Freitag, 24. Februar 2012

wenns Ihner zu kald is mäins hald a jaggn o zäing





Eine schmale Gasse führt vom Bahnhof "Eichstätt Stadt" über eine Brücke Richtung Marktplatz. Rechter Hand erheben sich die Türme des romanisch-gotisch-barocken Domes in den ewigen Nebel des Altmühltales. Wendet man sich an der Hauptstraße nach links, erblickt man das wohl einzige nicht jährlich mit Kamelhaarpinseln renovierten Gebäude der barocken Altstadt, die von einer 12er-WG bis in den letzten finsteren Winkel des Hauses bewohnt wird. Neben dem einzigen Anti-Christen der Stadt: In bester Lage die Galerie der Kirchenkritik. Wolfgang Sellinger informiert und berät zum Kirchenaustritt. Die Kosten dafür hat er auch schon mal übernommen.
Etwas weiter die Straße hinauf der wahrscheinlich bestsortierte Laden der Tafel überhaupt in Deutschland. In einer Stadt mit einer Arbeitslosigkeit von etwa einem Prozent brauchen verblüffend viele Menschen kostenlose Lebensmittel.

Im Eichstätter Zeitungsladen am historischen Marktpkatz liegen die Deutsche Stimme und Der Schlesier ganz links. Irgendwo mittig die taz und Süddeutsche Zeitung. Ganz rechts der Spiegel und ein großer Haufen Eichstätter Echo, dessen gläserne Redaktion sich gleich nebenan befindet. Eine echte Lokalzeitung - redlich um unabhängigen Journalismus bemüht. Die Kritik zu Gauck, dem "Bürgerrechteler der letzten Stunde", hatte zwar nicht den Witz einer Yücel-Kolumne. Ordentlich aus dem Zusammenhang gerissen war sie jedoch auch. Und erst die Hintergrundinformationen zu seiner Lebenspartnerin Daniela Schadt, die nun unter Tränen die Redaktion der Nürnberger Zeitung verlassen wird.

Vor allem aber ist Karneval zuende gegangen: Alfons Schuhbeck hat in Kitzingen den Schlappmaulorden verliehen bekommen und knuddelt auf der Verleihung mit Gregor Gysi (Preisträger des Jahres 2003). Ausserdem ein ausführlicher Artikel über die erste bayrische Parteizentrale der Piraten in München. Der Ex-Kommunarde Rainer Langhans hat sie mit seinem Dschungel-Camp-Preisgeld teilfinanziert. Vielleicht bringen sie ihm umgekehrt bei, wie man einen Computer startet. Ein besonders humoriger Beitrag zum Fastnachtsumzug stammte von der Jungen Union in Titting: Sie wünschten den Griechen zur Rettung - "wie vor 150 Jahren" einen König Otto aus Bayern.

Am Abend haben wir uns ein wenig die Stadt angeschaut und wollten dann noch ein Bier trinken gehen. Keine Menschen nirgendwo. Kasia erinnert die Stimung hier abends an Night on Earth. Ich musste eher an die Szene denken, in der Tom Cruise im Film Vanilla Sky panisch über den menschenleeren Times Square rennt. Jedenfalls dachten wir beide an New York.


Foto: Galerie der Kirchenkritik in Eichstätt © Antonia 2012
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Montag, 6. Februar 2012

KALTLAND / DRECKSCHLEUDER


Der einzige der kein Bex in der Hand hielt, war der Obdachlose, der sich in eine Ecke der Sitzbank geklemmt hatte und aussah, als wäre ihm hier in der U-Bahn noch kälter als draußen.

Aber da sind sie ja auch überall.

Sofort hatte ich das Bedürfnis dem Mann zehn Euro zu geben - hatte aber nur einen Fünfziger. Und so lief ich, ohne mein Gewissen erleichtert haben zu können etwas schwermütig nach Hause und beschloss noch ein Bier in der Bar um die Ecke zu trinken.

Ein  schwerer Fehler.

Da war sie wieder. Das letzte Mal hatte sie von ihrem Freund und Gynäkologen in der Charité erzählt. Der habe sich über die türkischen Mütter beschwert, die immer noch ein viertes behindertes Kind bekommen, weil sie dafür Geld vom Staat kassieren könnten.

Ich wollte und konnte nicht so gemein sein, grüßte deshalb freundlich, und nahm an einer Ecke des Tresens Platz. Ist ja schon eine Weile her. Und sie hatte ja auch ganz schön Gegenwind bekommen wegen ihrer kruden Theorien. Der Wirt, der schon beim letzten Mal nichts begriffen hatte, stellte sich nun genau zwischen uns beide - obwohl wir sehr weit auseinander saßen. Das machte also gar keinen Sinn, führte aber dazu, dass ich den Vortrag, den sie ihm lautstark hielt, mit anhören musste.

"...ich kann nicht verstehen, dass man nicht krankenversichert ist, ... dass man kein Konto hat, ist doch wirklich nicht zu fassen... wie kann es sein, dass jemand keine Wohnung hat, für so etwas ist doch hier auch gesorgt... Ich verstehe so was nicht!"

Hin und wieder grinste sie schnippisch zu mir hinüber und erzählte noch, dass sie irgendwo schreibt.

Ich hoffe, sie tut das nur in ihrer Welt.

Also ich kann überhaupt nicht verstehen, wieso man in eine Bar geht, in der einen schon mal ungestraft eine eine zukünftige Frau Goebbels zugequatscht hatte.




Foto: Stadtmusikanten © im Netz geklaut