Dienstag, 28. Dezember 2010

GENTRIFICATION I / SCHLAGHOSEN

ein noch zu gentrifizierendes Gebiet
in der Gdansker Innenstadt


In der vergangenen Woche habe ich in der schönen Stadt Gdansk an einer Konferenz teilgenommen, die der Verlag und Zeitschrift Krytyka Polityczna im Rahmen eines Projektes veranstaltet hat. Eingeladen waren Gäste und Partner des Projektes „Miejsca transformacji” - Orte der Transformation - aus Gdansk, Kiew und Berlin. Es ging um Verdrängungsprozesse in Europäischen Städten. Wie etwa durch Aufwertung - auch Gentrification genannt. Einem Begriff, der noch vor wenigen Jahren ausschließlich in der Stadtsoziologie benutzt wurde, dessen Verwendung in Deutschland dann zwischenzeitlich ausreichte, den Berliner Soziologen Andrej Holm in Untersuchungshaft zu sperren, weil man ihn damit in die Nähe von Terroristen brachte, der mittlerweile aber jedem Bildzeitungsleser geläufig ist. Eine Frage, die sich durch die gesamte Veranstaltung zog, war die nach der Verantwortlichkeit der Künstler, oder besser der, die man als creative class bezeichnet und, die sich auf die neuen In-Bezirke stürzen um dort zu wohnen und zu arbeiten. Menschen also, die in der Kreativwirtschaft arbeiten und um die sich Städte wie Berlin bemühen - sind sie doch der entscheidende Wachstumsmotor...

Am Ende kann man mal abgesehen von Grzegorz Lechman von der Stadtentwicklungsbehörde in Gdansk von einem gewissen Konsens sprechen. Verantwortlich zu machen ist ein Maß an Korruption in der Bau- und Immobilienwirtschaft und Politik sowie die Verschränkung eigentlich diametraler Interessen von Bürgern, Investoren und der städtischen Behörden, die möglich macht, dass soziale Prozesse in Innenstadtgebieten Europas - natürlich gefördert mit EU-Geldern - von den Städten in die Hände des Marktes gegeben wurden. Vom Sozialen Wohnungsbau hat man sich allerorts verabschiedet und betreibt stattdessen den Ausverkauf öffentlichen Eigentums. Der entscheidende Unterschied besteht eigentlich nur in der Ehrlichkeit. Grzegorz Lechman begründete den Rausschmiss von Mietern in einem Sanierungsgebiet mit krossen Behauptungen über (saufende) Bürger, die auf der berühmten sozialen Hängematte Polens ihre Eier schaukeln liessen während ihre Ziegen auf den Balkonen grasen und der Behauptung, deren Kinder würden später auch mal Arbeitsolsengeldempfänger werden wollen. Fast glaubte ich, einer Sarrazin-Lesung zu lauschen. "Das wird man doch mal sagen dürfen".

In Berlin hat man sich schon Ende der 90er Jahren weitgehend von einer Stadtentwicklungspolitik verabschiedet, die Rücksicht auf die sozialen Verhältnisse von aufzuwertenden Innenstadtnahen Gebieten nimmt - sogenannte "Problembezirke" mit einem hohen Anteil an Bevölkerung niedriger Einkommen und natürlich mit Migrationshintergrund. Unter anderem sagte der damalige SPD-Stadtentwicklungssenator Peter Strieder 1998 über den "Millieuschutz", daß dieser irgendwie nicht mehr zeitgemäß sei: „ein Instrument aus den 70er Jahren", teilte sein Referent Philipp Mühlberg mit. Vermutlich so was Ähnliches wie die Schlaghosen, die einfach aus der Mode gekommen sind, wie die Autorin Ulrike Steglich damals im Mieterecho vermutete. Statt Milieuschutz favorisiert Strieder für „Problemgebiete" die sogenannte Eigentumsbildung. Das heißt konkret die Ansiedlung Besserverdienender und hochwertigem Gewerbe, Verkauf städtischer Immobilien an Investoren und das Konzept eines sogenannten „Quartiersmanagement" - soziale Prozesse sollten nun in Zukunft gemanaged werden. Mittlerweile sind in fast allen Bezirken Berlins, besonders in solchen, in denen Transformationsprozesse zu erwarten sind, solche Büros eingerichtet. Und auch die Stadt Hamburg hat sich diesem Konzept angeschlossen.

Dabei ist das Quartiersmanagement kein Teil der städtischen Administration, wie viele Berliner (und auch Hamburger) durch den Auftritt der Einrichtungen in den jeweiligen Nachbarschaften erfolgreich getäuscht annehmen. Sondern eine Programm oder besser eine Strategie, für die verschieden Gelder aus den Förderprogrammen des Bundes und der EU abgerufen werden können. Für das Betreiben eines QM-Büros kann sich jeder bewerben. In den am heißesten diskutierten Bezirken Berlins, nämlich genau denen, in denen in den nächsten Jahren die radikalsten Veränderungen zu erwarten sind, betreibt diese Büros die BSG - Brandenburgische Stadterneuerungsgesellschaft mbH. Seit 1993 führt die BSG im Auftrag des Bezirksamtes Neukölln auch ein Stadterneuerungsbüro im "Untersuchungsbereich Schillerpromenade" und hat eine Milleuschutzsatzung erarbeitet. Unter Milleuschutz wird heutzutage allerdings einzig noch der Erhalt historischer Bausubstanz verstanden. Das hat mit Menschen nichts zu tun. Erfreut sich aber großer bildungsbürgerlicher Begeisterung.

Im Schillerkiez hat alleine die Aussicht darauf, das dieser immer noch sehr graue und unattraktave Kiez in Zukunft direkt am neuen Grand Central Park von Berlin liegen wird und die Investorenfreundliche Arbeit solcher Einrichtungen wie des Quartiersmanagements bereits dazu geführt, dass die durchschnittliche Kaltmieten bei Neuvermietungen im Durchschnitt schon auf 9 bis 10 Euro pro Quadratmeter gestiegen sind. Das nennt man eine gelungene psychologische Aufwertung. Schon stürmt die kreative Klasse, denen der angrenzende Reuterkiez nun langsam auch zu teuer geworden ist im Goldrausch die neuen Gebiete. Was in Neukölln schon zu einem regen Zugereisten-Bashing führt. Aus der Not, scheiß Englisch zu sprechen wird da auch mal eine Tugend gemacht und das "party pack" beschimpft: Geht doch alle wieder nach Hause! Wir hatten zuerst die Idee, hier zu wohnen...

Doch sollte sich der Ärger doch lieber auf die konzentrieren, die diese Verschleierung wünschen und unterstützen und Stadtentwicklungspolitik in die Hände des Marktes gegeben haben, damit sie den Dreck rauskehren. Und dabei ist es nicht gerade schwer, herauszufinden, wer hier die Sozialplanung betreibt: Ein der Bauindustrie nahestehendes Unternehmen, das in Berlins benachteiligten Stadtteilen dem Senat seit 1999 dabei behilflich ist, "Prozesse umfassender sozialer und ökonomischer Stabilisierung in Gang zu setzen".
Teil ihes Angebotes im Bereich Sozialplanung sind beispielsweise Mieterbetreuung, Umsetzverfahren sowie Entschädigungen und Härteausgleich. Wo diese Interventionen nötig werden, wissen die Wirtschaftsingenieure und Planer der GmbH schon im Vorfeld, da sie sich im Rahmen ihres Angebotes "Projekte und Projektmanagement" durch Ideen- und Realisierungs- und Investorenwettbewerbe oder in Planungswerkstätten und in der Öffentlichkeitsarbeit für die Immobilienwirtschaft, vor allem der Eigentumsförderung widmen. Das stets multikulturell besetzte Team der QM-Büros ist dabei als eine Art Speerspitze zu sehen, die im Kiez schon mal die Fühler nach Freund und Feind ausstreckt. An den Türen und Fenstern der Niederlassungen kleben zig Aufkleber und Plakate mit den Logos von EFRE, dem Programm Soziale Stadt oder der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Nur das Firmenzeichen der Betreiber ist nirgends zu finden.

