Montag, 5. November 2012

GELD ODER LEBEN II / SOZIAL SCHWACH NOCH MAL




Peter Funken erzählte neulich diesen Witz:

Ein Engländer wird nach Jahren, die er als Gestrandeter auf einer einsamen Insel zugebracht hatte, endlich von einem britischen Schiff entdeckt. Der Kapitän lässt es sich nicht nehmen, ihn selbst auf der Insel abzuholen.
"Sie haben ja nun sehr lange hier ausgehalten und Beeindruckendes geleistet! Sogar drei Häuser gebaut, das ist wirklich sehr beachtlich. Können Sie uns etwas dazu sagen?"
"Ja, das Haus da drüben, ist mein Wohnhaus. Das Gebäude dahinter, ist der Club, in den ich gehe. Und dort gegenüber, das ist der Club, in den ich nicht gehe!"

Wenn man in Sachen Distinktion auf Nummer Sicher gehen will, setzt man am besten auf Eigentum. Ein Kollege meinte neulich, er werde die Schilling Bar vermissen. Sein Vater bezahlt ihm eine Eigentumswohnung und eine preiswerte findet sich zur Zeit nicht in Nord-Neukölln. Also wird er weg ziehen. "Schöne Hartz IV-Kneipe!" meinte er dann noch. Soll heißen, dass er gerne mal ein Getränk mit Kollegen in einer Bar eingenommen hat, in der vor allem die Sozial Schwachen bei Bierchen ihre Eier schaukeln lassen. Abgesehen davon, dass es ihm offensichtlich an sozialer Distinktionsfähigkeit mangelt, hätte ich ihm direkt sagen sollen, was für ein zynisches Arschloch er ist. Aber ich stehe ja immer auf der Leitung, wenn es zu dumm wird.

Was solls. Rattelschneck behauptet ja, der Typ da oben, das wäre ich. In der Schilling Bar im letzten Frühjahr. Meinetwegen. Und, dass dann ausgerechnet ich den den Witz nicht verstand, fand er erstaunlich.

Zeichnung: Rattelschnecks Cluburlaub © Rattelschneck 2012
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Montag, 22. Oktober 2012

GELD ODER LEBEN I / KITSCH? GENAU!



Die Seite, die das Ding dem Traume zukehrt, ist der Kitsch.
Walter Benjamin




Die Fotos sind natürlich der reinste Kitsch.
Und unscharf.
Genau.

Genau: In der Vergangenen Woche ließ ich mich spontan verärgert über die inflationäre Häufung des Begriffs "sozial schwach" oder "sozial Schwache" in den Artikeln der taz zu einem Kommentar im "tagesthema" - dem internen schwarzen Online-Brett unserer kleinen Zeitung - hinreißen. Ich alte Sozialromantikerin könnte wirklich langsam ausflippen. Ich muss hier nicht den immer wieder geführten Diskurs fortführen, was damit alles verschleiert wird (wie etwa hier): Aber wenigstens genau sein, präzise sagen, was gemeint ist. Anstatt davon auszugehen, dass da beim Leser beim Lesen dieses Begriffs zufällig genau die Bedeutung mit schwingt, wie bei mir, weil dieser genau so ein Gutmensch ist wie ich... so etwas wie "sozial benachteiligt" etwa. Als wäre "sozial schwach" ein Fremdwort. Es heißt aber genau das: sozial schwach. Und nicht "sozial benachteiligt" - Genau: denn das wäre ja: "sozial benachteiligt". Da schwingt also auf jeden Fall etwas anderes.

Ich erntete nur Hohn, Spott und Schweigen. Nur? Nicht ganz. Ich hatte mich in den letzten Tagen selbst ganz sozial schwach gefühlt - im wörtlichen Sinne - Aber "Kitsch? Kein Thema!" hatte ich mir schließlich nicht ganz gedankenlos in rosa über dem Schreibtisch an die Wand geschrieben: Und Kollege Helmut Höge übernahm und schrieb einen Text. Genau den stelle ich jetzt einfach mal ein. Der ist nicht so schlecht gelaunt wie ich.

Fotos: Plastikbänke Hasenheide, Berlin-Neukölln © Antonia 2012

Genau:


