Montag, 25. April 2011

SIX FEET UNDER? / SOMWHERE IN BOURGEOIS 61



Detlef Kuhlbrodt hat in der " Schleiermacherstrasse oder Mittenwalder oder Fürbringer – bin mir nicht mehr ganz sicher" eine besonders putzige Baumscheibe fotografiert.

Und fragt: "Kennt ihr die Six-Feet-Under-Folge “Back to the garden”? (in der zweiten Staffel)"

Ich nicht.

NEUKÖLLNER MODELL / FRAGEN

Das Neuköllner Modell?


Entlang der Sonnenallee findet man diese Art der Konstruktion jetzt häufiger.

Ahnt jemand den Sinn? Handelt es sich vielleicht um eine Art religiösen Ausdrucks? Was wird hier umgrenzt? und der Ring um den Baumstamm? Am meisten erinnert es mich ja an keltische Steinkreise.

Montag, 18. April 2011

EX OCCIDENTE LOOKS

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Frankreich hat das Tragen der Burka verboten - Sarkozy, einer der vielen Mackertypen, die zurzeit in europäischen Ländern regieren, wirft erst Roma aus dem Land und verbietet dann noch die Vollverschleierung. Natürlich hat er das mit der inneren Sicherheit begründet - alle Reaktionen jedoch kaprizieren sich auf die unterdrückte muslimische Frau. Und natürlich geht es um die Frauen. Um die muslimische hier im besonderen. Je mackermäßiger die Politik, desto mehr geht es um die Frauenfragen. Die Freiheit der Frauen.

Dazu etwas, das ich vor einiger Zeit für eine Zeitschrift der Alice-Salomon-Hochschule zur Schleierfrage im von Frankreich kolonisierten Algerien geschrieben habe.


Die sich hinter dem Schleier verbirgt – Ex occidente looks

Am 14. Juni 1830 waren erstmals 30.000 französische Soldaten an der Badebucht „Sidi Ferruch“ östlich von Algier gelandet, um von hier aus das Land zu erobern, und, wie es in einer Gedenktafel dort später hieß, „um die Freiheit der Meere wieder herzustellen und Algerien an Frankreich zu geben.“ Ab 1947 war es dann ein Departement Frankreichs.

Im großen Wettrennen der europäischen Mächte um Einflusszonen und strategische Stützpunkte im arabischen Orient, das mit Napoleons Expedition nach Ägypten begann, hatte England seine Hand vor allem nach dem Nahen Osten ausgestreckt und damit anderen expansionssüchtigen Staaten den Weg ins östliche Mittelmeer versperrt.

1932 fügte die Kolonialmacht zum Jahrestag dem Denkmal eine weiter Inschrift hinzu: „Nach Hundert Jahren, in denen die Französische Republik diesem Land Wohlstand gegeben hat, versichert das dankbare Algerien dem Mutterland seine unlösbare Verbundenheit.“

Der karibisch-französische Arzt, Philosoph und Psychotherapeut Franz Fanon wurde im Jahre 1953 vom „Minister für Gesundheit und Bevölkerung“ Frankreichs einer psychiatrischen Klinik in Algerien zugeteilt. Kurz darauf sollte der Befreiungskampf in dem nordafrikanischen Land eine neue Stufe der Brutalität erreichen. Die Bevölkerung war in Bürger erster und zweiter Klasse unterteilt, in französische Staatsbürger (Algerien war Siedlungskolonie) und Nichtfranzosen. Die seit den frühen 30er Jahren des 19. Jahrhunderts zunehmenden Widerstände der einheimischen Bevölkerung gegen die Kolonialmacht Frankreichs konnten auch durch die 1947 allen Einwohnern zuerkannte französische Staatsbürgerschaft nicht eingedämmt werden. An der alltäglichen Diskriminierung sollte sich nichts ändern. Die Möglichkeiten für ein Miteinander waren längst verspielt.

Zum ersten Aufschwung der Unabhängigkeitsbewegung kam es, als 1945 nach Unruhen zehntausende Algerier von der französischen Armee massakriert wurden. Der Algerienkrieg (1954 bis 1962) wurde von beiden Seiten mit äußerster Härte geführt. Am Ende hatten mindestens 350.000 (einige Schätzungen gehen bis zu 1,5 Millionen) Algerier in einem grausamen Krieg den Tod gefunden.

