Mittwoch, 23. Juni 2010

WM 2010 / RECHTSAUSSENSPIEGELFLAGGEN

Aussenspiegelflaggen
nur für rechte Aussenspiegel

Sebastian Haffner bewunderte schon in den frühen 20er Jahren die deutsche Begabung, Massenpsychosen auszubilden. Er sah darin eine Art Ausgleich für das geringe Talent zum individuellen Glück. "Die Massen- und die Kinderseelen sind sehr ähnlich in ihren Reaktionen. Echte Ideen müssen, um massenbewegende historische Kräfte zu werden, im Allgemeinen erst bis auf die Fassungskraft eines Kindes heruntersimplifiziert werden." Wie auch beim jüngsten Grand Prix wieder zu beobachten war, hat Deutschland zudem im Gegensatz zu anderen Ländern, über deren Zusammenhalt wir uns jedes Jahr still ärgern, wenn das Punkte Hin- und Herschieben beginnt, keine Freunde – also Nachbarn, sondern ausschließlich Gegner. Aber denen hat es Lena gezeigt und daran sollen sich unsere Jungs ja auch heute Abend ein Beispiel nehmen.

Auch Steve Kettmann spricht in seiner Kolumne in der Berliner Zeitung heute von einem "Psychodrama", nämlich dem, das sich nach dem verlorenen Spiel gegen Serbien ereignete. Tatsächlich ist schon jetzt, Stunden vor dem Anpfiff des heutigen Spiels Deutschlands gegen Ghana, ein Bitzeln in der Luft, als drohe im Falle einer Niederlage - was eigentlich? Die große Langeweile?

Mitte der 20er Jahre hatte sich schon einmal eine bleierne Langeweile über Deutschland gelegt. Der Ruhraufstand war niedergeschlagen worden, und somit die letzte Möglichkeit der Deutschen, sich in ein kollektives kaltes Zahlenspiel zu vertiefen. Nicht, dass es keine Probleme gegeben hätte. Die Wirtschaftskrise wütete. Trotzdem war es wohl allen langweilig und aus dieser Langeweile heraus entstand in den Jahren 1924/25 und 26 ein wahrer Sportfimmel. Sebastian Haffner selbst rannte mit Begeisterung zwei Jahre lang in einem von Freunden gegründeten "Rennbund Preußen" - als gäbe es kein Hirn, das man anstelle dessen für irgendetwas benutzen könnte. Erst 1928, nach der Olympiade in Amsterdam - wo Deutschland immerhin den zweiten Platz belegte - verschwanden die Sportnachrichten der Tageszeitungen von der ersten Seite zurück in den Sportteil.

"Törööö für Deutschland" titelt denn auch die Berliner Zeitung heute auf Seite Eins - Aber das ist noch nichts gegen die tageszeitung, die heute im Aufmacher "Spiel des Lebens" brüllt. Und Peter Unfried sieht in dem bevorstehenden Spiel ("Jogi Löw und der Mut zum Risiko") ganz "pathetisch" die Analogie von Fußball und Gesellschaft: "Das DFB-Team wagt etwas: Damit steht es quer zum gesellschaftlichen Trend." Wow. Total quer.

Die taz schickt ihre Kleinen Linken während der WM übrigens nun regelmäßig in die Brabbelgruppe von Frauke. Vorletzte Woche wurde das Links sein da etwa so formuliert: “Ja, das ist einfach gute Tradition. Ich weiß nicht, wie man als linker Mensch überhaupt für Deutschland sein kann. Ich bin das ganze Jahr gegen Deutschland und auf einmal ist Friede, Freude, Eierkuchen und wir finden das alles toll, nur weil Türken und Schwarze mitspielen und wir sind jetzt irgendwie einig Vaterland, hallo? – tut mir leid, geht nicht.” Ein Kommentar dazu war dann: "der versuch, um jeden preis originell sein zu wollen, ist auch hier kläglich an einem infantilen grundrauschen gescheitert."

Diese Woche gab es dann bei Frauke zur Vermeidung frühkindlicher Traumata einen japanischen Papierfaltkurs, man kann ja nicht wissen – da war die Kamera nicht zugelassen. Wenn Deutschland heute verliert, und das Gelaber keinen mehr interessiert, wird nächste Woche das geistige Exil vorbereitet.


Wie der Jörg Sundermeier vergangene Woche schon treffend korrigierte: „Der letzte linke Student ist selbstverständlich gegen den Fußball.“ Und zwar ganz und gar! „Er ist nämlich ein Linker. Und folglich: gegen Sport. Jedoch: der Fußball mobilisiert die Massen. Und eben: Ganz schön viele Massen auch. Und zudem: Der Fußball ist männlich… Allein der Fußball ist eben auch national. …Das Nationale in Lateinamerika ist links. Und in Asien: Sowieso. Und in Afrika: sowieso sowieso. In Deutschland aber: Ist das Nationale rechts.


Hallo, ja! Tut mir leid! Trörööööö!


