Samstag, 26. November 2011

KREUZBERG RECHTS RUM

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Heute Nachmittag kam es am Heinrichplatz zu schweren Ausschreitungen zwischen verschiedenen Demonstrantengruppen und türkischen Nationalisten, wie mir einige übrig gebliebene Demonstranten sagten. Die Oranienstraße war in einem Abschnitt komplett gesperrt. Nach Aussage einiger Demoteilnehmer einer kurdischen Gruppe, deren Protestmarsch verboten worden war und die sich deshalb einer Demonstration der Antifa angeschlossen hatten, wurden sie dort von rechten türkischen Nationalisten angegriffen und es kam zu einer Messerstecherei. Daraufhin hätten die Polizisten sich ebenfalls auf die kurdischen Demoteilnehmer gestürzt. Auch sei ein türksiches Café überfallen worden.

Das ist eine ziemlich verwirrende Nachrichtenlage. Leider sind bei dpa & Co keine Bestätigung des letzten Teils zu finden. Ich glaube das also erst einmal so. Was für Zeiten.

Vorgestern Abend wurde im Ballhaus Naunynstraße nach der Vorstellung noch eine besondere Zugabe gegeben und dem Publikum etwas "zur Lage der Nation geschrien". Der Angriff der gemütlichen altlinken Szene, die nach den Enthüllungen (oder besser der Verfassungsschutz-Panne) über die NSU ziemlich sprachlos blieb, war nicht ohnen Ergebnis, wie mir eine Freundin erzählte: Viele verließen das Haus empört.

Dabei hatte ich gemeinsam mit einem türkischstämmigens Kreuzberger neulich eine ganz ähnliche These. Das Schweigen der einschlägigen Linken Szene Kreuzbergs (wo sind die Solidaritätsbekundungen? Wo die Empörtheit?) führten wir auf ein gewisses Beleidigtsein zurück, dass sie nicht die Bedrohten sind.

Wozu auch?

Nirgends kann man sich als oldschool linke Sarrazinistin so wohl fühlen, wie in den alten Kreuzberger Kneipen.
Da wurden schon halbe Progrome gegen mich gestartet, wie etwa im ehemaligen Jenseits, weil ich auf die Frage des Wirtes des Franken, wie ich denn das Buch von Thilo Sarrazin finden würde, antwortete: scheiße!

Die Gäste brüllten ein gemeinsames "Das wird man doch mal sagen dürfen" und ausgerechnet ein iranisch-stämmiger Philosoph musste mir zur Hilfe eilen... wie peinlich.

In der vergangenen Woche verbreitete eine solche Dame in Neukölln (wir kamen ins Gespräch, weil sie die guten alten Kneipen in Kreuzberg als Unesco-Weltkulturerbe schützen lassen will), sie habe einen Freund, der als Gynäkologe in der Charité arbeite und der sage schließlich auch, dass die türkischen Frauen auch noch das fünfte behinderte Kind bekämen, um das Geld vom Staat zu kassieren. Herr Doktor, bitte schreiben Sie mir doch dazu: antonia@taz.de !

Um sich als Feministin zu beweisen, wurde die üble Necla Kelek angeführt, der zwar schon lange keiner mehr zuhört (altlinke Kreuzberger haben das nicht bemerkt), die aber erfolgreich Ammenmärchen in diese Gehirne gebrannt hat. Das tollste war nach einem Tatort über Kindesmißbrauch bei türkischen Aleviten im Dezember 2007 - am Tag nach dem offiziellen Gedenktag des Massakers von Maras an Aleviten in der Türkei, bei dem mindestens 1000 Menschen ermordet worden sind - da beeilte sie sich zu erklären, dass man in der Türkei (und da gäbe es Statistiken - türkische Statistiken, irgendwo) wisse: Aleviten mißbrauchen traditionell ihre Töchter. Ich möchte nicht sagen, welche Art von traditionell deutschen Ammenmärchen mir da in den Sinn kam.

Ich schreib jetzt immer auf, wer mir wo so einen Scheiß erzählt.
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Foto: keins

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