In der Märzausgabe des Magazins Randnotizen ist unter dem Titel "Wer Macht die Stadt" alles genau nachzulesen. Aber das lesen ja nur linke Chaoten. Randnotizen wird sicher nicht durch das QM gefördert - denn sie berichten über die sozialen Schieflagen und die Stadtentwicklungspolitik in deutschen Städten und das: schreckt Investoren ab.

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Freitag, 24. Dezember 2010

FOLKLORE / GENTRIFIDINGS




Gestern Abend habe ich vollkommen matschbirnig NDR geschaut und festgestellt, dass Carlo von Tiedemann immer noch lebt. Verrückte Welt. Während ich den nordischen Weihnachtsliederschlagern lauschte, fiel mir auf, dass es in Berlin vor lauter Gentrifizierung gar keine Folklore mehr gibt. Der RBB ist ja auch mehr so der creative channel geworden. Die hat eben auch ihr gutes, diese Gentrifizierung.

Oben mein bisher vielleicht kürzester Film. Ich stand an den Hamburger Landungsbrücken neben der Gorch Fock und ein Quetschkommodenspieler weckte heimatliche Gefühle in mir. Dann war es meinem Telefon zu viel. Aber es hat alles wesentliche eingefangen: Das Lied endet, wo es begann. Eine Sekunde später fuhr ein Schiff mit einem großen Weihnachtsbaum auf dem Bug vorbei. Am Abend lehrte mich der NDR, das sei Tradition.

Auf dem Weg zum Hafen unter einer Brücke hatte ich zuvor ein riesiges wildes Obdachlosenlager entdeckt. Es war wohl wegen der Kälte verlassen worden. Mittendrin ein Weihnachtsbaum. Mit rotem und grünem und goldenem Müll geschmückt.

Die Elbe ist hier komisch. Sie fließt rauf und runter. Sie schunkelt.

E

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Montag, 20. Dezember 2010

LICHTENBERGER GESPRÄCHE / GANZ GROSS RAUS KOMMEN

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Graffiti-Zug in Koszalin
und es hört nicht auf zu schneien



Vorgestern Nacht bin ich aus Gdansk zurück gekommen. Eine tolle Konferenz. Doll. Ganz doll. Zwischendurch war ich in diesen Tagen als Deutsche immer etwas kleinlaut. Aber das darf man wohl auch noch immer sein - obwohl ich nur herzliche Begegnungen hatte. Dann auf der Zugfahrt durch die verschneite polnische Ebene kam ich mir ein bisschen vor, wie die Gräfin vor - auf ihrem Wallach.

In Szczecin musste ich dann zwei Stunden mit nassen Füßen auf den Regionalexpress nach Berlin-Lichtenberg (!) warten - zusammen mit dem deutschen Saufpöbel mit seinen Tüten voller Zigaretten. In Lichtenberg erwischte ich einen sehr deutschen und glatzköpfigen Taxifahrer, der mich auf Umwegen nach Kreuzberg fuhr. Das war gemein von Die Bahn. Einer älteren polnischen Dame half ich gemeinsam mit türkisch-stämmigen Polen, sicher zu einer S-Bahn zu kommen. Türkisch war da unsere einzige Verständigungsmöglichkeit. Das fand ich schön.

Heute durfte ich dann im M29-Bus durch Kreuzberg ein kleines politisches Strategiegespräch zweier Lichtenberger DVU-Anhänger belauschen. In Ermangelung an Gehirnen klang das etwa so:

Aber die haben in Lichtenberg doch auch nicht so viele Leute! +++ Ja, aber jetzt, äh, die wollen na hier in Neukölln alle mitmachen. +++ Äh? Ach den Hausmeister hier? +++ hmm... +++ Hier, ja drei Sitze brauchen die +++ Aber hamse ja nicht +++ nee +++ ... +++ Ey aber nächste Jahr is sowieso dann hier, äh die proDeutschland, weste? die kommen dann ganz groß raus +++ Glaubste? +++ Naja, jetze... äh, wird jetzt nich gleich überall sein, sag ich mal +++ aber immerhin

Es folgte einiges Getuschel über die Juden und was schon alles vorm Hitler war. Der Lange erzählte dem Dicken noch mit etwas tranigen Augen was von einer Phönix-Reportage über Weihnachten an der Front und, dass das ja ein englischer Offizier damals nicht wollte, dass die bei Waffenstillstand zusammen Weihnachten feiern. Tolle Sendung und so. Dann verabredete sich der Lange am Telefon zu einem ruhigen Abend bei Bier und Nüßchen und der Dicke fragte: Du, bist du böse, wenn ich mit komme? Ne... aber red da dann nicht so viel von der Nationalen Sache und so. Der tickt anders als wir. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Eher Tofu.

Dann haben sie gelacht.
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Sonntag, 21. November 2010

COLOGNE STREET DAY I

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Baumscheibe in Köln-Ehrenfeld
Ein Ergebnis der Initiative Engagie
rt in Ehrenfeld



Gestern Abend unterhielt ich mich mit einer Freundin über Köln. Ihre Freundin hat es durch einen Job dort hin verschlagen. Irgendwann kamen wir auf Arschlöcher, die aus Köln kommen. Fanden es nach einer Weile aber eine bessere Idee, über nette Leute aus Köln zu reden... Nur fiel uns niemand ein. Auch das Thema "schöne Erlebnisse in Köln" gab nichts her. Ein Freund von mir ist dort an Karneval (oder sagt man auf Karneval?) mal verprügelt worden. Aber so lustig war das auch nicht.

Auslöser für das Gespräch war folgender Dialog zwischen meiner Freundin und einem Kölner Praktikanten.
Er: Ich hab das Gefühl, dat Berlin Köln langsam den Rang abläuft!
Sie: ...den Rang abläuft?
Er: Ja. Erst ging die Popcom nach Berlin. Und nun auch noch der CSD!
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Dienstag, 16. November 2010

KOTTI-CURRY / KOTTI-KULTUR

Ich hatte wieder nur Augen
für die neue Baumscheibe


Gegenüber macht das Team der Raststätte Gnadenbrot seine x-te Kneipe auf. Das wird auch wieder rennen. Toller Ort: Das ehemalige Taksim am Berliner Taksim-Platz. Es wird "Café, Kneipe, Imbiss, Kultur und Musik beherbergen".

Wobei die Veranstalter versichern, dass es die beste Kotti-Currywurst weiterhin bei Anni geben wird...

Is doch klar.







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Donnerstag, 28. Oktober 2010

GRAFFITI STRICKEN / WARM ANZIEHEN

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Reuterstraße
schöner warmer Pulli



Graffiti-Stricken ist in Paris ja schon lange in Mode. Im Beton & Garten-Blog sind besonders schöne Exemplare eingestellt, die ich in der vorvergangenen Nacht dort entdeckte. Morgens laufe ich noch ganz benebelt in die Reuterstraße. Und siehe da, schon eine Bewegung geworden: Guerilla Stricken

In der deutschen Ausgabe der Vice ist zu lesen:

“… Endlich eine Street-Art-Variante für all die Pussys, die in der Überzeugung aufgewachsen sind, es sei wild, zwei verschiedenfarbige Socken zu tragen. Zum Mitschreiben: Ist es nicht. Genausowenig, wie man “Guerilla” vor jedes beliebiges Hobby setzen kann, nur, um politisch zu sein. Was kommt als nächstes? Guerilla-Kochen? Guerilla-Briefmarkensammeln? Guerilla-Nagellackieren? Wenn ihr euch unbedingt ausdrücken wollt, warum tretet ihr nicht in einen Chor ein? …”


Würde ich so etwas schreiben, würde man mich wieder als frustrierte dumme Kuh beschimpfen. Ich hab manchmal wirklich auch so eine schlechte Laune. Einfach mal nichts tun, wäre auch was. Oder nur heimlich...

