Mittwoch, 29. September 2010

LANDLUFT MACHT ZACK ! / GESCHENKT ANDERS WIRTSCHAFTEN


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Oyá gilt als Göttin des Wandels, der Transformation und des Übergangs.
Als Schutzherrin weiblicher Führerschaft verkörpert sie eine zwischen Mütterlichkeit und Kriegertum changierende Weiblichkeit.



Vor ein paar Tagen hatte sich Johannes Heimrath frühmorgens beim Wetzen der frisch gedengelten Sense in den Finger geschnitten. Es blutete heftig. Der Saft eines Spitzwegerichs half...

Während der Latenzphase ging er von der Wiese in die Abstellkammer und schon dort hatten sich die durchtrennten Kapillargefäße verengt, die Trombozyten verpfropften die ersten Äderchen und das Exsudat reinigte schon den Schnitt, über dem sich bereits die ersten Fibrinbrücken zwischen den getrennten Zellwänden bildeten. Schon auf dem Weg zurück zur Sense zog sich das Fibrinnetz zusammen. Dann folgten die Collagenfasern und schon bald hatten sie sich zum Granulatgewebe verbunden. Das Narbengewebe konnte er dann schon am Abend abschneiden.

Johannes Heimrath bewundert seinen Körper. Was der alles für ihn tut: "aus freien Stücken, fehlerfrei, aus eigener Weisheit, mit ruhiger Kompetenz..."

Die Zellen sehen die Arbeit und "Zack!" sind sie zur Stelle. Perfektes Teamwork! Und eine "Wunderheilung der Wunde".

Irgendwie fassungslos war Johannes, als er sich überlegte, dass zur selben Zeit hoch ausgebildete und topbezahlte Mitglieder der intelligentesten Spezies in der "Planetin Erde" vergeblich darum kämpfen, ein lächerliches Leck in einem Rohr zu flicken, aus dem Öl austritt. So viel Schmerz und Leid. Und was das kostet!

Aufs Land gehen macht helle.



Foto: Auf der Insel_Achill Island_Ireland © AH 2001

Freitag, 17. September 2010

Is däs Kunst ode kann des wäsch? V / NU IS ABA JUT!

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"Und sie stelln dich, Henry Higgins, an die Wand, und der King sagt, Liza, heb die Hand Dann ziehlt allet uffs Jemäuer, ick ruf Achtung, los, Feua"



Als ich neulich auf der Karl-Marx-Straße meinen Weg durch die Menschenmassen zu machen versuchte, hatte ich plötzlich einen merkwürdig schwindeligen Moment. Diese ganzen Leute schienen sich alle so ähnlich zu sein. Oder besser: Mir war es völlig unmöglich sie einzuordnen. War der Mann, der gerade an mir vorbei gelaufen war, ein neuköllner Unterschichtstyp auf dem Weg zum Kiosk oder handelte es sich bei ihm um einen New Yorker Künstler, zu dessen Ich-Performance einfach dieses Outfit gehört? Das selbe Problem kennen wir Weltenbürger ja auch aus Brooklyn oder Barcelona. Da schwimmt alles zu einem einzigen ironischen Brei zusammen. Gardinenkneipen, Kreative, Partys, Mord und Totschlag, Müll und Kunst.

Ich sprach darüber dann mit meiner Hausärztin und die sagte mir, sie habe genau in einem solchen Moment entschieden, Wohnsitz und Praxis vom Kottbusser Damm noch Charlottenburg zu verlegen. Das ist einfach alles so anstrengend. Auch, dieses in alle Gesichter einbetonierte ironische Lächeln. ich werde mir also eine neue Ärztin suchen müssen.

Als unsichtbare Schicht bezeichnete ein Faz-Autor einmal die Unterschicht. Das kann nur jemand sagen, der in Wilmersdorf sein Auto im Garten besteigt und am Springerhochhaus aus der Tiefgarage mit dem Fahrstuhl in die Redaktion fährt. Geht hier doch einfach mal eine Runde einkaufen. Zur Einstimmung auf einen Spaziegang in Nordneukölln empfehle ich vorab den Roman "Hinterhofhelden" von Johannes Groschupf. Und wer meint, dass das alles witzig wäre, einige Sommernächte in einer neuköllner Wohnung mit Schlafzimmer zum Hof.

Mein Hof jedenfalls kommt mir vor wie "the ministry of silly noise". Irgendwann im Juli wurde einer meiner Nachbarn langsam an irgendetwas irre - vielleicht an der Liebe. In einer Endlosschleife hörte er ab dem frühen Abend und in brüllender Lautstärke ein klagendes Lied von Khaled, der einmal den Hit Aisha gelandet hatte. Manchmal schaltete er auch zwischendurch und mitten im Stück ab. Dann wieder, nach wenigen Minuten ging es von vorne los. Am Morgen dann erwachte ich wieder mit dem gleichen Lied im Ohr, und es war, als würde sich ein Messer in meinem Magen hineinwühlen, etwas meine Brust zusammenschnüren.

Mehrfach haben die jungen Leute im Quergebäude - ich nenne sie einfach die Spanier - rauschende Feste gefeiert. Die Lautstärke mit der die Musik noch morgens um 7 gespielt wurde, ließ eine PA aus der O2-Halle vermuten. Und im zweiten Hof gibt es einen "Flaschenwerfer", wie mein Hausmeister Herr Pilarski diese Neuköllner Pflanze nennt. Er sgt: Da kann man nichts machen. Manchmal rufen wir seinen Sozialarbeiter an. Passiert dann aber auch nichts.

Mein Lieblingsnachbar (ich glaube auch da Spanisch zu verstehen) quatscht jeden Morgen jemanden voll, der dann nur sehr leise antwortet. Ich denke, es ist seine Freundin. nach ein paar Tagen hielt ich es kaum noch aus und wollte gerade ans Fenster. Da kam mir jemand zuvor und brüllte in den Hof: Nu is aba ma jut!

In diesem proletarisches Hausprojekt verstricken sich alle gemeinsam in diesen Neuköllner Sumpf. Da muss man sich nicht fragen, wer hier was ist. Hier verschwindet eigentlich nichts. Jedenfalls keine Klasse. Es gibt, so scheint es, eine Konstante des Ortes. Und die von Neukölln, die kennen wir Weltenbürger ja. Nur, dass sich hier gerade (wieder?) zwei unterschiedlichen Armutsgruppen wechselseitig bekämpfen - die Prekären setzen auf die eigene Leistung, die Verarmten auf Statusgarantie durch den Staat. Hinzu kommt, dass sich die Grenzen von Migration und Tourismus längst aufgelöst haben. Eine aktuelle Ausstellung in der NGBK befasst sich genau mit dieser speziellen Phase der Umwälzungen in den Metropolen: Transient Spaces - The Tourist Syndrome.

Ähnlich wie in meinem Hof verläuft die Integration internationalen Partypöbels in den Gastronomien: Gestern Abend war ich noch auf einen Absacker in Kristinas Bar. Eine Truppe gutgelaunter - aber auch wirklich so gut gelaunter ! - Engländerinnen und Schweden hatten sich dort für eine Geburtstagsfeier eingemietet. Die Party Location war stilbewusst gewählt. Zwei junge Frauen legten hinter dem Tresen auf. Auf ihren kleinen Köpfchen trugen sie Superblondi-Perücken und zogen damit das zugegeben sehr gewagte Äußere der Wirtin durch den Kakao. Die Jungs kamen im 90er-Jahre-Proll-Look. Wobei sie dafür deutlich sichtbar nur den normalen Inhalt ihres Kleiderschranks auf besonders furchtbare Weise zu kombinieren brauchten - Röhrenjeans, überall Röhrenjeans, die in den Kniekehlen hingen. Irgendwann kamen dann auch mal die Gäste - alle gleichzeitig, total spät, total besoffen und mit eigenen Getränken bewaffnet, stürmten sie den Laden. So ziemlich jeder zückte irgendwann sein Fotohändi um sich mit den Djanes und Kristina ablichten zu lassen. Als Teil der Kulisse begann sie deshalb schon bald etwas ungehalten zu reagieren, und auch, weil der Mob draußen soff und nur zum Ablachen rein kam. Sicher hielten sie diesen Laden für typisch deutsch. Dass die polnische Wirtin, neben Deutsch, Englisch, Polnisch, Französisch und Russisch auch fließend Schwedisch spricht, das war dann echt noch richtig abgefahren.

Sich etwas einzuverleiben ist ein probates Mittel, um es auszurotten oder zu vertreiben. Die alten Männer trinken schon länger nicht mehr bei Kristina - zu schwul, zu flippig die Gäste. Für die armen Neuköllner, die Leute, für die neulich eine Tazlerin mal wieder den Begriff "sozial schwach" aus der Mottenkiste holte.

Das von dem Soziologen Wilhelm Heitmeyer 2002 initiierte Projekt "Gruppenbezogene Menschenfeindlichlkeit" schloss 2007 erstmals das Phänomen der Abwertung von Langzeitarbeitslosen ein. Jeder dritte Befragte fand, man könne sich "wenig nützliche Menschen" nicht mehr leisten. "Sozial schwach" ist ein Euphemismus, der genau für diese Haltung steht. Dieser Begriff bezeichnet eigentlich einen Menschen als nicht leistungsbereit und somit nicht in der Lage, zum Wohl der Gemeinschaft beizutragen. Da war Kohl noch differenzierter, als einer bestimmten Gruppe Jugendlicher zurief: Da sind sie wieder, die alles bestreiten, nur nicht ihren Lebensunterhalt.

Da nützt es auch gar nichts, dass Herr Pilarski mit den Leuten von Barbar Aga Tee trinkt und auch mal die eine oder andere Hilfestellung gibt. Integriert werden, müsste hier jemand ganz anderes.

So, nu is aba ma jut.




Foto: Street Trash in der Reuterstraße © AH 2010
Und Text daneben: Wart´s nur ab! aus My Fair Lady in einer Berliner Interpretation von Johannes Groschupf 2009
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Donnerstag, 16. September 2010

BARBAR AGA / WIE BEI MUTTI

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Baumscheibe Barbar Aga in voller Sommerpracht
Karl-Marx-Straße_Neukölln




Heute Nacht kam ich nach einem sehr langen Tag nach Hause. Es war alles auch nicht ganz einfach gewesen. Am wenigsten das letzte Bier in der Schilling Bar. Ich konnte es einfach nicht trinken. So müde war ich.

Als ich den Hof betrat, saß Yasar vor der Hintertür der Wasserpfeifenbar seines Onkels und aß. Er freute sich, mich zu sehen. Und ich freute mich auch. Auf seinem Teller befand sich Reis und Fleischklöße mit grünen kleinen Kügelchen. In weißer Soße. Ich überlegte, welches libanesische Essen wohl so aussieht. Du musst etwas probieren!, sagte er und ich entgegnete, dass ich aber gar keinen Hunger habe. Aber mein Onkel hat es gekocht! Ich hole einen Löffel für dich...

Als er wieder raus kam, fragte ich ihn, was das für ein Essen sei. Königsberger Klopse! sagte er während ich einen ersten Löffel davon nahm und fragte dann mit großen Augen: Und? Sind die gut? Unglaublich gut, versicherte ich schmatzend.

Ich vermisste meine Mutter.



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Dienstag, 14. September 2010

SPATZENFORSCHUNG / DAS RICHTIGE IM FALSCHEN


Kurzbericht des Konrad-Lorenz-Institut bei Wien in der SZ vom 27.08.2010:

Wenn unattraktive Spatzenweibchen wählen dürfen, bevorzugen sie Partner, die ähnlich unschön aussehen wie sie selber (...) Dabei fiel auf, dass sich Weibchen, die kaum Gewicht auf die Waage bringen, körperlich nicht besonders fit sind und damit als eher unattraktiv gelten, deutlich stärker von Männchen mit durchschnittlicher Brustfärbung angezogen fühlten als von jenen mit vergrößertem Schönheitsfleck.”

Darwin hatte irgendwie unrecht / Adorno irgendwie nicht



Auf den Spatzenforscher wartete ganz erwartet bereits ein Vögelchen als er der verwilderten Garten betrat. Es handelte sich um ein Spatzenweibchen - ein besonders kleines und dünnes und sehr hellgraues Exemplar - aber mit einem ungewöhnlichen Schnabel: Spitz und rot. Das Vögelchen saß etwas verstimmt auf der Wiese neben der Bar, pickte etwas aus einem Plastikteller und blickte nervös mal nach links, mal nach rechts und dann nach vorne und hinten. Der Forscher war etwas spät dran - er hatte es nicht gerade eilig gehabt, hier anzukommen. Dort sollte er einen Vortrag über das Richtige im Falschen halten.

Das Vögelchen kam sogleich angehüpft , als es den Forscher entdeckte - Spatzen hüpfen, als hätten sie eine Mädchenhandtasche um und wollten ein Eis - und piepte ganz aufgeregt und pfiff und zischte durch das kleine knallrote Schnäbelchen. Als der Vortrag begann, nahm es nahe der Bühne platz, so dass sein rotes Schnäbelchen im Scheinwerferlicht strahlte, die kleinen grauen Füßchen jedoch im Dunkeln verborgen blieben. Der Forscher sprach und der Spot aus dem Bühnenraum legte einen verrutschten Heiligenschein über seinen weißen Schopf. Hin und wieder begann er zu stammeln, dann atmete er tief und in Sekundenschnelle dehnte sich der Moment in eine zähe Ewigkeit aus, so dass alle ganz leise wurden und ihre Gespräche für einen Moment unterbrachen. Dann wurde der kleine Spatz ganz unruhig, pickte und schaute sich um. Einmal, so der Forscher, habe er in der italienischen Stadt Imola - bekannt für die Öffnung der Psychiatrien im Jahre 1978 ("La liberta e terapeutica") - einen Mauersegler im Innenhof eines kleinen Restaurants entdeckt. Es gab keine Möglichkeit ihn in die Lüfte zu bewegen - dafür hätte er einen hohen Abflugpunkt benötigt. Er musste ihn also zurücklassen und so wird der Vogel dann sicher bald verendet sein. Wenn die Italiener ihm nicht sogar noch das Genick gebrochen haben, anschließend. In diesem Moment schnupfte der Forscher ein wenig vor sich hin und kramte nach Taschentüchern in seinem filzigen braunen Anzug. Es wurde wieder ganz still.

Das gibt es nicht, das Richtige im Falschen!, tobte er dann und die Gespräche konnten fortgesetzt werden. Und all die Zigeuner! Auch die brauchen Freiheit!, schepperte es dann noch. "Das Z-Wort" tuschelte da jemand. Als der Spatz einmal einige Zentimeter zur Seite hüpfte, blitzte in den Augen des in der Abenddämmerung ersoffenen Spatzenforschergesichtes ein kurzes Funkeln auf.

So ging das eine ganze Weile. Irgendwann dann verstummten die Worte aus der zähen Finsternis des Gartens und der Vogel begann wieder zu flattern. Der Forscher verließ die Bühne auf wackligen Füßen. Da flatterten erst Scheine herbei, dann der Spatz und von allen Seiten Rüge, Rüge, Rüge! Das war gemein! So nicht! Und so weiter!

Einige Male sah ich das Spatzenweibchen noch im Nacken des Forschers sitzen. Dann war es plötzlich verschwunden. Es war fortgeflattert und nicht zurückgekehrt.

Kanntest du die?, fragte ich den Forscher. Nein, nie gesehen, kam es knapp und dann sprach er von den Spatzen als "Kulturfolger". Die gefährdete Art wird heute mehr und mehr als Gefährte des Menschen betrachtet. Die geselligen Vögel brauchen geschützte Räume für ihre Nistplätze und Zugang zu Wasser, damit sie das trockene Brot, das sie aufpicken, herunterspülen können. Und nachts schlafen sie.


Foto: Akşam Sefası - Schöne der Nacht © AH 2010
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Samstag, 11. September 2010

VERSCHWINDEN / VERSCHMELZEN


VERSCHWINDEN

Sonntag, 5. September 2010

ZEICHEN / Is däs Kunst ode kann des wäsch? IV



Kein pädagogisch wertvoller Käutergarten
Ein Freiraumforschungsprojekt



Vor dem Insitut für Raumforschung in der Lenaustraße hat man etwas neues gewagt und versucht sich nun in Zeichen. Auf den Schildern steht beispielsweise: "Das Dorf endet hier", "Man soll hier keinen Müll reinschmeißen" oder "In diesem Dorf ist campen verboten!". Und: "Das ist gar nicht witzig, das ist ernst!"

"Derjenige, der den Raum mit Plakaten verschmutzt, die Träger von Sätzen und Bildern sind, stiehlt dem Blick aller die umliegende Landschaft, tötet ihre Wahrnehmung, durchbohrt den Ort durch ebendiesen Diebstahl. Erst die Landschaft, dann die Welt. Er durchsetzt den Raum mit schwarzen Löchern, die die Empfindung einsaugen und die Wahrnehmungsfähigkeit zerstören." schreibt Michel Serres in meiner Lieblingslektüre zur Aneignung "Das eigenliche Übel". Und fragt sich: "Mit welchem Recht? Er benimmt sich wie ein universaler Hausbesetzer. Auf dieselbe Weise, ebenso gebieterisch, erweist sich ein Geldstück als leichter sichtbar, lesbar und entzifferbar als das Objekt, dass es kauft. Es versiegelt den Blick darauf, es tötet dieses Objekt. Das Symbol annulliert die Sache. Die Welt wird von den Zeichen ausgedrückt und ausgelöscht."

Auf ähnliche Weise gestalteten neulich die Kinder in einer Kita in der Pannierstrasse ihre Baumscheibe. Allerdings malten sie bunte Bilder von Hunden und sprachen die Tiere ganz unerwachsen persönlich an: "Liebe Hunde, um eure Geschäfte zu verrichten, haltet bitte an einem anderen Baum! Danke, die Kinder der Kita Kunterbunt"
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BERLIN / BAUMSCHEIBE WEISESTRASSE

Baumscheibe vor dem Infoladen Lunte
Weisestrasse 53 _ Neukölln.


Der Infoladen war leider geschlossen - deshalb erst mal keine Info dazu. In dem Kästchen befinden sich übrigens einige Kackwürstchen. Hat mich ein bisschen an das Katzenklo erinnert, dass ich in der vergangenen Woche immer sauber machen musste. Im Hintergrund ein Loch.

Irgendwie ist das eine Anti-Baumscheibe. Prima Statement. Aber ich lehne mich mal nicht zu weit raus. Das gibt nur wieder Ärger.