Donnerstag, 28. Oktober 2010

GRAFFITI STRICKEN / WARM ANZIEHEN

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Reuterstraße
schöner warmer Pulli



Graffiti-Stricken ist in Paris ja schon lange in Mode. Im Beton & Garten-Blog sind besonders schöne Exemplare eingestellt, die ich in der vorvergangenen Nacht dort entdeckte. Morgens laufe ich noch ganz benebelt in die Reuterstraße. Und siehe da, schon eine Bewegung geworden: Guerilla Stricken

In der deutschen Ausgabe der Vice ist zu lesen:

“… Endlich eine Street-Art-Variante für all die Pussys, die in der Überzeugung aufgewachsen sind, es sei wild, zwei verschiedenfarbige Socken zu tragen. Zum Mitschreiben: Ist es nicht. Genausowenig, wie man “Guerilla” vor jedes beliebiges Hobby setzen kann, nur, um politisch zu sein. Was kommt als nächstes? Guerilla-Kochen? Guerilla-Briefmarkensammeln? Guerilla-Nagellackieren? Wenn ihr euch unbedingt ausdrücken wollt, warum tretet ihr nicht in einen Chor ein? …”


Würde ich so etwas schreiben, würde man mich wieder als frustrierte dumme Kuh beschimpfen. Ich hab manchmal wirklich auch so eine schlechte Laune. Einfach mal nichts tun, wäre auch was. Oder nur heimlich...

Die Hamburger Künstlerinitiative Park Fiction macht das genau umgekehrt zu all den Strassenkünstlern: "Die Miete drück ich mir jetzt selber! Mit wenigen Handgriffen lässt sich das Erscheinungsbild ihrer Wohnung nach aussen verschlechtern. Schon bald setzt der ´broken windows effect´ ein". Auf Youtube gibt es da noch das schöne Video "Es regnet Kaviar"

Heute fiel mir dann die neueste Ausgabe des Stadtmagazins Hamburg: in die Hände ("Das Magazin aus der Metropole"). Herausgegeben wird es von der Hamburg Marketing GmbH. Jede Stadt gibt mittlerweile so ein Magazin heraus, in denen Werbefritzen sich über Stadtentwicklung verbreiten. Selbst ein 1000-Einwohner-Kaff in der bayrischen Rhön.
Die neue Ausgabe befasst sich mit Guerilla Gardening, Hobby-Imkern und alternativen Gärten. Sogar die Rote Flora (neulich wieder in die Schlagzeilen geraten, weil vor dem Haupteingang ein Blumenkübel umgefallen war - Täter nie gefasst) war Teil der jüngsten Kampagne. Das war natürlich abzusehen. Diese Typen machen einem ja immer nur alles nach. Zieht euch warm an!
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Freitag, 22. Oktober 2010

BAHNBRECHEN / ZUM ZUG KOMMEN

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Als "bahnbrechend" bezeichnete ein Kommunikationsexperte die Vorgänge nach der Übertragung der Schlichtungsverfahrens in Stuttgart.

Das fand ich eine gute Prognose.

An dieser Stelle muss ich einen alten Artikel einstellen, der eine für mich bahnbrechende Zeit beschreibt. Ohne Bild - mir fällt nichts ein.

BERLINER ÖKONOMIE

taz vom 11. Dezember 2007

Kap der Angst - Angstangst inklusive

"Angst ist keine Weltanschauung" (Kurt von Hammerstein)

In der Bauleitung für den Lehrter Bahnhof, wo ich vor einigen Jahren als studentische Hilfskraft arbeitete, sagte mir meine Vorgesetzte eines Tages, sie traue sich nicht mehr nach Hause, weil sie Angst habe, ihr Kollege, mit dem sie für die Zeit des Projekts in Berlin eine Wohnung teilen musste, werde eines Nachts mit einem Maschinengewehr in ihr Zimmer kommen. Ich fand das etwas hysterisch. Am folgenden Tag jedoch trafen wir den Kollegen auf dem Weg zum Mittagessen, und als sein Blick mich traf, wusste ich, was sie meinte - Todesangst.

Die Stimmung auf der Baustelle wurde immer schlimmer. Ein Bauleiter und ein Ingenieur nach dem anderen flogen raus oder wurden mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ins Krankenhaus eingeliefert. Die Herren Ingenieure von Bahn und Arge buckelten nach oben und traten nach unten weiter. Kollegen verkehrten nur noch schriftlich miteinander. Der Druck stieg an. Kurz darauf wurde der Berg an Arbeit immer größer, meine Chefin verließ die Firma, und ich hatte jeden Morgen Angst, dass ich am Tag zuvor Tausende von Euros durch einen Fehler verbrannt haben könnte - Versagensangst.

Ich ging immer öfter auf die Baustelle und immer seltener an die Uni. Mich beschlich die Angst, dass ich auch dort den Anschluss verlieren würde. Zuletzt blieb ich ganz weg, weil ich befürchtete, dort nicht mehr willkommen zu sein - Sozialangst.

Man entließ die Sekretärin, sie schwieg dazu, weil sie Angst hatte, sie käme dann auf eine schwarze Liste, und ich auch, aus Angst mit zu fliegen. Ein ehemals langzeitarbeitsloser Techniker wurde mir zur Seite gestellt und aus Angst, dass er vor mir wieder gehen müsste, verbreitete er, ich würde dauernd Fehler machen. Ich wurde krank - und bekam rückwirkend die Kündigung. Danach wurde mein mobbender Kollege krank und flog ebenfalls.

Seit meinem Umzug nach Berlin vor einigen Jahren hat sich etwas verändert in meinem Leben. Eigentlich als Tal der Seligen verspottet, entpuppte sich diese Stadt als eher anstrengend. Meinen ersten Job kündigte ich, weil die Geschäftsführung eines jungen Unternehmens meinen Kontakt zu meinem vorherigen Chef plötzlich für gefährlich hielt. Man bezichtigte ihn der Verbreitung eines Gerüchts hinsichtlich der Zahlungsfähigkeit des Unternehmens und befürchtete, in eine Insolvenzfalle zu geraten. Ich kündigte, weil ich diese Atmosphäre nicht mehr ertrug.

Mein alter Chef lachte damals darüber: "Ach, Antonia. Die haben ständig im Hintergrund Bilanzen laufen aus Angst, sie könnten mal in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Selbst wenn sie 'ne Million auf dem Konto hätten, würden sie es nicht glauben, weil ihnen die Bilanz etwas anderes sagt" - Angst vor Kontrollverlust.

An der Uni machte ich plötzlich die Erfahrung, dass Leute nicht über ihre Ideen redeten, weil sie Angst hatten, man könne sie ihnen klauen - Verlustangst. Obwohl mein damaliger Freund Beamter war und gut verdiente, pflanzte sich eine ständige Angst in meine Brust. Dass ich die Miete nicht bezahlen kann, vor sozialem Absturz, vor Professoren, die mir ansahen, was ich für ein ängstlicher Hase war. Ich hatte zunehmend Angst, verlassen zu werden, und Angst davor, dass ich meine Ängste nicht mehr in den Griff bekäme - Angstangst.

An der Uni wurden in dieser Zeit "neue Seiten aufgezogen". Man befürchtete, im Rahmen des Hochschulrankings ins Hintertreffen zu gelangen. "Wir müssen uns dem internationalen Vergleich stellen", sagte man mir in der Studienberatung. "Die Studienzeiten sind dabei ein wichtiger Faktor. Unsere Studenten müssen jetzt einfach schneller fertig werden." Im selben Jahr verließen einige Professoren den Fachbereich und wurden nicht ersetzt, was zur Folge hatte, dass nicht mehr genug Projekte angeboten werden konnten. Mir wurde aber versichert, dass irgendjemand sich meiner annehmen müsse, wenn ich mit einem eigenen Projekt ankäme. Die Vorstellung, ganz allein zu Hause in einem einsamen Projekt zu ertrinken und in regelmäßigen Abständen lustlos von einer Lehrkraft angehört zu werden, die aufgrund meiner Beschwerde zur Betreuung verpflichtet wurde, war jedoch nicht angenehm.

Eines Tages sollte es eine Studienfahrt zu einer Baumesse in München geben: scheinrelevant! Eintritt, Fahrt, Essen, alles musste selbst bezahlt werden. Ich hatte nicht einmal Geld für meine Miete, jedoch Angst, mich zu drücken. Am Abend, an dem ich mit meiner Studienfreundin auf die Abreise wartend zu Hause rumsaß, überlegten wir uns, wie wir die Reise doch noch vermeiden könnten. Da zog "Kyrill" auf. "Kyrill", der Wunderbare! Es kam zu einem Verkehrschaos, und wir riefen wieder und wieder bei der Assistentin des Lehrstuhls an, um ihr unsere Bedenken vorzutragen. Endlich wurde die Reise abgeblasen - die Angst vor Naturkatastrophen nimmt ja auch zu.

Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass "Kyrill" nur gelangweilt gepustet und am "Kap Mehdorn" einen über acht Meter langen Stahlträger von der Fassade des Lehrter Bahnhofs geweht hatte. Man diskutierte über Pfusch und Schuld. Mir wurde warm ums Herz.
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Montag, 18. Oktober 2010

MOUNT SLIEVEMORE / BAUMLOS

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Mount Slievemore_Achill Island
Irland im sonnigen Januar 2001




In Irland gibt es keine Baumscheiben, sagte Inge bei unseren letzten Lesung.

Wie auch? - ohne Bäume.







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FOTO: Quicksnap 2001, Antonia Herrscher.

Sonntag, 17. Oktober 2010

KUNST - PHÄNOMEN - NATUR / HYBRIDE

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.Bäume in der Stadt - Florian Rexroth, Fotografie
Ein Handyfoto von einer seiner Arbeiten
Doll, wirklich doll!


Am Freitagabend eröffnete in der Galerie Forum in der Besselstrasse die Ausstellung KUNST - PHÄNOMEN - NATUR. Die interantionalen Künstler stellten die Frage nach der Existenz einer Grenze zwischen Natur und Kultur. Ist der Rollrasen natürlich oder künstlich? Was ist der Unterschied zwischen einem Spinnen- und einem Informationsnetz? Wo verläuft die Grenze zwischen real und scheinbar?

Die absolut sehenswerte Ausstellung ist das Endprodukt und Teil einer Fortbildungsmaßnahme, in der sich 20 kunstaffine Menschen zu einem Projekt zusammen gefunden haben, welches einmalig im deutschsprachigen Raum ist. Unter ihnen KunsthistorikerInnen, WirtschaftswissenschaftlerInnen, KünstlerInnen und weitere Berufe aus der Kreativwirtschaft.

Noch bis zum 26. Oktober in der Besselstrasse 14

Samstag, 16. Oktober 2010

WEINEREI FORUM / HAUSGETRÄNKE


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Baumscheibe am Zionskirchplatz
Weinerei Forum_Prenzlauer Berg


Vorgestern Abend begleitete ich meine Arbeitskollegin in die Weinerei Forum am Zionskirchplatz. Eigentlich begleitete ich sie nicht, sondern fuhr gleichzeitig mit ihr los - ich mit dem Fahrrad, sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Natürlich war ich die erste. Ihre Freunde sollten ohnehin etwas später kommen. Es ist gefühlte zehn Jahre her, dass ich das letzte Mal in dieser Weinerei war und ich erinnerte es als einen eher subkulturellen Ort mit Sperrmüllmöbeln und Buffet gehobener Hausmannskost. Am Ende war man satt und betrunken und zahlte beim Gehen einen angemessenen Preis.

Mich dürstete es zunächst eigentlich nach einem Feierabendbier und so fragte ich den Herrn am gepflegten Tresen, ob es denn möglich sei, zunächst einmal ein Bier zu bekommen. Mir wäre gerade danach und später kämen dann Freunde, mit denen ich dann essen und sicher gemeinsam Wein bestellen werde...

Sakrileg! entfuhr es ihm! Nein, natürlich nicht. Man sei eine Weinerei und dann verstieg er sich in einen längeren Monolog über die Tasache, dass es ja sowieso in Deutschland keine Privatbrauerei mehr gäbe, deren Bier trinkbar wäre.

Ja gut, sagte ich, macht ja nichts, ich nehme einfach ein Glas trockenen Rotwein!

Er: Hm, süß... mal sehen.

Ich: Äh, nee, süßen Wein mag ich nicht.

Er: Ja, süßen Wein haben wir nicht. Aber ich habe einen roten Federweißen. Den kann ich sehr empfehelen. Der ist ja süßer.

Federweißer, sage ich. Gut. Das ist doch lecker. Da nehme ich ein Glas.

Er: Dazu reichen wir einen Kohlstrudel mit Rucola-Dipp...

Ich: Ja, wie gesagt, ich esse ja mit Freunden zusammen später, wir haben einen Tisch bestellt.

Er ganz aufgeregt: Aber du bist ja viel zu früh dann. Das Weinereiprinzip beginnt ja erst um acht Uhr. Für wann ist der Tisch bestellt?

Ich: Für Sieben.

Er: Also dann müsst ihr bis acht ganz normal zahlen.

Ja, kein Problem, sage ich beschwichtigend, zahle zwei Euro für ein bißchen Wein und gehe draussen rauchen, wo gerade die anderen ankommen.

Als wir uns zu einer Runde Rotwein anstellen, höre ich, wie er meiner Vorderfrau den weißen Hauswein empfielt. Alle Weine kosten zwei Euro. Auch der, und er ist von der hauseigenen Winzerei. Als die Reihe an mich kommt, frage ich ihn, ob er denn auch einen roten von dem Hauswinzer empfehlen könne. Daraufhin poltert er los: Also Hauswein klingt jetzt billig, aber das ist ein sehr teurer Wein von unserer HAUSWINZEREI und der kostet trotzdem jetzt auch nur zwei Euro. Bitte!

Zwischendurch wollen wir im Keller rauchen, aber der Typ, der da den Tresen schmeißt, fängt sofort an uns anzuschnauzen: So nicht! Wenn, dann entscheidet ihr euch ganz, nach unten umzuziehen! Ne, echt jetzt. Geht so nicht.

Danach wird der Cousin meiner Kollegin um drei vor acht noch mal angefahren: Wenn du jetzt bestellst, zahlst du trotzdem ab acht noch mal zwei Euro für das erste Glas nach Weinereiprinzip. Und wann acht Uhr ist, bestimmen wir!
Der Cousin entscheidet sich dann zu verzichten. Ich auch. Mir graut es eh vor dem Heimweg bei der Kälte.

Beim Rausgehen - so gegen halb neuen - habe ich Angst, dass einer der Barleute mir irgendetwas hinterher brüllt oder die Bullen holt, weil ich kein Geld ins Glas werfe. Es geht aber gut aus.

Auf dem Heimweg komme ich an der Gaststätte W. Prassnik in der Torstrasse vorbei und entscheide mich für einen ersten Stop auf dem langen Weg nach Hause. Ich war monatelang nicht da gewesen. Dort hat man sich vor einiger Zeit für das Rauchen entschieden und das Essen abgeschafft. Für Menschen, die das fest in ihren Alltag eingebaut hatten, eine Katastrophe, wie mir einer der Mitarbeiter einmal sagte.

Als ich den Laden betrete, leuchtet mir ein warmes Kellnerlächeln entgegen. Über dem Tresen hängt eine Uhr, die auf kurz nach acht stehen geblieben ist.
Na? Was darf's sein?
Ein Bier, sage ich. Groß, bitte.
Darf es unser Hausbier sein?
Gerne!

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WERBUNG / UNDER CONSTRUCTION IV




Ob diese Baumscheibe in Neukölln noch im Bauzustand ist, ist mir nicht klar. Zur Strasse hin hat der Betreiber dieser kleinen Anlage ein gestreiftes Absperrband gehängt und und nutzt die Gelegenheit, um für das Bauhaus zu werben.

Montag, 11. Oktober 2010

ALTERSHALBWAISEN / UNDER CONSTRUCTION III

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...wenn ich nur wüsste, wo das war
sieht jedenfalls nach einem Tigerentenplan aus


Gestern Nachmittag laufen zwei frisch verliebte Anfangvierziger an mir vorrüber und mir kommt in den Sinn, wie ein Ex-Freund von mir einmal gerade in Berlin angekommen zu mir sagte: Die sehen so alt aus hier, die Leute!

Ich sah das ja umgekehrt: In Berlin leben viele Menschen bis Anfang 70 so, als überlegten sie noch, was sie später mal werden wollen.
Er hingegen hielt wohl manche Frau im mittleren Alter für einen verlebten Twen, während ich wiederum meinte, das in ihnen zu erkennen, was meine Mutter - ich soll nicht dauernd zitieren, ich weiß, aber nun zitiere ich dauernd meine Mutter, auch nicht gut - was meine Mutter jedenfalls Berufsjungendliche nannte. Eigentlich ja ganz schön. Man bastelt und werkelt und probiert sich aus. Die Lebensläufe in den Berufen, die irgendwas mit Medien zu tun haben, wären telefonbuchdick, würde man alles angeben, was einen für den nächsten möglichen Schritt im Leben qualifizieren könnte.

Aber gestern fand ich es plötzlich befremdlich, als dieser hagere Mann mit seiner verhungerten Austauschfrau wie vierzehn an mir vorbei hüpfte. Tja, und nun? Sollte ich vielleicht mal Urlaub machen?
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Sonntag, 10. Oktober 2010

ALTERSHALBWEISHEIT / UNDER CONSTRUCTION II


Baumscheibe Weserstraße
Bemusterung in Sachen "Zaun"
unter Zuhilfenahme von orangen Klebepunkten



In der Schilling Bar trat gestern die Stadtmusikantin gemeinsam mit der Jazz Band Sterntaler auf. Wir kamen zum vorletzten Stück. Die Bar war vollgestopft mit unglaublich netten jungen Leuten und die Musik war: spitze!

Aus irgendeinem Anlass, der mir nicht mehr klar ist, begannen wir dann so ein altkluges Gespräch über Kindheit, Jugend und irgendwann dann mit sich leben. In der Schilling Bar in der Neuköllner Weserstraße wird das Trinken von Manne und Britta betreut. Die beiden haben im Grunde alles so belassen, wie es war, nachdem das alte Hubble Bubble geschlossen hatte. Britta, als Architektin mit einem Blick für so etwas ausgestattet, setzte lediglich einige neue Akzente. Und hat damit genug Frische in die ehrwürdige Halle geweht. Die alten Stammgäste fühlen sich noch wohl. Aber die neuen noch viel wohler.

Umgekehrt stellte ich bei einer Lesung in der ehemaligen Tageskneipe "Zum Goldenen Hahn" am legendären Heinrichplatz, wo mittlerweile jede kleinste soziale Unwucht (Fahrrad ohne Licht, laute Musik nach 22 Uhr, Gespräche mit mehr als zwei weiteren Passanten) mit einer ganzen Wanne Bullen in Kampfmontur aufgelöst wird, neulich wieder fest, dass zwar der ganze Laden grundsaniert wurde, sich aber bei den Veranstaltungen der alten Hasen dort, auch nur die alten Hasen wohl fühlen - und das möglichst besoffen.

Wir beiden halbalten Hasen fanden jedenfalls, dass diese jungen Leute alle furchtbar wohlerzogen und guter Dinge waren. Manne und Britta auch. Irgendwann waren wir ganz durchdrungen und erfüllt von Altershalbweisheit und guten Mutes, dass sich diese atomisierte Gesellschaft auch irgendwie zu etwas entwickeln könnte, von dem man einmal sagen wird: Und das kam so: " - "

Heute morgen noch ganz beschwingt, knipste ich diese Bemusterung in der Nähe der Bar. Da hab ich noch ein paar mehr in petto, wie mir dann einfiel. Es war niemand da, ich hätte so gerne gewusst, wozu da die Punkte angeklebt wurden.
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Donnerstag, 7. Oktober 2010

BAUMSCHEIBE BRUNNENATELIER / LARISSA

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Baumscheibe Brunnenatelier
Bergmannstraße_Kruezberg


Nun ist die Baumscheibensaison bald auch vorbei. Schnell noch einige Bilder einstellen, die liegen geblieben sind. Hier sieht man den Baum vor lauter Wald nicht mehr. Ein Wasserhahn aus Blech dominiert das Ensemble. Das Brunnenatelier Fluidum bietet regelmässig Löt- und Brunnenbau-Kurse an. In kleinen Gruppen können die Teilnehmer unter der Anleitung des Künstlers Thomas Schön mit ihren gesammelten Gegenständen ihr individuelles Fluidum entwickeln.

" ... Die Romantiker entdeckten die beruhigende Wirkung von Natur und halb verfallenen Gemäuern. Seit Hesse seinen Siddhartha am Fluss sitzen und aus dessen Gemurmel das Om erfahren ließ, hat sich auch die belebende und seelenstärkende Kraft des Wassers herumgesprochen. Das leibhaftig zu erleben, muss man nicht weit weg fahren oder Kurse besuchen. Es genügt, in das "Fluidum" einzutreten. Das ist das Reich von Thomas Schön und der Schritt durch die Tür ist wie der von Alice durch den Spiegel" schrieb DIE WELT im Mai 2000.

Der Abend gestern im Salon Petra war wunderbar. Ausser mir hat allerdings niemand über Baumscheiben gelesen. Schade. Auch nicht drüber gesungen. Obwohl die Damen, die das osteuropäische Liedgut darboten, sich nicht erinnern konnten, um was für eine Sprache es sich gehandelt hatte, als sie das Lied vor 20 Jahren einübten. Man kann es also nicht wissen.

Und meine musikalische Darbietung... Meine Mutter sagte ja immer: Üben, üben üben! Und da hatte sie recht.

Da das so ein Erfolg war gestern, machen wir das mal jeden 1. Mittwoch im Monat. Jedenfalls mal jetzt im November. Wer Lust hat, etwas vorzutragen, melde sich doch bei mir oder im Salon dafür an.

Hallo Larissa, mail doch mal: antonia@taz.de
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Mittwoch, 6. Oktober 2010

RITTERSTRASSE / KEIN BOCK

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.Nicht die Ritterstraße nach den Bombenangriff 1945
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ondern ein verlassenes Dorf in Irland


Ich war gestern morgen so dödelig, dass ich einfach irgendwann mal mit meinem Fahrrad losgeeiert bin ohne auch nur den geringsten Plan, wohin es geht. Selbst zum Bremsen an einem der Sonnenflecken war ich zu dödelig. Bei der Radspannerei kaufte ich mir für den Abend sexy "Frogs" - Fahrradlampen. Ich dachte mir: Ich bin so dödelig heute, man sollte mich abends wenigstens sehen.

Weil ich so dödelig war, fuhr ich auf der Ritterstraße Richtung taz. Da wollte ich gar nicht hin, aber auf dem Bürgersteig (besser ist es in dem Zustand) eierte ich so in die Richtung, als ein Pärchen, dass zusammen etwa 33 Lenze zusammenbrachte, mit einem Kinderwagen meinen Weg kreuzte. Im Kinderwagen zwei genauso leichenfahle aber nicht ganz so picklige Kleinkinder. Ich fuhr eh schon so langsam, dass ich fast umfiel. Also stand ich bald und rollerte dann mit einem Fuß am Boden und etwas ungeschickt "sorry" murmelnd an ihnen vorbei. "Das ist kein Fahrradweg, du Fotze!", krakeelte es hinter mir her, ich drehte mich um, schüttelte den Kopf und eierte weiter.

Ich weiss. Das war kein Fahrradweg aber ich war halt so dödelig. Dann packt mich der Typ von hinten an der Jacke und am Fahrad, dass ich zur Seite kippe und brüllt: "Ich hol die Polizei, das ist ja so dreist, wenn du wenigstens schnell weg gefahren wärst!" Darauf klemmt sich die junge Mutter in mein Fahrrad und schreit "Alter, nicht das die noch weg fährt ey, hat sie ja eben schon versucht!" und fuchtelt mit der Faust vor meinem Gesicht rum. Und dann rufen sie die Polizei mit dem händy von einem kleinen türkischen Jungen und ich frage ihn, ob er weiß, dass das Freiheitsberaubung sei. dabei rutscht mir ein Arschloch raus. "Hah! Beleidigung vor Zeugen!" Ich verkneife mir, zu sagen, dass ich in sarrazänischer Angelegenheit unterwegs bin, um in der Ritterstrasse kleine Kinder mit meinem Fahrrad totzufahren.

Als ich mich aus dem Fahrrad-Würgegriff der Dame befreien will schreit der Typ gleich: "Und jetzt noch ein Fluchtversuch. Schon der zweite eigentlich. das wird ja immer dicker!"

Nach einer Weile schimpft der Typ "...scheiße, jetzt muss ich hier stundenlang auf die Bullen warten!" und "echt kein Bock drauf" und ich sage ihm, dass man ja auch nicht so überreagieren muss und so etwas untereinander klären kann.
"Ha! haste das gehört, Mandy? Jetzt auch noch Bestechung! Vor Zeugen!!!" und schaut den kleinen türkischen Jungen vor seiner Ritterburg an, der etwas ratlos wirkt. "Ja, kreischt sie: das kann man doch 'untereinader lösen!' - klingt nach: Hier haste 100 Alter, das wars dann. So nich ey, so nich!"

Ich setze mich genervt einige Meter weiter auf einen Anhänger und hoffe, dass er mich nicht bei einem Fluchtversuch zusammenschlägt. ich rauche und rauche. Nach einer Weile klopft der Typ dem kleinen Jungen lobend auf die Schulter, brüllt zu mir: "Das dauert mir zu lange ey! hab was besseres zu tun. Hau ab!"

Danach war ich etwas wacher und fuhr zur Lesung in den Salon. Schön wars da. So gesittet.

Montag, 4. Oktober 2010

SPATZENFORSCHUNG II / FALSCHER SPATZ


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Schuster bleib bei deinen Leisten, heißt es ja so schön. Aber gestern Abend dachte ich mir, ich zeichne mal was. Wo gerade um mich herum alle anfangen zu kritzeln. Kann ich auch.

Heutzutage kann es ja nicht schaden, wenn man sein bildungsbürgerlichen Background mal ein bisschen raus hängen lässt: Meine Mutter drückte mir mit 3 Jahren eine Blöckflöte in die Hand, die Buntstifte mussten schon von Anfang an von Faber-Castell sein und jeden Abend wurde uns etwas vorgelesen. "Typ höhere Tochter mit Kakao ans Bett" sagte mein Vater immer. Später dann versuchte ich mich an der Geige. Naja. Bis zur Pubertät klappte es jedenfalls mit der Querflöte ganz gut. Mit lauter solchen Leuten werde ich am Mittwoch einige Texte zum Besten geben. Eigentlich wollte Inge Fiedler nur mit mir musizieren aber "so viele Lieder haben wir noch nicht", wie man so schön sagt. Deshalb lese ich etwas über Baumscheiben und Neukölln, Inge wird Anagramme präsentieren, Ulrich Enzensberger hat auch etwas beizutragen und mal sehen, wer noch kommt.

Das alles im Salon Petra, am Mittwoch, den 6. Oktober in der Hobrechtstraße 47, so ab 21 Uhr.


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Zeichnung: AH 3. Oktober 2010

Freitag, 1. Oktober 2010

BAUMSCHEIBE UFERTRASSE / WEDDING

Nachhalt ist das, woran man sich hält,
wenn alles andere nicht mehr hält

Wörterbuch der deutschen Sprache ,
Joachim Heinrich Campe
(Hg.); 1807

Weil ich mit einer Erkältung ringe, war ich gestern Abend nicht zur Vorstellung der neuen Ausgabe des Gartenmagazins Balkon & Garten in den Uferhallen, in denen noch bis zum 10. Oktober die Ausstellung Zur Nachahmung empfohlen! Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit gezeigt wird.

Aber ich war vor einigen Wochen schon dort und habe in der Uferstraße diese Baumscheibe fotografiert. In den Uferhallen angekommen traf ich erst einen befreundeten Kunsthistoriker, dann begann Adienne Goehler mit einer Presseführung. So habe ich die Ausstellung dann auch verstanden. Auf dieser Erfindermesse, werden die Paraktiken zeitgenössischer Künstler gezeigt, die mit
Robert Smithson, Joseph Beuys und Gordon Matta begannen und seitdem immer wieder nachgeahmt worden sind. Wenn man die Ausstellung verstanden hat, ist sie wirklich sehenswert. Und das B&G-Heft ist wirklich schön geworden.

Diese Baumscheibe befand sich komischerweise gegenüber eines ziemlich leer stehenden Hauses.

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