Dienstag, 28. Dezember 2010

GENTRIFICATION I / SCHLAGHOSEN

ein noch zu gentrifizierendes Gebiet
in der Gdansker Innenstadt


In der vergangenen Woche habe ich in der schönen Stadt Gdansk an einer Konferenz teilgenommen, die der Verlag und Zeitschrift Krytyka Polityczna im Rahmen eines Projektes veranstaltet hat. Eingeladen waren Gäste und Partner des Projektes „Miejsca transformacji” - Orte der Transformation - aus Gdansk, Kiew und Berlin. Es ging um Verdrängungsprozesse in Europäischen Städten. Wie etwa durch Aufwertung - auch Gentrification genannt. Einem Begriff, der noch vor wenigen Jahren ausschließlich in der Stadtsoziologie benutzt wurde, dessen Verwendung in Deutschland dann zwischenzeitlich ausreichte, den Berliner Soziologen Andrej Holm in Untersuchungshaft zu sperren, weil man ihn damit in die Nähe von Terroristen brachte, der mittlerweile aber jedem Bildzeitungsleser geläufig ist. Eine Frage, die sich durch die gesamte Veranstaltung zog, war die nach der Verantwortlichkeit der Künstler, oder besser der, die man als creative class bezeichnet und, die sich auf die neuen In-Bezirke stürzen um dort zu wohnen und zu arbeiten. Menschen also, die in der Kreativwirtschaft arbeiten und um die sich Städte wie Berlin bemühen - sind sie doch der entscheidende Wachstumsmotor...

Am Ende kann man mal abgesehen von Grzegorz Lechman von der Stadtentwicklungsbehörde in Gdansk von einem gewissen Konsens sprechen. Verantwortlich zu machen ist ein Maß an Korruption in der Bau- und Immobilienwirtschaft und Politik sowie die Verschränkung eigentlich diametraler Interessen von Bürgern, Investoren und der städtischen Behörden, die möglich macht, dass soziale Prozesse in Innenstadtgebieten Europas - natürlich gefördert mit EU-Geldern - von den Städten in die Hände des Marktes gegeben wurden. Vom Sozialen Wohnungsbau hat man sich allerorts verabschiedet und betreibt stattdessen den Ausverkauf öffentlichen Eigentums. Der entscheidende Unterschied besteht eigentlich nur in der Ehrlichkeit. Grzegorz Lechman begründete den Rausschmiss von Mietern in einem Sanierungsgebiet mit krossen Behauptungen über (saufende) Bürger, die auf der berühmten sozialen Hängematte Polens ihre Eier schaukeln liessen während ihre Ziegen auf den Balkonen grasen und der Behauptung, deren Kinder würden später auch mal Arbeitsolsengeldempfänger werden wollen. Fast glaubte ich, einer Sarrazin-Lesung zu lauschen. "Das wird man doch mal sagen dürfen".

In Berlin hat man sich schon Ende der 90er Jahren weitgehend von einer Stadtentwicklungspolitik verabschiedet, die Rücksicht auf die sozialen Verhältnisse von aufzuwertenden Innenstadtnahen Gebieten nimmt - sogenannte "Problembezirke" mit einem hohen Anteil an Bevölkerung niedriger Einkommen und natürlich mit Migrationshintergrund. Unter anderem sagte der damalige SPD-Stadtentwicklungssenator Peter Strieder 1998 über den "Millieuschutz", daß dieser irgendwie nicht mehr zeitgemäß sei: „ein Instrument aus den 70er Jahren", teilte sein Referent Philipp Mühlberg mit. Vermutlich so was Ähnliches wie die Schlaghosen, die einfach aus der Mode gekommen sind, wie die Autorin Ulrike Steglich damals im Mieterecho vermutete. Statt Milieuschutz favorisiert Strieder für „Problemgebiete" die sogenannte Eigentumsbildung. Das heißt konkret die Ansiedlung Besserverdienender und hochwertigem Gewerbe, Verkauf städtischer Immobilien an Investoren und das Konzept eines sogenannten „Quartiersmanagement" - soziale Prozesse sollten nun in Zukunft gemanaged werden. Mittlerweile sind in fast allen Bezirken Berlins, besonders in solchen, in denen Transformationsprozesse zu erwarten sind, solche Büros eingerichtet. Und auch die Stadt Hamburg hat sich diesem Konzept angeschlossen.

