Freitag, 17. Juni 2011

DER SOMMER / MINISTERY OF SILLY NOISE II

taz Berlin lokal 6.6.2011

KHALED WIEDER

Überall Schall

Sonntag Morgen. Wieder dieses nörgelnde Schimpfen. Ich kenne es vom
vergangenen Sommer. So wie dieses Lied von Khaled.

Der Nörgler müsste ein Spanier sein. Ich kenne keinen Spanier im Haus,
aber die 20 Rumänen, die bis letzte Woche in der kleinen Wohnung nebenan
gewohnt haben, sah ich auch nie. Sicher aber waren die auch sehr leise
und unauffällig gewesen.

Der Spanier brüllt immer auf jemanden ein. Einmal dachte ich, dass
jemand leise antwortet. Aber wer sollte das ertragen? Im letzten August
war dann noch ein anderer Nachbar an irgend etwas irre geworden. An der
Liebe vielleicht. Nachts, wenn ich nach Hause kam, am frühen Morgen und
auch am Vormittag wenn ich in der Hitze erwachte. Immer dieses Lied von
Khaled. Einmal brüllte jemand laut Schnauze und es war eine Weile still.
Vielleicht hatte der ihn aber auch gar nicht gemeint.

Auf dem Tempelhofer Feld dann wird überall musiziert. Am "Speakers
Corner" macht einer Lieder und schrammelt Cello dazu. In der Hasenheide
auf der großen Wiese eine Trommelkombo. Auf der ersten Bank dahinter übt
ein bärtiger Mann Geige. Kaum seinem Schallkreis entronnen, eine
Blues-Trompete im Gebüsch sitzend. Dann explodiert ein Kanonenschlag.
Kinderlachen.

Bei der Vernissage in Kleistpark rät mir der Künstler, das obere
Stockwerk vor der Rede zu verlassen. Während des anschließenden "Dialogs
mit Posaune" sind dann viele Ausstellungsbesucher im heißen Dachgeschoss
eingeschlossen. Schön still ist es im Garten kurz bevor ein Mann, der
aussieht wie ein Malermeister ins E-Piano greift. Auf der Finissage am
Lützowplatz singt dann Jens Friebe "In diesem Irrenhaus / In diesem
Schweinestall / Wenn du es hier schaffst / Schaffst du es überall". Das
hört man bis zur Bar am Lützowplatz. Wir nehmen ein Taxi.

Spät in der Nacht zuhause öffne ich das Fenster. Schöne Sommerluft
dringt herein. Und - noch ganz leise - dieses Lied von Khaled.

ANTONIA HERRSCHER

Sonntag, 12. Juni 2011

RUDOW SEINE EIGENHEIME



Ein Spaziergang durch Buckow, Britz und Rudow
Alle abgebildeten Eigenheime Rudow



Thomas Kapielski schrieb über das Konsumverhalten der Neuköllner: “Sah ich vier Wasserkessel, wußte ich, welchen Britz kauft, welchen Rudow bevorzugt, welchen Buckow wählt und welchen Neukölln. Alles bekam eine Klarheit, eine verstehende Ordnung…Wo der Rudower einen schlichten Dachgepäckträger auf dem alten Kombi zu Nutzschmuck macht, muß der Neuköllner des Zentrums Kredit auf ein Surfbrett nehmen. Der Buckower setzt sublim die Moden in Umlauf, denen der Neuköllner rastlos nachzulaufen sich verschrieben hat.”

Seitdem hat sich Rudow also vermittelst Britz Buckow angenähert? Neukölln mal aussen vor.



































































Donnerstag, 9. Juni 2011

NANSENSTRASSE / NICK PAGE GUITARS


Baumscheibe Nick Page Guitars in der Nansenstraße
Wird die Nansenstraße das Zentrum der Berliner Musikszene?


GMX meldet heute morgen: "EHEC auf Gurke und Rote-Beete-Sprossen" - ich finde, das klingt wie das Montagsmenü im taz-Café.

Die Handwerker weckten mich heute nach vier Stunden Schlaf, um endlich den Schwarzschimmel zu beseitigen, der seit einem halben Jahr sichtbar ist und meine Gesundheit schädigt. Ich bot den beiden Jungs aus Ostberlin türkischen Café an. Was anderes hab ich nicht. Die: Wir trinken auch nichts anderes mehr!

