Donnerstag, 29. Juli 2010

BERLIN / MÄNNER MIT BOOTEN VI

"Fahre so lange Richtung untergehender Sonne, wie du im Wasser eine bestimmte kleine Alge treiben siehst; wenn dann das Meer sehr, sehr blau wird, halte dich etwas links."
Alexander Kluge

Am morgigen Freitag und Samstag finden im Haus der Kulturen der Welt die Sommergespräche an der Spree statt. Der Eröffnungsvortrag wird von dem französischen Philosophen Michel Serres gehalten. Sein letztes Buch "Das Eigentliche Übel - Beschmutzen, um sich anzueignen" ist 2009 in deutscher Übersetzung beim Berliner Merve Verlag erschienen. Am Samstag wird Michel Serres, der übrigens der Sohn eines Fischers ist, gemeinsam mit Alexander Kluge unsere Kommunikationsroutinen, Wahrnehmungsweisen und Vermittlungsinstanzen befragen. "Dabei ist sowohl die eigene Medialität als auch das Verhältnis von Lokalem und Globalem zentral. Wo sind die Landschaften und Orte, an denen die Welt mit allen Sinnen erfahrbar ist? Benötigen wir dafür eine neue Sprache?"

Unter dem Titel "Irrfarhrten und Schiffbrüche" dann am Abend eine Lecture Performance - was auch immer das sein soll.

Genau mein Thema jedenfalls, und nur 5 / 3 Euro Eintritt - da gehe ich hin!

Die auf dem Bild festgehaltene Aneignung stammt übrigens von dem Asia Imbiss in der Marienburger Staße.
.
.

BERLIN / BAUMSCHEIBE LENAUSTRASSE

Baumscheibe vor dem Institut für Raumforschung (IFR)
Lenaustraße_Neukölln


Das Institut für Raumforschung betreibt in der Lenaustraße in Form einer "Space Academy" ein interdisziplinäres Projekt zum Thema Raum.

Ihre Bauscheibengestaltung könnte die des Café Rroma nicht stärker kontrastieren. Das Feld aus schweren Steinen löst dort den Ramen geradezu auf und die schlichte Sitzbank wird - in die Diagonale gestellt - ganz dem freien Raum überlassen. Vor dem IFR hingegen wurde recht umständlich eine rustikale Bank gezimmert, die genau der Begrenzung der Baumscheibe folgt und den Raum damit nicht nur maximal ausnutzt sondern auch gröstmöglich zum Bürgersteig hin absperrt. Die Begrünung dahinter erinnert leicht an verstaubte Zimmerpflanzen in einem Großraumbüro.

Das Institut für Raumforschung wird eben gefördert durch die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales.
.
.

Mittwoch, 28. Juli 2010

BERLIN / IMMER NOCH SOMMER

Weit und breit keine Baumscheibe
und die Erde ist doch eine Kugel

Bild hinzufügen

Freitag, 16. Juli 2010

AUSHILFSHAUSMEISTER / AP-FEL-SCHOR-LE


Welches Bild passt nicht in die Reihe?




Der Aushilfshausmeister in unserem Haus ist kein Freund vieler Worte. Kennen gelernt habe ich ihn schon zwei Wochen nach meinem Einzug in meine neue Wohnung in der Karl-Marx-Straße in Neukölln. Er stand in einem der beiden die Hofeinfahrt flankierenden Barbar Aga herum. Der eine Laden ist eine Wasserpfeifenbar, der andere ein Schawarma-Imbiss. In der Wasserpfeifenbar fragte ich, ob jemand einen Schlüssel für das Hoftor habe, weil ich einige Kleinmöbel hineintragen wollte. "Wat is denn?", tönt es da von links hinter mir. "Guten Tag", antwortete ich und reichte ihm die Hand zum Gruß, nannte ihm meinen Namen und er polterte mit über dem dicken Bauch verschränkten Armen: "det nächste Mal fragen Sie lieber den jungen Mann in dem anderen Laden, der kann ein bisschen Deutsch!"