Im Spital von Blida baute Fanon während seiner dortigen Tätigkeit als Chefarzt ab 1953 die Rassentrennung immer mehr ab. Neben „Franzosen“ wurden auch verwundete Widerstandskämpfer versorgt und nicht selten vor der französischen Armee versteckt. Nachdem die Repression stärker wurde und auch das Personal des Krankenhauses betrifft (ein Streik des Pflegepersonals wird blutig niedergeschlagen), reichte Fanon 1956 sein Rücktrittsgesuch in einem Brief an den damaligen französischen Präfekten von Algerien, Robert Lacoste, ein: „Der WAHNSINN ist ein Mittel, dass dem Menschen zur Verfügung steht, um seine Freiheit zu verlieren. Und ich kann sagen, dass ich an diesem Schnittpunkt stand, als ich mit Schrecken die Entfremdung der Bewohner dieses Landes ausgelotet habe.“ Die Heftigkeit der durch den Krieg ausgelösten psychischen Störungen, die in seiner Klinik behandelt werden mussten, hatte ein derart erschreckendes Ausmaß angenommen, dass er anklagte: „…es kommt ein Augenblick, wo Ausdauer zu krankhafter Starrköpfigkeit wird.“

Fanon bezeichnet die Ereignisse als „die logische Konsequenz eines gescheiterten Versuchs, einem Volk die geistige Substanz zu nehmen.“ Sein Gewissen beschreibt er als einen „Schauplatz unverzeihlicher Debatten“, die es unumgänglich machen, seinen Dienst zu beenden. Als Antwort erhielt er einen Ausweisungsbescheid und musste das Land verlassen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Paris schloss er sich als Aktivist der FLN („Front de Libération Nationale“) im Exil in Tunis an.

Aufgrund der Zensur seiner Schriften erschien erst 1969 Fanons Werk „Aspekte der Algerischen Revolution“, das aus seinen Aufzeichnungen über die Arbeit mit seinen Patienten und seinen Erfahrungen in der FLN entstanden war. In seinem Essay über die algerische Familie beschreibt er, wie durch die Revolution die familiären Beziehungen und damit die gesamte algerische Gesellschaft verändert wurden. Z.B. entstehen aufgrund der Präsenz der Frauen, die sich massenhaft aus der familiären Zwangssituation in den „maquis“ (die Untergrundbewegung) begeben, völlig neue Probleme. So kommt es vor, dass Männer den Offizier um die Erlaubnis bitten, etwa eine Krankenpflegerin heiraten zu dürfen. Darauf reagiert die FLN, indem sie einen für Familienstandsfragen verantwortlichen Funktionär einsetzt. Die Heirat ist damit kein Abkommen zwischen den Familien mehr, bei dem der Bräutigam seine zukünftige Frau erst bei der Hochzeit zu Gesicht bekommt. Diese Entwicklung wirkte sich auch auf die Eheschließungen im Rest es Landes aus. „Inmitten der höchsten Gefahren entdeckt der Algerier die modernen Daseinsformen“ schreibt Fanon. Und es sind häufig eben die, die der Kolonialherr zuvor durchsetzen wollte.

Unter den Frauen, die sich innerhalb der FLN meist von ihren Ehemänner getrennt in Zellen zusammengefunden hatten, kommt es zu einer neuen Form des Austauschs über die Unterdrückung und die Zeit vor der Revolution. Innerhalb dieser Gemeinschaften lernen sie Lesen und Schreiben, manche verlassen sogar in Gruppen die Lager, um sich der Befreiungsarmee anzuschließen. Diese Veränderungen macht Fanon auch dafür verantwortlich, dass in dieser Zeit die klassische Totenklage der Frauen verschwindet. „Der Krieg hat die algerische Gesellschaft so weitgehend erschüttert, dass der (jeder) Tod als unmittelbare oder mittelbare Folge der kolonialistischen Unterdrückung aufgenommen wird.“

In dem anwachsenden Chaos des Straßenkampfes, der von den algerischen Freiheitskämpfern vor allem im Schutze der „Kasbah“ – der verwinkelten Altstadt Algiers – entwickelt wird, bekommt der Schleier der algerischen Frau ab 1956 eine besondere Bedeutung für die Kolonialmacht. Die Kämpfer der FLN waren zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr eine „terroristische Minderheit“ sondern vertraten die Mehrheit der Bevölkerung. Diese ordnete sich der FLN fast geschlossen unter, die Prostitution, Alkohol oder Drogen bei Todesstrafe verbot, um die Bevölkerung zu disziplinieren und auf den gemeinsamen Kampf einzustimmen. Jeder, der laufen konnte, stellte sich in den Dienst des Befreiungskrieges. Auf dem Höhepunkt der Gewalt entschied man sich, auch die Frauen in den Kampf einzubinden. Dabei nützten ihnen das Vorurteil und die Ressentiments der Franzosen, die in ihnen keine Kämpfer sahen.

