Donnerstag, 6. Juni 2013

EIN GEDICHT / DER ANDERE IV

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Nordnordsüd

Folie für Folie den Anderen suchen
haltlos um die eigene Achse
rotierend
taktisch verwirrt
und verwechselt

du kennst dich gar nicht mehr aus

man müsste so lange nach Süden gehen
bis das auch egal ist
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Mittwoch, 29. Mai 2013

FREMDE SIND WIR UNS SELBST / DER ANDERE III

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BERLINER SZENEN
taz vom 22.05.13
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Der Andere

Den Nachmittag lungere ich mit Freunden auf dem Spielplatz am Reuterplatz rum. Natürlich drehen wir es irgendwie situationistisch. Wagen aber nicht, dort Bier zu trinken. Oder den Jungs an der Tischtennisplatte die Pommes zu klauen. Danach laufe ich zur Backstube Somnia, weil ich aufs Klo will, nehme einen Kaffee, setze mich auf das Sofa vor der Tür und beginne mein neues Buch von Emanuel Levinas zu lesen, "Zwischen uns".

Ein etwas narbiger Mann trägt seinen Tee heran, ich mustere ihn: komischer Typ. Blousonlederjacke, dämliche Turnschuhe. Er fragt, ob er sich mit an den Tisch setzen dürfe. Natürlich. Dann nimmt er direkt neben mir Platz. "Guter Typ!", sagt er mit einem Fingerzeig in Richtung Buch und zwinkert. Knick Knack. Blutige Stelle unterm Auge. Ne, is klar …, denke ich und lese weiter.

Als ich mal in seine Richtung schiele, nickt er aufmunternd. Dann beginnt er zu telefonieren: "Sollen wir heut Abend nich mal Auszeit nehmen? Okay, dann treffen wir uns im Kasino an der Schillerpromenade, ick freu mir! … Nö, bin im Reuterkiez, da hab ick doch mal gearbeitet …, find ick immer schön hier. Bis dann!" 

Die Glocken läuten zur Abendmesse. Ich stehe auf und gehe in die Backstube, um im Kühlschrank nach Bier zu suchen - blicke mich dabei immer wieder nervös nach meiner Tasche um, setze mich wieder und beschließe, nicht so scheiße zu sein: "Der Platz ist ja sehr lebendig geworden!" So plaudern wir eine Weile dahin. Dann steht er auf, um zu zahlen, und sagt noch mal: "Tolles Buch!" Ich frage müde, ob er das gelesen habe. Er: "Ne, 'n anderet. Aber mir hat ja 'ne Autorin besser gefallen. Komm aber nicht auf ihren Namen. Geht auch darum, dass wir alle anders sind. Fremd. Jeder is 'n Universum! Und dit is gut so."

Er geht rein, ich grüble. Als er rauskommt, frage ich ungläubig: "Julia Kristeva?" Und er: "Genau! ,Fremd bin ick mir selbst!' "
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Sonntag, 5. Mai 2013

KATHOLISCHE GEFÜHLE / DER ANDERE II



FÜR IMMER

Ganz ohne Ungeduld werde ich träumen.
Ich werde mich an die Arbeit machen,
Die nie enden kann.
Und nach und nach, gegen Ende,
Kommen Arme den Armen entgegen,
Öffnen sich wieder hilfreiche Hände.
Geben die Augen wieder Licht
In ihren Höhlen.
Und du, plötzlich unversehrt,
Wirst auferstehen.
Nochmals
Wird deine Stimme mir Lenkerin sein.
Für immer seh ich dich wieder.

Giuseppe Ungaretti



Gestern fuhr ich endlich mal zur Buchhandlung "Schwankende Weltkugel im sehr protestantischen  Prenzlauer Berg. Ich erhoffte mir Einblick in Bücher Emanuel Levinas', dessen Konzept vom Anderen mir von dem Jesuiten Christian Herwartz empfohlen worden war. Die Fachbuchhandlung für Kritik und Alltag ist aus dem Ableger des kreuzberger Buchladen-Kollektivs "Schwarze Risse" hervor gegangen und hat seinen Schwerpunkt auf Philosophie und Psychoanalyse gesetzt. Da es keinen Levinas gab, kaufte ich zwei Bücher mit Texten des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan zur katholischen Religion, den man mit Levinas nach Empfehlung meines neuköllner Antiquars unbedingt parallel lesen sollte. Sind sie doch auf ähnliche Weise abschweifend. Die Schule Lacans jedenfalls wurde der Gesellschaft Jesu ein wichtiger Zugang zur Psychoanalyse. Das passte also gut.

