Freitag, 29. Juni 2012

NACH DEM SPIEL / REDEKUR

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Heute Abend erzählte mir eine Freundin, sie habe eine Psychotherapie abgebrochen, weil der Typ ausflippte, als sie ihm erzählte, dass sie Lacan lese.

Italien hatte gerade gegen Deutschland gewonnen. Die Stimmung war verhalten depressiv. Wir flüchteten uns in ein Gespräch über Fußball und Politik, nahmen noch einen Grappa und ich ging nach Hause. Auf dem Weg beschloss ich doch noch, ein Bier in der Tankstelle zu kaufen. Da stand mein Lieblingsverkäufer mit einem Freund mit Basecap und Goldkettchen und der sagte zu ihm:

"Es ist ja nicht so, dass ich keinen Menschen zum Reden hätte - nur: der eine ist mein Exfreund und der andere mein Therapeut..."



Fotos: Biobauer auf Kutsche mit Frau, Gunderhausen bei Darmstadt © Antonia 2012

Musik: Parole Parole; Mina und Adriano Celentano 1972

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Sonntag, 24. Juni 2012

ACHILL / PLASTICS V - DAS UNBEHAGEN IN DER NATUR



Liebe bedeutet, jemandem das zu geben, was man nicht hat und von dem der Andere nichts will. 
(Jacques Lacan)



Gestern Abend sah ich mir einen neueren französischen Film an. Einer dieser Filme über Liebe und Freundschaft, wie sie im Eiszeit oder Babylon Kino laufen oder auf Arte.
Der Film war gar nicht mal so gut aber mich fesselte dennoch die Geschichte, die sozusagen den roten Faden für das Drama lieferte: Eine Gruppe langjähriger Freunde in den Enddreißigern macht jedes Jahr gemeinsam Urlaub. Kurz bevor es wieder los gehen soll, wird nicht nur einer der Männer auf seiner Vespa von einem LKW mitgenommen (und stirbt am Ende des Films an den Folgen) sondern, und das wird die alte Clique viel mehr erschüttern: Einer der Männer, ein Physiotherapeut, gesteht einem anderen (der allerdings eher schon Ende 40 ist, erfolgreicher Geschäftsmann, total neurotisch und mich an Louis de Funès erinnerte) seine Liebe. Er sei nicht schwul, nur in seiner Ehe unglücklich und habe sich nach all den Jahren eben verliebt.

Der Geschäftsmann flippt vor den Augen der Freunde, die nichts ahnen, während des gemeinsamen Urlaubs permanent komplett aus - weil er diesen (vermeintlich) verliebten Blick des alten Freundes nicht erträgt, weil er in jede Geste etwas bedrohliches hinein interpretiert. Weil er sich wahrlich bedroht fühlt. Irgendwann schlägt er eines der Badezimmer des Anwesens mit einer Axt kurz und klein. 

Ich versteh das. Dieser Mann hatte einfach kein Konzept von dem, was ihm da nun geschah. Und das, nachdem der Freund ihm als Therapeut jahrelang berührt (ja, sogar "den Finger in den Arsch gesteckt" hatte, um sein Steißbein zu behandeln...)

Ich wäre auch total ausgerastet. Ich habe die ganze Zeit die Axt mit geschwungen.

Nach Jacques Lacans Definition heißt Liebe, etwas zu geben, das man nicht hat. Und zwar jemandem, der es nicht will. Deswegen müssen Geschenke aus Liebe vollkommen überflüssiger Luxus sein. Soweit in Ordnung, wenn ich etwas damit "anfangen" kann - es in den Setzkasten meiner Wirklichkeit einordnen quasi. Dieses Geschenk ist für den Geschäftsmann jedoch ein Monster.

Aber warum eigentlich? 