Dabei ist das Quartiersmanagement kein Teil der städtischen Administration, wie viele Berliner (und auch Hamburger) durch den Auftritt der Einrichtungen in den jeweiligen Nachbarschaften erfolgreich getäuscht annehmen. Sondern eine Programm oder besser eine Strategie, für die verschieden Gelder aus den Förderprogrammen des Bundes und der EU abgerufen werden können. Für das Betreiben eines QM-Büros kann sich jeder bewerben. In den am heißesten diskutierten Bezirken Berlins, nämlich genau denen, in denen in den nächsten Jahren die radikalsten Veränderungen zu erwarten sind, betreibt diese Büros die BSG - Brandenburgische Stadterneuerungsgesellschaft mbH. Seit 1993 führt die BSG im Auftrag des Bezirksamtes Neukölln auch ein Stadterneuerungsbüro im "Untersuchungsbereich Schillerpromenade" und hat eine Milleuschutzsatzung erarbeitet. Unter Milleuschutz wird heutzutage allerdings einzig noch der Erhalt historischer Bausubstanz verstanden. Das hat mit Menschen nichts zu tun. Erfreut sich aber großer bildungsbürgerlicher Begeisterung.

Im Schillerkiez hat alleine die Aussicht darauf, das dieser immer noch sehr graue und unattraktave Kiez in Zukunft direkt am neuen Grand Central Park von Berlin liegen wird und die Investorenfreundliche Arbeit solcher Einrichtungen wie des Quartiersmanagements bereits dazu geführt, dass die durchschnittliche Kaltmieten bei Neuvermietungen im Durchschnitt schon auf 9 bis 10 Euro pro Quadratmeter gestiegen sind. Das nennt man eine gelungene psychologische Aufwertung. Schon stürmt die kreative Klasse, denen der angrenzende Reuterkiez nun langsam auch zu teuer geworden ist im Goldrausch die neuen Gebiete. Was in Neukölln schon zu einem regen Zugereisten-Bashing führt. Aus der Not, scheiß Englisch zu sprechen wird da auch mal eine Tugend gemacht und das "party pack" beschimpft: Geht doch alle wieder nach Hause! Wir hatten zuerst die Idee, hier zu wohnen...

Doch sollte sich der Ärger doch lieber auf die konzentrieren, die diese Verschleierung wünschen und unterstützen und Stadtentwicklungspolitik in die Hände des Marktes gegeben haben, damit sie den Dreck rauskehren. Und dabei ist es nicht gerade schwer, herauszufinden, wer hier die Sozialplanung betreibt: Ein der Bauindustrie nahestehendes Unternehmen, das in Berlins benachteiligten Stadtteilen dem Senat seit 1999 dabei behilflich ist, "Prozesse umfassender sozialer und ökonomischer Stabilisierung in Gang zu setzen".
Teil ihes Angebotes im Bereich Sozialplanung sind beispielsweise Mieterbetreuung, Umsetzverfahren sowie Entschädigungen und Härteausgleich. Wo diese Interventionen nötig werden, wissen die Wirtschaftsingenieure und Planer der GmbH schon im Vorfeld, da sie sich im Rahmen ihres Angebotes "Projekte und Projektmanagement" durch Ideen- und Realisierungs- und Investorenwettbewerbe oder in Planungswerkstätten und in der Öffentlichkeitsarbeit für die Immobilienwirtschaft, vor allem der Eigentumsförderung widmen. Das stets multikulturell besetzte Team der QM-Büros ist dabei als eine Art Speerspitze zu sehen, die im Kiez schon mal die Fühler nach Freund und Feind ausstreckt. An den Türen und Fenstern der Niederlassungen kleben zig Aufkleber und Plakate mit den Logos von EFRE, dem Programm Soziale Stadt oder der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Nur das Firmenzeichen der Betreiber ist nirgends zu finden.

In der Märzausgabe des Magazins Randnotizen ist unter dem Titel "Wer Macht die Stadt" alles genau nachzulesen. Aber das lesen ja nur linke Chaoten. Randnotizen wird sicher nicht durch das QM gefördert - denn sie berichten über die sozialen Schieflagen und die Stadtentwicklungspolitik in deutschen Städten und das: schreckt Investoren ab.