Dabei hatte der ältere Ladenbesitzer am Tresen schon bei meiner ersten Begegnung mehr ganze Sätze von sich gegeben, als unser Aushilfshausmeister in all den Monaten, in denen ich da wohne. Mittlerweile weiß ich seinen Namen, denn er bat mich neulich, die Reiseseiten meiner Probeabo-Zeitungen in seinen Postkasten zu werfen.

Mit den Sprachkenntnissen ist es hier in Kreuz- und Neukölln eh so eine Sache - meistens kurz, meistens kryptisch. Von mir aus können hier gerade auch einfach alle mal die Fresse halten. Im Kreuzköllner Teil muss man sich andauernd mit den gutgelaunten Langzeittouristen unterhalten, die ihre Deutschkenntnisse kostenos verbessern wollen. Das ist auch schön kryptisch - aber wahnsinnig anstrengend: "Ich gekommen Deutschland erste Zeit Urlaub und dann wollte bleiben! Jetzt viele Freunde und komme immer im Sommer. Vielleicht dieses Zeit den ganzen Sommer bleiben!" Und auf dem Schild an der Kneipentür steht: "Wir sind ein Kollektiv - das heißt, dass wir alle Entscheidungen im Konsens treffen und wir alle gleiche Löhne bekommen - und dulden in unserem Haus keine rassistischen, hetero-sexistischen und machistischen Äußerungen. Unser Laden soll ein Schutzraum..." Bald kann man den Endlostext als fertiges Emaille-Schild im Internet bestellen, glaubich. Neben: "WC für Nicht-Gäste ,-50 " und "Raucherkneipe ab 18. Jh."

Slavoj Zizek kündigte neulich in einem Interview in der taz an, statt wie sonst zu Beginn des Kommunismus-Kongresses Die Internationale anzustimmen, lieber Rammstein zu spielen - das sei absolut fortschrittlich. "So wie Charlie Chaplin in Der große Diktator Hitler zwischen Gebrabbel nur "Apfelstrudel" und "Wiener Schnitzel" sagen lässt, so sabotiert Rammstein auf obszöne Weise die faschistische Utopie. Ich kenne nur zwei Stücke von Rammstein. Als Theoretiker hat man das Recht, über Dinge zu schreiben, die man nicht kennt. Ich glaube an die absolute Theorie."

In diesem Sinne übt sich auch die Mutter einer Freundin in der politischen Sabotage und bestellt in ihrem Italienurlaub "Apfelschorle" und "Sitzkissen" auf Deutsch. Als die Tochter sich beschämt äußerte, dass das der italienische Kellner wohl kaum verstehen könne, sagte sie: "doch, man muss nur deutlich sprechen: AP-FEL-SCHOR-LE! und SITZ-KIS-SEN!"

Samstag, 10. Juli 2010

SOUTHAFRIKA 2010 / ANPFIFF

Tempelhofer Flughafengelände bei gefühlten 50 Grad im Schatten
hinten links noch der Schwanz eines zu schnell vorbei schlendernden Elefanten

Samstag, 3. Juli 2010

JERICHOW / IM SOMMER

die grinsende Fratze von Jerichow
sich etwas einverleibend - aber was?


Auf nach Jerichow! Mit dem roten Pandaflitzer auf den kleinsten und noch kleineren Strassen. Ganz Suche sein, suchend nach Jerichow! Ein Bild malen davon. Ein Lied singen. Innehalten bei "Eisbein 36" im schönen Nauen und mehr und mehr Zucker in den Kaffee füllen. Immer mehr, immer süßer. Bis die ganze Welt ein Zimmer wird. Ein Zimmer in einem Traum. Im Sommer - übervoll und süß.