Zunächst mal ist die Liebeserklärung doch nur eine Art Kompliment - und dennoch eine äußerst aufdringliche Aufforderung. Slavoj Zizek würde diese Reaktion des Geschäftsmannes nach Lacan so deuten, dass er ihm vorwirft, sein Begehren in ihm zu wecken. Man könnte salopp annehmen, das er verkappt schwul ist -  und eben das ist sein Monster. 
Und was viel schlimmer ist: Der Liebende zwingt mir mit seiner Liebeserklärung eine Position auf: Du bist mein Geliebter (meine Geliebte), meine Herrin, meine Frau.


Hätte das eine junge Blondine an diesem old school Macho heran getragen, hätte es dafür eine Nische in seiner Gefühlswelt gegeben (etwa: "...wow, die Kleine steht auf mich!"). Dieser Akt des Aussprechens einer Liebeserklärung verpflichtet (nach Lacans Sprachakttheorie) beide Seiten dazu, den anderen auf eine bestimmte Weise zu behandeln. 


Ähnlich geht es DjKröch und mir immer, wenn Menschen vom Sexhaben reden. Da ist etwas grauenerregend Reales, das mit diesem Wort plötzlich im Raum steht (das wäre natürlich noch zu steigern, wie etwa durch das Wort "Ficken", aber das sagt man ja nicht mehr). Gerade dann, wenn ich so etwas wie romantische Gefühle für jemanden hege. 
Es muss also etwas drittes zwischen mich und den Anderen. Eine  Kulturperformance gewissermaßen. 

Dass ich mit einem Menschen intim werden will oder geworden bin, könnte ich ja auch zum Ausdruck bringen, indem ich einen Abend und einen Morgen beschreibe. Die Information steckt in der Auslassung und in dem Setting (Kaminfeuer, Meeresrauschen, Vollmondlicht). So wird einem auch gerne mal etwas unterstellt. Aber was solls: Solange es nur knistert. 

Die Phantasie ist nach Lacan das Mittel zur Bewältigung und Antwort auf das Begehren des rätselhaften Anderen. Und Phantasie bedeutet, sich überhaupt erst einmal darüber bewußt zu werden, dass man etwas begehrt. In einer sexuellen Beziehung aber muss jedes Subjekt seine eigen Phantasie entwickeln, einen eigenen Code, eine Formel, oder "Faktor". Sich dessen bewusst zu sein, bezeichnet Zizek als nicht gerade erbaulich. Deswegen plaudern wir im Allgemeinen auch nicht mit guten Freunden über unsere sexuellen Phantasien.

Dieses Wörtchen Sexhaben, in einem bestimmten Ton ausgesprochen jedoch, droht geradezu an, dass mir ein Freund diese sexuellen Phantasmen demaskieren wird. 

Könnte ich ausflippen.



Fotos: Plastik, Achill Island, Keel Beach, Irland © Antonia 2012
Musik: Wonderwall;  Oasis  1996
 

Dienstag, 12. Juni 2012

ACHILL / PLASTICS IV - DAS UNBEHAGEN IN DER KULTUR

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"Das ganze geistige Universum wird durch die Hand des Atheismus zersprengt und zerschlagen in zahlenlose quecksilberne Punkte von Ichs." 
Jean Paul


Gleichsam von einem "Ozeanischen Gefühl" ergriffen (Nach Romain Rolland Quelle für die Religiösität), lief ich den einen Abend stundenlang an der Küste von Keel entlang. Sigmund Freud konnte eine solches Gefühl der "Zusammengehörigkeit mit dem Ganzen" bei sich nicht abrufen und hielt es darüber hinaus für infantil. Dieses Eins mit der Welt werden. In einer gesunden Entwicklung zum Erwachsenen hingegen spalte das Kind sein Ich von der Außenwelt ab und entwickle ein Bewusstsein für eine Grenze zwischen sich und dem Anderen. Da die Welt, hier ich. Dort die Natur und hier meine Kultur mit all dem, was wir der natürlichen Welt hinzuzufügen haben, wie etwa Oliven in Dosen, Splatter-Transen-Pornofilmen oder Jever Fun.

