Montag, 31. Januar 2011

FEGEFEUER / FUSSPFLEGERINNEN

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Souvernier-Shop am Eingang des der ehemaligen Lenin-Werft,
dem Ort der Solidarnosc in Gdansk




Vorgestern Abend, nach einer schwerwiegenden Friedenspfeife, die ich allerdings eher für mich alleine rauchte, noch eine etwas melancholische Runde durch die Gemeinde gemacht. Es gab etwas durchzustehen, wie sich herausstellen sollte. Aber eigentlich wusste ich das schon den ganzen Tag. Erst im Orya (genau: "Hüzün" - die türkische und damit stärkste Fassung der Melancholie weltweit) mit Ilker seinen neuen Trailer angeschaut: "Araf -Fegefeuer" - das wird ein toller Film. Ilker erklärte mir in seinem New-York-Englisch, was Araf für die türkische Gesellschaft ist. Ein sehr wichtiges Wort natürlich. Sein Film wird eine musikalische Suche, nach dem Fegefeuer, durch das die Almanci, genauer: die Deutschtürkische Jugend, gehen muss. "Das Fegefeuer ist etwas, zwischen Himmel und Hölle. Es entscheidet sich. Aber es ist nicht deine Entscheidung. Du musst da durch, nicht obwohl, sondern weil du keine Wahl hast!", so Ilker. "So, wie wenn man liebt?" fragte ich. "Ja, genau so - das suchst du dir nicht aus ", freute sich Ilker über meine gute Idee, als wär die von mir.



"nicht hinauslehnen"
Gdansk im Dezember 2010


Die Zugfahrt von Scezcin nach Gdansk gestern war dann grausam unwirklich. Die Fahrgäste sahen entweder aus, wie Neonazis oder wie FusspflegerInnen. Aus Notwehr schickte ich mir mit Orhan, der mich am Morgen aus Versehen angerufen hatte und dann doch in Istanbul war, sms hin und her und stellte mir schöne Sachen vor. Das war gar nicht so einfach und erforderte in jeder Hinsicht ein gerüttelt Maß an Wirklichkeitsverleumdung. Sonst nicht meine Sache. Aber auch nach Gdansk, musste ich nun einmal fahren. Mit einem bösen Mann reden, wie mir Kasia vom Verlag Krytyka Politycna in der Einladung sagte.

Der hatte aber heute früh Angst und versprochen, mich morgen zu treffen. Man wird sehen. So kam es nur zu einem sehr langen Gespräch mit einer Gruppe Menschen, deren Fegefeuer seit teilweise fast 40 Jahren darin besteht, die ignorante Drogenpolitik Polens nicht mit dem Leben zu bezahlen.

Eigentlich wollten wir Wadek interviewn. Kasia sagte mir, er sei der wichtigste Drogenkonsument Polens. Er ist seit 38 Jahren süchtig. Davon hat er 35 Jahre Heroin genommen - die längste Zeit selbst gemachtes - und seit drei Jahren nun ist er auf Substitution. Illegal. Die ganze Zeit über hat er auch als Schiffsbauer in der Werft gearbeitet.
Anya (Name sicher falsch), die 10 Jahre in Philadelphia gelebt hat, bestand darauf, das alles ins Englische zu übersetzen, obwohl Kasia ja Deutsch spricht. Das führte jedenfalls dazu, dass wir zunächst nichts erfuhren, ausser, dass die Welt es nicht gut meint - mit ihnen im allgemeinen und ihr im besonderen. So wie sie da saß, mit ihrem perfekten Make Up und der riesigen lila Strass-Haarnadel, konte man meinen, sie sei eine in die Jahre gekommene Musical-Darstellerin. Dazu hatte ich die ganze Zeit die Melodie von "I will survive" in den Ohren.

Im Ernst: Das war alles ziemlich lustig.


Veranstaltungstipp: Emine Sevge Özdamar liest am 9. Februar ab schätz ich mal 20 Uhr im Salon Petra über ihre erste WG in Berlin (die 70er) und wenn ich es schaffe, dann lese ich über mein erstes und letztes Hausprojekt (die 2000er). Das fand die ne gute Idee.

Samstag, 29. Januar 2011

NIX / NIX









Überhaupt nichts erlebt heute.
Gar nichts.

Schön.

