Montag, 31. Mai 2010

BERLIN TEMPELHOFER FELD / BEI MIR BIDDE NICH MEHR

Berlin_Flugfeld Tempelhof
Station von THE KNOT am 29.Mai.2010


Den Samstagnachmittag verbrachte ich mit einem Freund auf dem ehemaligen Tempelhoferer Flughafen. Unter anderem versuchten wir uns eine ganze Weile darin, innerhalb von zwei Kilometern zum Stehen zu kommen - am Ende gelang uns das schon ganz gut.

Später besuchten wir die Künsterinitiative "The Knot" am nördlichen Rand des Geländes. Die Aktion setzt sich unter dem Motto "1 qm Tempelhof für jeden" für einen "radikaldemokratischen Ansatz" bei der Planung für das Gebiet des ehemaligen Flugplatzes ein. Beim Anblick der ganzen Hüpfburgen und hüpfburgenähnlichen "Werke" nebst einiger kryptischer Texttafeln waren wir dann allerdings ganz verwirrt. Während wir staunten unterhielten sich neben uns einige junge Leute aus aller Welt und mit ernster Miene im künstlerischen Englisch über irgendwas, das ich nicht verstand, weil es von überall her so laut war oder ich bei diesem Englisch immer ganz müde werde. Ihre Beck's-Flaschen hielten sie dabei in ihren Händen wie Mikrophone bei einem ZDF-Talk.

Aus irgendeinem Grund erzählte mir mein Freund dann folgende Geschichte: Vor einiger Zeit war er mit seinem damals fünfjährigen Sohn auf einem dieser Künstler-Spielplätze, wie sie für die sogenannten gentrifizierten Bezirke typisch sind. Häufig handelt es sich bei dem Spielmobiliar um geschnitzte Holzobjekte. Hier hatten sie es mit der Edelstahlvariante zu tun. All die Geräte waren garantiert nie das, was sie zu sein schienen. Was aussah wie eine Wippe, bewegte sich kein bisschen, usw. Der kleine Finn prüfte nacheinander einigen Geräte. Nach einer Weile schaute er sich mit ernstem Blick um und sagte: "Den Spielplatz verstehe ich nicht."

Auf der Transitstrecke ins schönste Schöneberg machten wir dann noch bei Aldi halt, wo wir uns für einen Strassenmusikanten begeisterten und unser Pfandgeld mit ihm teilten. Und an der Kasse sprach mir die Kassiererin aus der Seele, als sie uns anplärrte: "Bei mir bidde nicht mehr."

Freitag, 28. Mai 2010

MÄNNER MIT BOOTEN II / SUPRAVENTRIKULÄRE TACHYKARDIE

Wir besprachen uns bei ein paar Engelhardt Charlottenburger Pilsener im legendären Weddinger "Euler-Eck"


Eine Supraventrikuläre Tachykardie ist eine besondere Form der Herzrhythmusstörung - welche, habe ich nicht verstanden. Ein Freund erzählte mir davon, dass er darunter gerade leide und der Arzt ihm das so beschrieben habe, dass die Patienten eben dann einfach mal ihr Herz spüren würden. Das heißt nicht etwa, dass die dann irgendwelche Gefühle bei sich entdeckt hätten. Wohl aber könne das mit großem Alltagstress zusammenhängen.

Erst hatte er ja gedacht, es handele sich dabei um Panikattacken. Tatsächlich war es jedoch nur das Ergebnis einer schon längere Zeit andauernden großen Belastung. Er hatte monatelang hart gearbeitet und auch sein Privatleben war etwas kompliziert geraten und erfordert gerade eine aufwendige Planung aufgrund einer Doppelbeziehung: Eigentlich seit 4 Jahren mit seiner Freundin zusammen, kann er sich gerade nicht entscheiden, weil er sich nämlich in eine andere Frau verliebt hat, die nicht so recht etwas von ihm will, weil sie eigentlich gerade Liebeskummer hat. Ihr Typ wiederum vögelt nämlich seit geraumer Zeit eine andere Frau und ist nun "ambivalent", weil es zwischen ihnen ja schon lange nicht mehr gut gelaufen sei. Diese andere Frau allerdings ist in einer festen Beziehung und will ihren Freund auch gar nicht verlassen. Allein, der denkt über Trennung nach, weil sich die Beziehung zu einer gemeinsamen Arbeitskollegin zu verfestigen scheint. Das ist allerdings noch nicht in Sack und Tüten, denn sie hofft noch immer, dass sich ihr Partner ihr wieder zuwendet, nachdem er sich unsterblich in eine Freundin von ihr verliebt hatte und immer noch rumeiert, weil diese Freundin nicht recht den Eindruck macht, als wolle sie ihren Mann verlassen - der sie nun schon seit einem halben Jahr belügt und betrügt. Die Frau kennt sie nicht, aber sie hat den Eindruck, dass sie in einer festen Partnerschaft lebt, bei der nur gerade etwas nicht stimmt.