Sozialschwäche

Das Wort "sozial Schwache" verdankt sich einer Bedeutungsverdrehung wie
zuvor das Wortpaar Arbeitnehmer-Arbeitgeber. Sozial schwach sind die
sogenannten Arbeitgeber/Unternehmer/Manager, insofern sie für ihre
gesellschaftliche Teilhabe leichten Herzens jeden Preis zahlen können,
was den Armen unmöglich ist, die ihre ökonomische Schwäche deswegen mit
"sozialer Stärke" zu kompensieren suchen. In der Presse hört sich das so
an: "Sozial schwache Familien sind grundsätzlich kinderreicher als
Familien von Intellektuellen." Vor allem an der Mittelschicht bemerkt
man derzeit, dass sie sozial schwach wird. Man spricht dabei von
"Brasilifizierung" und einem gesellschaftlichen
Entsolidarisierungsprozeß, der sich öffentlich in wachsender
Ausländerablehnung zeigt, und betriebsintern in der Zunahme von Mobbing.
Das wird neuerdings sogar an den Unis gelehrt - bis in den
Neodarwinismus der Naturwissenschaften und der Isolation eines
"Erfolgs-Gens" im Labor. So berichtete die Studentin Jana z.B. aus einem
BWL-Seminar der Elite-Universität "Viadrina" in Frankfurt/Slubice
"Neulich sagte der Professor zu uns',Wenn ich andern Gutes tue, tu ich
mir selbst nichts Gutes...'  Und alle haben das brav mitgeschrieben!"
Sie waren zuvor mit blödsinnig-verschulten Bachelor- und
Master-Studiengängen gefügig gemacht worden - und hofften bloß noch,
endlich eines dieser albernen schwarzen Hütchen mit Bommel tragen zu
dürfen, den sie dann vor lauter Freude kollektiv in die Luft werfen. So
werden äußerst sozialschwache "Eliten" gezüchtet.

An Versuchen, die Armen und Verarmten, die Unterschichtsangehörigen,
Hartz IVler und Zuverdiener, anders als "Sozial Schwache" zu bezeichnen,
hat es nicht gefehlt. Aber auch das Wort "Bildungsferne Schichten" z.B.
führt in die (soziologische) Irre, denn die so Genannten können sich
schlicht die meisten Kulturangebote nicht leisten.

Es bleibt dabei: "Das war aber eben etwas unsozial," wie eine Frau in
der U-Bahn zu ihrer Freundin sagte, als diese dem krank aussehenden
Motz-Verkäufer weder ein Heft abkaufte noch ihm ein bißchen Kleingeld
gab, sondern bloß unwillig den Kopf schüttelte. Sie antwortete: "Es gibt
eben Tage, wo ich sozial schwächel. Na und?!" Das umgekehrte Syndrom
läuft auf hypersozial tun hinaus: Auf dem Bahnhof Hackescher Markt
begrüßte mich ein Treuhand-Manager, der inzwischen einen gutbezahlten
Job in Potsdam hatte und auch dort wohnt. "Ich weiß gar nicht, was Sie
gegen die erhöhten Fahrpreise der BVG haben," meinte er, obwohl ich
nichts Diesbezügliches gesagt hatte. Vielleicht machte er mich für die
Kritik an der neoliberalen Verkehrspolitik in der taz, die auch meine
Texte gelegentlich veröffentlicht, mitverantwortlich? Er erklärte mir:
"Mein Wagen ist gerade in Reparatur und ich bin heute aunahmsweise mal
mit der S- und U-Bahn in die Stadt gefahren. Das war ja soo interessant.
Diese ganzen Leute! Dafür hätte ich gut und gerne auch 10 Euro bezahlt."
Das war in Wirklichkeit äußerst sozial schwach gedacht. Diese Schwäche
hat im übrigen bereits eine Hamburger Lehrerin der Bankierstochter und
späteren Treuhandchefin Birgit Breuel in der zehnten Klasse vorgeworfen,
wie der Spiegel 1991 herausfand.

Von sozial schwächeln redeten auch die ehrenamtlichen
"Tafel"-Mitarbeiter im Westen, wenn sie die Mitarbeiter der ostdeutschen
"Tafeln", die "ihre Armen" ebenfalls mit Essen versorgen, meinten, da
diese das nur so lange machen würden - bis ihre ABM-Stelle auslaufe. So
charakterisiert man daneben aber auch und vor allem die mit der
Staatsverschlankung einhergehenden Gründungen von "Freien Trägern" für
soziale Einrichtungen, denen primär daran gelegen ist, sich erst einmal
selbst zu "tragen". Ähnliches gilt auch für die privatisierten
Sozialwohnungs-Baugesellschaften - sie wurden und werden zunehmend
asozialer: Kein Tag, an dem nicht irgend ein Teil ihrer Mieter über
horrende Mehrkosten klagt, die plötzlich fällig werden.

Im "Gutefrage.Net" wird behauptet, sozial Schwache, das sei ein
politischer Begriff, "finanziell Schwache" wäre richtiger. Ob die
"finanziell Starken" dafür "sozial schwächer" als die "finanziell
Schwachen" sind, die jetzt noch als die "sozial Schwachen" gelten, blieb
in diesem Internetforum ungeklärt. Die "finanziell Schwachen" sind es
auch in politischer Hinsicht, da sie dem "Staat, dem kältesten aller
kalten Ungeheuer" laut Nietzsche, nicht nur nichts einbringen, sondern
u.U. sogar noch was kosten. Der Umgang mit ihnen in den neoliberal
durchseuchten Ämtern und Behörden wird deswegen zunehmend "sozial
schwächer". "Die Konflikte häufen sich," wie es in der  Presse heißt.