In seinem Essay „Algerien legt den Schleier ab“ beschreibt Fanon, wie der Versuch der Kolonialherren, die algerische Frau zu entschleiern, dieses Tuch nicht einfach nur in ein Symbol des Widerstands verwandelt, sondern ihn als Mittel der Tarnung und somit zu einer Waffe macht. Der Schleier, im öffentlichen Raum getragen, aus dem familiären Räumen herausgetreten, wird darufhin zu einem Objekt paranoider Überwachung. Der Schleier gilt als verdächtig.

Dabei kommt dem Schleier jedoch eine weit tiefere Bedeutung zu: „Die Kleidung und die Art, sich zu kleiden und zu schmücken, sind die hervorstechendsten Merkmale einer Gesellschaft.“ Einfacher als bei den Männern lässt sich die kulturelle Zugehörigkeit der Frauen an ihrer weitgehend einheitlichen Kleidung ablesen. Und während das Verhalten eines Volkes, wie etwa Speisevorschriften, einem Touristen lange verborgen bleiben kann, wird der Schleier der Frauen unmittelbar wahrgenommen. Für den Ausländer „umgrenzt der Schleier den weiblichen Teil einer Gesellschaft.“ Die Algerierin ist „die, die sich hinter dem Schleier verbirgt.“

Schon in den frühen 30er Jahren war der entscheidende Kampf um den Schleier entbrannt. Die Funktionäre der französischen Verwaltung waren damit beauftragt, „um jeden Preis diejenigen Existenzformen aufzulösen, die auch nur im Entferntesten an nationales Selbstbewusstsein erinnern,…“ Dabei kam dem Schleier die Bedeutung eines Statussymbols zu. Ausgehend von Soziologen und Ethnologen koordinierten die Experten für „Eingeborenenfragen“ diese Arbeit. „Wenn wir die Frauen gewonnen haben, haben wir den Kampf gewonnen“ lautete ihr Credo. Die Entdeckungen der Soziologen sollten ihr einen „wissenschaftlichen Anstrich“ geben. Hinter dem offenkundigen Patriarchat vermutete man ein untergründiges Matriarchat. „Wenn wir die algerische Gesellschaft in ihrem inneren Zusammenhang, in den Grundfesten ihres Widerstandes treffen wollen, müssen wir zunächst die Frauen erobern. Wir müssen sie in dem Schleier suchen, hinter dem sie sich verbergen, und in den Häusern, in denen sie der Mann versteckt“, zitiert Fanon das Regime. „Der Okkupant will das Familienleben des Algeriers entschleiern; er häuft Anekdoten und erbauliche Exempel und versucht so, die Tradition und die Bräuche aufzuheben.“ Es werden Gesellschaften für gegenseitige Hilfe und Solidarität mit den Frauen gegründet, ganze Schwärme von Sozialhelferinnen und Wohlfahrtsangestellten „stürzen sich auf die arabischen Viertel in den Städten.“ Man ist davon überzeugt, dass sich der Algerier den Umwälzungen so lange entgegenstellt, bis die Frau das „Ruder herumreißt“. Den Hilfsgütern, die an die Frauen verteilt werden, mischt man stets „eine Portion Empörung gegen den Schleier und die Einschließung bei.“ Fanon sieht in jeder „Rettung“ einer Frau eine Gewalt, die mit jedem weiteren entblößten Gesicht vervielfacht wird. Ein Anwalt, der sich vorübergehend in Algerien aufhielt, äußerte ihm gegenüber: „Die Algerier laden die Schuld auf sich, Schönheit zu verstecken.“ Dabei sei ein Volk verpflichtet, sie zu zeigen. Notfalls müsse man es zwingen.

Die Frau zu entschleiern heißt, ihre Schönheit offenkundig werden zu lassen, ihren Widerstand zu brechen. Der Kolonisator möchte in Besitz nehmen, „eine Frau, die sieht, ohne gesehen zu werden, erzeugt in ihm eine Ohnmacht.“ Häufig wird die Vermutung geäußert, man wolle mit der „Ware“ betrügen. In Vergewaltigungsträumen, die Fanon während seiner Zeit als Arzt berichtet wurden, geht dem eigentlichen Akt immer das Zerreißen des Schleiers voraus. Die Frauen geben sich nicht hin, sie werden unterworfen. Das algerische Volk setzt dem Okkupanten bald den Kult des Schleiers entgegen. „Der Weiße erschafft den Neger. Aber der Neger erschafft die Negritüde.“ (Damit ist eine afrikanische Selbstbehauptungsidee gemeint, die auf Aimé Césaire zurückgeht) Gleichzeitig festigt sich der innere Zusammenhalt der Algerier in dieser Zeit. Die Frauen sind vor allem darauf bedacht, sich von Franzosen fernzuhalten.