Ach so: Ihr Mann hat übrigens ein Boot, mit dem er gerne kleine Ausflüge macht. Früher machte er das oft mit ihr zusammen aber nach der Heirat war es schnell mit seiner Nettigkeit vorbei. Ich glaube er ist Hindu.

Mittwoch, 26. Mai 2010

BERLIN / BAUMSCHEIBE RITTERSTRASSE

Ritterstraße_Berlin-Kreuzberg
Café Can Can


In der Ritterstraße gleich neben dem Billigschuhladen befindet sich das Can Can. Die Mitglieder des Vereins haben unterschiedliche Gemüsesorten gepflanzt. Dominiert wird der kleine Garten in diesem Jahr allerdings durch Zwiebeln. Einer der Mitarbeiter im Café erzählte mir noch, dass dort im letzten Sommer Tomaten wuchsen, die wunderbar geschmeckt haben sollen. Alerdings waren sie erst im September reif. Die Ritterstraße hat nur am Morgen und ab dem späten Nachmittag Sonne. Das Gespräch verfestigte meine These, dass es sich bei den von (meist türkischen) Männern bepflanzten Baumscheiben fast eher um Gemüsegärten als dekorative Landschaftsgestaltungen handelt. Im Ziel ist man sich aber mit allen anderen einig: "Das sieht einfach schöner aus und es wird nicht so viel Dreck hineingeworfen!"

Nach dem Genuß eines Cays, der natürlich aufs Haus ging, kaufte ich mir von dem gesparten Geld nebenan ganz tolle schwarze Pseudo-Leder-Schuhe für 5 Euro. Nur niemals zwei Tage hintereinander tragen!

Sonntag, 23. Mai 2010

TÜRKEI / MÄNNER MIT BOOTEN I


Dernekli Köyü Bayındır_Izmir
Erkan und Stefan beim Sondieren des Geländes

Links, das ist der Erkan. Uns verband eine recht kurze Liebe, die wohl an der Einsamkeit eines verlassenen Dorfes scheiterte, in dem wir eine Weile gemeinsam lebten. Wir beide und ein Hund allein unter Wölfen. Er bildete damals gemeinsam mit Stefan (rechts im Bild) die Vorhut für ein Landprojekt einiger Istanbuler Freunde. Im Frühjahr pflanzten wir die ersten Olivenbäume an. Ob es in dem Dorf Baumscheiben gab, kann ich nicht mehr sagen. Damals hatte ich noch kein Auge dafür. Mittlerweile geben sie dort und in Istanbul Kurse für Permakultur und die Gruppe ist auf rund acht feste Bewohner angewachsen.

Erkan sieht zwar aus wie ein deutscher Backpacker ist aber ein Bosnak - seine Urgroßeltern flüchteten 1918 aus Bosnien in die Türkei. In Bosnien waren sie die "Türken", in der Türkei die "Bosnier". Er sagt immer: "Das ist ein Irrtum, ich will hier raus! Ich bin kein Türke!" Mit türkischen Frauen kommt er nicht klar - zu krass - feilschen kann er gar nicht und wenn er es versucht, führt das höchstens zu einem mitleidigen Lächeln beim Verkäufer, der sich von einem Deutschen ja wohl nicht die Touristenpreise versauen lässt - und wenn der noch so gut Türkisch spricht.

Stefan erwartete mit seiner Freundin Fusun in dieser Zeit ein Kind und so entschieden sie sich noch eine Weile in Istanbul zu bleiben. Seine Eltern waren in den 60er Jahren aus München nach Istanbul gekommen, wo er geboren und aufgewachsen ist. Er spricht tatsächlich kein Wort Deutsch. Nicht eins. Das hat keinen besonderen Grund.

Beide hatte ich in Istanbul kennen gelernt. Es hatte mich schwer erwischt und ich flog nur noch nach Deutschland zurück, um das Gröbste zu regeln und dann in das Dorf Dernikli zu kommen - es war in den 80er Jahren verlassen worden. Bis auf das Schulhaus gab es nur noch Ruinen.