In der Weddinger Badstraße, die bereits im deutschen "Monopoly"-Spiel
als Einkaufsstraße der Ärmsten fungiert, fragte ich einen der vielen
dort bettelnden Roma, ob er nicht in den Flaniermeilen der Reichen, auf
dem Kurfürstendamm oder in der Friedrichstraße, mehr Erfolg haben würde.
"Da gibt einem doch niemand was. Völlig aussichtslos!" antwortete er.
Das erinnerte mich an eine Bemerkung des "Anti-Nazi-Activist" Oskar
Huth, der während der Nazizeit 60 in Berlin versteckte Juden mit
Lebensmitteln versorgte. In seinem "Überlebenslauf" schrieb er: "Wer
wirklich Leute versteckte, das waren die Proletarier untereinander. Die
Ärmsten halfen den Armen. Und die Leute, die wirklich Möglichkeiten
hatten - da war nichts, gar nichts."

Ähnlich drückte sich die Witwe Schickedanz aus, eine der reichsten
Frauen Deutschlands, als man sie nach der Entstehung ihres Vermögens
fragte: "Wir habbit nich vom Ausjebe, sondern vom Behalte!" Richtiger
wäre gewesen zu erwähnen, dass ihr Vater Gustav Schickedanz sein
"Quelle"-Vermögen großenteils durch "Arisierung" jüdischen Vermögens
erwarb. So äußerte z.B. Oskar Rosenfelder, bis 1934 Besitzer der
Vereinigten Papierwerke Heroldsberg mit der eingeführten Marke "Tempo":
"Gustav Schickedanz [konnte] die Aktienmajorität völlig unentgeltlich in
seinen Besitz bringen, ja darüber hinaus sogar einen erheblichen,
seinerzeit sogenannten Arisierungsgewinn erzielen ..." Der
"Nazi-Activist" Schickedanz wurde deswegen Ende 1945 erst einmal mit
Berufsverbot belegt und als Hilfsarbeiter zwangsverpflichtet.

Er hatte sich vor allem deswegen in der NSDAP engagiert, weil ihn deren
"Darwinismus", der in Eugenik und Euthanasie gipfelte, ansprach. Darwin
hatte in seiner Evolutionstheorie  den Populationsbegriff und die Idee
der Konkurrenz als treibende Kraft der Evolution von Thomas Malthus
übernommen. Der Nationalökonom Malthus hatte berechnet, dass die
Bevölkerungszahl exponentiell steige, die Nahrungsmittelproduktion in
derselben Zeit aber nur linear. Die erheblichen sozialen Probleme seiner
Zeit betrachtete Malthus in erster Linie als Folgen einer zu großen
Bevölkerung. Er empfahl, die Armenhilfe einzuschränken, sie sei wider
den "Naturgesetzen der Ökonomie". Denn direkte Hilfe würde seiner
Meinung nach die Armen nur ermutigen, noch mehr Nachkommen zu zeugen –
und so neue Armut schaffen. “Damit leitete er einen Wandel in der
britischen Armenpolitik ein: weg von Almosen, hin zu Zuchthäusern” – so
das “manager-magazin”, das es im übrigen offen läßt, ob dies nun gut
oder schlecht war.


Freitag, 5. Oktober 2012

FREUD / LEID


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Liebe ist die Fähigkeit, Ähnliches an Unähnlichem wahrzunehmen.
Theodor W. Adorno



Ich kann jetzt erst darüber sprechen: Vor drei Wochen träumte ich, dass ich Sex mit Peter Weck hatte. Er war so eine Art Guru in einer Unterwasserwelt, mit Autobahnen und Matratzenlagern und ich wurde da irgendwie zu seiner Favoritin. Die anderen Kommunardinnen waren natürlich neidisch und piesackten mich die ganze Zeit: Hilf mehr hier, mach dies besser, nie kommst du zum Plenum...

Auf das Unbewusste ist Verlass.


 Foto:  Hinterhof Pannierstrasse, Neukölln, Berlin © Antonia 2012

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Sonntag, 9. September 2012

SCOTLAND PLASTICS

 
 



"Zwar gibt es keine Natur und keine Kultur, aber viel Verkehr zwischen den beiden."
Donna Haraway


Aidan Johnston aus Ithaca / NY schickte mir zwei Fotos, die er an einem Strand in Schottland gemacht hat. Ich bin nicht sicher, was er hier fotografierte. Eine Radkappe (vielleicht eines Kinderwagens)?

Jedenfalls ist die Annäherung an die Natur des Felsens verblüffend gut gelungen. Das zweite Foto zeigt keinen Müll, gefiel ihm aber besonders, weil es sich bei dem Stein und dem Sand, auf dem dieser gebettet ist, eindeutig um das gleiche in unterschiedlichen Phasen handelt, wie er mir schrieb.