Die Hamburger Künstlerinitiative Park Fiction macht das genau umgekehrt zu all den Strassenkünstlern: "Die Miete drück ich mir jetzt selber! Mit wenigen Handgriffen lässt sich das Erscheinungsbild ihrer Wohnung nach aussen verschlechtern. Schon bald setzt der ´broken windows effect´ ein". Auf Youtube gibt es da noch das schöne Video "Es regnet Kaviar"

Heute fiel mir dann die neueste Ausgabe des Stadtmagazins Hamburg: in die Hände ("Das Magazin aus der Metropole"). Herausgegeben wird es von der Hamburg Marketing GmbH. Jede Stadt gibt mittlerweile so ein Magazin heraus, in denen Werbefritzen sich über Stadtentwicklung verbreiten. Selbst ein 1000-Einwohner-Kaff in der bayrischen Rhön.
Die neue Ausgabe befasst sich mit Guerilla Gardening, Hobby-Imkern und alternativen Gärten. Sogar die Rote Flora (neulich wieder in die Schlagzeilen geraten, weil vor dem Haupteingang ein Blumenkübel umgefallen war - Täter nie gefasst) war Teil der jüngsten Kampagne. Das war natürlich abzusehen. Diese Typen machen einem ja immer nur alles nach. Zieht euch warm an!
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Freitag, 22. Oktober 2010

BAHNBRECHEN / ZUM ZUG KOMMEN

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Als "bahnbrechend" bezeichnete ein Kommunikationsexperte die Vorgänge nach der Übertragung der Schlichtungsverfahrens in Stuttgart.

Das fand ich eine gute Prognose.

An dieser Stelle muss ich einen alten Artikel einstellen, der eine für mich bahnbrechende Zeit beschreibt. Ohne Bild - mir fällt nichts ein.

BERLINER ÖKONOMIE

taz vom 11. Dezember 2007

Kap der Angst - Angstangst inklusive

"Angst ist keine Weltanschauung" (Kurt von Hammerstein)

In der Bauleitung für den Lehrter Bahnhof, wo ich vor einigen Jahren als studentische Hilfskraft arbeitete, sagte mir meine Vorgesetzte eines Tages, sie traue sich nicht mehr nach Hause, weil sie Angst habe, ihr Kollege, mit dem sie für die Zeit des Projekts in Berlin eine Wohnung teilen musste, werde eines Nachts mit einem Maschinengewehr in ihr Zimmer kommen. Ich fand das etwas hysterisch. Am folgenden Tag jedoch trafen wir den Kollegen auf dem Weg zum Mittagessen, und als sein Blick mich traf, wusste ich, was sie meinte - Todesangst.

Die Stimmung auf der Baustelle wurde immer schlimmer. Ein Bauleiter und ein Ingenieur nach dem anderen flogen raus oder wurden mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ins Krankenhaus eingeliefert. Die Herren Ingenieure von Bahn und Arge buckelten nach oben und traten nach unten weiter. Kollegen verkehrten nur noch schriftlich miteinander. Der Druck stieg an. Kurz darauf wurde der Berg an Arbeit immer größer, meine Chefin verließ die Firma, und ich hatte jeden Morgen Angst, dass ich am Tag zuvor Tausende von Euros durch einen Fehler verbrannt haben könnte - Versagensangst.

Ich ging immer öfter auf die Baustelle und immer seltener an die Uni. Mich beschlich die Angst, dass ich auch dort den Anschluss verlieren würde. Zuletzt blieb ich ganz weg, weil ich befürchtete, dort nicht mehr willkommen zu sein - Sozialangst.

Man entließ die Sekretärin, sie schwieg dazu, weil sie Angst hatte, sie käme dann auf eine schwarze Liste, und ich auch, aus Angst mit zu fliegen. Ein ehemals langzeitarbeitsloser Techniker wurde mir zur Seite gestellt und aus Angst, dass er vor mir wieder gehen müsste, verbreitete er, ich würde dauernd Fehler machen. Ich wurde krank - und bekam rückwirkend die Kündigung. Danach wurde mein mobbender Kollege krank und flog ebenfalls.

Seit meinem Umzug nach Berlin vor einigen Jahren hat sich etwas verändert in meinem Leben. Eigentlich als Tal der Seligen verspottet, entpuppte sich diese Stadt als eher anstrengend. Meinen ersten Job kündigte ich, weil die Geschäftsführung eines jungen Unternehmens meinen Kontakt zu meinem vorherigen Chef plötzlich für gefährlich hielt. Man bezichtigte ihn der Verbreitung eines Gerüchts hinsichtlich der Zahlungsfähigkeit des Unternehmens und befürchtete, in eine Insolvenzfalle zu geraten. Ich kündigte, weil ich diese Atmosphäre nicht mehr ertrug.

Mein alter Chef lachte damals darüber: "Ach, Antonia. Die haben ständig im Hintergrund Bilanzen laufen aus Angst, sie könnten mal in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Selbst wenn sie 'ne Million auf dem Konto hätten, würden sie es nicht glauben, weil ihnen die Bilanz etwas anderes sagt" - Angst vor Kontrollverlust.

An der Uni machte ich plötzlich die Erfahrung, dass Leute nicht über ihre Ideen redeten, weil sie Angst hatten, man könne sie ihnen klauen - Verlustangst. Obwohl mein damaliger Freund Beamter war und gut verdiente, pflanzte sich eine ständige Angst in meine Brust. Dass ich die Miete nicht bezahlen kann, vor sozialem Absturz, vor Professoren, die mir ansahen, was ich für ein ängstlicher Hase war. Ich hatte zunehmend Angst, verlassen zu werden, und Angst davor, dass ich meine Ängste nicht mehr in den Griff bekäme - Angstangst.

An der Uni wurden in dieser Zeit "neue Seiten aufgezogen". Man befürchtete, im Rahmen des Hochschulrankings ins Hintertreffen zu gelangen. "Wir müssen uns dem internationalen Vergleich stellen", sagte man mir in der Studienberatung. "Die Studienzeiten sind dabei ein wichtiger Faktor. Unsere Studenten müssen jetzt einfach schneller fertig werden." Im selben Jahr verließen einige Professoren den Fachbereich und wurden nicht ersetzt, was zur Folge hatte, dass nicht mehr genug Projekte angeboten werden konnten. Mir wurde aber versichert, dass irgendjemand sich meiner annehmen müsse, wenn ich mit einem eigenen Projekt ankäme. Die Vorstellung, ganz allein zu Hause in einem einsamen Projekt zu ertrinken und in regelmäßigen Abständen lustlos von einer Lehrkraft angehört zu werden, die aufgrund meiner Beschwerde zur Betreuung verpflichtet wurde, war jedoch nicht angenehm.

Eines Tages sollte es eine Studienfahrt zu einer Baumesse in München geben: scheinrelevant! Eintritt, Fahrt, Essen, alles musste selbst bezahlt werden. Ich hatte nicht einmal Geld für meine Miete, jedoch Angst, mich zu drücken. Am Abend, an dem ich mit meiner Studienfreundin auf die Abreise wartend zu Hause rumsaß, überlegten wir uns, wie wir die Reise doch noch vermeiden könnten. Da zog "Kyrill" auf. "Kyrill", der Wunderbare! Es kam zu einem Verkehrschaos, und wir riefen wieder und wieder bei der Assistentin des Lehrstuhls an, um ihr unsere Bedenken vorzutragen. Endlich wurde die Reise abgeblasen - die Angst vor Naturkatastrophen nimmt ja auch zu.

Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass "Kyrill" nur gelangweilt gepustet und am "Kap Mehdorn" einen über acht Meter langen Stahlträger von der Fassade des Lehrter Bahnhofs geweht hatte. Man diskutierte über Pfusch und Schuld. Mir wurde warm ums Herz.
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Montag, 18. Oktober 2010

MOUNT SLIEVEMORE / BAUMLOS

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Mount Slievemore_Achill Island
Irland im sonnigen Januar 2001




In Irland gibt es keine Baumscheiben, sagte Inge bei unseren letzten Lesung.

Wie auch? - ohne Bäume.







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FOTO: Quicksnap 2001, Antonia Herrscher.

Sonntag, 17. Oktober 2010

KUNST - PHÄNOMEN - NATUR / HYBRIDE

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.Bäume in der Stadt - Florian Rexroth, Fotografie
Ein Handyfoto von einer seiner Arbeiten
Doll, wirklich doll!


Am Freitagabend eröffnete in der Galerie Forum in der Besselstrasse die Ausstellung KUNST - PHÄNOMEN - NATUR. Die interantionalen Künstler stellten die Frage nach der Existenz einer Grenze zwischen Natur und Kultur. Ist der Rollrasen natürlich oder künstlich? Was ist der Unterschied zwischen einem Spinnen- und einem Informationsnetz? Wo verläuft die Grenze zwischen real und scheinbar?

Die absolut sehenswerte Ausstellung ist das Endprodukt und Teil einer Fortbildungsmaßnahme, in der sich 20 kunstaffine Menschen zu einem Projekt zusammen gefunden haben, welches einmalig im deutschsprachigen Raum ist. Unter ihnen KunsthistorikerInnen, WirtschaftswissenschaftlerInnen, KünstlerInnen und weitere Berufe aus der Kreativwirtschaft.

Noch bis zum 26. Oktober in der Besselstrasse 14

Samstag, 16. Oktober 2010

WEINEREI FORUM / HAUSGETRÄNKE


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Baumscheibe am Zionskirchplatz
Weinerei Forum_Prenzlauer Berg


Vorgestern Abend begleitete ich meine Arbeitskollegin in die Weinerei Forum am Zionskirchplatz. Eigentlich begleitete ich sie nicht, sondern fuhr gleichzeitig mit ihr los - ich mit dem Fahrrad, sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Natürlich war ich die erste. Ihre Freunde sollten ohnehin etwas später kommen. Es ist gefühlte zehn Jahre her, dass ich das letzte Mal in dieser Weinerei war und ich erinnerte es als einen eher subkulturellen Ort mit Sperrmüllmöbeln und Buffet gehobener Hausmannskost. Am Ende war man satt und betrunken und zahlte beim Gehen einen angemessenen Preis.

Mich dürstete es zunächst eigentlich nach einem Feierabendbier und so fragte ich den Herrn am gepflegten Tresen, ob es denn möglich sei, zunächst einmal ein Bier zu bekommen. Mir wäre gerade danach und später kämen dann Freunde, mit denen ich dann essen und sicher gemeinsam Wein bestellen werde...

Sakrileg! entfuhr es ihm! Nein, natürlich nicht. Man sei eine Weinerei und dann verstieg er sich in einen längeren Monolog über die Tasache, dass es ja sowieso in Deutschland keine Privatbrauerei mehr gäbe, deren Bier trinkbar wäre.

Ja gut, sagte ich, macht ja nichts, ich nehme einfach ein Glas trockenen Rotwein!

Er: Hm, süß... mal sehen.

Ich: Äh, nee, süßen Wein mag ich nicht.

Er: Ja, süßen Wein haben wir nicht. Aber ich habe einen roten Federweißen. Den kann ich sehr empfehelen. Der ist ja süßer.

Federweißer, sage ich. Gut. Das ist doch lecker. Da nehme ich ein Glas.

Er: Dazu reichen wir einen Kohlstrudel mit Rucola-Dipp...

Ich: Ja, wie gesagt, ich esse ja mit Freunden zusammen später, wir haben einen Tisch bestellt.

Er ganz aufgeregt: Aber du bist ja viel zu früh dann. Das Weinereiprinzip beginnt ja erst um acht Uhr. Für wann ist der Tisch bestellt?

Ich: Für Sieben.

Er: Also dann müsst ihr bis acht ganz normal zahlen.

Ja, kein Problem, sage ich beschwichtigend, zahle zwei Euro für ein bißchen Wein und gehe draussen rauchen, wo gerade die anderen ankommen.

Als wir uns zu einer Runde Rotwein anstellen, höre ich, wie er meiner Vorderfrau den weißen Hauswein empfielt. Alle Weine kosten zwei Euro. Auch der, und er ist von der hauseigenen Winzerei. Als die Reihe an mich kommt, frage ich ihn, ob er denn auch einen roten von dem Hauswinzer empfehlen könne. Daraufhin poltert er los: Also Hauswein klingt jetzt billig, aber das ist ein sehr teurer Wein von unserer HAUSWINZEREI und der kostet trotzdem jetzt auch nur zwei Euro. Bitte!

Zwischendurch wollen wir im Keller rauchen, aber der Typ, der da den Tresen schmeißt, fängt sofort an uns anzuschnauzen: So nicht! Wenn, dann entscheidet ihr euch ganz, nach unten umzuziehen! Ne, echt jetzt. Geht so nicht.

Danach wird der Cousin meiner Kollegin um drei vor acht noch mal angefahren: Wenn du jetzt bestellst, zahlst du trotzdem ab acht noch mal zwei Euro für das erste Glas nach Weinereiprinzip. Und wann acht Uhr ist, bestimmen wir!
Der Cousin entscheidet sich dann zu verzichten. Ich auch. Mir graut es eh vor dem Heimweg bei der Kälte.

Beim Rausgehen - so gegen halb neuen - habe ich Angst, dass einer der Barleute mir irgendetwas hinterher brüllt oder die Bullen holt, weil ich kein Geld ins Glas werfe. Es geht aber gut aus.

Auf dem Heimweg komme ich an der Gaststätte W. Prassnik in der Torstrasse vorbei und entscheide mich für einen ersten Stop auf dem langen Weg nach Hause. Ich war monatelang nicht da gewesen. Dort hat man sich vor einiger Zeit für das Rauchen entschieden und das Essen abgeschafft. Für Menschen, die das fest in ihren Alltag eingebaut hatten, eine Katastrophe, wie mir einer der Mitarbeiter einmal sagte.

Als ich den Laden betrete, leuchtet mir ein warmes Kellnerlächeln entgegen. Über dem Tresen hängt eine Uhr, die auf kurz nach acht stehen geblieben ist.
Na? Was darf's sein?
Ein Bier, sage ich. Groß, bitte.
Darf es unser Hausbier sein?
Gerne!

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WERBUNG / UNDER CONSTRUCTION IV




Ob diese Baumscheibe in Neukölln noch im Bauzustand ist, ist mir nicht klar. Zur Strasse hin hat der Betreiber dieser kleinen Anlage ein gestreiftes Absperrband gehängt und und nutzt die Gelegenheit, um für das Bauhaus zu werben.

Montag, 11. Oktober 2010

ALTERSHALBWAISEN / UNDER CONSTRUCTION III

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...wenn ich nur wüsste, wo das war
sieht jedenfalls nach einem Tigerentenplan aus


Gestern Nachmittag laufen zwei frisch verliebte Anfangvierziger an mir vorrüber und mir kommt in den Sinn, wie ein Ex-Freund von mir einmal gerade in Berlin angekommen zu mir sagte: Die sehen so alt aus hier, die Leute!

Ich sah das ja umgekehrt: In Berlin leben viele Menschen bis Anfang 70 so, als überlegten sie noch, was sie später mal werden wollen.
Er hingegen hielt wohl manche Frau im mittleren Alter für einen verlebten Twen, während ich wiederum meinte, das in ihnen zu erkennen, was meine Mutter - ich soll nicht dauernd zitieren, ich weiß, aber nun zitiere ich dauernd meine Mutter, auch nicht gut - was meine Mutter jedenfalls Berufsjungendliche nannte. Eigentlich ja ganz schön. Man bastelt und werkelt und probiert sich aus. Die Lebensläufe in den Berufen, die irgendwas mit Medien zu tun haben, wären telefonbuchdick, würde man alles angeben, was einen für den nächsten möglichen Schritt im Leben qualifizieren könnte.