Während meines kurzen Aufenthaltes in Deutschland telefonierte ich mal wieder mit meiner etwas verzweifelten Mutter. Sie befürchtet, dass ich ganz in die Türkei verschwinden könnte und fragte: "Hast du dich da verliebt?"
"Ja, ein wenig", antwortete ich. "Aber ich komme ja wieder. Erkan kann mich nur nicht besuchen, weil er kein Visum bekommt".

Darauf meine Mutter: "Die Tochter einer Bekannten von mir hatte ja mal einen Mann in der Türkei kennen gelernt. Im Urlaub. Der hatte ein Boot, mit dem er Touristen an der Mittelmeerküste herumfuhr. Der war erst total nett. Dann haben die beiden geheiratet. Dann war der gar nicht mehr nett... Und der war ja Moslem."

Darauf entgegenet ich: "Ich kannte mal eine, die hat in Malta einen Mann kennen gelernt, der Touristen mit seinem Boot zum Tauchen rausfuhr. Der war erst sehr nett. Dann ist sie da hin gezogen und sie haben geheiratet. Dann war er gar nicht mehr nett. Und der war Katholik."

Als ich einer Freundin einige Tage später von dem Telefongespräch erzählte, sagte sie: "Ich kannte mal eine, die hat einen Mann kennen gelernt. Der war erst total nett, dann haben die geheiratet, dann war der gar nicht mehr nett. Und der hatte noch nicht mal ein Boot."

BERLIN / BAUMSCHEIBE WAFFEN WODARZ

Waffen Wodarz / Berlin-Neukölln
Karl-Marx-Straße



In der vorletzten Woche habe ich mich mal ausführlich bei Waffen Wodarz in der Karl-Marx-Straße beraten lassen. Allerdings war ich wenig vorbereitet und am Ende verlor sich der Verkäufer in Schwärmereien über diverse Waffen, die es bei ihm natürlich nicht zu kaufen gibt: die Empfehlungen reichten vom kleinen Handtaschenrevolver für die Dame (jetzt auch in metallic-pink!) bis hin zur klassischen AK-47 mit abklappbarer Schulterstütze. Die ist billig und nahezu unkaputtbar - im Kongo werden heute noch Kalaschnikov-Modelle aus den 50er Jahren auf dem Schwarzmarkt verkauft und von Kindersoldaten, die kaum größer sind als ihre Knarre, stolz über der Schulter getragen. Geschätzte 100 Millionen Exemplare im weltweiten Umlauf sprechen doch auch für sich. Auch die italienische Camorra bevorzugt das praktische Modell, das kinderleicht auseinandergebaut und selbst repariert werden kann - von schlichtem Chic und vielseitig einsetzbar ist sie wie geschaffen für einen gepflegten Amoklauf.


Weniger gepflegt fand ich seine Baumscheibe. Den Baum hatten die Mitarbeiter des Geschfts schon in der ersten Woche umgelegt - "es war einfach einer zu viel hier". Ich fragte ihn deshalb, ob ich ihm mal den Neuköllner Baumscheibenberater vorbei schicken sollte. Man könnte da ja auch was Thematisches machen. Stacheldraht und Selbstschussanlagen vielleicht. Tatsächlich aber sei die Fläche bereits gestaltet. An Silvester war bereits einige Male reingeschossen worden, was ihr etwas mehr landschaftliche Lebendigkeit einbrachte. Für den im Sommer denken sie über ein Minenfeld gegen Hunde nach.

Paul Watzlawick erzählte in seinem Buch "Münchhausens Zopf" - Aufsätze über die Psychatrie - folgende Geschichte, die sich in Amerika zutrug:

Ein kleiner Junge hatte im elterlichen Haus mit einer Waffe rumgeballert. Als man die Mutter danach fragte, wie sie in dieser äußerst gefährlichen Situation reagiert habe, antwortete sie: "Ich habe ihm zum 138. Mal gesagt, dass er nicht im Wohnzimmer spielen soll."

Donnerstag, 20. Mai 2010

BERLIN / Is däs Kunst ode kann des wäsch? II

Berlin-Neukölln_Hobrechtstraße
vor dem Salon Petra


Tim Schaefer und Peter Ehwald spielten auf im Salon gestern Abend. Und es war ganz wunderbar. Inge verstieg sich sogar zu dem Urteil, es hätte eine ganz neue "Lyrik" darin gelegen. Zuvor hatten wir selbst musiziert und waren sehr zufrieden mit uns, beschwingt, und gewissermaßen voll im Thema. Innen ist dort zur Zeit gruselige Puppenkunst ausgestellt. Draussen vor der Tür entsteht seit einer Woche eine Street-Art-Instalation, die am gestrigen Abend plötzlich meine Begeisterung weckte - aber gestern fand ich ja eh alles toll.