Donnerstag, 5. Juli 2012

ACHILL / HAUSPROJEKTE


















































ACHILL PLASTICS VI / DER TOD TRÄGT PLASTIK

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Im Deutschen Guggenheim Unter den Linden sind seit heute die Arbeiten des mexikanischen Künstlers Gabriel Orozco zu sehen. Der Künstler hat tausende Gegenstände gesammelt, die an zwei Orten weg geworfen wurden: auf einem Sportplatz nahe seiner Wohnung in New York und in Baja California Sur.

Die Objekte und Fotoarbeiten, die daraus entstanden sind, finde ich mal mindestens genauso betörend schön und verwirrend  eigensinnig, wie das Strandgut, dass ich in Achill Island fotografierte.

Allerdings: während die Natur seinen Objekten gewissermassen durch Patina ihren Eigensinn verliehen hat, quasi zu ihrer eigenen Natur verhalf und sie so aus der Masse des seriellen Industrieproduktes herauslöste, verblüffte mich in Achill dieser Eindruck der Reinheit, die das Meer und der Sand den Fundstücken verpasst hatte. Dieses Sommergefühl, dass einen am Strand immer ergreift: Rein- und weichgewaschen. Dieses Eine-klare-warme-Insel-Werden.

Ebenfalls heute titelt die taz nord: "Der Tod trägt Plastik". Forschungen zeigen, in welchem Ausmaß bereits Nordsee und Strände mit Plastik und Mikroplastik verseucht sind - Vögel polstern ihre Nester längst selbstverständlich mit Plastiktüten. Doch auch die Mägen der Tiere sind voll davon. Die hormonelle Wirkung des Mikroplastiks führt zur Unfruchtbarkeit - bei den Tieren, und über die Nahrungskette auch bei den Menschen. An den meisten Stränden bekommen wir davon jedoch überhaupt nichts mit - in den frühen Morgenstunden wird der über Nacht angeschwemmte Müll von den örtlichen Behörden und Umweltschützern eingesammelt.

Driftströme haben die Abfälle in den Weltmeeren bereits zu riesigenTeppichen, so genannten "Plastikstrudeln", zusammengetrieben, die an manchen Orten schon die Größe von Kontinenten angenommen haben.

Die Niederländer denken ja immer nur an das eine: Das Architekturbüro WHIM schlug kürzlich vor, diesen ganzen Müll zur Landgewinnung zu nutzen und auf ihnen nachhaltige Wohnformen zu realisieren.



Fotos: Plastik, Achill Island, Golden Strand, Doogort, Irland © Antonia 2012
Musik: The End The Doors  1967

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Freitag, 29. Juni 2012

NACH DEM SPIEL / REDEKUR

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Heute Abend erzählte mir eine Freundin, sie habe eine Psychotherapie abgebrochen, weil der Typ ausflippte, als sie ihm erzählte, dass sie Lacan lese.

Italien hatte gerade gegen Deutschland gewonnen. Die Stimmung war verhalten depressiv. Wir flüchteten uns in ein Gespräch über Fußball und Politik, nahmen noch einen Grappa und ich ging nach Hause. Auf dem Weg beschloss ich doch noch, ein Bier in der Tankstelle zu kaufen. Da stand mein Lieblingsverkäufer mit einem Freund mit Basecap und Goldkettchen und der sagte zu ihm:

"Es ist ja nicht so, dass ich keinen Menschen zum Reden hätte - nur: der eine ist mein Exfreund und der andere mein Therapeut..."



Fotos: Biobauer auf Kutsche mit Frau, Gunderhausen bei Darmstadt © Antonia 2012

Musik: Parole Parole; Mina und Adriano Celentano 1972

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Sonntag, 24. Juni 2012

ACHILL / PLASTICS V - DAS UNBEHAGEN IN DER NATUR



Liebe bedeutet, jemandem das zu geben, was man nicht hat und von dem der Andere nichts will. 
(Jacques Lacan)



Gestern Abend sah ich mir einen neueren französischen Film an. Einer dieser Filme über Liebe und Freundschaft, wie sie im Eiszeit oder Babylon Kino laufen oder auf Arte.
Der Film war gar nicht mal so gut aber mich fesselte dennoch die Geschichte, die sozusagen den roten Faden für das Drama lieferte: Eine Gruppe langjähriger Freunde in den Enddreißigern macht jedes Jahr gemeinsam Urlaub. Kurz bevor es wieder los gehen soll, wird nicht nur einer der Männer auf seiner Vespa von einem LKW mitgenommen (und stirbt am Ende des Films an den Folgen) sondern, und das wird die alte Clique viel mehr erschüttern: Einer der Männer, ein Physiotherapeut, gesteht einem anderen (der allerdings eher schon Ende 40 ist, erfolgreicher Geschäftsmann, total neurotisch und mich an Louis de Funès erinnerte) seine Liebe. Er sei nicht schwul, nur in seiner Ehe unglücklich und habe sich nach all den Jahren eben verliebt.