Aber gestern fand ich es plötzlich befremdlich, als dieser hagere Mann mit seiner verhungerten Austauschfrau wie vierzehn an mir vorbei hüpfte. Tja, und nun? Sollte ich vielleicht mal Urlaub machen?
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Sonntag, 10. Oktober 2010

ALTERSHALBWEISHEIT / UNDER CONSTRUCTION II


Baumscheibe Weserstraße
Bemusterung in Sachen "Zaun"
unter Zuhilfenahme von orangen Klebepunkten



In der Schilling Bar trat gestern die Stadtmusikantin gemeinsam mit der Jazz Band Sterntaler auf. Wir kamen zum vorletzten Stück. Die Bar war vollgestopft mit unglaublich netten jungen Leuten und die Musik war: spitze!

Aus irgendeinem Anlass, der mir nicht mehr klar ist, begannen wir dann so ein altkluges Gespräch über Kindheit, Jugend und irgendwann dann mit sich leben. In der Schilling Bar in der Neuköllner Weserstraße wird das Trinken von Manne und Britta betreut. Die beiden haben im Grunde alles so belassen, wie es war, nachdem das alte Hubble Bubble geschlossen hatte. Britta, als Architektin mit einem Blick für so etwas ausgestattet, setzte lediglich einige neue Akzente. Und hat damit genug Frische in die ehrwürdige Halle geweht. Die alten Stammgäste fühlen sich noch wohl. Aber die neuen noch viel wohler.

Umgekehrt stellte ich bei einer Lesung in der ehemaligen Tageskneipe "Zum Goldenen Hahn" am legendären Heinrichplatz, wo mittlerweile jede kleinste soziale Unwucht (Fahrrad ohne Licht, laute Musik nach 22 Uhr, Gespräche mit mehr als zwei weiteren Passanten) mit einer ganzen Wanne Bullen in Kampfmontur aufgelöst wird, neulich wieder fest, dass zwar der ganze Laden grundsaniert wurde, sich aber bei den Veranstaltungen der alten Hasen dort, auch nur die alten Hasen wohl fühlen - und das möglichst besoffen.

Wir beiden halbalten Hasen fanden jedenfalls, dass diese jungen Leute alle furchtbar wohlerzogen und guter Dinge waren. Manne und Britta auch. Irgendwann waren wir ganz durchdrungen und erfüllt von Altershalbweisheit und guten Mutes, dass sich diese atomisierte Gesellschaft auch irgendwie zu etwas entwickeln könnte, von dem man einmal sagen wird: Und das kam so: " - "

Heute morgen noch ganz beschwingt, knipste ich diese Bemusterung in der Nähe der Bar. Da hab ich noch ein paar mehr in petto, wie mir dann einfiel. Es war niemand da, ich hätte so gerne gewusst, wozu da die Punkte angeklebt wurden.
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Donnerstag, 7. Oktober 2010

BAUMSCHEIBE BRUNNENATELIER / LARISSA

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Baumscheibe Brunnenatelier
Bergmannstraße_Kruezberg


Nun ist die Baumscheibensaison bald auch vorbei. Schnell noch einige Bilder einstellen, die liegen geblieben sind. Hier sieht man den Baum vor lauter Wald nicht mehr. Ein Wasserhahn aus Blech dominiert das Ensemble. Das Brunnenatelier Fluidum bietet regelmässig Löt- und Brunnenbau-Kurse an. In kleinen Gruppen können die Teilnehmer unter der Anleitung des Künstlers Thomas Schön mit ihren gesammelten Gegenständen ihr individuelles Fluidum entwickeln.

" ... Die Romantiker entdeckten die beruhigende Wirkung von Natur und halb verfallenen Gemäuern. Seit Hesse seinen Siddhartha am Fluss sitzen und aus dessen Gemurmel das Om erfahren ließ, hat sich auch die belebende und seelenstärkende Kraft des Wassers herumgesprochen. Das leibhaftig zu erleben, muss man nicht weit weg fahren oder Kurse besuchen. Es genügt, in das "Fluidum" einzutreten. Das ist das Reich von Thomas Schön und der Schritt durch die Tür ist wie der von Alice durch den Spiegel" schrieb DIE WELT im Mai 2000.

Der Abend gestern im Salon Petra war wunderbar. Ausser mir hat allerdings niemand über Baumscheiben gelesen. Schade. Auch nicht drüber gesungen. Obwohl die Damen, die das osteuropäische Liedgut darboten, sich nicht erinnern konnten, um was für eine Sprache es sich gehandelt hatte, als sie das Lied vor 20 Jahren einübten. Man kann es also nicht wissen.

Und meine musikalische Darbietung... Meine Mutter sagte ja immer: Üben, üben üben! Und da hatte sie recht.

Da das so ein Erfolg war gestern, machen wir das mal jeden 1. Mittwoch im Monat. Jedenfalls mal jetzt im November. Wer Lust hat, etwas vorzutragen, melde sich doch bei mir oder im Salon dafür an.

Hallo Larissa, mail doch mal: antonia@taz.de
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Mittwoch, 6. Oktober 2010

RITTERSTRASSE / KEIN BOCK

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.Nicht die Ritterstraße nach den Bombenangriff 1945
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ondern ein verlassenes Dorf in Irland


Ich war gestern morgen so dödelig, dass ich einfach irgendwann mal mit meinem Fahrrad losgeeiert bin ohne auch nur den geringsten Plan, wohin es geht. Selbst zum Bremsen an einem der Sonnenflecken war ich zu dödelig. Bei der Radspannerei kaufte ich mir für den Abend sexy "Frogs" - Fahrradlampen. Ich dachte mir: Ich bin so dödelig heute, man sollte mich abends wenigstens sehen.

Weil ich so dödelig war, fuhr ich auf der Ritterstraße Richtung taz. Da wollte ich gar nicht hin, aber auf dem Bürgersteig (besser ist es in dem Zustand) eierte ich so in die Richtung, als ein Pärchen, dass zusammen etwa 33 Lenze zusammenbrachte, mit einem Kinderwagen meinen Weg kreuzte. Im Kinderwagen zwei genauso leichenfahle aber nicht ganz so picklige Kleinkinder. Ich fuhr eh schon so langsam, dass ich fast umfiel. Also stand ich bald und rollerte dann mit einem Fuß am Boden und etwas ungeschickt "sorry" murmelnd an ihnen vorbei. "Das ist kein Fahrradweg, du Fotze!", krakeelte es hinter mir her, ich drehte mich um, schüttelte den Kopf und eierte weiter.

Ich weiss. Das war kein Fahrradweg aber ich war halt so dödelig. Dann packt mich der Typ von hinten an der Jacke und am Fahrad, dass ich zur Seite kippe und brüllt: "Ich hol die Polizei, das ist ja so dreist, wenn du wenigstens schnell weg gefahren wärst!" Darauf klemmt sich die junge Mutter in mein Fahrrad und schreit "Alter, nicht das die noch weg fährt ey, hat sie ja eben schon versucht!" und fuchtelt mit der Faust vor meinem Gesicht rum. Und dann rufen sie die Polizei mit dem händy von einem kleinen türkischen Jungen und ich frage ihn, ob er weiß, dass das Freiheitsberaubung sei. dabei rutscht mir ein Arschloch raus. "Hah! Beleidigung vor Zeugen!" Ich verkneife mir, zu sagen, dass ich in sarrazänischer Angelegenheit unterwegs bin, um in der Ritterstrasse kleine Kinder mit meinem Fahrrad totzufahren.