Alte Macke von mir: Immer alles toll finden.

Montag, 17. Mai 2010

BERLIN / ABWÄRTSVERGLEICH

Neukölln_Karl-Marx-Straße
2. Hinterhof

Mit meinem neuen Nachbarn besprach ich gestern den bronxigen Zustand unseres Hofes und, dass das alles doch etwas trist ist. Der Müll liegt überall rum, kein Strauch weit und breit und die Mauern strahlen nur so vor angegrauter und raugeputzter Häßlichkeit. Manche Psychologen empfehlen ja in solchen Momenten mal einen Abwärtsvergleich zu machen. Der passierte mir gewissermaßen als ich in der Nacht nach Hause kam. Da die Fahrradständer im ersten Hof alle besetzt waren schob ich mein Rad in den 2. Hof. Der ist noch enger, die Fassaden noch grauer und er wird an beiden Seiten von fröhlichen Brandwänden flankiert. Es wird einem direkt eng um die Brust. Im Fenster der Erdgeschosswohnung hing dieser Zettel. Ich bin ja gerade mal ganz schön genervt - aber so genervt bin ich noch nicht.

Freitag, 14. Mai 2010

BERLIN / ESOTERIK

Karl-Marx-Straße_Berlin-Neukölln
Grotte im Türkiyem Grill


Letzte Woche besuchte ich den Köfte-Grill bei mir gegenüber. Der hat zwar keine Baumscheibe, dafür aber einen sehr schönen Springbrunnen. Ich fand, dass es Zeit war, endlich von einigen Dingen Abschied zu nehmen und besorgte im Schmeiß-Weg-Laden nebenan ein Plastikoot. Das bunte Schiffchen symbolisiert für mich Zuversicht und Lebensmut. Es war kostengünstig, ist zuverlässig und sozial ist es bestimmt auch. Die dunkle Grotte bedeutet eine ungewisse Zukunft, aber auch, dass man nicht wissen kann, was noch kommt - auf ne Art. Ich machte ein Foto und Musti und ich wonken ihm gemeinsam Adéşürüs.

Weil man von Esoterik allein nicht leben kann, aß ich dann noch einen Adana-Kebap und trank einen Ayran dazu.

Donnerstag, 13. Mai 2010

BERLIN / BAUMSCHEIBE KUDAMM

Dies ist ein Blumenbeet!

An einem sonnigen Frühlingstag vor einigen Wochen schlenderte ich den Kurfürstendamm aus der Mommsenstrasse kommend hinab, um etwas Luxus zu schnuppern. Dieser Teil des ehemaligen Berliner Zentrums riecht ja noch immer nach viel Geld. Besonders Russen gehen hier gerne in den teuren Boutiquen einkaufen. Dort sind angeblich vor allem dezent militärische und patriotische Looks gefragt und die Verkäuferinnen sprechen inzwischen auch russisch. Da die Querstraßen auf dieser Höhe auch eine beliebte Wohngegend für Russen geworden sind, haben dort mittlerweile viele russische und osteuropäische Einzelhandel eröffnet. Ich bewunderte die alten Alleenbäume, die in regelmäßigen Abständen und durch ein schlichtes Sandbett gefasst die Straße rechts und links flankieren und kam gerade bei Gucci vorbei, als ich diese Konstruktion sah.

Der Betreiber einer edlen Brasserie auf dem Kurfürstendamm hatte sich nicht entblödet und eine Baumscheibe gegenüber seines Etablissements angelegt - um damit den endgültigen Beweis zu liefern, dass der Kudamm im Arsch ist.

Dafür umrahmte er das Blumenbeet mit Fichtenholzbrettern aus dem Baumarkt und druckte einen Zettel aus, den er in eine Dokumentenhülle gesteckt an die altehrwürdige Platane heftete: "Dies ist ein Blumenbeet! Hunde bitte fernhalten!"

Direkt nebenan befindet sich Prada und ein Geschäft von Bulgari. Ich stellte mir vor, wie merkwürdig es einem vorkommen muss, wenn man sich gerade einen 8000,- Euro-Fummel gekauft hat, noch völlig im Konsumrausch aus dem Laden taumelt und dann darüber stolpert. Ein Blumenbeet. Mit Fichtenholzrahmen. Und Schild.