Als sie in den Widerstand eingebunden werden, bemerken dies die Franzosen zunächst nicht. Als ihre Mittäterschaft auffliegt, aber auch um tiefer ins französische Quartier einzudringen, legen die Frauen für ihre Kurierdienste den Schleier ab. Europäisch gekleidet, geschminkt und frisiert, sehen die Franzosen in ihr „alles und nichts“. Sie ist jetzt nur noch eine Frau. In dieser Phase wird aus Widerstand Terrorismus, der auch vor zivilen Opfern nicht mehr zurückschreckt. Die Frau erntet an den Kontrollpunkten Komplimente, niemand ahnt, „dass sich in ihrem Koffer ein Maschinengewehr befindet… Die Schultern der entschleierten Algerierin sind entspannt. Ihr Gang ist leicht und geübt. Sie ist zu sich selbst gekommen.“

Aus Foltergeständnissen erfahren die Franzosen jetzt, dass auch „Europäer und Europäerinnen am Befreiungskampf teilnehmen.“ Nun wird jeder Passant kontrolliert. Der eigene Schlachtplan bricht zusammen. Trotzdem kommt es erneut zu Europäisiserungsversuchen: Am 13. Mai 1957 wurden von Entlassung bedrohte Frauen unter dem Schlachtruf „Es lebe französisch Algerien“ auf einem Marktplatz öffentlich entschleiert. Und zwar ausgerechnet von einer Organisation, die zu diesem Zweck von der Ehefrau des „Algerienschlächters“ General Jacques Massu gegründet wurde. Als Reaktion legen entschleierte Algerierinnen den „haik“ wieder an. Damit ist er endgültig seiner traditionellen Bedeutung ledig geworden und entzieht sich vollends der Kontrolle des Okkupanten.

1957 marschierte das französische Militär unter der Führung des Generals Massu in die Hauptstadt ein und verhängte den Ausnahmezustand. Dabei wurden sie zu einem beträchtlichen Teil von Fremdenlegionären unterstützt. Bei seiner Antrittsrede soll der General seinen Soldaten gesagt haben, er hasse Sartre [der ein Kritiker der Kolonialpolitik Frankreichs und Freund Fanons war] mehr als den Feind. In den folgenden Tagen kam es zu unzähligen willkürlichen Verhaftungen junger Männer, die grausam gefoltert wurden, um die Verstecke der FLN-Führung in Erfahrung zu bringen. Darauf reagierte die Bevölkerung Algeriens mit einem Generalstreik und erwirkte damit, dass die „Algerienfrage“ bei der UN diskutiert wurde.

Auch in der französischen Bevölkerung machte sich ein Stimmungswechsel bemerkbar. Nachdem in Frankreich bei einem Referendum 1961 78 % der Bevölkerung für einen Rückzug aus Algerien gestimmt hatten, kam es zu verstärkten Terrorakten der französischen Siedler bzw. ihrer Geheimorganisation OAS. Diese wurden von der FLN mit Gegenterror beantwortet. Am 17. Oktober 1961 initiierte die FLN eine friedliche Protestkundgebung in Paris, an der etwa 30.000 Algerier teilnahmen. Die Polizei löste die Demonstration gewaltsam auf, indem sie in die Menge schoss. Im Laufe des Tages nahm sie etwa 14.000 Algerier fest und brachte sie in Sportstadien und andere improvisierte Hafträume, wo sie viele von ihnen für mehrere Tage festhielt. Am 17. Oktober und in den Tagen danach töteten Polizei und Militär bei Krawallen, die als das „Massaker von Paris“ Geschichte machen sollten, bis zu 200 Algerier, deren Leichen teilweise in die Seine geworfen wurden. Der verantwortliche Polizeipräfekt geriet erst 1997 in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, als er sich vor Gericht für die Deportation von französischen Juden während der NS-Zeit verantworten musste, was unter anderem zu einer Öffnung der Akten von 1961 führte.

Nach längeren Verhandlungen erkannte Frankreich im Abkommen von Evian am 18. März 1962 das Recht Algeriens auf Selbstbestimmung an. Auch wenn den französischen Siedlern ihr Eigentum garantiert wurde, kam es daraufhin zu einer Massenflucht nach Frankreich.

1961 erschien Fanons Hauptwerk „Die verdammten dieser Erde“ wenige Tage bevor er in New York im Alter von nur 36 Jahren an Leukämie verstirbt. In dem berühmten Vorwort von Jean-Paul Sartre heißt es: „Habt den Mut Fanon zu lesen, aus diesem ersten Grund, dass er euch beschämen wird, und weil die Schande, wie Marx gesagt hat, ein revolutionäres Empfinden ist.“ Fanons Buch verhält sich gegenüber den Europäern eiskalt. Er hatte aufgehört MIT den Europäern zu sprechen, er sprach nur noch VON ihnen: „Verlieren wir keine Zeit mit sterilen Litaneien oder ekelhafter Nachäfferei. Verlassen wir dieses Europa (und Nordamerika, das „übereuropäische Monstrum“ wie Sartre es nennt), das nicht aufhört vom Menschen zu reden, und ihn dabei niedermetzelt, wo es ihn trifft, an allen Ecken seiner eigenen Strassen, an allen Ecken der Welt.“ Dieser Ton war neu.