Der Geschäftsmann flippt vor den Augen der Freunde, die nichts ahnen, während des gemeinsamen Urlaubs permanent komplett aus - weil er diesen (vermeintlich) verliebten Blick des alten Freundes nicht erträgt, weil er in jede Geste etwas bedrohliches hinein interpretiert. Weil er sich wahrlich bedroht fühlt. Irgendwann schlägt er eines der Badezimmer des Anwesens mit einer Axt kurz und klein. 

Ich versteh das. Dieser Mann hatte einfach kein Konzept von dem, was ihm da nun geschah. Und das, nachdem der Freund ihm als Therapeut jahrelang berührt (ja, sogar "den Finger in den Arsch gesteckt" hatte, um sein Steißbein zu behandeln...)

Ich wäre auch total ausgerastet. Ich habe die ganze Zeit die Axt mit geschwungen.

Nach Jacques Lacans Definition heißt Liebe, etwas zu geben, das man nicht hat. Und zwar jemandem, der es nicht will. Deswegen müssen Geschenke aus Liebe vollkommen überflüssiger Luxus sein. Soweit in Ordnung, wenn ich etwas damit "anfangen" kann - es in den Setzkasten meiner Wirklichkeit einordnen quasi. Dieses Geschenk ist für den Geschäftsmann jedoch ein Monster.

Aber warum eigentlich? 

Zunächst mal ist die Liebeserklärung doch nur eine Art Kompliment - und dennoch eine äußerst aufdringliche Aufforderung. Slavoj Zizek würde diese Reaktion des Geschäftsmannes nach Lacan so deuten, dass er ihm vorwirft, sein Begehren in ihm zu wecken. Man könnte salopp annehmen, das er verkappt schwul ist -  und eben das ist sein Monster. 
Und was viel schlimmer ist: Der Liebende zwingt mir mit seiner Liebeserklärung eine Position auf: Du bist mein Geliebter (meine Geliebte), meine Herrin, meine Frau.


Hätte das eine junge Blondine an diesem old school Macho heran getragen, hätte es dafür eine Nische in seiner Gefühlswelt gegeben (etwa: "...wow, die Kleine steht auf mich!"). Dieser Akt des Aussprechens einer Liebeserklärung verpflichtet (nach Lacans Sprachakttheorie) beide Seiten dazu, den anderen auf eine bestimmte Weise zu behandeln. 


Ähnlich geht es DjKröch und mir immer, wenn Menschen vom Sexhaben reden. Da ist etwas grauenerregend Reales, das mit diesem Wort plötzlich im Raum steht (das wäre natürlich noch zu steigern, wie etwa durch das Wort "Ficken", aber das sagt man ja nicht mehr). Gerade dann, wenn ich so etwas wie romantische Gefühle für jemanden hege. 
Es muss also etwas drittes zwischen mich und den Anderen. Eine  Kulturperformance gewissermaßen. 

Dass ich mit einem Menschen intim werden will oder geworden bin, könnte ich ja auch zum Ausdruck bringen, indem ich einen Abend und einen Morgen beschreibe. Die Information steckt in der Auslassung und in dem Setting (Kaminfeuer, Meeresrauschen, Vollmondlicht). So wird einem auch gerne mal etwas unterstellt. Aber was solls: Solange es nur knistert. 

Die Phantasie ist nach Lacan das Mittel zur Bewältigung und Antwort auf das Begehren des rätselhaften Anderen. Und Phantasie bedeutet, sich überhaupt erst einmal darüber bewußt zu werden, dass man etwas begehrt. In einer sexuellen Beziehung aber muss jedes Subjekt seine eigen Phantasie entwickeln, einen eigenen Code, eine Formel, oder "Faktor". Sich dessen bewusst zu sein, bezeichnet Zizek als nicht gerade erbaulich. Deswegen plaudern wir im Allgemeinen auch nicht mit guten Freunden über unsere sexuellen Phantasien.

Dieses Wörtchen Sexhaben, in einem bestimmten Ton ausgesprochen jedoch, droht geradezu an, dass mir ein Freund diese sexuellen Phantasmen demaskieren wird. 

Könnte ich ausflippen.



Fotos: Plastik, Achill Island, Keel Beach, Irland © Antonia 2012
Musik: Wonderwall;  Oasis  1996
 

Dienstag, 12. Juni 2012

ACHILL / PLASTICS IV - DAS UNBEHAGEN IN DER KULTUR

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"Das ganze geistige Universum wird durch die Hand des Atheismus zersprengt und zerschlagen in zahlenlose quecksilberne Punkte von Ichs." 
Jean Paul


Gleichsam von einem "Ozeanischen Gefühl" ergriffen (Nach Romain Rolland Quelle für die Religiösität), lief ich den einen Abend stundenlang an der Küste von Keel entlang. Sigmund Freud konnte eine solches Gefühl der "Zusammengehörigkeit mit dem Ganzen" bei sich nicht abrufen und hielt es darüber hinaus für infantil. Dieses Eins mit der Welt werden. In einer gesunden Entwicklung zum Erwachsenen hingegen spalte das Kind sein Ich von der Außenwelt ab und entwickle ein Bewusstsein für eine Grenze zwischen sich und dem Anderen. Da die Welt, hier ich. Dort die Natur und hier meine Kultur mit all dem, was wir der natürlichen Welt hinzuzufügen haben, wie etwa Oliven in Dosen, Splatter-Transen-Pornofilmen oder Jever Fun.