Als ich mich aus dem Fahrrad-Würgegriff der Dame befreien will schreit der Typ gleich: "Und jetzt noch ein Fluchtversuch. Schon der zweite eigentlich. das wird ja immer dicker!"

Nach einer Weile schimpft der Typ "...scheiße, jetzt muss ich hier stundenlang auf die Bullen warten!" und "echt kein Bock drauf" und ich sage ihm, dass man ja auch nicht so überreagieren muss und so etwas untereinander klären kann.
"Ha! haste das gehört, Mandy? Jetzt auch noch Bestechung! Vor Zeugen!!!" und schaut den kleinen türkischen Jungen vor seiner Ritterburg an, der etwas ratlos wirkt. "Ja, kreischt sie: das kann man doch 'untereinader lösen!' - klingt nach: Hier haste 100 Alter, das wars dann. So nich ey, so nich!"

Ich setze mich genervt einige Meter weiter auf einen Anhänger und hoffe, dass er mich nicht bei einem Fluchtversuch zusammenschlägt. ich rauche und rauche. Nach einer Weile klopft der Typ dem kleinen Jungen lobend auf die Schulter, brüllt zu mir: "Das dauert mir zu lange ey! hab was besseres zu tun. Hau ab!"

Danach war ich etwas wacher und fuhr zur Lesung in den Salon. Schön wars da. So gesittet.

Montag, 4. Oktober 2010

SPATZENFORSCHUNG II / FALSCHER SPATZ


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Schuster bleib bei deinen Leisten, heißt es ja so schön. Aber gestern Abend dachte ich mir, ich zeichne mal was. Wo gerade um mich herum alle anfangen zu kritzeln. Kann ich auch.

Heutzutage kann es ja nicht schaden, wenn man sein bildungsbürgerlichen Background mal ein bisschen raus hängen lässt: Meine Mutter drückte mir mit 3 Jahren eine Blöckflöte in die Hand, die Buntstifte mussten schon von Anfang an von Faber-Castell sein und jeden Abend wurde uns etwas vorgelesen. "Typ höhere Tochter mit Kakao ans Bett" sagte mein Vater immer. Später dann versuchte ich mich an der Geige. Naja. Bis zur Pubertät klappte es jedenfalls mit der Querflöte ganz gut. Mit lauter solchen Leuten werde ich am Mittwoch einige Texte zum Besten geben. Eigentlich wollte Inge Fiedler nur mit mir musizieren aber "so viele Lieder haben wir noch nicht", wie man so schön sagt. Deshalb lese ich etwas über Baumscheiben und Neukölln, Inge wird Anagramme präsentieren, Ulrich Enzensberger hat auch etwas beizutragen und mal sehen, wer noch kommt.

Das alles im Salon Petra, am Mittwoch, den 6. Oktober in der Hobrechtstraße 47, so ab 21 Uhr.


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Zeichnung: AH 3. Oktober 2010

Freitag, 1. Oktober 2010

BAUMSCHEIBE UFERTRASSE / WEDDING

Nachhalt ist das, woran man sich hält,
wenn alles andere nicht mehr hält

Wörterbuch der deutschen Sprache ,
Joachim Heinrich Campe
(Hg.); 1807

Weil ich mit einer Erkältung ringe, war ich gestern Abend nicht zur Vorstellung der neuen Ausgabe des Gartenmagazins Balkon & Garten in den Uferhallen, in denen noch bis zum 10. Oktober die Ausstellung Zur Nachahmung empfohlen! Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit gezeigt wird.

Aber ich war vor einigen Wochen schon dort und habe in der Uferstraße diese Baumscheibe fotografiert. In den Uferhallen angekommen traf ich erst einen befreundeten Kunsthistoriker, dann begann Adienne Goehler mit einer Presseführung. So habe ich die Ausstellung dann auch verstanden. Auf dieser Erfindermesse, werden die Paraktiken zeitgenössischer Künstler gezeigt, die mit
Robert Smithson, Joseph Beuys und Gordon Matta begannen und seitdem immer wieder nachgeahmt worden sind. Wenn man die Ausstellung verstanden hat, ist sie wirklich sehenswert. Und das B&G-Heft ist wirklich schön geworden.

Diese Baumscheibe befand sich komischerweise gegenüber eines ziemlich leer stehenden Hauses.

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Mittwoch, 29. September 2010

LANDLUFT MACHT ZACK ! / GESCHENKT ANDERS WIRTSCHAFTEN


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Oyá gilt als Göttin des Wandels, der Transformation und des Übergangs.
Als Schutzherrin weiblicher Führerschaft verkörpert sie eine zwischen Mütterlichkeit und Kriegertum changierende Weiblichkeit.



Vor ein paar Tagen hatte sich Johannes Heimrath frühmorgens beim Wetzen der frisch gedengelten Sense in den Finger geschnitten. Es blutete heftig. Der Saft eines Spitzwegerichs half...

Während der Latenzphase ging er von der Wiese in die Abstellkammer und schon dort hatten sich die durchtrennten Kapillargefäße verengt, die Trombozyten verpfropften die ersten Äderchen und das Exsudat reinigte schon den Schnitt, über dem sich bereits die ersten Fibrinbrücken zwischen den getrennten Zellwänden bildeten. Schon auf dem Weg zurück zur Sense zog sich das Fibrinnetz zusammen. Dann folgten die Collagenfasern und schon bald hatten sie sich zum Granulatgewebe verbunden. Das Narbengewebe konnte er dann schon am Abend abschneiden.

Johannes Heimrath bewundert seinen Körper. Was der alles für ihn tut: "aus freien Stücken, fehlerfrei, aus eigener Weisheit, mit ruhiger Kompetenz..."

Die Zellen sehen die Arbeit und "Zack!" sind sie zur Stelle. Perfektes Teamwork! Und eine "Wunderheilung der Wunde".

Irgendwie fassungslos war Johannes, als er sich überlegte, dass zur selben Zeit hoch ausgebildete und topbezahlte Mitglieder der intelligentesten Spezies in der "Planetin Erde" vergeblich darum kämpfen, ein lächerliches Leck in einem Rohr zu flicken, aus dem Öl austritt. So viel Schmerz und Leid. Und was das kostet!

Aufs Land gehen macht helle.



Foto: Auf der Insel_Achill Island_Ireland © AH 2001

Freitag, 17. September 2010

Is däs Kunst ode kann des wäsch? V / NU IS ABA JUT!

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"Und sie stelln dich, Henry Higgins, an die Wand, und der King sagt, Liza, heb die Hand Dann ziehlt allet uffs Jemäuer, ick ruf Achtung, los, Feua"



Als ich neulich auf der Karl-Marx-Straße meinen Weg durch die Menschenmassen zu machen versuchte, hatte ich plötzlich einen merkwürdig schwindeligen Moment. Diese ganzen Leute schienen sich alle so ähnlich zu sein. Oder besser: Mir war es völlig unmöglich sie einzuordnen. War der Mann, der gerade an mir vorbei gelaufen war, ein neuköllner Unterschichtstyp auf dem Weg zum Kiosk oder handelte es sich bei ihm um einen New Yorker Künstler, zu dessen Ich-Performance einfach dieses Outfit gehört? Das selbe Problem kennen wir Weltenbürger ja auch aus Brooklyn oder Barcelona. Da schwimmt alles zu einem einzigen ironischen Brei zusammen. Gardinenkneipen, Kreative, Partys, Mord und Totschlag, Müll und Kunst.

Ich sprach darüber dann mit meiner Hausärztin und die sagte mir, sie habe genau in einem solchen Moment entschieden, Wohnsitz und Praxis vom Kottbusser Damm noch Charlottenburg zu verlegen. Das ist einfach alles so anstrengend. Auch, dieses in alle Gesichter einbetonierte ironische Lächeln. ich werde mir also eine neue Ärztin suchen müssen.

