taz fertig bekomme.... !"

Und er: "Ja, dann reden wir da morgen mal beim Tee unten drüber. Und noch was: Der Chor, von dem du mir erzählt hast... Da würde ich beizeiten mal mit kommen!"

Tja.
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