Nach dem Buchkauf kann man sich, Gott sei es gedankt, nebenan im Café Morgenrot geschützt der Lektüre widmen. Der Rest diese Bezirkes ist bald komplett in den Händen von Menschen, die meinen, wenn sie sich den ganzen Tag fair gehandelte Scheisse in den Kopf hauen, bei der vergoldeten Currywurst die Ironie nicht vergessen und später einen klimafreundlichen Flug buchen, alles richtig gemacht zu haben. Wie kann man nur sein Leben damit verdaddeln, vor Boutiquen und in irgendwelchen Chez Irgendwas Restaurants rumzulungern? Eine riesige Blase, die sich ganz von der Wirklichkeit getrennt, immer dicker aufbläst. Wie behält man da die Füße auf den Boden? Solche Fragen drehte ich in meinem Kopf, vermisste sogar diese deppen Barthipster in Neukölln und beschloss in Zukunft weniger zu schimpfen.

"Du bisch' ja heut' so mönschisch unterwegs!", frotzelte eine Frau am Nachbartisch ihren Begleiter an. Ich glaube, er war einfach mit nur einem Kaffee zufrieden. Ob das jetzt typisch mönchisch ist? Ich weiss nicht - da hab ich andere Erfahrungen gemacht. Protestanten haben eben keine Ahnung, worum es da geht.

Meine Schulzeit in der hamburger katholischen Elite-Schule Sankt-Ansgar überstand ich glaube ich nur, weil es in den Kellerräumen der Schule das Angebot des katholischen Jugendverbandes KSJ gegeben hatte, seine kompletten Nachmittage dort zu verbringen. An besonders harten Tagen, die ich voller Angst vor meinem Erdkunde- und Lateinlehrer, von dem die anderen Kinder erzählten, er habe einem Mitschüler das Ohr eingerissen, duchzitterte, blickte ich in den Pausen zur rettenden Tür rüber und dachte: Wenn ich jetzt krank nach Hause gehe, kann ich da später nicht hin. Kam ich dann am Nachmittag blass und erschöpft in die Kellerküche, saß da Jesuitenpater Sigi, machte gerade die 80ste Kanne Kaffee, bot mir einen großen Becher an, grinste und sagte: "Na? Seelenquieken?"

Irgendjemand hatte sich darüber wahnsinnig aufgeregt. Nicht über den vielen Kaffee, den man uns da einflößte, sondern über diese Verniedlichung kindlicher Sorgen. Nur deshalb erinnere ich mich so genau daran und weiß: Mir wars recht. Sigi brachte meine Gefühle auf ein erträgliches Niveau. Der Kaffee und das abendliche Bier in der "Teestube" taten ihr weiteres, wenn man das so sagen kann.

Der italienische Philosoph und Kunstheoretiker Mario Perniola sieht in seinem im März erschienen Buch "Vom katholischen Fühlen" einen wichtigen Unterschied zwischen der protestantischen und der katholischen Kirche darin, wie in den beiden Glaubensgemeinschaften Gefühle verhandelt werden: Das Wesen des Katholizismus drückt sich nicht in Lehre und Dogma aus, sondern in einer bestimmten Art zu fühlen. Während bei den Protestanten die Subjekte individuell reflektieren, was gut und schlecht ist (War das fair gerade? Musste diese Currywurst denn wirklich noch sein heute, dann noch mit Balttgold? Obwohls ja lustig war...) und diese dann in der Kirche zusammen kommen und das formen, was man Gemeinde nennt, wird den Katholiken in der Kirche in fest gelegten Ritualen ein Gefühl vorgeschlagen - Schuld, Sühne, Umkehr (Entlastung) u.s.w. Die Gefühlswelt wird damit gewissermassen an die Kirche delegiert.

Das mag etwas einfach runtergebrochen sein, aber mit einer katholischen Erziehung ist das dann tatsächlich so sehr verinnerlicht worden, dass man erwachsenen Menschen vollkommen selbstverständlich hinwirft, wie es ihnen gerade zu gehen hat: Legendär in meinem hamburger Freundeskreis bis heute der Satz, den ich einem Freund im gemeinsamen Urlaub zuwarf: "Sipf, Dir ist kalt!"