Und hier am Strand von Keel haben wir den Salat: Plastik überall. In uns und um uns und durch uns. Und Aidan wusste nicht genau, was er von meiner Lust an diesen Bildern der Verwüstung halten sollte. Lobte aber dennoch ihre Qualität. Das Unbehagen betrifft also die Kultur, "den Bruch mit der Natur". Die Zivilisation versucht die Unberührtheit der Natur mit allerhand Maßnahmen wieder herzustellen - die Sache wieder ins Lot zu bringen, wie Slavoj Žižek es ausdrückt. Authentizität gewissermaßen, in der wir uns wieder heimisch fühlen können.

Die Ökologie hat nur noch wenig mit der Natur zu tun, wie der französische Philosoph Bruno Latour bemerkte. Sie wäre vielmehr ein Verfahren, mit deren Hilfe ein kollektives Leben für menschliche und nichtmenschliche Wesen gehandhabt werden könnte. In einem "business as usual" ist längst eine neue Öko-Industrie entstanden - eine Abfall-, Recycling-, und Nachhaltigkeits-Ökonomie, deren Praktiken einzig noch eine Frage der Kontrolle, Überwachung und Steuerung geworden sind. Ändern tut sich damit nichts. Weil sie keine Antworten liefert für den Umgang mit Fakten, die längst geschaffen sind. Eine Natur, wie wir sie meinen und dessen Verlust wir fürchten ist bereits vor unseren Augen dabei "zu verdampfen", wie Slavoj Žižek sich ereifert - und paraphrasiert damit die Gedanken von Marx und Egels. Wie wäre es also, würden wir uns diesem Schrecken stellen, statt in Furcht zu erstarren? Uns mit der Welt verbinden?


 "Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen. ...An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur." 
(Karl Marx und Friedrich Engels in "Manifest der Kommunistischen Partei")

Klingt das nicht betörend modern und auf der Höhe unserer Zeit? 

Im Zusammenspiel von menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren können wissenschaftliche Kontroversen in ihrer Komplexität besser begriffen werden, so Bruno Latour. Und damit ist nicht eine Zusammenkunft von Expertenbürgern gemeint, die sich das Wissen einiger Fachleute und Spezialisten angelesen haben und nun an Stelle der Politiker in den Bürgerinitiativen dafür sorgen, dass auch der letzte Rest Demokratie verdampft - Das Ende der Politik. Damit spricht er sich auch gegen die "Herrschaft der Experten" aus.

Dabei haben wir es bereits überall mit Hybriden zu tun, die eine Trennung zwischen Subjekt und Objekt hinfällig werden lassen. Ich finde, das kann nicht deutlicher gemacht werden, als durch den Umstand, dass sich Frauen freiwillig Silikonkissen in ihre Brüste einpflanzen lassen, die dann schleichend in ihren Körpern auslaufen. Spuren der unterschiedlichsten Kunststoffe essen wir bereits mit jedem Seefisch in uns hinein. Spätestens mit der Gentechnik wird unsere Vorstellung von der menschlichen Natur endgültig und katastrophal erschüttert.

Latour meint: Wir sind nie modern gewesen! Wir müssen zurück. Weit vor die Moderne zurück. Damit fordert er eine Aufhebung dieser unsinnigen Dichotomie von Natur und Kultur. Nach seinem Konzept versammeln sich als "Akteure" einer modernen Gesellschaft - nämlich Kultur, Technik, Wissenschaft, Gesellschaft, Menschen, Materialität, Diskurs, Ideen bis hin zu geschlechtslosen Wesen wie Cyborgs - in einem "Parlament der Dinge". Er spricht von einem "Eigensinn der Objekte" - und den gibt es: Am Strand hatte ich irgendwann einen Rausch, weil sich diese Objekte grandios zu Farben gruppiert hatten oder das Verhalten der Vegetation nachahmten, ganz harmlos lagen sie da und schmückten sich an Seegras und Fischerei-Utensil, als wäre das ein schöner Zufall.


Fotos: Plastik, Achill Island, Keel Beach, Irland © Antonia 2012

Donnerstag, 7. Juni 2012

ACHILL / PLASTICS III - DIE WELT OHNE UNS





„Daher also das Aufgebot von Methoden, die die Menschen zu Identifizierungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen antreiben sollen, daher die Einschränkung des Sexuallebens und daher auch das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich wirklich dadurch rechtfertigt, daß nichts anderes der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft.“
Sigmund Freud



In einer der letzten Nächte auf der grünen Insel träumte ich etwas sehr merkwürdiges. Um mich von meinem potentiellen Traum-Sexhaben-Partner aber sofort wieder zu distanzieren, verwandelte sich dieser beim Erwachen in David Copperfield und ich dachte: War der nicht mal mit Claudia Schiffer verheiratet? 