Dass Europäer in Marokko und Algerien in diesen Tagen öffentlich massakriert wurden, bezeichnet Sartre als Bumerang der Gewalt, die in ihre dritte Stufe eingetreten war und nicht die letzte sein würde.

Auf Grundlage eines Gesetzes von 1979 bleiben die Akten über die Anfänge der V. Republik in Frankreich weiter verschlossen. Am 23. Februar 2005 brachte die gaullistische Mehrheit in der französischen Nationalversammlung das Gesetz ein, welches bestimmt, dass in den Lehrplänen „die positive Rolle der französischen Präsenz in Übersee, vor allem aber in Nordafrika“ besonders anerkannt werden solle.

Der palästinensische Autor Edward Said bezeichnet in seinem Hauptwerk „Orientalismus“, das in deutscher Sprache trotz großer Nachfrage seit den 80er Jahren vergriffen ist, das Bild des Orients mit seinen Haremsphantasien als eine Erfindung des „kolonialen“ Westens. Selbst als Kind einer christlichen Libanesin und eines amerikanisch-palästinensischen Vaters im kolonialen Kairo und dann New York aufgewachsen, beschreibt er in seiner Autobiographie sein lebenslanges Gefühl „am falschen Ort“ zu sein.

Zuletzt nahmen Christina von Braun und Bettina Mathes diese Gedanken noch einmal auf und beschäftigten sich in dem Buch „Verschleierte Wirklichkeit“ anlässlich der „Kopftuchdebatten“ dieser Tage höchst aktuell mit dem Zusammenhang von Schleier und Machtverhältnissen. Auch sie sehen in dem Bild, dass sich der Westen vom Orient gemacht hat, den „kolonialen Blick“. Im Kolonialismus hatte die Photographie eine entscheidende Rolle gespielt. Sowohl bei der Herausbildung westlicher Haremsphantasien als auch bei der gewaltsamen Entschleierung der muslimischen Frau. Im Fotografen sehen sie eine Entsprechung der „Verschleierten“, die sieht, ohne gesehen zu werden. Die Verschleierte „ist ein Angriff auf seine Autorität“. In den Photostudios von Algier, Kairo oder Istanbul wurden gestellte Haremsszenen abgelichtet, sowie verschleierte Frauen in lasziven Posen. Diese Bilder fanden als Postkarten reißenden Absatz in den Kolonialstaaten. Die Bilder aus dem Innern eines türkischen Harems hingegen, die die Engländerin Grace Ellis aufgenommen hatte, wurden abgelehnt, da sie zu unrealistisch erschienen.

Die Debatte um Kopftuch und Schleier eignet sich für die Autorinnen vor allem zur „Entschlüsselung unterschwelliger Redeströme zwischen Ost und West, weil sie von der Rolle des Sehens in der westlichen Kultur erzählt, deren Definitionsmacht und Herrschaft über andere auch auf der Macht des Sehens beruht.“ Man könnte den westlichen Blick auch als „Okulartyrannis“ bezeichnen. Für die Autorinnen symbolisiert der entblößte Frauenkörper (die nackte Wahrheit) spätestens seit der Renaissance die Erkenntnis und somit die „Errungenschaften der Moderne – wie ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit’ oder die ‚Republik’“. Der entblößte weibliche Körper macht diese Abstrakta greifbar. „Auf den Barrikaden der Französischen Revolution kämpft Marianne mit entblößtem Oberkörper.“ Nur so konnten die europäischen Frauen die rasante Entblößung ihres Körpers „als Zeichen der Freiheit verstehen.“ Dabei stellen sie der Gewalt, der die verschleierte Frau ausgesetzt ist, die Gewalt des voyeuristischen Blicks im Westen gegenüber. Sie bestreiten nicht die hierarchische Geschlechterordnung des Islam, sondern wollen zeigen, dass unser Blick auf die Muslimin auch mit der westlichen Kultur zu tun hat.

Die Geschichte ist voller Beispiele, in denen der Schleier der Frau zur Etablierung neuer Herrschaftsstrukturen herangezogen wurde. Im Iran geschah dies im 20. Jahrhundert gleich zweimal: Reza Schah verfügte in den dreißiger Jahren eine Zwangsentschleierung der Frauen nach dem Vorbild der Türkei, die 1979 im Zuge der Iranischen Revolution mit dem Schleierzwang wieder beendet wurde. Frauen, die ihren Protest gegen den Schah Ausdruck verleihen wollten, taten dies, indem sie den Schleier anlegten.