Freitag, 28. Januar 2011

IDEAL-PASSAGE / ALLERGIE

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Diese Landeswappen hat der Assistent des Aushilfshausmeisters in der Neuköllner Ideal-Passage auf den Boden gemalt. Bremen und Sachsen hab ich nicht erkannt. Aber wie mir Herr Radtke versicherte, habe neulich auch Heinz Buschkowsky bei einer Besichtigung der Wohnanlage nicht gut abgeschnitten. Ich plauderte ein bisschen mit Radtke. Nach einer Weile bat er mich, ein wenig in den Hauseingang einzutreten, weil ihm kalt sei. Wir standen an der obersten Stufe der Kellertreppe, als mir auffiel, dass die Wände und Decken schwarz gestrichen waren und schwarze Stufen in die Finsternis führten. An der Decke hing ein silbernes Schild, in das in roten Lettern geätzt stand: ALLERGIE

Ich stutzte und sah wohl etwas ängstlich dabei aus und Herr Radtke versicherte mir, dass ich keine Angst zu haben brauche. Da ich mir da unsicher war, fragte ich ihn nach der Bedeutung des Schildes. Und er erzählte mir von seiner neurotischen Nachbarin, die gegen alles allergisch sei und deshalb ständig Beschwerden über ihn, den Hausmeister und die Nachbarn bei der Wohnungsbaugenossenschaft einreiche. Unter anderem sei sie angeblich gegen die Lösungsmittel in Holzleim allergisch. Im Sommer habe sie sich deshalb andauernd über Sperrmüll im Hof beschwert. Sie könne wegen der Ausdünstungen das Fenster nicht offen stehen lassen. "Aber einmal, als Manne hier noch Hausmeister war, da hat er aus einem Keller einen Haufen Pressspanplatten herausgeräumt und sie auf dem Hof zertrümmert und in die große Tonne da hinten geworfen. Anschließend kam ein Nachbar und legte Kleider auf den Deckel. Später habe ich beobachtet, wie sie stundenlang in den Klamotten rumwühlte. Und: natürlich keine Allergie bekam. Die spinnt. Damit sie mich in meinem Haus in Ruhe läßt, habe ich das Schild hier hin gehängt."
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Samstag, 22. Januar 2011

BAUMSCHEIBE KARL-MARX-STRASSE / HYBRIDE




Beim Anblick des Rohres in dieser Baumscheibe dachte ich zunächst an einen frühsteinzeitlichen Wanzen-Ötzi, den der Permafrostboden Nord-Neuköllns aufgrund der Klimaerwärmung langsam frei gibt. Oder an eine merkwürdig plastinierte Wurzel.

Spannend ist auch, wie die Pressspan-Bretter langsam in den Boden hineinzufließen scheinen. Zurück zum Ursprung - dem Baum? Wir wollen Wurzel werden!

Enstehen hier etwa Sperrmüll-Baum(-scheiben)-Hybride?

Im Sinne Latours wäre Neukölln damit wirklich vorne, weil hier die Dichotomie zwischen Natur und Kultur aufgelöst wird. Oder von Objekt und Subjekt (Mein Freund der Baum...).

Kulturgeschichtliches Brainstorming: Die Hybris, ein Wort, mit dem dieser Begriff ja verwandt ist, bezeichnet eine frevelhafte Vermessenheit gegenüber den Göttern - und damit eine selbst verschuldete Gefährdung des Menschen durch seine innere Natur. Eine Grenzüberschreitung, die die bestehende Ordnung transzendiert.

Im Lateinischen wurde daraus "Hybrida" - der Mischling.

Mit einer zunehmenden Mechanisierung der Welt wurden die Gesetze bewegter Körper auf die Natur übertragen und es entstand das Bild der Körpermaschine (Rene Descartes). Mendel meinte damit schlicht die Kreuzung von Pflanzen. Für Friedrich Nietzsche war der Hybrid dann ganz biologistisch eine Metapher für unheilvolle Vermischungsformen, die noch unheilvollere "Verfallserscheinungen" nach sich ziehen. Rettung versprach er sich von dem Erhalt der "Rasse mit eigener Lebenssphäre". Und davon versprechen sich ja auch heute noch viele was. Die Naturwissenschaft sieht im Hybrid heute natürlich eher die positive Bedeutung des "sowohl-als-auch" - eine Anerkennung der Verschiedenheit und der Vermischung. Rein technisch jedenfalls.

Und dann kam Latour und sagte: Wir sind nie modern gewesen! Wir müssen zurück. Weit vor die Moderne zurück.