Und hier am Strand von Keel haben wir den Salat: Plastik überall. In uns und um uns und durch uns. Und Aidan wusste nicht genau, was er von meiner Lust an diesen Bildern der Verwüstung halten sollte. Lobte aber dennoch ihre Qualität. Das Unbehagen betrifft also die Kultur, "den Bruch mit der Natur". Die Zivilisation versucht die Unberührtheit der Natur mit allerhand Maßnahmen wieder herzustellen - die Sache wieder ins Lot zu bringen, wie Slavoj Žižek es ausdrückt. Authentizität gewissermaßen, in der wir uns wieder heimisch fühlen können.

Die Ökologie hat nur noch wenig mit der Natur zu tun, wie der französische Philosoph Bruno Latour bemerkte. Sie wäre vielmehr ein Verfahren, mit deren Hilfe ein kollektives Leben für menschliche und nichtmenschliche Wesen gehandhabt werden könnte. In einem "business as usual" ist längst eine neue Öko-Industrie entstanden - eine Abfall-, Recycling-, und Nachhaltigkeits-Ökonomie, deren Praktiken einzig noch eine Frage der Kontrolle, Überwachung und Steuerung geworden sind. Ändern tut sich damit nichts. Weil sie keine Antworten liefert für den Umgang mit Fakten, die längst geschaffen sind. Eine Natur, wie wir sie meinen und dessen Verlust wir fürchten ist bereits vor unseren Augen dabei "zu verdampfen", wie Slavoj Žižek sich ereifert - und paraphrasiert damit die Gedanken von Marx und Egels. Wie wäre es also, würden wir uns diesem Schrecken stellen, statt in Furcht zu erstarren? Uns mit der Welt verbinden?


 "Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen. ...An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur." 
(Karl Marx und Friedrich Engels in "Manifest der Kommunistischen Partei")

Klingt das nicht betörend modern und auf der Höhe unserer Zeit? 

Im Zusammenspiel von menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren können wissenschaftliche Kontroversen in ihrer Komplexität besser begriffen werden, so Bruno Latour. Und damit ist nicht eine Zusammenkunft von Expertenbürgern gemeint, die sich das Wissen einiger Fachleute und Spezialisten angelesen haben und nun an Stelle der Politiker in den Bürgerinitiativen dafür sorgen, dass auch der letzte Rest Demokratie verdampft - Das Ende der Politik. Damit spricht er sich auch gegen die "Herrschaft der Experten" aus.

Dabei haben wir es bereits überall mit Hybriden zu tun, die eine Trennung zwischen Subjekt und Objekt hinfällig werden lassen. Ich finde, das kann nicht deutlicher gemacht werden, als durch den Umstand, dass sich Frauen freiwillig Silikonkissen in ihre Brüste einpflanzen lassen, die dann schleichend in ihren Körpern auslaufen. Spuren der unterschiedlichsten Kunststoffe essen wir bereits mit jedem Seefisch in uns hinein. Spätestens mit der Gentechnik wird unsere Vorstellung von der menschlichen Natur endgültig und katastrophal erschüttert.

Latour meint: Wir sind nie modern gewesen! Wir müssen zurück. Weit vor die Moderne zurück. Damit fordert er eine Aufhebung dieser unsinnigen Dichotomie von Natur und Kultur. Nach seinem Konzept versammeln sich als "Akteure" einer modernen Gesellschaft - nämlich Kultur, Technik, Wissenschaft, Gesellschaft, Menschen, Materialität, Diskurs, Ideen bis hin zu geschlechtslosen Wesen wie Cyborgs - in einem "Parlament der Dinge". Er spricht von einem "Eigensinn der Objekte" - und den gibt es: Am Strand hatte ich irgendwann einen Rausch, weil sich diese Objekte grandios zu Farben gruppiert hatten oder das Verhalten der Vegetation nachahmten, ganz harmlos lagen sie da und schmückten sich an Seegras und Fischerei-Utensil, als wäre das ein schöner Zufall.