War er nicht.

In der Lounge begnete ich dann ungewöhnlich früh Aidan aus Ithika. Er las in seinem Buch "The World without us" von Alan Weismann. 
Am Klavier. Neben sich das Netbook offen. Kopfhörer auf - ein Cello-Konzert von Bach, wie er mir später verriet. 
Sah hübsch aus.

So verbrachte er die Wochen, ohne das Haus zu verlassen. Im Fernseher, den jemand vor das Fenster geschoben hatte, flimmerte lautlos eine Dokumentation über neue Wikinger. 

Ich lief ans Meer.

Am Strand in Keel flog ein einsamer Kite-Surfer über die reinkommende Flut. Neumond-Flut, wie mir Bauer Patrick später erklärte. Vielleicht auch Neumond-Sonne, in der ich dieses Treibgut fotografierte.

Am Abend, als ich zurück zum Valley lief, lag die Insel schon in spitzem  Zwielicht. Ich war betrunken und dachte an Niall, mit dem ich vor 16 Jahren mit dem Mini hier irgendwo zum Strand gebrettert war. Niall hatte zu Champagne Supernova gebrüllt. Dazu tranken wir Miller Genuine Draft. Was auch schon egal war.

Im Valley House fand ich Aidan an der Bar. Das Buch vor sich liegend erzählte er mir, er habe heute das Kapitel gelesen, in dem der Autor von all dem Plastik erzählt, dass sich über die Meere verteilt und fein zermalen bereits unsere gesamte Nahrungskette durchdrungen hat. 

Ich kaufte zwei Pint, wir setzten uns ans Feuer und ich zeigte ihm etwas verblüfft meine Fotos. 





 
Fotos: Plastik, Achill Island, Keel Beach, Irland © Antonia Herrscher 2012 
Musik: Champagne Supernova, Oasis 1996

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ACHILL / PLASTICS II








Fotos: Plastik, Achill Island, Irland © Antonia 2012



Montag, 4. Juni 2012

ACHILL / PLASTICS - GRÜNE INSEL

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+ + + Die grüne Insel stimmt für EU-Fiskalpakt + + + Glaubenskrieg auf der Grünen Insel + + + Die Grüne Insel auf dem Weg aus der Krise + + + Grüne Insel stimmt über EU-Fiskalpakt ab + + + Wandern auf der grünen Insel Irland + + + Die grüne Insel schottet sich ab + + + Die Grüne Insel ist gar keine Steueroase + + + Grüne Insel in roten Zahlen + + + Fáilte für die grüne Insel + + + In Windeseile durch die grüne Insel + + + Die Grüne Insel säuft langsam ab + + + Sie wecken Sehnsucht nach grüner Insel + + + Musik von der grünen Insel + + + Irland - Literarische Spuren auf der grünen Insel + +

 

 

 

 

 

Fotos: Plastik, Achill Island, Irland © Antonia 2012 

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Donnerstag, 31. Mai 2012

DUBLIN / FRÜHER WAR ALLES BESSER

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Wer jetzt noch kein Haus gebaut hat, 
hat sich die Schulden gespart


Ende der 80er Jahre war ich mit Freunden und süßen 16 in Irland mit dem Auto unterwegs. Immer am Steuer: Gröfaz, der gößte Fahrer aller Zeiten, der es an einem Tag auf Irlands Landstraßen locker mal auf 1000 Kilometer brachte, ohne, dass wir an irgendeinen schönen Ort gekommen wären.

Er hatte gerade die 12. Klasse geschmissen und lernte nun bei der Dresdner Bank das Geldgeschäft. Im schicken roten Citroen CX pesten wir über die Insel und trugen schon damit immer deutlich zu dick auf.

Am Strand von Portmarnock bei Dublin übertrieben wir es wohl zu sehr - so jedenfalls bis heute meine Einschätzung der Lage. Einer der jungen Leute aus dem Arbeitslosenbezirk Lucan, mit denen wir tranken, kam irgendwie an unsere Autoschlüssel und als wir an der Promenade ankamen, sagte ich zu Gröfaz: Guck mal, da hat jemand das gleiche Auto wie wir...!

Gröfaz jedenfalls rannte entschlossen zur Strasse, stürzte sich an der ersten Kurve vor einen Wagen, in dem ein ziemlich britisch aussehendes älteres Ehepaar saß, brüllte in Denglisch "Follow sis car!" sprang hinein und war verschwunden.
Am nächsten Tag war er wieder da. Die Herrschaften waren nicht gerade aufs Gas gegangen, ärgerte er sich und stellte sich aufgebracht den Fragen der Journalisten - es hatte wegen uns eine Meldung auf der ersten Seite der Irish Press gegeben. Am nächste Tag stand auf der Seite Zwei: Missing tourist safe after stolen car chase. Und das stimmte ja auch.