Als die Osmanen Konstantinopel eroberten, fanden sie in den noch immer orientalisch geprägten Häusern wohlhabender Familien aufwendig gestaltete Harems vor, die ihnen so gut gefielen, dass auch sie sich Harems einrichteten. Sultan Mehmet sah sich 1453 genötigt, die Verschleierung der osmanischen Frauen zu regeln, da sie sich nicht genug von der der Christinnen unterschieden. Sultan Mehmets Gesetze zur Regelung der Kopfbedeckung waren nur die ersten in einer Reihe von Verordnungen, die sich über fünf Jahrhunderte ziehen sollten und mit denen die islamischen Machthaber in Istanbul die muslimische Identität des Schleiers zu wahren suchten. „Mal sollte die Kleidung der islamischen Frau farbig sein, damit sie sich von den Christinnen unterscheide, mal sollte sie dunkel sein. Mal war der schwarze „Tscharschaf“ (schwarzer Überhang) die einzige ehrbare islamische Kleidung, dann sollte er wieder abgeschafft werden, weil es dem Sultan mulmig wurde bei so vielen vermummten Gestalten“(Akkent, Franger 1987). Erst Mustafa Kemal Atatürk erklärte die Entschleierung der Frau zum Zeichen der Modernisierung. „Die Sichtbarwerdung der Frau wird zum Zeichen des Zivilisationswandels“, schreibt die türkische Autorin Nilüfer Göler. 1929 fanden die ersten Miss Turkei-Wahlen statt - auf Initiative der republikanisch orientierten „Cumhuriyet“, die bis 1932 die Wahlen ausrichtete.

Im Jahre 2003, kurz nach dem „Sieg“ der USA über die Taliban, nahm die in Afghanistan geborene Vida Samadzai als „Miss Afghanistan“ in einem knallroten Bikini, der besondere Aufmerksamkeit erlangte, an der Wahl zur „Miss Earth“ teil – was ihr den Spezialpreis „Beauty for a cause“ einbrachte. „Beiden Frauen wurde die ‚Königinnenwürde’ als Belohnung für die ‚vorbehaltlose’ Assimilation an das westliche Frauenbild zuteil.“

„Weil es sich in der Begegnung von Orient und Okzident um Subtexte und unbewusste Inhalte handelt, enthält diese Begegnung auch so viele Paradoxien.“, bemerken die Autorinnen noch mit dem Hinweis auf Freud - der über das Unbewusste sagte, es kenne weder die logischen Denkgesetze noch den Widerspruch; auch nehme es keine Rücksicht auf die Realität. Dies gilt auch für das „Rätsel Islam“, der als Titel in westlichen Magazinen gerne mit einer verschleierten Frau illustriert wird. Die Phantasien reichen da von der erotischen Odaliske bis zum Terrorattentäter. An der Seite des Schleiers vermutet man den „Schläfer“. Das Unheimliche, das uns Angst macht, ist das verdrängte Eigene.

Geht es also um das rätselhafte westliche Subjekt im Spiegel des „Rätsel Islam“? Dass dieses Subjekt auf paradoxe Weise mit der Geschlechterordnung umgeht, zeigen Christina von Braun und Bettina Matthes an einem kleinen Beispiel: Nachdem Großbritannien 1882 Ägypten besetzt hatte, wurde der Repräsentant der englischen Krone, Evelyn Baring (später Lord Cromer), zu einem der Vorkämpfer für die Entschleierung und die „Befreiung der Frau“ im besetzten Land. In seinem Heimatland war Cromer dagegen Mitbegründer und Vorsitzender der ‚Men´s League for Opposing Women´s Suffrage’ – Liga der Männer gegen das Frauenstimmrecht.

Donnerstag, 7. April 2011

BAUMSCHEIBE HOBRECHTSTRASSE / CONTENANCE !


Der Neuköllner Baumscheibenbeauftragte monierte, dass diese sehr starke und schöne Geste in der Hobrechtstraße dem Baum leider das Wasser zum Leben nähme

Ein Bekannter schrieb mir heute:
"vielleicht warst du ihm zu stark und unabhängig? oder zu durchgedreht? oder zu anspruchsvoll? zu anspruchslos?"

Ja. Und im Kommunismus? hätte es dann vielleicht im Kommunismus mit uns geklappt? - Aber irgendwas ist ja immer


Nein - es nützt nichts. Das ist keine klassenlose Gesellschaft und deshalb ist jetzt auch trotzdem Frühling, die Bäume haben ausgeschlagen, Verliebte küssen sich schamlos in den Grünanlagen, denken über Mittsommerferien in einem Wilde-Erdbeeren-Haus an einem schwedischen See nach und hoffen, dass es bis dahin zusammen hält. Dazu gibt es Eis. Und abends einen schönen Film.