Ach, es nie zu finden! Aber davon ablassen zu suchen? Niemals! Das werden wir nicht tun. Nein, auf noch kleineren Straßen fahren, es verfehlen um um uns erneut aufzumachen, sehnsüchtig. Ganz blöde am Rande eine Mohnfeldes stehen, Mohn, so viel Mohn. Und es in der Ferne erblicken: Jerichow.

Jerichow du Schöne! Versteck der Kühnen und Kecken. Wir sind doch angekommen.

Schade.

Freitag, 2. Juli 2010

BERLIN / MÄNNER MIT BOOTEN V

Kreuzkölle_Quergebäude zweiter Hof
da ficken wir


Gestern verschlug es mich mal wieder in den gediegenen Teil Charlottenburgs. Da frage ich mich dann immer wieder, wieso ich jede Wohnungsannonce für diesen Teil der Stadt aus meinem Account gelöscht hatte, als ich um die Jahrswende auf der Suche war. Der Umgangston ist freundlich, die Sonne scheint heller und das Essen in den kleinen Restauationen ist billger.

Nachdem ich festgestellt hatte, dass ich am Tag zuvor in Charlottnburg erwartet wurde, trank ich einen Kaffee in der Mommsenstraße. Ein netter junger Mann kam an meinen Tisch und fragte mich siezend zunächst ob er Platz nehemen dürfe, setzte sich und wollte dann Die Zeit lesend von mir wissen, wie ich denn die Qualität der Debatte um die Nachfolge Köhlers so einschätze. Tja.

Aber ich habe schon diverse Hausarbeiten über Bücher geschrieben, die ich nie gelesen habe und so plauderte ich mich etwas undefiniert aus der Bredouille. der Mann, der nicht mehr mein Freund sein kann, sagte ja schließlich auch immer: "Ja, wenn dir die Leute hier zu doof sind, dann geh in den oder den Laden in Charlottenburg - da ist jeder Abend ein Proseminar. Aber daran hast du ja kein Interesse!"

Jedenfalls plauderte ich wohl ganz charmant und wir ließen uns unseren Kaffe noch zweimal mit warmer Milch auffüllen (wegen unserer Mägen). Zuletzt erzählte er mir von seinem Sportboot, mit dem er am Wochende einen tollen Ausflug plant. Irgendwann musste er zurück ins Büro und ich zurück in meinen Urlaub. Der war nett, der Mann.

Ich lag den Rest des Tages auf dem Tempelhofer Flughafen rum. Die tollen Sommer sind leicht sepia und es glitzert in der Luft. Um 16 Uhr war Anpfiff und das Gras begann mich mit schwarzen Bällen zu beschießen. 12 Schmetterlinge flatterten um meine Nase, dass ich ganz wuschig wurde. Am Abend flogen die beiden Bussarde eine kleine Flugschau. Ich kam mir vor wie in einer BBC-Dokumentation von David Attenborough, als sich alles ins Unendliche verlangsamte und die beiden aufeinander zuflogen, sich an den Krallen nahmen, umeinander herum wirbelten, um dann elegant wieder auseinander zu fliegen. Dazu passend gab es in der FAZ einen Text von Cord Riechelmann über Stadtnatur.

Am Abend schob ich mein Fahrrad wieder in den zweiten Hof und schloss es vor der Erdgeschosswohnung des genervten Zettelschreibers an. Als ich mich umsah, stand da ein junger Mann und blickte unsicher zu mir. Ich fragte ihn, ob er etwas suche und er begann etwas von meinen Haaren und meinen Augen zu erzählen. Seine Augen funkelten wie der Sternenhimmel über Jounieh, woher er stammt - der reinste Orientalismus tobte in mir. Vor meinem inneren Auge verliessen kleine Fischerboote den Hafen in Richtung aufgehender Sonne. Dann empfahl ich mich aber höflich.

Endlich im Bett wurde unten im Hof, neben dem Hintereingang zur Wasserpfeifenklause, ein Gebet angestimmt. Im Einschlafen dachte ich, dass das zumindest mein zweitschönster Urlaubstag war.