Das kleine Handwerksunternehmen arbeitet fast ausschließlich für meine Heuschreckenvermieter, die von olle Wowereit ein paar Hundert Häuser aus unserem Tafelsilber erworben haben. In der Donau- und Briesestraße haben die wieder ganze Wohnkomplexe leer randaliert und vermieten jetzt fürs dreifache. Die Bewohner meines Hauses waren da etwas wehrhafter. Jedenfalls die Mitglieder der libanesischen und türkischen Community. Die 20 Rumänen, die zusammen insgesammt 2000 Euro Miete für eine 1-Zimmerwohnung im Seitenflügel ablatzten, hatten da als illegale Arbeitssklaven ganz schlechte Karten. "In der Wohnung sah es aus wie in einem KZ!", meinten die Handwerker, die dort neulich räumen durften. Und auch den white trash hat es erwischt und musste sich neue Bleiben suchen. Vielleicht hat es einige der Überlebenden ja auch in die Kosmos-Siedlung in Treptow verschlagen, einem Absturzviertel, über das der Spiegel kürzlich ausführlich berichtete und in das in den letzten zwei Jahren massenhaft arme Familien aus Neukölln umgezogen sind, weil sie sich entweder die Wohnungen selbst nicht mehr leisten konnten oder ihnen das Jobcenter die drastisch gestiegenen Mieten nicht mehr erstatten wollte. In dem Bezirk, in dem die NPD bei den letzten Wahlen 20% der Stimmen bekam, sehnen sich dann vor allem die nichtdeutschen Zuzügler ganz schnell nach ihrem alten Problemkiez Neukölln zurück. Der angesehene Stadtforscher Hartmut Häußermann relativierte das Problem des von einigen Stadtethnologen schon als Ghetto bezeichneten Gebietes in einem Interview dann kürzlich. Allerdings kenne er die Gegend auch gar nicht so gut. Vor allem aber möchte er ja weiterhin für städtische Veranstaltungen gebucht werden. So betonte er dann auch, dass dort eventuell ein Quartiersmanagement, das in den sogenannten Problembezirken - also denen von Aufwertung betroffenen Gebieten in Nord-Neukölln - die übliche städtische Praktik ist, eine Verbesserung der Situation bringen könne.

Soziale Prozesse nämlich werden heutzutage gemanagt. Von Heuschreckenunternehmen wie der BSG - Brandenburgische Stadterneuerungsgesellschaft mbH zum Beispiel, die einen Großteil der Quartiersmanagement-Büros im neuen In-Bezirk Neukölln betreibt und die Gentrifizierungsnmaßnahmen für die neuen Immobilienbesitzer betreut.

Ich erinnere mich, dass Herr Häußermann - ähnlich auch wie Herr Tannert vom Künstlerhaus Bethanien - sich 2007, als Buchläden durchsucht und der Soziologe Andrej Holm in Untersuchungshaft kam, weil er das Wort Gentrifizierung in einem Aufsatz zu verwenden wagte, durch schwammige Äußerungen klar machte, dass es da auf keinen Fall eine geistige Nähe gibt.

Nein, die gibt es nicht. Er redet mit der Politik und den Quartiersbeauftragten und hält kluge Vorträge. Und das macht gar keinen Sinn. Weil die Politik nämlich die Menschen da abholt, wo sie stehen. Heute schreibt sogar die Bild-Zeitung über Gentrification. Ihre Leser gehören ja auch zu der am härtesten betroffene Gruppe und kaufen fleißig die Hetzschrift des SPD-Mannes Thilo Sarrazien "Deutschland schafft sich ab".

Ich halte es da mit Frantz Fanon, der kurz vor seinem Tot 1961 frustriert über die aussichtslosen Befreiungsversuche Algeriens und der übrigen afrikanischen Staaten von Kolonialmächten wie Frankreich schrieb: „Verlassen wir dieses Europa (und Nordamerika, das „übereuropäische Monstrum“ wie Sartre es nennt), das nicht aufhört, vom Menschen zu reden, und ihn dabei nieder metzelt, wo es ihn trifft, an allen Ecken seiner eigenen Straßen, an allen Ecken der Welt“ - Fanon warnte: Wenn die schwache Schicht der einheimischen Intellektuellen den Kontakt zum Volk verliert, um mit der kolonialen Bourgeoisie gemeinsame Sache zu machen, gäbe es keinen Unterschied, ob ihr Land offiziell unabhängig oder noch immer kolonisiert sei. Deshalb beschloss er am Ende, nur noch ÜBER sie zu sprechen - und so mache ich das jetzt auch. Weil diese Häußermanns sich zu geistigen Begleitern dieser Enteignungs- und Vertreibungsprozesse machen, mit denen sich eine ganz neue Art kolonialer Mächte unter den Augen und unter dem Schutz unserer gewählten Regierungen schamlos bereichert.