Die israelische Soziologin Eva Illouz hatte bis vor kurzem nichts gegen dieses warenförmige Konzept der Liebe einzuwenden. Immerhin, so in etwa ihre These in dem Buch "Der Konsum der Romantik", sei dieser Konsum ein Kitt, der den Verlust an existenziellen Gründen für eine Beziehung ersetzen könne, in jedem Fall aber keinen Schaden anrichte und nur aus besten sozialen Motiven heraus stattfinde. Alles nur dazu da, Beziehung einzugehen. Auch, wenn der Kapitalismus an sich ein Monster sei. Ich hab schon damals nicht verstanden, wo hier der neue Gedanke zu finden ist. In einem Zeit-Artikel zeigte sie sich dann 2005 deutlich kritischer. Dort erzählt sie zunächst eine Anekdote über die Begegnung Giacomo Casanovas mit einer schönen Komtesse - eine Geschichte aus der "vorkapitalistischen Welt":

"...Am nächsten Tag sucht er die Dame zu Hause auf und wird in ein Wohnzimmer mit »vier wackeligen Stühlen und einem schmutzigen Tisch« geführt. Auch das Erscheinen der Komtesse macht den armseligen Anblick nicht besser, im Gegenteil. Casanova erschrickt über die Schäbigkeit ihres Negligés. Die Komtesse erklärt ihm, dass trotz seiner adligen Herkunft ihr Vater nur über ein kleines Salär verfüge und dieses mit neun Kindern teilen müsse. Casanovas Reaktion ist von keinerlei Gewissensbissen getrübt: »Ich war selbst nicht begütert, und da ich nach diesem Anblick nicht länger verliebt war, seufzte ich nur tief und blieb so kalt wie Eis.«"

So etwas galt damals nicht als unmoralisch - in der vorkapitalistischen Welt gehörte es einfach zur Moral dazu, dass man das Objekt seiner Begierde in "Ansehung" seines gesellschaftlichen Standes wählte. Der Kapitalismus habe dann die Trennung von Ökonomie und Leidenschaft ermöglicht - nun aber waren Markt und Gefühl wieder verschmolzen, so Illouz 2005 und schreibt: "Im Gegensatz zur marxistischen Lehre glaube ich nicht, dass die Widersprüche des Kapitalismus seine Schwäche sind. Vielmehr halte ich sie für die Quelle seiner Kreativität, Attraktivität und Dynamik. Während am Arbeitsplatz Selbstbeherrschung, Konkurrenzdenken und die Rationalität des kühlen Kopfes gefordert sind, bietet das Zuhause immer, selbst nur als ausgleichender Mythos, einen Hort des Trostes, der Authentizität und der Intimität."

Ärgerlicherweise habe der zeitgenössische Kapitalismus die getrennten Sphären des Privaten und des Öffentlichen letztendlich leider doch wieder verschmolzen: "Sprache, Werte und Rationalität des Marktes werden eine alles verschlingende Hegemonialmacht."

Was ist passiert? Hat sie der Freund verlassen? Wäre es denn nicht "authentischer" wenn das Private und des Öffentliche endlich wieder verschmelzten? Immerhin. Und kalt und rational ist es ja wirklich. Was hat sich denn geändert? War das nicht schon immer so? Das war so wenig jemals anders wie es keine Generation Golf gibt, sondern höchstens bescheuerte Menschen. Immer schon. Giacomo Casanova zum Beispiel.

Vielleicht liebt er mich ja auch einfach nur nicht?

Ich glaube übrigens, was tatsächlich noch mehr verwirrt, als eine falsche gemeinsame Konsumperspektive aufzuzeichnen (kaufen wir uns mal ein Auto, möchtest du Kinder haben und wenn ja, wie viele - und wie hälst du es mit Auslandsreisen - auch so klimamäßig?), ist, keine aufzuzeichnen. Keine Konsumvorschläge machen zu können, an denen sich eine Beziehung entfalten kann. Oder alle Konsumvorschläge gleichzeitig zu machen - auch das ist eine Verweigerung. Was soll man denn davon halten? Vollkommen anspruchslos oder wie? Oder eine Kritik an der Kritik des Konsums? Es gibt ja auch eine berechtigte Kritik an der Kritik des kritischen Konsums. Richtig kaufen ist doch immer noch besser als falsch kaufen.

Vielleicht war ich ihm aber auch zu nervös?
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SPLATTER BUNNY


Letzte Woche vor dem Tatoo-Studio in der Pflügerstrasse. Grauenhaft.