Diese manipulative und gerade zu übergriffige Art ist nicht nur liebenswert und lebenserleichternd, man kann so eigentlich auch nichts lernen. Perniola sieht darin allerdings ein politisches Potential. Weg von der protestantischen Sentimentalität, dem Individalismus und den Meinungsmassen. Und wer will das nicht?


Foto: Inboundmedia aus London, Zweigniederlassung Hobrechtstraße, Neukölln. © Antonia Herrscher 2013
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BAUMSCHEIBE BABA AGA




"Die Blumen machen den Garten,
nicht der Zaun"







Dienstag, 23. April 2013

GELD ODER LEBEN V / DICO - CO - WIN-WIN






Als in  den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Saul Alinsky in Amerika die Methode des Comunity Organizing begründete, war damit eine größere politische Botschaft verbunden. Zunächst in der Gewerkschaftsbewegung und verschiedenen Kirchengemeinden angewandt, sollten die Bewohner der Armenviertel von Chicago, befähigt werden, sich unter einander zu vernetzen und selbst bestimmt ihre Interessen gegenüber den staatlichen Institutionen und großen Unternehmen duchzusetzen. Ziel war eine tief greifende gesellschaftliche Veränderung, in der Arbeitskämpfe und Initiativen für Einzelmaßnahmen nur ein Aspekt einer politischen Bewegung für eine gerechtere Gesellschaft waren. Um als Graswurzelbewegung Unabhängigkeit zu garantieren, wurden die Aktionen ausschließlich durch Beiträge der einzelnen Mitglieder der Bewegung sowie durch Spenden finanziert.

Comunity Organizing ist in den USA bis heute eine populäre Möglichkeit zur Mobilisierung. Mit Graswurzelbewegung hat dies allerdings heute nicht mehr viel zu tun und ist deshalb nicht nur in Deutschland in der linken Bewegung sehr umstritten. Eher ist Saul Alinskys CO zu einer Methode ohne irgendeine politische Agenda geworden, der beispielsweise Barack Obama seinen ersten Wahlsieg verdankt (seine Frau Hillary schrieb eine Bachelor-Arbeit darüber). Aber auch die Tea-Party-Bewegung mobilisiert auf diese Weise. In den armen Bezirken der amerikanischen Großstädte ist Comunity Organizing so normal geworden, wie Quartiersmanagement in deutschen Großstädten. Und die tun ja auch nur so als ginge es um die Interessen der Bevölkerung. Eher könnte man sagen, der Bürger holt das Volk da ab, wo es steht.

Einer Veranstaltung die einem das Gruseln lehren konnte, wohnte ich am vergangenen Dienstag bei. Im Hotel Mercure traf sich die Bürgerplattform (so die vorläufige deutsche Übersetzung für Comunity Organizing) "WIN-Wir in Neukölln". Anwesend waren vor allem religiöse Gemeinschaften, wie die evangelischen und katholischen Gemeinden Neuköllns, aber auch Milli Görüs, Freikirchen sowie migrantische Kulturvereine. Ausserdem: Vertreter der IHK, der HWK und des Jobcenters Neukölln. Erklärt wurde einem da nichts aber man konnte sich schnell zusammen reimen, dass hinter dem Ganzen eine gewisse DICO steckt. Das Deutsche Institut für Comunity Organizing, dass sich unter dem amerikanischen Priester Dr. Leo J. Penta an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen gegründet hat. Penta hatte zuvor in Brooklyn, New York organized  und sollte diese Methode nun nach Deutschland tragen. Nach Wedding/Moabit und Treptow-Köpenick ist Neukölln der dritte Problemkiez in dem eine Bürgerplattform zustande gekommen ist.

