Montag, 22. Oktober 2012

GELD ODER LEBEN I / KITSCH? GENAU!



Die Seite, die das Ding dem Traume zukehrt, ist der Kitsch.
Walter Benjamin




Die Fotos sind natürlich der reinste Kitsch.
Und unscharf.
Genau.

Genau: In der Vergangenen Woche ließ ich mich spontan verärgert über die inflationäre Häufung des Begriffs "sozial schwach" oder "sozial Schwache" in den Artikeln der taz zu einem Kommentar im "tagesthema" - dem internen schwarzen Online-Brett unserer kleinen Zeitung - hinreißen. Ich alte Sozialromantikerin könnte wirklich langsam ausflippen. Ich muss hier nicht den immer wieder geführten Diskurs fortführen, was damit alles verschleiert wird (wie etwa hier): Aber wenigstens genau sein, präzise sagen, was gemeint ist. Anstatt davon auszugehen, dass da beim Leser beim Lesen dieses Begriffs zufällig genau die Bedeutung mit schwingt, wie bei mir, weil dieser genau so ein Gutmensch ist wie ich... so etwas wie "sozial benachteiligt" etwa. Als wäre "sozial schwach" ein Fremdwort. Es heißt aber genau das: sozial schwach. Und nicht "sozial benachteiligt" - Genau: denn das wäre ja: "sozial benachteiligt". Da schwingt also auf jeden Fall etwas anderes.

Ich erntete nur Hohn, Spott und Schweigen. Nur? Nicht ganz. Ich hatte mich in den letzten Tagen selbst ganz sozial schwach gefühlt - im wörtlichen Sinne - Aber "Kitsch? Kein Thema!" hatte ich mir schließlich nicht ganz gedankenlos in rosa über dem Schreibtisch an die Wand geschrieben: Und Kollege Helmut Höge übernahm und schrieb einen Text. Genau den stelle ich jetzt einfach mal ein. Der ist nicht so schlecht gelaunt wie ich.

Fotos: Plastikbänke Hasenheide, Berlin-Neukölln © Antonia 2012

Genau:


Sozialschwäche

Das Wort "sozial Schwache" verdankt sich einer Bedeutungsverdrehung wie
zuvor das Wortpaar Arbeitnehmer-Arbeitgeber. Sozial schwach sind die
sogenannten Arbeitgeber/Unternehmer/Manager, insofern sie für ihre
gesellschaftliche Teilhabe leichten Herzens jeden Preis zahlen können,
was den Armen unmöglich ist, die ihre ökonomische Schwäche deswegen mit
"sozialer Stärke" zu kompensieren suchen. In der Presse hört sich das so
an: "Sozial schwache Familien sind grundsätzlich kinderreicher als
Familien von Intellektuellen." Vor allem an der Mittelschicht bemerkt
man derzeit, dass sie sozial schwach wird. Man spricht dabei von
"Brasilifizierung" und einem gesellschaftlichen
Entsolidarisierungsprozeß, der sich öffentlich in wachsender
Ausländerablehnung zeigt, und betriebsintern in der Zunahme von Mobbing.
Das wird neuerdings sogar an den Unis gelehrt - bis in den
Neodarwinismus der Naturwissenschaften und der Isolation eines
"Erfolgs-Gens" im Labor. So berichtete die Studentin Jana z.B. aus einem
BWL-Seminar der Elite-Universität "Viadrina" in Frankfurt/Slubice
"Neulich sagte der Professor zu uns',Wenn ich andern Gutes tue, tu ich
mir selbst nichts Gutes...'  Und alle haben das brav mitgeschrieben!"
Sie waren zuvor mit blödsinnig-verschulten Bachelor- und
Master-Studiengängen gefügig gemacht worden - und hofften bloß noch,
endlich eines dieser albernen schwarzen Hütchen mit Bommel tragen zu
dürfen, den sie dann vor lauter Freude kollektiv in die Luft werfen. So
werden äußerst sozialschwache "Eliten" gezüchtet.

