Donnerstag, 31. Mai 2012

DUBLIN / FRÜHER WAR ALLES BESSER

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Wer jetzt noch kein Haus gebaut hat, 
hat sich die Schulden gespart


Ende der 80er Jahre war ich mit Freunden und süßen 16 in Irland mit dem Auto unterwegs. Immer am Steuer: Gröfaz, der gößte Fahrer aller Zeiten, der es an einem Tag auf Irlands Landstraßen locker mal auf 1000 Kilometer brachte, ohne, dass wir an irgendeinen schönen Ort gekommen wären.

Er hatte gerade die 12. Klasse geschmissen und lernte nun bei der Dresdner Bank das Geldgeschäft. Im schicken roten Citroen CX pesten wir über die Insel und trugen schon damit immer deutlich zu dick auf.

Am Strand von Portmarnock bei Dublin übertrieben wir es wohl zu sehr - so jedenfalls bis heute meine Einschätzung der Lage. Einer der jungen Leute aus dem Arbeitslosenbezirk Lucan, mit denen wir tranken, kam irgendwie an unsere Autoschlüssel und als wir an der Promenade ankamen, sagte ich zu Gröfaz: Guck mal, da hat jemand das gleiche Auto wie wir...!

Gröfaz jedenfalls rannte entschlossen zur Strasse, stürzte sich an der ersten Kurve vor einen Wagen, in dem ein ziemlich britisch aussehendes älteres Ehepaar saß, brüllte in Denglisch "Follow sis car!" sprang hinein und war verschwunden.
Am nächsten Tag war er wieder da. Die Herrschaften waren nicht gerade aufs Gas gegangen, ärgerte er sich und stellte sich aufgebracht den Fragen der Journalisten - es hatte wegen uns eine Meldung auf der ersten Seite der Irish Press gegeben. Am nächste Tag stand auf der Seite Zwei: Missing tourist safe after stolen car chase. Und das stimmte ja auch.

In den nächsten Wochen bekamen wir ständig Geldspenden von Iren, die beschämend viel Mitleid mit reichen deutschen Bänkern hatten.

Das Auto fanden wir ziemlich runter randaliert auf einem Feld bei Lucan. Einer der auf die Wiese geknallten Sozialwohnungssiedlungen vor der Stadt, die ganz ohne Busanschluss auskamen - schon deshalb machte Autoklau Sinn. Wie sollte man sonst abends vom Strand nach Hause kommen? Solche Siedlungen halten Stadtplaner in Irland bis heute für eine gute Methode, um sich den Pöbel vom Hals zu halten oder deren Privatkredite in den Sand zu setzen. Unsere Kleidung hatten sie jedenfalls verbrannt, die Innenverkleidungen auf der Suche nach noch mehr Haschisch raus gerissen. Zelt und Schlafsäcke fehlten fast vollständig.

Viele der Siedlungen nahe des Zentrums und die Seitenstraßen der zentralen Einkaufsmeile O'Connell Street sehen heute noch genauso runter gekommen aus wie vor 25 Jahren und man könnte sich kaum vorstellen, dass der keltische Tiger jemals auch nur geschnurrt hätte, wären da nicht die hoffnungsvoll stimmenden Einwanderer und die weniger hoffnungsvoll stimmenden Hochglanz-Bauprojekte am Liffey, wo sich die üblichen nomadisierenden Weltklasse-Architekten austoben durften.

Ganz beeindruckt war ich von der Samuel-Beckett-Bridge am Liffey, die ich durch ein rätselhaftes und unbesetztes Cockpit hindurch fotografierte und dachte mir: Wenn da nicht der spitzen Brücken-Konstrukteur Santiago Calatrava seine Marke gesetzt hat, fress ich ein Ham and Cheese Sandwich für 5 Euro (Er baute in Berlin die teuerste Fußgängerbrücke der Welt). Die obige Bridge kostete 60 Millionen Euro und hat zwar Busspuren, konnte aber nicht für Busse zugelassen werden. 

Für die Bauruine der Anglo Irish Bank im Hintergrund war ich zu geblendet. Gegenüber den Docklands gelegen, dem glitzernden Bankenviertel, das Ralf Sotscheck kürzlich als eine Art Bordell bezeichnete, wo Leute schmutzige Dinge taten, die sie zuhause nicht machen würden, steht sie als Symbol für die irische Finanzkrise. Die Anglo Irish Bank hatte ihre Kredite in nutzlose Gewerbeimmobilien gesteckt, die nun überall im Land vor sich hin rotten. Die Bank  wurde vom Staat gerettet - Hunderttausende Bürger jedoch sitzen in ihren Häusern inmitten von Ruinenstätdten fest, für die sie die Kredite aufgrund der Krise nicht mehr bedienen können. Rund 300.000 Häuser stehen in Irland leer. Die meisten von Ihnen inmitten der mehr als 2.800 Geistersiedlungen, die hier in den Jahren des hirnlosen Baubooms bis 2006 entstanden sind.

Auf einem anderen Bild entdeckte ich später die Rückseite das Bord Gáis Energy Theatre des Super-Star-Architekten Daniel Liebeskind. Der Energieversorger hatte sich die Rechte auf den Namen nachträglich gekapert, als die Kulturfinanzierung wackelte. Die roten Pfeiler, die den Eingang zur Wasserfläche hin markieren, müssen vom gleichen Künstler sein, wie die auf dem Tempelhofer Flugfeld in Berlin. Ein Ausblick auf die Zukunft?

Heute stimmen die Iren über den ungeliebten Fiskalpakt ab, der eine noch strengere und sparsamere Haushaltspolitik für das Krisenland vorschreiben wird.