+ + + Letzte Meldungen: "Luxus Neukölln" ist in diesem Jahr das Motto von 48 Stunden Neukölln. Schirmherr ist der dandyeske Modezar und Kunstsammler Wolfgang Joop. Die Veranstalter lassen sich von einen Limousinenservice sponsern, der zwischen der Neuen Nationalgalerie und Neukölln pendelt. + + + Am frühen Abend des 19. Juni lädt die Gruppe Liebermann19 um 19 Uhr vor dem Rathaus Neukölln zu einer abschließenden Freß-Kotz-Performance ein + + +

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Montag, 6. Juni 2011

NANSEN ECK / STUBEN / NANSEN

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Baumscheibe Lagari in der Nansenstraße
hier macht die Pflügerstraße einen Zwischenstopp


Gestern abend auf der Suche nach Ruhe durch die Nansenstraße geschlendert und im Lagari Einkehr gehalten. Mir fielen die praktischen Leselampen unter dem Schirm auf und so saßen wir und lasen.

Weil immer mehr junge Männer mit Guitarre und junge Frauen mit Abendkleid und Guitarre ankamen, fragten wir den Wirt. Er läd jeden Sonntag zur open stage ein. Zum Glück hatte ich mein Kleid aus Mailand an.

Das Lagari hieß früher Nansen Eck. Der Wirt betreibt es seit 18 Jahren und hat den Laden "den neuen Verhältnissen im Kiez angepasst", wie er uns erklärte. Vor zehn Jahren noch verzeichnete die Gegend einen Wohnungsleerstand von 20-30 %. Dann kam der Neukölln-Hype und die meisten seiner Gäste sind, wenn sie nicht gestorben sind, nach Britz, Buckow und Rudow verdrängt worden. Die neuen Gäste mögen es zeitgenössischer. Heute ist das Lokal nach seinem griechischen Schwager benannt, über dessen Tot seine Frau vor drei Jahren sehr niedergeschlagen war. Ein Unfall.

Der Laden schräg gegenüber hieß früher Nansen Stuben und heißt heute gar nicht mehr. Am Ende der Straße rechts hat Hardy vor einigen Jahren ein Restaurant eröffnet und nannte es: Nansen.

In den Nordischen Botschaften findet übrigens noch bis zum 26. Juni eine Ausstellung über Fridtjof Nansen statt.
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In
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Sonntag, 5. Juni 2011

STAR MARX / STARBUCKS

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Eine Reihe kommunaler Baumscheiben in der Naunynstraße
ganz schön irgendwie - so ruhig




Dietmar Darth verglich das Interesse des Westens an den Arabischen Aufständen gestern Abend mit dem hiesigen Interesse für Frauenfußball: Kommt alle es gibt noch Tickets!
Heute vermeldeten dann die Nachrichtenagenturen, der Iran habe sich bei der FIFA beschwert, weil ihre Frauen nicht im Schleier spielen dürfen.

Und gerade noch rief der Begriff Kommunismus hysterische Anfälle hervor und fast den Staatsschutz auf den Plan. Doch nichts ist so alt wie die Debatte von gestern - schwupp, ist Kommunismus das Populär-Thema. Zuletzt schaffte das das Wort Gentrification.

Da stellten im Astra Kulturhaus in der Revaler Strasse die Veranstalter der Marx-Konferenz die Frage: Ist der Kommunismus noch aktuell?
In die Halle auf dem RAW-Gelände waren an die 1000 Zuhörer gekommen, von denen der größte Teil dem Abijahrgang 2010 zuzuordnen war. Einige Altvordere dazwischen. Der Autor Alex Callinicos hielt zunächst eine amüsante Ansprache, in der er versuchte Slavoj Žižek in allen zu erwartenden Punkten zuvor zu kommen. Darauf folgte Dietmar Darth, der mich leicht an Fernsehpfarrer Fliege erinnerte. Eingängig. Freundlich. Gütig.

Während einer zähen und endlosen parteipolitische Wahlkampfrede der Linken-Abgeordneten des Hessischen Landtags Janine Wissler begann nicht nur Žižek, mit den Hufen zu scharren. Nervös räumte er sein Rednerpult von Gläsern und Flaschen frei, indem er sie auf den Nachbartisch schob um zwischendurch wiederholt die Tischdecke glatt zu streichen. Immer öfter griff er sich an die Nase und auch das Publikum wurde unruhig. Es begann - wie Žižek - mit seinen Sitznachbarn zu schwatzen. Dann holte er zu dem entscheidenden Schlag aus und wiederholte alle zotigen Witze, die er neulich schon in der Volksbühne zum Besten gegeben hatte. Gegen Ende meinte er noch, man solle besser bei all den Gedanken über die aktuellen Revolten die Moral weg lassen.

Sonst sitzen wir bald alle bei Starbucks!
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