Dienstag, 22. Juni 2010

BERLIN / BAUMSCHEIBE CAFÉ RROMA UND DIE FETE

Rroma Café_Boddinstraße 5
zur Fête de la Musique 2010



Wir begannen unsere Rundfahrt in Neukölln. Die Gegend in und um die Boddinstraße lockte mit mehreren Bühnen. Vor dem Atelier Kunstmoment spielte die Kombo MONKEY PIT+RES_ET auf und begeisterte sogar meinen reizenden Begleiter, Mr. Bloom, den ollen Jazzmuffel. Dazu gab es "Life Painting". Ich schätze mal, bewundern kann man die fertigen Werke ab heute im Atelier in der Boddinstraße 9. Weiter unten vor dem Café Rroma blieb es leider ganz still. Mit diesem netten Lokal sind die Brüder Markovic in Berlin sesshaft geworden. Slavisa Markovic äußerte sich jüngst im Freitag verärgert über das Klischee vom "Wandertrieb" der Roma: „Roma sind genauso unterschiedlich wie Menschen überall, sind leistungsorientiert oder abenteuerlustig, fest im Familienverband oder nicht."

Ihre Baumscheibe ist jedenfalls die bisher stilsicherste der Stadt. Mit einigen Steinen den Rahmen angedeutet, lässig in die Diagonale gesetzt eine Bank von geradezu asiatischer Schlichtheit. Fertig ist die Laube. Ein Zaun und Poller drum herum hätte mich auch enttäuscht. Eine schöne Bank in lockerer Linie dem Raum überlassen. So solls sein. Klischee hin oder her.

Am Heinrichplatz dann das Grauen der Kreuzberger Chronologie. "Danke, dass ihr uns die letzten 20 Jahre die Stange gehalten habt" grölt es bierseelig aus den Lautsprechern vor der Roten Harfe. Und dann geht das Geschraddel los. Auf dem Weg zum Görlitzer Park staunten wir noch über die Brüll-Party vorm Coretex. Wer jetzt noch keine 12 Sterni hatte, der brauchte auch gar nicht mehr damit anzufangen. Die Kakophonie war aber egal, weil sowieso alles gleich klang. Vielleicht erkennt man die Feinheiten ja ab 3 Promille...

Viel zu spät dann im Park erschienen. Der Sommerhit 2010 schallte uns entgegen und es wäre mal voll korrekt gewesen, wenn das "Basement Funk Orchetra" bis zum Ende des Sommers weitergemacht hätte. War das ein Fest. War das schön. Jetzt echt. Heute lauf lauf lauf ich mit dem Lied in der Rübe durch den Tag und finde wieder mal alles toll. Doch noch alles gut ausgegangen.

Dienstag, 8. Juni 2010

BERLIN / BAUMSCHEIBE HERRFURTHSTRASSE

Weil du mich, Freund, beschenkst mit dir,
So dank ich billig dir mit mir.
Nimm hin deswegen mich für dich;
Ich sei dir du; sei du mir ich.

Friedrich von Logau, An einen Freund



Viele Menschen verstehen von Freundschaft ja leider gar nichts. In dieser kleinen Einkaufsmöglichkeit wird das Wort Freund jedoch besonders groß geschrieben. Der Besitzer des kleinen Kiosks an der Herrfurthestraße in Neukölln kam sofort aus seinem Laden geschossen, als ich Bilder machte. In der Hand den Beweis, dass sein Laden bereits in Ulli Hannemanns Neulich in Neukölln literarische Verwertung gefunden hat, wie man so schön sagt. Der Freund bin ich!, rief er immer wieder. Routiniert schlug er eine Seite im Buch auf, die besonders abgegriffen war, und las den entsprechenden Absatz vor. Ich fragte ihn, wie er auf diesen Namen gekommen wäre. Er betonte noch einmal, dass er der Freund sei. Dann erzählte er mir, er habe bei der Übernahme des Kiosks vor einigen Jahren mehrere Ideen gehabt. Weil er sich aber nicht entscheiden konnte, startete er eine Umfrage im Internet. "zum Freund" gewann mit weitem Vorsprung vor "Späti am Herrfurthplatz" und "Schiller-Kiosk", die wiederum etwa gleichauf lagen.

Die von ihm gestaltete Baumscheibe ist in Teak ausgeführt, wie er mir sagte. Demnächst sollen da auch Blumen gepflanzt werden. Zurzeit ist er aber mit dem Ansturm auf den Tempelhofer Park vollkommen ausgelastet - Im Hintergrund der Haupteingang Herrfurthstaße. Seit der Öffnung hat er einen deutlichen Umsatzzuwachs zu verzeichnen. Sein Dienstleistungsangebot hat er deshalb den Bedürfnissen der vielen Neukunden angepasst. Der Kiosk ist besonders kundenfreundlich ausgestattet. Das Warenangebot umfasst alle Dinge des täglichen Bedarfs und noch etwas mehr. In einer rustikalen Sitzecke kann gemütlich Platz genommen werden, während man sich den neuesten Kieztratsch anhört. Draussen neben der Tür informiert ein Lageplan über das neue Naherholungsgebiet.