Er fordert uns auf, uns von der Vorstellung zu verabschieden, dass Ökologie etwas mit Natur zu tun hat. Sie ist vielmehr ein Verfahren, mit deren Hilfe ein kollektives Leben für menschliche und nichtmenschliche Wesen gehandhabt werden kann. Das Originäre der Ökologie nämlich "verschwindet schnell hinter technischen Einrichtungen und Regularien zur Verringerung von Abfall und Luftverschmutzung." Daraus wiederum entsteht in einem "business as usual" eine ganze neue Öko-Industrie. Und alle diese Praktiken sind nun eine Frage der Kontrolle, Überwachung und Steuerung geworden. Tschüß, bärtiger Öko!

In seinem "Parlament der Dinge" versammeln sich als "Akteure" einer modernen Gesellschaft - nämlich Kultur, Technik, Wissenschaft, Gesellschaft, Menschen, Materialität, Diskurs, Ideen bis hin zu geschlechtslosen Wesen wie Cyborgs. Er spricht von einem "Eigensinn der Objekte" - und das es den gibt, kann man ja auf dem Bild oben sehen. Im Zusammenspiel mit menschlichen Akteuren können wissenschaftliche Kontroversen in ihrer Komplexität besser begriffen werden.

Damit spricht er sich auch gegen die "Herrschaft der Experten" aus. Und fordert weit mehr als etwa eine "Konferrenz der Tiere" für die Ökologie. Denn auch dann, wenn beispielsweise eine Bürgerinitiative erfolgreich den Bau von Sozialwohnungen auf dem Gelände des ehemaligen Tempelhofer Flughafens erkämpft hat, sind es noch immer die politischen Vollprofis, die die Verträge unterschreiben.

Sowas rauschte mir durch die Rübe, als ich heute Nachmittag mit meinen neuen kreativen Nachbarn den Samstagnachmittag im Schnell & Sauber verbummelte und eine Stunde in einen Trockner glotzte - ich hatte vergessen zu schleudern. Und glaubte es verstanden zu haben - den Latour - aber noch immer nicht, wo da die Lösung zu finden ist. Irgendwie im Verschmelzen jedenfalls...
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Sonntag, 16. Januar 2011

BAUMSCHEIBE KARL-MARX / SO WAS HABEN WIR NICHT




Noch ein Monat und dann ist fast schon wieder Ostern,
sagte ein Freund vor einigen Tagen zu mir


Gestern machte ich mich zu einem ersten Frühlingsspaziergang auf und tatsächlich beginnen einige Mitbürger bereits jetzt eifrig damit, die kleinen Grünflächen vor ihren Häusern zu entwickeln. Zum Pflanzen ist es ja noch etwas früh. Hier eine Neuköllner Variante nach dem Vorbild moderner Floristischer Objekte.

Auf dem Weg nach Tempelhof kam ich mir ein wenig vor, wie auf einem fernen Planeten kurz nach dem Einschlag eines Asteroiden. Auch auf dem Tempehofer Feld ging es mir nicht anders und so lief ich nach Kreuzberg 61 weiter. In der Hoffnung, dass mich die sogenannten Futon-Ficker am Südstern aufheitern würden. Als ich gerade ein Buch im Antiquariat in der Gneisenaustraße bezahlen wollte, wurde ich von einem Frauenproblem überrumpelt und bat die Antiquarin, ihre Toilette benutzen zu dürfen. Mit einem Blick, als hielte sie mich für eine intergallaktische Weltraumkakerlake oder einen Junkie, fragte sie mich: Sind hier nicht auch Kneipen in der Nähe? Jetzt fiel mir ein, womit sie mich vor zwei Jahren schon mal überraschte. Ich hatte sie damals nach türkischen Autoren gefragt, von denen ich unter A bis Z keinen einzigen gefunden hatte. So etwas haben wir nicht, war die Antwort. An der Eingangstür lag ein Buch von Feridun Zaimoglu. Nun, dachte ich, wenigstens integriert sie Deutschtürken.

Sie durfte das Wechselgeld behalten und ich rannte zur nächsten Kneipe und direkt zum Klo. Als ich gerade zum Tresen zurück kam und mich bedanken wollte, wurde es dunkel. Stromausfall in Kreuzberg. Als wäre das etwas alltägliches, wurden Feuerzeuge gezündet und nach Kerzen gesucht. Kein Mensch verlor ein Wort darüber. Man bestellte das nächste Bier.

Am frühen Abend war ich sehr betrunken.
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Dienstag, 11. Januar 2011

SCHON IMMER DAGEGEN GEWESEN / ANTI 2011






Anti-Fussball-Logo




Man kann ja gegen alles mögliche sein, gegen Flaggen oder den Adel, gegen Häkeldecken oder gegen Delphine. Gegen irgendwas scheint jeder zu sein. Googelt man das Wort "Anti", wird einem eine Flut von Bildern, Logos und Kampagnen auf den Bildschirm gespült. Alles gegen alles mögliche. Ein verflossener Freund etwa war total gegen Spießer.