Sich kennen lernen und in Beziehung kommen, so lautet ein Credo der Bewegung, und deshalb wurde das Publikum auch am Anfang erst einmal von dem Moderatoren (eine Dame von Milli Görüs und ein junger Mann, der sich als Theologiestudent bezeichnete) dazu aufgefordert, sich mal umzusehen: "Vielleicht kennen Sie da jemanden noch nicht und lernen sich jetzt einfach mal kennen!" Ich war jedenfalls froh, dass ich die beiden links und rechts von mir schon kannte... Anschließend betraten junge Menschen die Bühne, die in drei Sätzen begeistert verkündeten, dass ein leadership training einen bis auf eine solche Bühne bringen kann, auch, wenn man bisher geglaubt hat, man könne nur hoffnungslos auf die Altersgrundsicherung warten - Und deshalb sollte jeder ein leadership training machen. Darauf folgte dann kräftiger Applaus. Ich dachte an die Szene in der Südstaatenkomödie, deren Titel ich vergessen habe, in dem ein Mann, der versehentlich auf die Bühne einer evangelikalen Erweckungsmesse geraten war, in die Menge rief: "Seit der Blitz in mich eingeschlagen ist, bin ich Geistheiler!" Worauf das Publikum in ein Halleluja einstimmte.

Nur bei wem macht man dieses leadership training? Ich vermutete, bei diesem ominösen DICO, dessen Logo auf die Rückseite der Bühne projiziert wurde. Dazu gibt es dann auch ein Zertifikat. Am nächsten Tag fand ich ein Zitat einer Organizerin aus den USA, die sagte: "A leader, who does not have 10-20 followers, is just a man on the walk!" Denn darum geht es. Führung übernehmen. In Deutschland haben wir das ja nicht so gerne. Männer, die spazieren gehen, sind mir jedenfalls lieber, weshalb man den Namen für dieses Training auch besser nicht übersetzt hat. Mir blieb endgültig das Lachen im Halse stecken, als eine Frau mit afrikanischen Migrationsvordergrund die Bühne betrat und rief: "Mein Fallberater hatte mir nicht zugetraut, dass ich als allein erziehende Mutter von vier Kindern eine Ausbildung machen kann. Dann habe ich jeden Tag acht Stunden geputzt er hat Vertrauen gefasst. Nun mache ich eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Einen Applaus für meinen Fallberater!"

"Halleluja!", tuschelte ich einem meiner Begleiter zu, der kurz von seinem Smartphone aufsah. Dann sang der Chor, und jedenfalls der war eine Wucht.

DICO bildet professionelle Organizer aus und begleitet diese in der praktischen Arbeit in den Bezirken. Dem DICO-Organizer Gunter Jancke wurde auf einer Konferrenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung Ende 2011 vom Publikum vorgeworfen, dass eine solche Bewegung ja wohl durchaus verpflichtet sei, ihre politische Agenda offen zu legen. Ausserdem sei CO in Deutschland mitnichten eine Graswurzelbewegung, denn sie finanziere sich laufend aus den Geldern dreier Stiftungen. Die Frage nach den drei Stiftungen wurde von ihm zunächst nicht beantwortet. Wie dem auch sei, heute kann man die sogar vier Stiftungen auf der Webseite des DICO durchaus finden. Das sieht dann doch eher aus, wie gut mittelstands-finanziert.

1. BMW-Stiftung Herbert Quandt
2. Generali Zukunftsfond
3. Körber-Stiftung
4. Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

Unabhängig ist das von DICO angeleitete Comunity Organizing bestimmt nicht, aber ein amerikanischer Diskutant in der Rosa-Luxemburg Stiftung brachte auf den Punkt, in welcher Weise, die Bewegung längst mit der Tradition Alinskys gebrochen hat. Es wird nicht über beispielsweise 12 Millionen Menschen der amerikanischen Unterschicht gesprochen, die von der Regierung wie Verbrecher behandelt werden, 2,3 Millionen Bürger in amerikanischen Gefängnissen, Menschen, die in diesem Land nicht genug zu essen haben. CO scheint eher eine nette Mittelklasse-Organisation zu sein, die eine nette Nachbarschaft möchte und damit total getrennt ist von den großen Fragen unserer Zeit. Und die Aussage, man wolle einer Gemeinschaft keine politische Agenda aufdrängen, bezeichnete er als einen alten rhetorischen Trick der Alinsky Organizer: "Ihr habt eine sehr starke Agenda. Die Agenda lautet: nicht über den Krieg zu sprechen, nicht über Rassismus, nicht über den Kapitalismus, Gender, über Nazi-Organisationen in Deutschland oder etwa die Frage nach dem Zugang zu Macht! Damit fehlt es der Bewegung gänzlich an Werten."
Alex Demirovic (TU Berlin/Rosa-Luxemburg-Stiftung) bemerkte dann noch, dass es keine beruhigende Erklentnis sei, dass CO seiner Meinung nach eh nicht funktioniere. Leider handle es sich viel mehr um eine Beschäftigungstherapie für das Volk, einen sinnlosen Aktionismus, der eben genau verhindere, dass Volkes Wille politisch wirksam werden könne. Denn es setzt nicht da an, wo die politischen Entscheidungen getroffen werden.
Man kann eine Menge Schwierigkeiten mit der ganzen Sache haben. Pseudo-von-unten kam in Deutschland vieles, auch der Faschismus. Und daran haben sich  BMW-Stiftungs-Namensgeber Herbert Quandt und seine Familie mit größtem Engagement schuldig gemacht. Große Teile des Stiftungsvermögens stammen aus dem Privatvermögen der Familie Quandt. Eine Entschuldigung der Familie bei den Opfern bleibt bis heute aus und schon so manche wollten deshalb auf keinen Fall Zivilgesellschaft in Deutschland mit diesem Geld gestalten. Schön zusammen getragen, hat das beispielsweise das Institut für Soziologie der Westfälischen Wilhemls-Universität Münster 2008 im Seminar „Strukturen und Akteure des Reichtums“:

"Familie Quandt beschäftigte in ihrer Afa AG in Hannover-Stöcken insgesamt rund 1500 Zwangsarbeiter, Häftlinge, die aus dem KZ Neuengamme bei Hamburg in die Afa-Produktion geschickt wurden. Anders gesagt: Die Quandts unterhielten unter Aufsicht der SS ein eigenes Konzentrationslager für die angrenzende Batteriefabrik.
 
Es gab dort weder Schutzanzüge noch Atemschutz. Die Zwangsarbeiter waren den gefährlichen Chemikalien schutzlos ausgesetzt, die Lebenserwartung entsprechend gering, Hunderte starben an den Folgen. Außerdem berichten Zeitzeugen von Schlägen und dass Juden hier schon den gelben Stern tragen mussten, als dieser reichsweit noch nicht einmal vorgeschrieben war. Ein Facharbeiter kostete 6 und ein Hilfsarbeiter 4 Reichsmark am Tag – direkt bezahlt an die SS.
Diese entsetzlichen Methoden haben sich jedoch scheinbar rentiert. Und das Geld ließ sich sogar retten, trotz der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, in denen sich die Familie Quandt nicht verantworten musste. Während andere Industrielle nach dem Krieg verurteilt und enteignet wurden, wurde Günther Quandt nur als Mitläufer eingestuft und das Vermögen blieb im Familienbesitz. ...

Herbert Quandt (1910-1982) trat 1940 in die NSDAP ein und stand unternehmerisch stets an der Seite seines Vaters Günther. Herbert Quandt war während der NS-Zeit im Vorstand der Afa AG und unter anderem als Leiter der Personalabteilung eindeutig mitverantwortlich und schuldig an der Ausnutzung von Zwangsarbeitern. 

Bemerkenswert ist die Version desgleichen Sachverhalts, die auf der Homepage der Herbert Quandt-Stiftung dazu fällt: „Nach einer umfassenden Ausbildung an den Standorten familiennaher Unternehmen im In- und Ausland tritt Herbert Quandt 1940 in den Vorstand der AFA - der späteren Varta AG - ein. Er übernimmt schnell immer mehr Verantwortung für die Unternehmen, die sein Vater zusammengeführt hat. Nach dem Krieg widmet er sich mit großer Tatkraft dem Wiederaufbau: Er erneuert die internationalen geschäftlichen Beziehungen und entwickelt die Idee partnerschaftlicher unternehmerischer Verantwortung.“


Foto: Selbstorganisierte Baumscheibe Neukölln. © Antonia Herrscher 2013
Musik: Woody Guthrie: This Land Is Your Land

Donnerstag, 18. April 2013

BAUMSCHEIBENSAISON / DER ANDERE I


 






Nur zwei Dinge

Durch so viele Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage-
dein fernbestimmtes: Du mußt.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich. 

Gottfried Benn



Dienstag, 16. April 2013

GELD ODER LEBEN IV / WIEDER SOZIAL SCHWACH


 

Hier raus wird sich doch auch
noch eine Gewinnsteigerung machen lassen.
Wohn- und Geschäftshaus Hermannplatz




Aushilfshausmeister Werner ruft mich ja nur an, "wenn etwas ist", wie er mir neulich sagte.