An Versuchen, die Armen und Verarmten, die Unterschichtsangehörigen,
Hartz IVler und Zuverdiener, anders als "Sozial Schwache" zu bezeichnen,
hat es nicht gefehlt. Aber auch das Wort "Bildungsferne Schichten" z.B.
führt in die (soziologische) Irre, denn die so Genannten können sich
schlicht die meisten Kulturangebote nicht leisten.

Es bleibt dabei: "Das war aber eben etwas unsozial," wie eine Frau in
der U-Bahn zu ihrer Freundin sagte, als diese dem krank aussehenden
Motz-Verkäufer weder ein Heft abkaufte noch ihm ein bißchen Kleingeld
gab, sondern bloß unwillig den Kopf schüttelte. Sie antwortete: "Es gibt
eben Tage, wo ich sozial schwächel. Na und?!" Das umgekehrte Syndrom
läuft auf hypersozial tun hinaus: Auf dem Bahnhof Hackescher Markt
begrüßte mich ein Treuhand-Manager, der inzwischen einen gutbezahlten
Job in Potsdam hatte und auch dort wohnt. "Ich weiß gar nicht, was Sie
gegen die erhöhten Fahrpreise der BVG haben," meinte er, obwohl ich
nichts Diesbezügliches gesagt hatte. Vielleicht machte er mich für die
Kritik an der neoliberalen Verkehrspolitik in der taz, die auch meine
Texte gelegentlich veröffentlicht, mitverantwortlich? Er erklärte mir:
"Mein Wagen ist gerade in Reparatur und ich bin heute aunahmsweise mal
mit der S- und U-Bahn in die Stadt gefahren. Das war ja soo interessant.
Diese ganzen Leute! Dafür hätte ich gut und gerne auch 10 Euro bezahlt."
Das war in Wirklichkeit äußerst sozial schwach gedacht. Diese Schwäche
hat im übrigen bereits eine Hamburger Lehrerin der Bankierstochter und
späteren Treuhandchefin Birgit Breuel in der zehnten Klasse vorgeworfen,
wie der Spiegel 1991 herausfand.

Von sozial schwächeln redeten auch die ehrenamtlichen
"Tafel"-Mitarbeiter im Westen, wenn sie die Mitarbeiter der ostdeutschen
"Tafeln", die "ihre Armen" ebenfalls mit Essen versorgen, meinten, da
diese das nur so lange machen würden - bis ihre ABM-Stelle auslaufe. So
charakterisiert man daneben aber auch und vor allem die mit der
Staatsverschlankung einhergehenden Gründungen von "Freien Trägern" für
soziale Einrichtungen, denen primär daran gelegen ist, sich erst einmal
selbst zu "tragen". Ähnliches gilt auch für die privatisierten
Sozialwohnungs-Baugesellschaften - sie wurden und werden zunehmend
asozialer: Kein Tag, an dem nicht irgend ein Teil ihrer Mieter über
horrende Mehrkosten klagt, die plötzlich fällig werden.

Im "Gutefrage.Net" wird behauptet, sozial Schwache, das sei ein
politischer Begriff, "finanziell Schwache" wäre richtiger. Ob die
"finanziell Starken" dafür "sozial schwächer" als die "finanziell
Schwachen" sind, die jetzt noch als die "sozial Schwachen" gelten, blieb
in diesem Internetforum ungeklärt. Die "finanziell Schwachen" sind es
auch in politischer Hinsicht, da sie dem "Staat, dem kältesten aller
kalten Ungeheuer" laut Nietzsche, nicht nur nichts einbringen, sondern
u.U. sogar noch was kosten. Der Umgang mit ihnen in den neoliberal
durchseuchten Ämtern und Behörden wird deswegen zunehmend "sozial
schwächer". "Die Konflikte häufen sich," wie es in der  Presse heißt.