Dazu könnte ich mal wieder zitieren. Nicht Deleu
ze, nein, sondern meine Mutter. Ich hatte sie einmal etwas verzweifelt um Rat gebeten und sie sagte: Menschen, die auf keinen Fall "spießig" sein wollen, wie die das nennen, sind eigentlich die größten Spießer. Danach wusste ich, worauf zu achten war.

Man kann auch gegen Fussball sein
zum Beispiel. Der Mann, der nicht mehr mein Freund sein kann, brüllte mich mal ganz am Anfang unserer zarten Liebe an: Wie kannst du nur Fussball gucken? Etwas schwachsinnigeres gibt es ja gar nicht...

Eine Weltmeisterschaft später dann - die taz hatte gerade Fraukes WM
-Club gestartet ("Ich bin das ganze Jahr gegen Deutschland und mit einem Mal ist Friede,Freude, Eierkuchen... hallo? - Tut mir leid, geht nicht, sorry") - lief ich an einem Restaurant vorbei und konnte ihn dort durch ein Fenster hindurch sitzen sehen. Er wackelte hektisch mit seinem Kopf, während er eine Suppe löffelte. Ich dachte, er unterhielte sich mit jemandem. Aber als ich den Laden betrat, sah ich, dass dort ein Fussballspiel auf Großbildleinwand gezeigt wurde. Und er verfolgte das interessiert. Verwundert fragte ich ihn, wie er dabei essen könne. Er sagte: Wieso? Ich schau mir halt das Spiel an, um auf dem laufenden zu sein.

Ein Bekannter nannte das "Borderline-Syndrom".


Ich nenne das Arschloch.


An dieser Stelle der pessimistische Ausblick auf das neue Jahr von Cord Riechelmann. Erschienen in der Jungle World vom 6. Januar 2011. Unter der schönen Überschrift "Warum 2011 alles nur noch schlechter werden kann"
Ich stelle den Text hier einfach mal ein.

Und das nächste Mal schreibe ich über die Anti-Delphinisten ("save our race"). Sehr interessant.


Anti 2011

Schlimm wird 2011, wenn Borussia Mönchengladbach absteigt, obwohl man schon bei den letzten Spielen kaum mehr zusehen mochte. Schlimmer aber wird sein, dass die deutschen Antis auch dieses Jahr nicht verstehen werden, d
ass jedes Anti auf immer mit dem Wort, das danach kommt, verknüpft bleibt. Um das zu verstehen, muß man schon Gilles Deleuze, Félix Guattari oder Bruce Chatwin heißen. Chatwin erzählte einmal von einem Ort in Australien, in dem man zwischen zwei gegenüber liegenden Hotels wählen konnte: Dem »Windsor« und dem »Anti-Windsor«. Was, das sah Chatwin klar, nichts anderes war, als zwei Namen für dieselbe Sache: Hotels nämlich. Und Deleuze/Guattari wussten genau, dass, wenn sie einen »Anti-Ödipus« schreiben, Ödipus immer dabei sein wird. Man wird die Sachen nicht los, in dem man nur die Vorzeichen an einem Namen ändert. Im Gegenteil: Wer andauernd Heidegger die Spitzendeckchen auf seinen Freiburger Tischen vorhält, muss sich irgendwann fragen lassen, woher denn die gleichen Deckchen auf den Tischen bei Adornos in Frankfurt kamen. Die Antwort lautet: Von den Heideggers natürlich. Am Ende seines Denkwegs war Adorno Heidegger nämlich in seiner dauernden – natürlich wie immer auch kritischen – Auseinandersetzung so nah auf den Pelz gerückt, dass er wie Heidegger das Heil nur noch in der Ästhetik finden konnte. Während aber Heidegger wie ein indischer Mystiker zuletzt nur noch immer dieselbe Silbe vor sich hinbrummte, spielte Adorno weiter unverdrossen Klavier. Am liebsten vierhändig: Mystiker und Musikus im Duett sozusagen.

Am Schlimmsten wird aber die Wiederholung eines alten Übels in diesem Jahr: Der Glaube daran, dass Denunziation ein Stilmittel des politischen Denkens sein könne. Möge doch mal einer einen Text zur Heideggeriesierung Adornos schreiben. Das Jahr würde nur halb so schlimm werden.

Cord Riechelmann


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