In den nächsten Wochen bekamen wir ständig Geldspenden von Iren, die beschämend viel Mitleid mit reichen deutschen Bänkern hatten.

Das Auto fanden wir ziemlich runter randaliert auf einem Feld bei Lucan. Einer der auf die Wiese geknallten Sozialwohnungssiedlungen vor der Stadt, die ganz ohne Busanschluss auskamen - schon deshalb machte Autoklau Sinn. Wie sollte man sonst abends vom Strand nach Hause kommen? Solche Siedlungen halten Stadtplaner in Irland bis heute für eine gute Methode, um sich den Pöbel vom Hals zu halten oder deren Privatkredite in den Sand zu setzen. Unsere Kleidung hatten sie jedenfalls verbrannt, die Innenverkleidungen auf der Suche nach noch mehr Haschisch raus gerissen. Zelt und Schlafsäcke fehlten fast vollständig.

Viele der Siedlungen nahe des Zentrums und die Seitenstraßen der zentralen Einkaufsmeile O'Connell Street sehen heute noch genauso runter gekommen aus wie vor 25 Jahren und man könnte sich kaum vorstellen, dass der keltische Tiger jemals auch nur geschnurrt hätte, wären da nicht die hoffnungsvoll stimmenden Einwanderer und die weniger hoffnungsvoll stimmenden Hochglanz-Bauprojekte am Liffey, wo sich die üblichen nomadisierenden Weltklasse-Architekten austoben durften.

Ganz beeindruckt war ich von der Samuel-Beckett-Bridge am Liffey, die ich durch ein rätselhaftes und unbesetztes Cockpit hindurch fotografierte und dachte mir: Wenn da nicht der spitzen Brücken-Konstrukteur Santiago Calatrava seine Marke gesetzt hat, fress ich ein Ham and Cheese Sandwich für 5 Euro (Er baute in Berlin die teuerste Fußgängerbrücke der Welt). Die obige Bridge kostete 60 Millionen Euro und hat zwar Busspuren, konnte aber nicht für Busse zugelassen werden. 

Für die Bauruine der Anglo Irish Bank im Hintergrund war ich zu geblendet. Gegenüber den Docklands gelegen, dem glitzernden Bankenviertel, das Ralf Sotscheck kürzlich als eine Art Bordell bezeichnete, wo Leute schmutzige Dinge taten, die sie zuhause nicht machen würden, steht sie als Symbol für die irische Finanzkrise. Die Anglo Irish Bank hatte ihre Kredite in nutzlose Gewerbeimmobilien gesteckt, die nun überall im Land vor sich hin rotten. Die Bank  wurde vom Staat gerettet - Hunderttausende Bürger jedoch sitzen in ihren Häusern inmitten von Ruinenstätdten fest, für die sie die Kredite aufgrund der Krise nicht mehr bedienen können. Rund 300.000 Häuser stehen in Irland leer. Die meisten von Ihnen inmitten der mehr als 2.800 Geistersiedlungen, die hier in den Jahren des hirnlosen Baubooms bis 2006 entstanden sind.

Auf einem anderen Bild entdeckte ich später die Rückseite das Bord Gáis Energy Theatre des Super-Star-Architekten Daniel Liebeskind. Der Energieversorger hatte sich die Rechte auf den Namen nachträglich gekapert, als die Kulturfinanzierung wackelte. Die roten Pfeiler, die den Eingang zur Wasserfläche hin markieren, müssen vom gleichen Künstler sein, wie die auf dem Tempelhofer Flugfeld in Berlin. Ein Ausblick auf die Zukunft?

Heute stimmen die Iren über den ungeliebten Fiskalpakt ab, der eine noch strengere und sparsamere Haushaltspolitik für das Krisenland vorschreiben wird.

Egal, wen ich gefragt habe, stets bekam ich die resignierte Antwort: Wenn wir mit Nein abstimmen, wird uns die Regierung einfach wieder an die Urne schicken - so lange, bis wir ja gesagt haben. Der Unternehmensminister Richard Bruton hatte sich tatsächlich neulich im Radio derart verplappert. Es ist anzunehmen, dass viele deshalb am Donnerstag der Abstimmung einfach fern bleiben werden. 

Ich denke die Töchter und Söhne unserer Freunde aus Lucan sollten sich doch nun endlich mal dieser schönen Glasfassaden annehmen, wie sie es damals mit unserem Wagen getan haben und dann zur Abstimmung gehen und einfach Nein sagen. Und noch mal Nein. 

Das wäre eine reine Formsache.

Fotos: Samuel-Beckett-Bridge, Docklands, Siedlung off Summerhill Parade, Docklands, Siedlung off N Strand Road; alles Dublin, Irland © Antonia 2012 
Musik: Na was wohl....