In der Weddinger Badstraße, die bereits im deutschen "Monopoly"-Spiel
als Einkaufsstraße der Ärmsten fungiert, fragte ich einen der vielen
dort bettelnden Roma, ob er nicht in den Flaniermeilen der Reichen, auf
dem Kurfürstendamm oder in der Friedrichstraße, mehr Erfolg haben würde.
"Da gibt einem doch niemand was. Völlig aussichtslos!" antwortete er.
Das erinnerte mich an eine Bemerkung des "Anti-Nazi-Activist" Oskar
Huth, der während der Nazizeit 60 in Berlin versteckte Juden mit
Lebensmitteln versorgte. In seinem "Überlebenslauf" schrieb er: "Wer
wirklich Leute versteckte, das waren die Proletarier untereinander. Die
Ärmsten halfen den Armen. Und die Leute, die wirklich Möglichkeiten
hatten - da war nichts, gar nichts."

Ähnlich drückte sich die Witwe Schickedanz aus, eine der reichsten
Frauen Deutschlands, als man sie nach der Entstehung ihres Vermögens
fragte: "Wir habbit nich vom Ausjebe, sondern vom Behalte!" Richtiger
wäre gewesen zu erwähnen, dass ihr Vater Gustav Schickedanz sein
"Quelle"-Vermögen großenteils durch "Arisierung" jüdischen Vermögens
erwarb. So äußerte z.B. Oskar Rosenfelder, bis 1934 Besitzer der
Vereinigten Papierwerke Heroldsberg mit der eingeführten Marke "Tempo":
"Gustav Schickedanz [konnte] die Aktienmajorität völlig unentgeltlich in
seinen Besitz bringen, ja darüber hinaus sogar einen erheblichen,
seinerzeit sogenannten Arisierungsgewinn erzielen ..." Der
"Nazi-Activist" Schickedanz wurde deswegen Ende 1945 erst einmal mit
Berufsverbot belegt und als Hilfsarbeiter zwangsverpflichtet.

Er hatte sich vor allem deswegen in der NSDAP engagiert, weil ihn deren
"Darwinismus", der in Eugenik und Euthanasie gipfelte, ansprach. Darwin
hatte in seiner Evolutionstheorie  den Populationsbegriff und die Idee
der Konkurrenz als treibende Kraft der Evolution von Thomas Malthus
übernommen. Der Nationalökonom Malthus hatte berechnet, dass die
Bevölkerungszahl exponentiell steige, die Nahrungsmittelproduktion in
derselben Zeit aber nur linear. Die erheblichen sozialen Probleme seiner
Zeit betrachtete Malthus in erster Linie als Folgen einer zu großen
Bevölkerung. Er empfahl, die Armenhilfe einzuschränken, sie sei wider
den "Naturgesetzen der Ökonomie". Denn direkte Hilfe würde seiner
Meinung nach die Armen nur ermutigen, noch mehr Nachkommen zu zeugen –
und so neue Armut schaffen. “Damit leitete er einen Wandel in der
britischen Armenpolitik ein: weg von Almosen, hin zu Zuchthäusern” – so
das “manager-magazin”, das es im übrigen offen läßt, ob dies nun gut
oder schlecht war.


Freitag, 5. Oktober 2012

FREUD / LEID


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Liebe ist die Fähigkeit, Ähnliches an Unähnlichem wahrzunehmen.
Theodor W. Adorno



Ich kann jetzt erst darüber sprechen: Vor drei Wochen träumte ich, dass ich Sex mit Peter Weck hatte. Er war so eine Art Guru in einer Unterwasserwelt, mit Autobahnen und Matratzenlagern und ich wurde da irgendwie zu seiner Favoritin. Die anderen Kommunardinnen waren natürlich neidisch und piesackten mich die ganze Zeit: Hilf mehr hier, mach dies besser, nie kommst du zum Plenum...

Auf das Unbewusste ist Verlass.


 Foto:  Hinterhof Pannierstrasse, Neukölln, Berlin © Antonia 2012

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