Sonntag, 6. Juni 2010

BERLIN TEMPELHOF / HEIMAT DER MUSEN

Berlin_Flugfeld Tempelhof
Eine neue Künstlerkolonie / 29.Mai.2010


Der Parnass ist ein 2.455 Meter hoher Gebirgsstock in Zentralgriechenland. Die Heimat der Musen und der Göttinnen der Künste. Nach ihm benannte sich das Pariser Künstlerviertel Montparnasse. Auf einem kleinen Hügel gelegen eine lächerliche Erhebung gegen sein Vorbild. Aber "The Berg" soll etwa so hoch werden wie das griechische Original. Mit zwei Gipfeln, Skigebiet, Hochalmen und: Künstlerviertel am Hang. Schon strömen die ersten Maler auf das Gelände. und malen den schönen Rosinenbomber vor wilder Stadtnatur. Das finde ich mal wieder alles toll. Richtig toll.

Freitag, 4. Juni 2010

GRÜNE PHASE / MÄNNER MIT BOOTEN IV

Es war mal einmal ein Mann, der hatte sehr viele große Boote. Eines davon fuhr in in der Arktis herum. Das Boot hieß Knut und war eines der besten und größten der Flotte. Sein Kapitän allerdings, war über die Jahre zum schweren Alkoholiker geworden.

Eines Tages steuerte der Kapitän sein Boot wieder stockbesoffen. Da rammte es einen Eisberg und der gesamte Bug wurde abgerissen.

Hektisch und so schnell wie möglich fuhr er rückwärts aus der Gefahrenzone heraus und rammte einen anderen Eisberg, so dass auch noch das ganze Heck abriss.

Nun kenterte das Boot natürlich und verlor dabei auch noch die Aufbauten und Teile des Oberdecks.

Das Einzige was dem Mann von seinem Boot blieb, war das einzige Hemd des Kapitäns.

Da war der Mann echt sauer.
















































Mittwoch, 2. Juni 2010

"NOWKOELLN ARKADAS"/ MÄNNER MIT BOOTEN III

Istanbul_Üsküdar/ Kiz Kulesi
Leander stürzt sich in den Bosporus - um seine Geliebte Hero zu retten, die da hinten im Turm hockt.

Letzte Woche hatte ich krass Fieber und dann bin ich mit Tanja eine Waschmaschine abholen gefahren. Aber Treppe hoch - das ging nicht mehr. Also: Tanja nach Hause geschickt. Und da stand es nun, das dicke Stück. In der Hofeinfahrt. Verzweifelt zum TV-Dealer nebenan. Problem erklärt. Der gleich rumtelefoniert und versprochen: Heute Nachmittag noch!

Dann ruft der Mann an, der nicht mehr mein Freund sein kann. Ruft an und erzählt von den ganzen Booten in der Welt, auf denen Männer sitzen und nicht nach Hause fahren können. Zum Beispiel auch in Istanbul, da warten Afrikaner. Und später will er mir helfen. Manche stürzen sich auch aus Verzweiflung in die Fluten. Heyho. Da kam mir Paul Celan hoch:

...Vergessenes griff
nach Zu -Vergessendem, Erdteile, Herzteile
schwammen,
sanken und schwammen. Kolumbus,
die Zeit-
lose im Aug, die Mutter-
Blume,
mordete Masten und Segel. Alles fuhr aus,

frei,
entdeckerisch,
blühte die Windrose ab, blätterte
ab, ein Weltmeer
blühte zuhauf und zutag, im Schwarzlicht
der Wildsteuerstriche. In Särgen,
Urnen, Kanopen
erwachten die Kindlein
Jaspis, Achat, Amethyst,Völker,
Stämme und Sippen, ein blindes...

(Paul Celan, Die Silbe Schmerz)


Am Nachmittag dann piepst der Mann keinen Mucks. Aber Der Dealer kommt und zupft einen Jungen aus der Nargile-Bar im Haus und die wuchten das Ding hoch. Und dann rennt der noch mal los, ruft: Das muss angeschlossen werden! und holt Schlauch und Muffe und schraubt und schwitzt. Und dann sagt der: Macht 10 Euro.

Am Abend gehe ich trotz Fieber trinken im Salon. Es gibt Jatz und ich huste bariton dazu. Ganz spät ist es schon als der Mann anruft. Mitten in der Nacht, um genau zu sein. Die Bürgerinitative hatte ihn noch aufgehalten - die ist eine Prinzessin und sitzt auf einem knöchernen Schoß. Sie kann nicht meine Freundin sein. Kann sie nicht.

Der Mann ist nicht mehr mein Freund aber ich will mal nicht so sein und erzähle die Geschichte: 10 Euro! sage ich noch am Ende und, dass ich zum Dank mal seine Baumscheibe begutachten werde und er sagt: Ich hätte ihm einfach 20 gegeben! Zurück am Tisch sag ich das Gabi und die sagt: Nee, ich hätte dem 220 gegeben!

...Und Zahlen waren
mitverwoben in das
Unzählbare. Eins und Tausend und was
davor und dahinter
größer war als es selbst, kleiner, aus-
gereift und
rück- und fort-
verwandelt in
keimendes Niemals.
..

(ebenda)