Irgendwas ist hier nur sowieso immer, und seit der Brief der Hausverwaltung an alle Mieter ging, in dem ein baldiger Besuch zwecks Besichtigung aller Wohnungen angekündigt wurde, ist er sehr nervös. Wir sprachen auch über die Zwangsräumung am letzten Dienstag in Reinickendorf. Und den Tot der Bewohnerin Rosemarie F. zwei Tage später. Werner hat Angst und das kann ich verstehen. Und er ist wütend.

Gestern lasen wir gemeinsam einen Spiegel-Artikel über das global aufgestellte Unternehmen, denen zahlreiche Häuser hier in Neukölln gehören. Beruhigend war das nicht. Aber Werner, Rentner mit Aufstockung durch das Grundsicherungsamt, gesundheitlich stark angeschlagen ist eine Neuköllner Pflanze und ein harter Brocken wie aus einer Geschichte von Andreas Groschupf. Ein wahrer Hinterhofheld, überzeugter Antifaschist ("aber die taz les ick ja nicht, ick les Tagesspiegel") Nachbarschaftsmoderator und wenngleich etwas anhänglich: Er hat das Herz auf dem richtigen Fleck. Vor einem halben Jahr hatte er eine ganze Weile einen entfernten Verwandten der libanesischen Restaurantbetreiber im Haus in seiner Wohnung aufgenommen. "Der Junge hatte keinen Aufenthaltsstatus, sprach kein Deutsch, da muss man sich doch kümmern..." Seine Thailand-stämmige Exfrau ("meine Waschmaschine auf zwei Beinen") brachte murrend jeden Tag eine extra Portion Mittagessen vorbei und sein nichtsnutziger Sohn sollte im Internetcafé endlich mal was sinnvolles tun und Anträge ausdrucken, Telefonnummern suchen... Werner hat früher mal eine Zeit in Ägypten verbracht. Beruflich war er lange in Südamerika "tätig". Je mehr Menschen aus aller Welt hier her kommen, desto heimischer fühlt er sich.

In den letzten Tagen hält er mich über den NSU-Prozess in München auf dem laufenden. Durch meine Arbeit habe ich ja gelernt, Nachrichten zu lesen, inhaltlich zu erschließen und gleich wieder zu vergessen. Aber Werners NSU-Ticker bleibt hängen. Für die Unterlagen reist er mir dann noch die Seiten aus dem Tagesspiegel aus. Gestern kam er angelaufen: "Hast du gehört? Die verschieben das jetzt, Frau Herrscher! Dann müssen die die türkischen Journalisten rein lassen!" Ich sagte: "Werner, ich kann jetzt nicht, ich hab meine Arbeit unterbrochen, um kurz Eis bei Frollein Frost zu essen und nun muss ich mich beeilen, dass ich die taz fertig bekomme.... !"

Und er: "Ja, dann reden wir da morgen mal beim Tee unten drüber. Und noch was: Der Chor, von dem du mir erzählt hast... Da würde ich beizeiten mal mit kommen!"

Tja.
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Dienstag, 12. März 2013

GELD ODER LEBEN III / STATUSPANIK






„Schon 1930 gab es die Statuspanik“

Turbulenzen in der Mittelschicht/ taz vom 02.01.2013









Der Soziologe und Mittelschichts-Experte Berthold Vogel über Absturzängste und die „solidarische Mitte“ als historischen Ausnahmefall. Interview: Antonia Herrscher


taz: Herr Vogel, ist der in den Medien häufig verwendete Begriff „sozial schwach“ diffamierend?

Berthold Vogel: Ja, und auch in der Armutsforschung sind unreflektierte Etikettierungen ein Problem. Mit Begriffen wie „Überflüssige“ oder „sozial schwach“ wird ja auch Politik gemacht. 

Haben Sie das Gefühl, dass zurzeit eher die Mittelschicht sozial schwächelt, indem sie Ressentiments gegenüber der Unterschicht pflegt?

Die „Mittelschicht“ ist als soziales Feld ein turbulenter Raum, mit hoher sozialer Mobilität. Geradezu dafür prädestiniert, sich bestimmter Ressentiments zu bedienen und durch Positionen abzuheben. Die solidarische Mitte ist eher ein historischer Ausnahmefall, der eintritt, wenn es relativ viel zu verteilen und einen Konsens gibt, wie gesellschaftliche Reichtümer übertragen werden können. Der deutsche Soziologe Theodor Geiger sprach schon in den 1930er-Jahren über die „Statuspanik“ in der Mitte der Gesellschaft.