Fotos: Plastik, Achill Island, Keel Beach, Irland © Antonia 2012

Donnerstag, 7. Juni 2012

ACHILL / PLASTICS III - DIE WELT OHNE UNS





„Daher also das Aufgebot von Methoden, die die Menschen zu Identifizierungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen antreiben sollen, daher die Einschränkung des Sexuallebens und daher auch das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich wirklich dadurch rechtfertigt, daß nichts anderes der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft.“
Sigmund Freud



In einer der letzten Nächte auf der grünen Insel träumte ich etwas sehr merkwürdiges. Um mich von meinem potentiellen Traum-Sexhaben-Partner aber sofort wieder zu distanzieren, verwandelte sich dieser beim Erwachen in David Copperfield und ich dachte: War der nicht mal mit Claudia Schiffer verheiratet? 

War er nicht.

In der Lounge begnete ich dann ungewöhnlich früh Aidan aus Ithika. Er las in seinem Buch "The World without us" von Alan Weismann. 
Am Klavier. Neben sich das Netbook offen. Kopfhörer auf - ein Cello-Konzert von Bach, wie er mir später verriet. 
Sah hübsch aus.

So verbrachte er die Wochen, ohne das Haus zu verlassen. Im Fernseher, den jemand vor das Fenster geschoben hatte, flimmerte lautlos eine Dokumentation über neue Wikinger. 

Ich lief ans Meer.

Am Strand in Keel flog ein einsamer Kite-Surfer über die reinkommende Flut. Neumond-Flut, wie mir Bauer Patrick später erklärte. Vielleicht auch Neumond-Sonne, in der ich dieses Treibgut fotografierte.

Am Abend, als ich zurück zum Valley lief, lag die Insel schon in spitzem  Zwielicht. Ich war betrunken und dachte an Niall, mit dem ich vor 16 Jahren mit dem Mini hier irgendwo zum Strand gebrettert war. Niall hatte zu Champagne Supernova gebrüllt. Dazu tranken wir Miller Genuine Draft. Was auch schon egal war.

Im Valley House fand ich Aidan an der Bar. Das Buch vor sich liegend erzählte er mir, er habe heute das Kapitel gelesen, in dem der Autor von all dem Plastik erzählt, dass sich über die Meere verteilt und fein zermalen bereits unsere gesamte Nahrungskette durchdrungen hat. 

Ich kaufte zwei Pint, wir setzten uns ans Feuer und ich zeigte ihm etwas verblüfft meine Fotos. 





 
Fotos: Plastik, Achill Island, Keel Beach, Irland © Antonia Herrscher 2012 
Musik: Champagne Supernova, Oasis 1996

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ACHILL / PLASTICS II








Fotos: Plastik, Achill Island, Irland © Antonia 2012



Montag, 4. Juni 2012

ACHILL / PLASTICS - GRÜNE INSEL

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+ + + Die grüne Insel stimmt für EU-Fiskalpakt + + + Glaubenskrieg auf der Grünen Insel + + + Die Grüne Insel auf dem Weg aus der Krise + + + Grüne Insel stimmt über EU-Fiskalpakt ab + + + Wandern auf der grünen Insel Irland + + + Die grüne Insel schottet sich ab + + + Die Grüne Insel ist gar keine Steueroase + + + Grüne Insel in roten Zahlen + + + Fáilte für die grüne Insel + + + In Windeseile durch die grüne Insel + + + Die Grüne Insel säuft langsam ab + + + Sie wecken Sehnsucht nach grüner Insel + + + Musik von der grünen Insel + + + Irland - Literarische Spuren auf der grünen Insel + +

 

 

 

 

 

Fotos: Plastik, Achill Island, Irland © Antonia 2012 

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