Egal, wen ich gefragt habe, stets bekam ich die resignierte Antwort: Wenn wir mit Nein abstimmen, wird uns die Regierung einfach wieder an die Urne schicken - so lange, bis wir ja gesagt haben. Der Unternehmensminister Richard Bruton hatte sich tatsächlich neulich im Radio derart verplappert. Es ist anzunehmen, dass viele deshalb am Donnerstag der Abstimmung einfach fern bleiben werden. 

Ich denke die Töchter und Söhne unserer Freunde aus Lucan sollten sich doch nun endlich mal dieser schönen Glasfassaden annehmen, wie sie es damals mit unserem Wagen getan haben und dann zur Abstimmung gehen und einfach Nein sagen. Und noch mal Nein. 

Das wäre eine reine Formsache.

Fotos: Samuel-Beckett-Bridge, Docklands, Siedlung off Summerhill Parade, Docklands, Siedlung off N Strand Road; alles Dublin, Irland © Antonia 2012 
Musik: Na was wohl....





Sonntag, 27. Mai 2012

ACHILL / DOLPHINS IN THE SKY

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I've been searching for the dolphins in the sea
And sometimes I wonder do you ever think of me...

Fred Neil


Unweit dieser Stelle, am Ortseingang von Dogort, stand vor 15 Jahren noch eine Telefonzelle einsam an der Steilküste. So, als hätte ein Filmteam einen Teil des Sets vergessen abzubauen.

Im etwa vier Kilometer entfernt liegenden Valley House gab es damals weder Heizung, noch Telefon oder gar Mobilnetzempfang. Wenn man also seine Mutter anrufen musste, lief man eine dreiviertel Stunde dort hin, beauftragte die Mutter mit einem Rückruf und wartete rauchend vor der Telefonzelle. Es regnete immer.

Bis sich Mütter für einen Rückruf zurecht gemacht und dann endlich die lange Nummer richtig gewählt haben, kann es dauern. Es gibt nichts absurderes, als da im Sturm zu stehen, aufs Meer zu starren, und dann klingelt es aus einer einsamen Telefonzelle.

In der vergangenen Woche war das Netz auf der Insel permanent gestört und die jungen Gäste des Hostels wischten den ganzen Tag verzweifelt auf ihren Smartphones herum - in der Hoffnung auf eine Minute Internet. Das war wirklich hart.

Am Mittwoch hatte uns Pat Gallagher dann ein wenig um die Insel gefahren. Sie hatten in der Nacht zuvor getrunken bis die Kühe nach Hause kamen und nun wollte er vor allem den Gast aus Ithika, NY, der seit vier Wochen im Haus unter Internetentzug litt und es bisher nur bis zum nächsten Strand geschafft hatte, ein wenig auslüften. Wir erzählten ihm von all den Tieren hier im Meer, den verschiedenen Hai-Arten, den Walen, die man hier gesichtet haben will und Pat erzählte die Geschichte von einem zwölfjährigen polnischen Jungen, der hier das erste Mal in seinem Leben am Meer war - als er ins Wasser ging wurde er von fünf Delfinen umringt und weinte vor Rührung, so Pat. Leider haben wir im Nebel nicht viel gesehen. Auch der Sendemast auf den Minaughn Heights versteckte sich in den Wolken.

Ich glaube ja, einmal einen Seehund ganz weit draußen in Keem Beach gesehen zu haben.

Als sich am Abend der Nebel verzog lief ich zum Golden Strand um einen Sonnenuntergangs-Pint zu trinken. Der ziemlich knotennasige Bauer Patrick hatte mich am Tag zuvor versucht, fürs Torfstechen zu gewinnen. Jetzt stand er mit Rotz in den Augen vor der Bar, starrte in den Abendhimmel, wo eine Armee rosa Wölkchen aufgezogen war und rief: "Look! There are dolphins in the sky! Look the fella in the middle - thats a lovely one!"


Foto: Felsen vor der Steilküste in Doogort, Achill Island, Irland © Antonia 2012 

Musik: The Dolphins, Tim Buckley


ACHILL / THE OTHER SIDE


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Weil meine Reise so kurz war und ich die Insel richtig satt haben wollte, bin ich am letzten Tag früh morgens los gelaufen und so kamen irgendwie rund 30 Kilometer zusammen.

Kurz vor der letzten Kreuzung hielt neben mir ein Bauer an und fragte durch das Autofenster: "Have you been walking all day hunny?"
Ich bejahte das und er fragte mich, ob ich wüßte, wo der Ort "An Sliabh" läge. Ich sagte, ich glaube, an der Kreuzung links. Und er: "Think I saw you this morning walking the other side...?"

Das stimmte auch. So fuhr er plaudernd neben mir her. An der Kreuzung sagte ich ihm, dass ich nicht sicher sei, ob An Sliabh nicht doch auf der anderen Seite läge. Aber eher links. Und er: "I know. I live here."

Bis zur Anchor Bar schaffte ich es noch, schleppte mich an den Tresen und brach über meinem Pint Guinnes zusammen. Neben mir saßen John McDonald, 88 Jahre alt, und sein Sohn Brian, alterslos. Sie fragten mich irgendwann, ob ich vielleicht vom anderen Ufer wäre ("...well... you know... the other side...?"). Schließlich wohne ich ja im Valley House. Nachdem ich das verneint hatte, kaufte mir der Alte noch ein Pint und dann fuhren sie mich nach Hause. Komplett besoffen, wie sie mir dann sagten.

Fotos: Golden Strand und Mount Slievemore (An Sliabh Mór) in Doogort, Achill Island, Irland © Antonia 2012 

Musik: The Other Side from A New Day At Midnight, David Gray 2002
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