Als unsichtbare Schicht bezeichnete ein Faz-Autor einmal die Unterschicht. Das kann nur jemand sagen, der in Wilmersdorf sein Auto im Garten besteigt und am Springerhochhaus aus der Tiefgarage mit dem Fahrstuhl in die Redaktion fährt. Geht hier doch einfach mal eine Runde einkaufen. Zur Einstimmung auf einen Spaziegang in Nordneukölln empfehle ich vorab den Roman "Hinterhofhelden" von Johannes Groschupf. Und wer meint, dass das alles witzig wäre, einige Sommernächte in einer neuköllner Wohnung mit Schlafzimmer zum Hof.

Mein Hof jedenfalls kommt mir vor wie "the ministry of silly noise". Irgendwann im Juli wurde einer meiner Nachbarn langsam an irgendetwas irre - vielleicht an der Liebe. In einer Endlosschleife hörte er ab dem frühen Abend und in brüllender Lautstärke ein klagendes Lied von Khaled, der einmal den Hit Aisha gelandet hatte. Manchmal schaltete er auch zwischendurch und mitten im Stück ab. Dann wieder, nach wenigen Minuten ging es von vorne los. Am Morgen dann erwachte ich wieder mit dem gleichen Lied im Ohr, und es war, als würde sich ein Messer in meinem Magen hineinwühlen, etwas meine Brust zusammenschnüren.

Mehrfach haben die jungen Leute im Quergebäude - ich nenne sie einfach die Spanier - rauschende Feste gefeiert. Die Lautstärke mit der die Musik noch morgens um 7 gespielt wurde, ließ eine PA aus der O2-Halle vermuten. Und im zweiten Hof gibt es einen "Flaschenwerfer", wie mein Hausmeister Herr Pilarski diese Neuköllner Pflanze nennt. Er sgt: Da kann man nichts machen. Manchmal rufen wir seinen Sozialarbeiter an. Passiert dann aber auch nichts.

Mein Lieblingsnachbar (ich glaube auch da Spanisch zu verstehen) quatscht jeden Morgen jemanden voll, der dann nur sehr leise antwortet. Ich denke, es ist seine Freundin. nach ein paar Tagen hielt ich es kaum noch aus und wollte gerade ans Fenster. Da kam mir jemand zuvor und brüllte in den Hof: Nu is aba ma jut!

In diesem proletarisches Hausprojekt verstricken sich alle gemeinsam in diesen Neuköllner Sumpf. Da muss man sich nicht fragen, wer hier was ist. Hier verschwindet eigentlich nichts. Jedenfalls keine Klasse. Es gibt, so scheint es, eine Konstante des Ortes. Und die von Neukölln, die kennen wir Weltenbürger ja. Nur, dass sich hier gerade (wieder?) zwei unterschiedlichen Armutsgruppen wechselseitig bekämpfen - die Prekären setzen auf die eigene Leistung, die Verarmten auf Statusgarantie durch den Staat. Hinzu kommt, dass sich die Grenzen von Migration und Tourismus längst aufgelöst haben. Eine aktuelle Ausstellung in der NGBK befasst sich genau mit dieser speziellen Phase der Umwälzungen in den Metropolen: Transient Spaces - The Tourist Syndrome.

Ähnlich wie in meinem Hof verläuft die Integration internationalen Partypöbels in den Gastronomien: Gestern Abend war ich noch auf einen Absacker in Kristinas Bar. Eine Truppe gutgelaunter - aber auch wirklich so gut gelaunter ! - Engländerinnen und Schweden hatten sich dort für eine Geburtstagsfeier eingemietet. Die Party Location war stilbewusst gewählt. Zwei junge Frauen legten hinter dem Tresen auf. Auf ihren kleinen Köpfchen trugen sie Superblondi-Perücken und zogen damit das zugegeben sehr gewagte Äußere der Wirtin durch den Kakao. Die Jungs kamen im 90er-Jahre-Proll-Look. Wobei sie dafür deutlich sichtbar nur den normalen Inhalt ihres Kleiderschranks auf besonders furchtbare Weise zu kombinieren brauchten - Röhrenjeans, überall Röhrenjeans, die in den Kniekehlen hingen. Irgendwann kamen dann auch mal die Gäste - alle gleichzeitig, total spät, total besoffen und mit eigenen Getränken bewaffnet, stürmten sie den Laden. So ziemlich jeder zückte irgendwann sein Fotohändi um sich mit den Djanes und Kristina ablichten zu lassen. Als Teil der Kulisse begann sie deshalb schon bald etwas ungehalten zu reagieren, und auch, weil der Mob draußen soff und nur zum Ablachen rein kam. Sicher hielten sie diesen Laden für typisch deutsch. Dass die polnische Wirtin, neben Deutsch, Englisch, Polnisch, Französisch und Russisch auch fließend Schwedisch spricht, das war dann echt noch richtig abgefahren.

Sich etwas einzuverleiben ist ein probates Mittel, um es auszurotten oder zu vertreiben. Die alten Männer trinken schon länger nicht mehr bei Kristina - zu schwul, zu flippig die Gäste. Für die armen Neuköllner, die Leute, für die neulich eine Tazlerin mal wieder den Begriff "sozial schwach" aus der Mottenkiste holte.

Das von dem Soziologen Wilhelm Heitmeyer 2002 initiierte Projekt "Gruppenbezogene Menschenfeindlichlkeit" schloss 2007 erstmals das Phänomen der Abwertung von Langzeitarbeitslosen ein. Jeder dritte Befragte fand, man könne sich "wenig nützliche Menschen" nicht mehr leisten. "Sozial schwach" ist ein Euphemismus, der genau für diese Haltung steht. Dieser Begriff bezeichnet eigentlich einen Menschen als nicht leistungsbereit und somit nicht in der Lage, zum Wohl der Gemeinschaft beizutragen. Da war Kohl noch differenzierter, als einer bestimmten Gruppe Jugendlicher zurief: Da sind sie wieder, die alles bestreiten, nur nicht ihren Lebensunterhalt.

Da nützt es auch gar nichts, dass Herr Pilarski mit den Leuten von Barbar Aga Tee trinkt und auch mal die eine oder andere Hilfestellung gibt. Integriert werden, müsste hier jemand ganz anderes.

So, nu is aba ma jut.




Foto: Street Trash in der Reuterstraße © AH 2010
Und Text daneben: Wart´s nur ab! aus My Fair Lady in einer Berliner Interpretation von Johannes Groschupf 2009
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Donnerstag, 16. September 2010

BARBAR AGA / WIE BEI MUTTI

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Baumscheibe Barbar Aga in voller Sommerpracht
Karl-Marx-Straße_Neukölln




Heute Nacht kam ich nach einem sehr langen Tag nach Hause. Es war alles auch nicht ganz einfach gewesen. Am wenigsten das letzte Bier in der Schilling Bar. Ich konnte es einfach nicht trinken. So müde war ich.

Als ich den Hof betrat, saß Yasar vor der Hintertür der Wasserpfeifenbar seines Onkels und aß. Er freute sich, mich zu sehen. Und ich freute mich auch. Auf seinem Teller befand sich Reis und Fleischklöße mit grünen kleinen Kügelchen. In weißer Soße. Ich überlegte, welches libanesische Essen wohl so aussieht. Du musst etwas probieren!, sagte er und ich entgegnete, dass ich aber gar keinen Hunger habe. Aber mein Onkel hat es gekocht! Ich hole einen Löffel für dich...

Als er wieder raus kam, fragte ich ihn, was das für ein Essen sei. Königsberger Klopse! sagte er während ich einen ersten Löffel davon nahm und fragte dann mit großen Augen: Und? Sind die gut? Unglaublich gut, versicherte ich schmatzend.

Ich vermisste meine Mutter.