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Freitag, 24. Dezember 2010

FOLKLORE / GENTRIFIDINGS




Gestern Abend habe ich vollkommen matschbirnig NDR geschaut und festgestellt, dass Carlo von Tiedemann immer noch lebt. Verrückte Welt. Während ich den nordischen Weihnachtsliederschlagern lauschte, fiel mir auf, dass es in Berlin vor lauter Gentrifizierung gar keine Folklore mehr gibt. Der RBB ist ja auch mehr so der creative channel geworden. Die hat eben auch ihr gutes, diese Gentrifizierung.

Oben mein bisher vielleicht kürzester Film. Ich stand an den Hamburger Landungsbrücken neben der Gorch Fock und ein Quetschkommodenspieler weckte heimatliche Gefühle in mir. Dann war es meinem Telefon zu viel. Aber es hat alles wesentliche eingefangen: Das Lied endet, wo es begann. Eine Sekunde später fuhr ein Schiff mit einem großen Weihnachtsbaum auf dem Bug vorbei. Am Abend lehrte mich der NDR, das sei Tradition.

Auf dem Weg zum Hafen unter einer Brücke hatte ich zuvor ein riesiges wildes Obdachlosenlager entdeckt. Es war wohl wegen der Kälte verlassen worden. Mittendrin ein Weihnachtsbaum. Mit rotem und grünem und goldenem Müll geschmückt.

Die Elbe ist hier komisch. Sie fließt rauf und runter. Sie schunkelt.

E

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Montag, 20. Dezember 2010

LICHTENBERGER GESPRÄCHE / GANZ GROSS RAUS KOMMEN

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Graffiti-Zug in Koszalin
und es hört nicht auf zu schneien



Vorgestern Nacht bin ich aus Gdansk zurück gekommen. Eine tolle Konferenz. Doll. Ganz doll. Zwischendurch war ich in diesen Tagen als Deutsche immer etwas kleinlaut. Aber das darf man wohl auch noch immer sein - obwohl ich nur herzliche Begegnungen hatte. Dann auf der Zugfahrt durch die verschneite polnische Ebene kam ich mir ein bisschen vor, wie die Gräfin vor - auf ihrem Wallach.

In Szczecin musste ich dann zwei Stunden mit nassen Füßen auf den Regionalexpress nach Berlin-Lichtenberg (!) warten - zusammen mit dem deutschen Saufpöbel mit seinen Tüten voller Zigaretten. In Lichtenberg erwischte ich einen sehr deutschen und glatzköpfigen Taxifahrer, der mich auf Umwegen nach Kreuzberg fuhr. Das war gemein von Die Bahn. Einer älteren polnischen Dame half ich gemeinsam mit türkisch-stämmigen Polen, sicher zu einer S-Bahn zu kommen. Türkisch war da unsere einzige Verständigungsmöglichkeit. Das fand ich schön.

Heute durfte ich dann im M29-Bus durch Kreuzberg ein kleines politisches Strategiegespräch zweier Lichtenberger DVU-Anhänger belauschen. In Ermangelung an Gehirnen klang das etwa so:

Aber die haben in Lichtenberg doch auch nicht so viele Leute! +++ Ja, aber jetzt, äh, die wollen na hier in Neukölln alle mitmachen. +++ Äh? Ach den Hausmeister hier? +++ hmm... +++ Hier, ja drei Sitze brauchen die +++ Aber hamse ja nicht +++ nee +++ ... +++ Ey aber nächste Jahr is sowieso dann hier, äh die proDeutschland, weste? die kommen dann ganz groß raus +++ Glaubste? +++ Naja, jetze... äh, wird jetzt nich gleich überall sein, sag ich mal +++ aber immerhin

Es folgte einiges Getuschel über die Juden und was schon alles vorm Hitler war. Der Lange erzählte dem Dicken noch mit etwas tranigen Augen was von einer Phönix-Reportage über Weihnachten an der Front und, dass das ja ein englischer Offizier damals nicht wollte, dass die bei Waffenstillstand zusammen Weihnachten feiern. Tolle Sendung und so. Dann verabredete sich der Lange am Telefon zu einem ruhigen Abend bei Bier und Nüßchen und der Dicke fragte: Du, bist du böse, wenn ich mit komme? Ne... aber red da dann nicht so viel von der Nationalen Sache und so. Der tickt anders als wir. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Eher Tofu.

Dann haben sie gelacht.
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