In der Pflügerstrasse geschehen grauenhafte Dinge.

Samstag, 2. April 2011

NEUKÖLLN / ODER LIEBER CHARLOTTENBURG


Diese Woche hab ich mir eine Wohnung in der Karl-Marx-Strasse angeschaut. Die Vormieterin - eine Badenserin mit türkischem Migrationshintergrund und fünfjähriger Tochter - erzählte mir, sie habe die Nase voll von Neuköllner Hinterhöfen. Zudem sei dieses Haus zu deutsch und die Vermieterin aus Wilmersdorf habe sie als Türkin sowieso nur ausnahmsweise genommen, weil sie so badisch ausstrahlt. Ihre Tochter soll nun auf die Freie Waldorfschule in der Ritterstrasse gehen und genau dahin, nach Spießer-Kreuzberg, will sie auch ziehen. Zuerst hatte es Lankwitz werden sollen, dann Charlottenburg, aber dann war sie vernünftig geworden. Das macht noch lange nicht glücklich.

Naja, gestern, der erste Frühlingstag in Charlottenburg. Das war dann aber schon nett.

Alles wieder so gepflegt. Zwei ältere Herren flirteten mit mir im Garten-Café und beglückwünschten mich dazu, dass ich rauchen darf. Daneben lungerten einige wohlerzogene Schüler auf dem Boden rum und versuchten missraten zu wirken. Da wirke ja noch nicht einmal mehr ich missraten. In Neukölln, auf der Karl-Marx-Straße, zwischen all den Spinnern, da kann man machen, was man will: Kein Mensch nimmt dir ab, dass aus dir einmal hätte etwas werden können. Aber hier!

Vor kurzem war ich mit meinem Bekannten im Marjellchen in der Mommsenstrasse essen. Selbst die Stammkneipe des Vertriebenen-Verbandes wirkt hier auf den ersten Blick gelungen. Das Restaurant - ich wollte da aus gewissen Gründen schon an meinem Geburtstag essen gehen - war erwartungsgemäß plüschig: In Altrosa und dunklem Holz gehalte, an der Wand überall Fotos von Danzig bevor die Danzig-Frage gelöst werden konnte. Aus den Lautsprechern trällerte Marika Röck, die Wirtin Romana Azzaro, in Rom geboren, die Großmutter jedoch in Ostpreußen, ist eine stattliche Variante von Erika Steinbach. Mit Goldener Brille und blondierter Dauerwelle. Als wir nach einem Tisch fragten, studierte sie zunächst das Buch, blickte dann über ihre Lesebrille und sagte uns, dass leider alle Tische reserviert seien. Dann drehte sie sich zur Seite und blickte an eine Art Paralleltresen, der von einer gepolsterten Bank umschlossen wurde. Dort saß ein älterer Mann, im Anzug, mit einer großen, schwarzen Brille und sah aus, wie aus der Zeit gefallen. Wie einer dieser feisten Herren, die auf diesen Fotos von irgendwelchen Pressebällen in den 50er Jahren um meine Mutter herum saßen und von denen sie später behauptete, dass das ganz tolle Männer waren und erst Ende dreißig. Dann blickte sie uns wieder spöttisch an und sagte: Oder Sie nehmen neben Herrn Hartmann Platz. Der ist allerdings äußerst unangenehm. Aber die Herrschaften sehen aus, als wüßten Sie sich zu wehren.
Herr Hartmann schwieg zu dieser Äußerung und widmete sich wieder seiner Zeitschrift.

Das Essen schmeckte dann nach großem Heimweh. Der Sehnsucht nach dem Land der Haffe und Seen, der Nehrungen und der kalten Winter - Ostpreußen. In ganz Pommern, Schlesien oder Ostpreußen wird jedoch mit Sicherheit kein Schmorkohl so verkümmelt und kein Masurischer Sauerbraten in einer derart gesättigten Majoransauce schwimmen wie hier.

Ich weiß nicht, ob es wegen Herrn Hartmann war, der sich demonstrativ von uns abgewandt hatte, aber die Wirtin kam alle zwei Minuten an den Tisch, fragte nach dem Rechten und füllte unsere Teller nach. Dummerweise verschüttete ich dann noch meinen Kümmelbrand. Das war alles nicht so rund, wie ich es mir einmal für meinen Geburtstag ausgedacht hatte. Gut, dass wir das gelassen hatten.

Darüber war ich dann aber eben doch ein wenig unglücklich - in Charlottenburg. Und mein Bekannter machte danach auch einen betrübten Eindruck.

Irgendetwas ist ja immer.

Fotos:
oben: Baumscheibe in der Leibnizstraße
unten: Konstruktion in der Sonnenallee

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