Heißt das, der Mittelschicht geht es weniger um die Überwindung von gesellschaftlicher Armut als um die Sicherung des bestehenden Wohlstands?

Generell orientiert sich die Mitte immer nach oben. Man hat eine bestimmte Vorstellung von Reichtum, gutem Leben und guter Arbeit. Da ist wenig solidarisches Augenmerk auf diejenigen, die zurückbleiben. Obwohl es natürlich auch viel Potenzial für Solidarität gibt … 

die sich aber vor allem auf die eigene soziale Schicht konzentriert.

Trotz allem gibt es ein Bewusstsein dafür, dass man von anderen gesellschaftlich abhängig ist. Um soziales Bewusstsein auszubilden, braucht es aber wohlfahrtsstaatliche Rahmenbedingungen. Solidarität entsteht nicht nur aus Güte und Barmherzigkeit einzelner.

Neben der Bereitschaft, sich für andere zu engagieren, kann man gerade in den Debatten um Bildungspolitik die permanente Wachsamkeit beobachten, die eigene und familiäre Position zu wahren. 
Ist denn die Mitte nicht auch ganz real von Armut bedroht?

Ja, weil sich die Rahmenbedingungen verändert und prekäre Beschäftigungsverhältnisse längst klassische Mittelschichtberufe erreicht haben. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu sprach von den „intern Ausgegrenzten“, die zwar in das Bildungssystem eingebunden sind, deren Ausbildungsgrade jedoch durch die Aufwärtsentwicklung an Wert verlieren. Soziale Abstände vergrößern sich. Von den wegfallenden Statuszusagen wie Rente und Bildung hat die Mitte immer am meisten profitiert. 

Es gibt auch einen Ruf nach mehr Staatlichkeit. Ist das ein Zeichen für das Erstarken gesamtgesellschaftlicher Solidarität?

Das wahrscheinlich am wenigsten. Da wird eher die Verteilungsfrage gestellt. Die, die sich oben befinden, haben sich weitgehend aus der Finanzierung des Staates verabschiedet. Wer unten ist, wird nur als Kostgänger wahr genommen. So wachsen Unbehagen und Ressentiments gegenüber randständigen Gruppen. Zugleich schwinden staatliche Ressourcen, solchen Entwicklungen entgegenzusteuern. 

Hat der Staat überhaupt noch Möglichkeiten, ein solidarisches System zu schützen, oder hat sich das Modell überlebt?

Wahrscheinlich. Aber „Staat“ hört sich immer nach einer starken zentralen Einheit an, die es so nie gegeben hat. Deutschlands Stärke liegt in den vielgliedrigen Strukturen der Städte und Gemeinden. 

Was ist mit Steuererhöhungen? Die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit ist auch eine steuerpolitische Frage.

Die ist natürlich unbeliebt. Es gibt ja auch sehr viel privaten Reichtum. Diese Wohlstandskonflikte rücken die Debatte um Verteilungsgerechtigkeit in die Mitte. Bestimmte Redeweisen und Modelle transportieren die Vorstellung davon, wie Gesellschaft organisiert werden sollte. Neben der Teilhabe an öffentlichen Leistungen gehören dazu Chancengerechtigkeit und ein gewisses Maß an Sicherheit. 

Wäre dann nicht dafür Sorge zu tragen, dass Druck und Unsicherheit in der Unterschicht nicht noch verstärkt werden? 

Absolut. Es gibt ja auch die diffamierende Rede über soziale Sicherheit, dass die Gesellschaft zu bequem, zu träge wird. Doch Sicherheit ist Voraussetzung für so etwas wie eine freie Gesellschaft, in der nicht das Recht des Stärkeren herrscht.

In Athen wird gerade die Horrorvorstellung real, dass rechtsradikale Gruppen, die man ganz abstrakt als „zivilgesellschaftliche Akteure“ bezeichnen könnte, in die Bereiche hineingehen, in denen sich vorher der Staat mit seinen Sicherheitszusagen befunden hat. Bürgerwehren, die bestimmte soziale Funktionen übernehmen. Der kritische Punkt ist: Wie gewährleistet man soziale Sicherheit und wer ist dafür verantwortlich? 

Berthold Vogel, Mittelschichtsexperte, ist Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts in Göttingen und Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung.