Montag, 30. August 2010

BAUMSCHEIBE REUTERSTRASSE / VARIANTE II


Vor dem Elternverein in der Reuterstraße hat man das halbfertige Werk nun vor das Modell gestellt. Das ist eigentlich eine interessante neue Variante.

Sonntag, 29. August 2010

HERBSTTAG / ŔUHM UND SCHATTEN


...Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke, Herbsttag


Nachdem ich in den letzten Tagen in den Kommentaren erst schwer beschimpft, dann anonym und sehr mutig auch noch persönlich angegriffen wurde, musste ich mich erst einmal wundern. So über dies und das. Nicht zuletzt über diese Aufmerksamkeit.

Mein Datenschutzbeauftragter brachte dann Licht in das Dunkel meines kleinen Hinterstübchens: Ist man die einzige Person, die über etwas schreibt, landet man bei google ziemlich weit oben. Wird man dann von zweieinhalb Lesern angeklickt, ist man ganz oben. Endlich mal ganz oben! Ändert aber natürlich nichts an meiner Grundfrustration - ich Kuh.

Ruhm hat eben seine Schattenseiten.

Immer noch frage ich mich, wer da eigentlich zitiert wurde, als von meinem "gewöhnlich gut informierten" Überblick gesprochen wurde - wurden Interviews gemacht? - und was der ganze Satz bedeuten sollte. Ist aber vielleicht auch egal. Auf keinen Fall werde ich hier noch mal die W-Straße erwähnen. Nie wieder. Das sagt man nicht mehr. Hoffe aber abschließend, dass die Häuser am Ende nicht nur genau denen sein werden, die darin heute legal wohnen (können).

So, und wenn heute Abend nicht noch jemand Thilo Sarrazin ordentlich den Kopf putzt oder was ganz verbotenes tut, kann ich gleich gehen und mir im Club nen schönen alten Film anschauen. Hoffentlich gibt es Kakao und der Ofen bollert ordentlich.


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Montag, 23. August 2010

SIMON-WEISE-STRASSE / Is däs Kunst ode kann des wäsch? III

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Politische Kunst auf dem Weisestraßenfest
21. August 2010



Am Samstag wollte ich mir mal das Weisestraßenfest in Neukölln anschauen. Zuletzt war ich verwundert, mit was für großen Plakaten überall in der Stadt dafür geworben wurde - ich hatte zuvor angenommen, es sollte eher im Rahmen eines Nachbarschaftsfestes stattfinden. Obwohl das ganze sehr bierlastig war und auf der Bühne die selbe Punk-Band spielte wie schon 1980, beschlich mich dort gleich die Ahnung, dass es sich um das zukünftige "Simon-Weise-Straßen-Fest" handelt.

Gerne hätte ich den Sumpf aus Bier (Astra), Mann (viele altlinke Gesichter aus 61 - auf eine Comeback hoffend?) und Gebrüll (St. Pauli gegen SC Freiburg) alsbald wieder verlassen. Aber manche Leute sagen "zehn Minuten!" und meinen zwei Stunden. Nach 3 Stunden Punk-Dusche war ich schwer depressiv.

Vor dem Stadtteil- und Infoladen Lunte äußerte man sich ebenfalls missmutig über die Idee dieses Straßenfest zu veranstalten. "Da kommen doch jetzt schon die, die unseren Bezirk gentrifizieren werden!" Um die Ecke am Herrfurthplatz entdeckte ich dann noch einen merkwürdigen Bio-Wochenmarkt. Dort gab es auch einen Stand, an dem man nur bunte, handgeschneiderte Röcke kaufen konnte.

Sonntag, 15. August 2010

BERLIN / CAFE ŞIRIN


Seit etwa einem Jahr befindet sich in der Boddinstrasse das türkische Café Şirin. Zuvor war in den Räumen ein togoischer Kulturverein mit dem Namen Café Togo untergebracht. Da sich die neuen Besitzer sowieso überlegt hatten, Kaffee zum Mitnehmen anzubieten, haben sie den Aufkleber an der Fensterscheibe belassen.

Samstag, 14. August 2010

BERLIN / SCHÖNE DER NACHT NEUKÖLLN

...akşamın hüznü özlemin ezası
bütün bunları bir anlık dindiren
bir anlık dinlendiren
baba yadigarı akşam sefası... akşam sefası

Demet Duyuler



Beim Katze gießen vorgestern auf dem Balkon entdecke ich diese Blumen - wieder eine Sefası, würde ich sagen. Verrückte Sache.

Einigermaßen beeindruckt machte ich ein Foto von der rosa Blüte. Gestern dann war sie ganz verschwunden. Eine neue Blüte ist nun lila. Daraufhin habe ich noch mal nachgelesen und tatsächlich ist das Besondere an der Jalappenwinde, dass einige von ihnen nur nachts
blühen, die meisten aber sogar gleichzeitig in verschiedenen Farben. Wunderblume eben.

Beim OTTO-Versand kann man übrigens - Vorsicht ! Nur für Erwachsene ! - das Puzzle "Schöne der Nacht" bestellen.

Auf Aventurica gehört die Schöne der Nacht einer gespaltenen Schwesternschaft der Hexen an. Einige von ihnen sind exzentrische Diven, die ein Leben als Kurtisanen in den Städten führen - andere leben zurückgezogen in den Wäldern.

Das obige Gedicht hier noch mal in ganzer Länge. Sphärisch-Irisch vertont. Und den musikalischen Lesern sei noch dies ans Herz gelegt.

In der Wohnung fiel mir dann noch ein toller Roman von Wilhelm Genazino in die Hände. Er heißt Mittelmäßiges Heimweh und handelt von einem vereinsamenden Finanzdirektor, dem ein Ohr abfällt und der sich irgendwann ein Vogelbestimmungsbuch kauft.

Ich leg mich lesen.



Mittwoch, 11. August 2010

BERLIN / BAUMSCHEIBE LENAUSTRASSE

Akşam Sefası

Gestern Abend glänzte ich aus Versehen in einem botanischen Fachgespräch in türkischer Sprache. Ich saß beim Snack Point in der Lenaustraße und aß Köfte. Als mir der Betreiber den zweiten Cay servierte, fragte ich ihn, ob er die Baumscheibe bepflanzt habe. Er bestätigte dies und ich hakte nach: "Was sind denn das für Pflanzen?" - und erwartete, dass er mir irgend ein Gemüse nennt. Erstens sah das nach einem Obstanbau aus und zweitens dachte ich mir, dass die ja von Männern gepflegt wird.

"Hmm", sagte er, "den deutschen Namen weiß ich gar nicht."
Ich bat ihn um den türkischen Namen, nur um etwas zu haben.
Er: "Sabah Sefası!"
Ich: "Hmmm, ich kenne nur Akşam Sefası."
Darauf schwieg er bedächtig, schaute erst zur Baumscheibe, dann wieder zu mir und sagte ruhig und bestimmt: "Ja, es sind Akşam Sefası."

So gute kenne ich mich aus. Und das kam so: Als meine Mutter mich vor 3 Jahren in Istanbul besuchte, war sie gesundheitlich so angeschlagen, dass wir nur sehr kleine Ausflüge machen konnten und viel Zeit auf meiner Terrasse verbrachten. im Gestrüpp des Gartens entdeckte sie eine merkwürdige Pflanze. In der Nacht hatte sie geblüht, aber jetzt am Tag waren ihre Blüten geschlossen. Daraufhin fragte ich den Aushilfshausmeister, der sich auch um meinen Garten kümmerte, was das für eine Pflanze sei.
Akşam Sefası. Was wohl so viel heißt wie "Freude der Nacht".

Sabah Sefası - die Wunderblume

Nachdem meine Mutter wieder in Deutschland war, wollte sie unbedingt so eine Pflanze für ihren Balkon haben. Ich beschäftigte alle Floristen in der Umgebung meiner Wohnung mit dem Problem, aber am Ende sagte mir ein Blumenladenbesitzer, er könne die nicht besorgen, weil die Einfuhr nicht erlaubt sei. Das erzählte ich Mesut gestern auch noch - wir hatten uns mittlerweile mal vorgestellt - und er wunderte sich darüber sehr. Sagte aber nichts weiter.

Mesut ist vor 10 Jahren nach Berlin gekommen. Vorher hatte er in Izmir ein kleines Café neben einer Sprachschule, in der deutsche Lehrer und Beamte Türkisch lernten. Er war der strengste Lehrer des Programms, wie er mir sagte. Obwohl er schon einige Brocken Deutsch sprach, ließ er nur Türkisch zu. Am Ende haben sich die Lehrer immer herzlich bei ihm bedankt, weil sie so viel gelernt hatten.

In Berlin hat er einiges ausprobiert und dann vor einem Jahr dieses Restaurant eröffnet. Um die Baumscheibe kümmert sich seine Mutter, die tagsüber im Laden ist und kocht.

Als ich ging sagte Mesut noch: "Komm morgen noch mal wieder. Meine Mutter gibt dir so eine Pflanze!"

Meine Mutter ist mittlerweile verstorben, aber ich werde sie zum Gedenken an sie irgendwo einpflanzen. Wo, sag ich nicht.

Samstag, 7. August 2010

BAUMSCHEIBE REUTERSTRASSE / UNDER CONSTRUCTION I

Die Baumscheibe vor dem Berliner Elternverein der Türkischen Gemeinde ist nun schon länger im Modellzustand.
Im Hintergrund ein erster Versuch, der an der Uneinigkeit des Elternvereins scheiterte. Zu scharfkantig, zu dunkel, zu wenig rot-weiße Bestreifung, so die Kritiker.


Die Architekten und Designer kennen das Problem: Das Modell soll die zukünftige Wirklichkeit darstellen. Entspricht das Ergebnis dann nicht den Erwartungen des Bauherren, liegt es wohl daran, dass dieser die Abstraktion eines Projektes, die das Modell vollzieht, nicht verstanden hat. Tatsächlich aber: Abstrahiert die Umsetzung dann das Modell. Das wird auf beiden Seiten gerne außer Acht gelassen, während man so begeistert ausprobiert.

Ich wollte einfach mal was verschwurbeltes schreiben.
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CAFE WARSCHAU / FLANNIERSTR.

Da ich immer Tomaten auf den Augen habe, nehme ich an, das steht da schon ein paar Tage...

Gestern Abend trank ich noch ein Tyskie und einen kleinen Vodka im Café Warschau. Philpp hatte mir von einigen Nachbarschaftsstreitereien dort berichtet und ich dachte mir, dass das doch mal die Gelegenheit wäre Kristina Nälsund kennen zu lernen. Die Kneipe erinnerte mich zwar auf etwas unangeheme Weise an diese sehr authentischen Läden auf dem Hamburger Kiez, mit Resopaltischen, Häkelgardinen, Plüschkitsch und sagen wir einer Dame hinterm Tresen, die das Leben geliebt hat und noch immer liebt - sehr blond und mit großen Augen. Es läuft der ganze 80er-Pop rauf und runter und auf einem Flachbildschirm hinter der Bar wirken Sonny und Tubbs die ganze Nacht. Und die Klamotten und Frisuren der jungen Blondinen von Miami entsprechen genau dem Geschmack der Wirtin. Aber: Kristina hat das Herz auf dem rechten Fleck. Echt.

Sie erzählte mir, dass sie in Polen Lehramt studiert und dann eine Technik-Ausbildung gemacht hat, bevor sie Anfang der 80er Jahre aus Liebe nach Stockholm ging und dort heiratete. Das war wohl ihre schönste Zeit. Wieder wegen eines Mannes kam sie dann vor 20 Jahren nach Berlin und eröffnete nach einer gescheiterten Beziehung das Café Warschau. Das ist beim hippen jungen Partypöbel nun auch schon länger ziemlich angesagt. Vor kurzem bekam sie nun neue Nachbarn. Eine Gruppe junger Holländer und Belgier eröffnete das "O Tannenbaum". Die Einrichtung etwa: reduzierter Sperrmüllchick in hellen Cremefarben an ausgestopften Echt-Tier. Darüber freute sie sich erst sehr - Ist es doch nachts in der Sonnenallee beizeiten etwas gruselig. Sie half den Jungs bei allen Problemen, die in der Anfangsphase auftraten. Zur Eröffnungsparty wurde sie dann allerdings nicht mal eingeladen sondern fand lediglich einen Flyer im Hausbriefkasten - Kristina entspricht eben nicht dem Klientel dieser wahnsinnig coolen Bar. Das sieht allerdings auch ein Blinder mit Krückstock.

Kurz: Es kam nichts zurück, wenn man mal davon absieht, dass sie morgens die ganzen zerschmissenen Bierflaschen auffegen muss, die die Tannenbaum-Gäste vor ihrer Bar fallen lassen, wenn sie sich nicht damit einfach in ihren Laden setzen, weil das da drinnen echt auch so was von abgefahren ist, das Bier nebenan aber eben billiger. Neuerdings kommt die Polizei nun manchmal zu ihr und ermahnt sie wegen des Lärms der Gäste draussen, die gar nicht ihre Gäste sind. Nun überlegt sie schon, ob sie den Laden zumachen sollte. Das macht einfach keinen Spaß mehr.

Etwas weiter runter in der Panniertrasse wurde nun durch das Abkleben zweier Straßennamen auf den Punkt gebracht, was sich hier langsam bis rauf zum Schillerkiez voranwälzt. Der Kampf um Raum ist hier in die harte Phase übergegangen. Daran soll Simon Weser erinnern. Wenn hier zurzeit nachts ein Polizeiwagen die Straße entlang flanniert, greifen die draussen sitzenden Gäste unaufgefordert nach ihren Stühlen und rennen mit den Möbeln nach drinnen. Das hat schon wieder was.
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Freitag, 6. August 2010

MUSLIM MEETS WEST I / CAZZ BAR

Hüpfburg auf dem islamischen Festtagen am Hermannplatz, wo über den Koran aufgeklärt wurde

Vor einigen Tagen war ich mit meinem Istanbuler Freund Ertuğ auf einem kleinen walk on the wild side. Eigentlich arbeite er hier gerade für eine New Yorker Uni an einer Studie über das Dating-Verhalten schwuler Deutsch-Türken in Berlin. Da ich mich in dieser speziellen Szene wirklich gar nicht auskenne, konnte ich ihm nur anbieten, einen Spaziergang durch Neukölln zu machen. Am Ende unseres Weges stand der Schillerkiez auf dem Plan, aber wir blieben dann schon in dem neuen Partybezirk um die Weserstraße zu lange hängen. Auch, weil wir am Abend zuvor entschieden zu lange gefeiert und diesem Abend entschieden zu schwer gegessen hatten. In Neukölln kam Ertuğ aus dem Staunen darüber nicht mehr raus, was man hier für "links" hält. Auf einer Toilette entdeckte er einen Aufkleber, auf dem stand: "Homosexualität ist kein Verbrechen - auch nicht in muslimischen Ländern!"

Ertuğ war im Frühjahr für einige Monate nach Deutschland gekommen. In Erfurt fand ein internationales - oder sagen wir: intermuslimisches - Meeting mit deutschen Studenten der Universität Erfurt statt. Unter dem Motto "Muslim meets west" sollte über die verschiedenen muslimischen Migranten-Gruppen gearbeitet werden. Das sah dann so aus, dass arabische Studenten ein Referat über Türkische Moslems in Deutschland hielten oder etwa eine Türkin etwas über Bosnien und Herzegowina berichtete. Die deutschen Studenten hörten eigentlich nur zu. Diese Veranstaltung hat er bis zum Ende nicht verstanden. Um von Deutschland noch etwas mehr zu sehen, entschied er sich zu einem kurzen Trip nach Berlin. Die Kontakte, die er zur Istanbuler Theaterszene hat, brachten ihn an seinem ersten Abend ins IchOrya am Oranienplatz, wo ich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen war und wir uns vorgestellt wurden.

Um uns seinem Forschungsthema noch einmal gemeinsam zuzuwenden, beschlossen wir nach dem Abend in Neukölln in die Cazz Bar zu gehen. Dort trifft sich das zentralanatolische Kapital Berlins - und die die das gerne wären. Sogar Schauspieler aus "Tal der Wölfe" wurden da schon gesichtet. Aber eigentlich, so wurde Ertuğ versichert, sei es an Freitagen ein Dating-Spot für schwule Türken. Nur wisse das eben niemand so richtig. Also stopfte ich mir am Morgen ein besonders zickiges und glänzendes Oberteil in die Badetasche und traf ihn am Abend am Savignyplatz. Von dort machten wir uns auf die Suche nach der Bar im Jeanne-Mammen-Bogen. Kein Schwein dort kannte sie. Erst die italienischen Kellner in der Galerie am Else-Uri-Bogen waren im Thema. Natürlich.

Über Geld möchte ich in dem Zusammenhang ja nicht sprechen, aber nachdem wir den Eintritt bezahlt hatten, fragte uns eine Kellnerin, ob wir zwei vor hätten, eine Flasche zu bestellen. Ich wollte nicht einfach nein sagen und da Ertug kein Deutsch sprach und die Kellnerin kein Türkisch (Also Hallo! Ich war schon immer gegen Deutsch. Ja, tut mir leid, geht nicht!) fragte ich einfach: "Was für eine Flasche denn zum Beispiel?" "Na Wodka zum Beispiel?!" entgegenete sie etwas spöttisch. Ich verneinte und wir mussten mit einem Platz in einer Ecke hinter oder direkt am Tresen Vorlieb nehmen. Der Platz sollte sich aber als echter Standort-Vorteil erweisen. Wir hatten alles im Blick und konnten ungestört glotzen. Als dann der Schlagzeuger sein Instrument anstimmte schwante es mir: Cazz Bar!

Die Band begann bald zu spielen und der Manager der Bar trat nun auf die Bühne, um in Karaoke-Qualität einige Volkslieder anzustimmen. Der Hall des Gesangs war nicht zu ertragen. Es ist wohl so eine Art Recht des ersten Liedes, jedenfalls durfte dann auch der eigentliche Star des Abends - eine Sängerin aus Istanbul - die Bühne betreten und schmetterte sofort los. Da klang das Mikro schon besser. Vielleicht war das vorher also auch nur eine Art Soundcheck. Ertuğ sprang sofort auf und bat mich, mit ihm zu tanzen. Das hab ich dann auch gemacht.