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Dienstag, 14. September 2010

SPATZENFORSCHUNG / DAS RICHTIGE IM FALSCHEN


Kurzbericht des Konrad-Lorenz-Institut bei Wien in der SZ vom 27.08.2010:

Wenn unattraktive Spatzenweibchen wählen dürfen, bevorzugen sie Partner, die ähnlich unschön aussehen wie sie selber (...) Dabei fiel auf, dass sich Weibchen, die kaum Gewicht auf die Waage bringen, körperlich nicht besonders fit sind und damit als eher unattraktiv gelten, deutlich stärker von Männchen mit durchschnittlicher Brustfärbung angezogen fühlten als von jenen mit vergrößertem Schönheitsfleck.”

Darwin hatte irgendwie unrecht / Adorno irgendwie nicht



Auf den Spatzenforscher wartete ganz erwartet bereits ein Vögelchen als er der verwilderten Garten betrat. Es handelte sich um ein Spatzenweibchen - ein besonders kleines und dünnes und sehr hellgraues Exemplar - aber mit einem ungewöhnlichen Schnabel: Spitz und rot. Das Vögelchen saß etwas verstimmt auf der Wiese neben der Bar, pickte etwas aus einem Plastikteller und blickte nervös mal nach links, mal nach rechts und dann nach vorne und hinten. Der Forscher war etwas spät dran - er hatte es nicht gerade eilig gehabt, hier anzukommen. Dort sollte er einen Vortrag über das Richtige im Falschen halten.

Das Vögelchen kam sogleich angehüpft , als es den Forscher entdeckte - Spatzen hüpfen, als hätten sie eine Mädchenhandtasche um und wollten ein Eis - und piepte ganz aufgeregt und pfiff und zischte durch das kleine knallrote Schnäbelchen. Als der Vortrag begann, nahm es nahe der Bühne platz, so dass sein rotes Schnäbelchen im Scheinwerferlicht strahlte, die kleinen grauen Füßchen jedoch im Dunkeln verborgen blieben. Der Forscher sprach und der Spot aus dem Bühnenraum legte einen verrutschten Heiligenschein über seinen weißen Schopf. Hin und wieder begann er zu stammeln, dann atmete er tief und in Sekundenschnelle dehnte sich der Moment in eine zähe Ewigkeit aus, so dass alle ganz leise wurden und ihre Gespräche für einen Moment unterbrachen. Dann wurde der kleine Spatz ganz unruhig, pickte und schaute sich um. Einmal, so der Forscher, habe er in der italienischen Stadt Imola - bekannt für die Öffnung der Psychiatrien im Jahre 1978 ("La liberta e terapeutica") - einen Mauersegler im Innenhof eines kleinen Restaurants entdeckt. Es gab keine Möglichkeit ihn in die Lüfte zu bewegen - dafür hätte er einen hohen Abflugpunkt benötigt. Er musste ihn also zurücklassen und so wird der Vogel dann sicher bald verendet sein. Wenn die Italiener ihm nicht sogar noch das Genick gebrochen haben, anschließend. In diesem Moment schnupfte der Forscher ein wenig vor sich hin und kramte nach Taschentüchern in seinem filzigen braunen Anzug. Es wurde wieder ganz still.

Das gibt es nicht, das Richtige im Falschen!, tobte er dann und die Gespräche konnten fortgesetzt werden. Und all die Zigeuner! Auch die brauchen Freiheit!, schepperte es dann noch. "Das Z-Wort" tuschelte da jemand. Als der Spatz einmal einige Zentimeter zur Seite hüpfte, blitzte in den Augen des in der Abenddämmerung ersoffenen Spatzenforschergesichtes ein kurzes Funkeln auf.

So ging das eine ganze Weile. Irgendwann dann verstummten die Worte aus der zähen Finsternis des Gartens und der Vogel begann wieder zu flattern. Der Forscher verließ die Bühne auf wackligen Füßen. Da flatterten erst Scheine herbei, dann der Spatz und von allen Seiten Rüge, Rüge, Rüge! Das war gemein! So nicht! Und so weiter!

Einige Male sah ich das Spatzenweibchen noch im Nacken des Forschers sitzen. Dann war es plötzlich verschwunden. Es war fortgeflattert und nicht zurückgekehrt.

Kanntest du die?, fragte ich den Forscher. Nein, nie gesehen, kam es knapp und dann sprach er von den Spatzen als "Kulturfolger". Die gefährdete Art wird heute mehr und mehr als Gefährte des Menschen betrachtet. Die geselligen Vögel brauchen geschützte Räume für ihre Nistplätze und Zugang zu Wasser, damit sie das trockene Brot, das sie aufpicken, herunterspülen können. Und nachts schlafen sie.


Foto: Akşam Sefası - Schöne der Nacht © AH 2010
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Samstag, 11. September 2010

VERSCHWINDEN / VERSCHMELZEN


VERSCHWINDEN

Sonntag, 5. September 2010

ZEICHEN / Is däs Kunst ode kann des wäsch? IV



Kein pädagogisch wertvoller Käutergarten
Ein Freiraumforschungsprojekt



Vor dem Insitut für Raumforschung in der Lenaustraße hat man etwas neues gewagt und versucht sich nun in Zeichen. Auf den Schildern steht beispielsweise: "Das Dorf endet hier", "Man soll hier keinen Müll reinschmeißen" oder "In diesem Dorf ist campen verboten!". Und: "Das ist gar nicht witzig, das ist ernst!"

"Derjenige, der den Raum mit Plakaten verschmutzt, die Träger von Sätzen und Bildern sind, stiehlt dem Blick aller die umliegende Landschaft, tötet ihre Wahrnehmung, durchbohrt den Ort durch ebendiesen Diebstahl. Erst die Landschaft, dann die Welt. Er durchsetzt den Raum mit schwarzen Löchern, die die Empfindung einsaugen und die Wahrnehmungsfähigkeit zerstören." schreibt Michel Serres in meiner Lieblingslektüre zur Aneignung "Das eigenliche Übel". Und fragt sich: "Mit welchem Recht? Er benimmt sich wie ein universaler Hausbesetzer. Auf dieselbe Weise, ebenso gebieterisch, erweist sich ein Geldstück als leichter sichtbar, lesbar und entzifferbar als das Objekt, dass es kauft. Es versiegelt den Blick darauf, es tötet dieses Objekt. Das Symbol annulliert die Sache. Die Welt wird von den Zeichen ausgedrückt und ausgelöscht."

Auf ähnliche Weise gestalteten neulich die Kinder in einer Kita in der Pannierstrasse ihre Baumscheibe. Allerdings malten sie bunte Bilder von Hunden und sprachen die Tiere ganz unerwachsen persönlich an: "Liebe Hunde, um eure Geschäfte zu verrichten, haltet bitte an einem anderen Baum! Danke, die Kinder der Kita Kunterbunt"
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BERLIN / BAUMSCHEIBE WEISESTRASSE

Baumscheibe vor dem Infoladen Lunte
Weisestrasse 53 _ Neukölln.


Der Infoladen war leider geschlossen - deshalb erst mal keine Info dazu. In dem Kästchen befinden sich übrigens einige Kackwürstchen. Hat mich ein bisschen an das Katzenklo erinnert, dass ich in der vergangenen Woche immer sauber machen musste. Im Hintergrund ein Loch.

Irgendwie ist das eine Anti-Baumscheibe. Prima Statement. Aber ich lehne mich mal nicht zu weit raus. Das gibt nur wieder Ärger.

Montag, 30. August 2010

BAUMSCHEIBE REUTERSTRASSE / VARIANTE II


Vor dem Elternverein in der Reuterstraße hat man das halbfertige Werk nun vor das Modell gestellt. Das ist eigentlich eine interessante neue Variante.

Sonntag, 29. August 2010

HERBSTTAG / ŔUHM UND SCHATTEN


...Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke, Herbsttag


Nachdem ich in den letzten Tagen in den Kommentaren erst schwer beschimpft, dann anonym und sehr mutig auch noch persönlich angegriffen wurde, musste ich mich erst einmal wundern. So über dies und das. Nicht zuletzt über diese Aufmerksamkeit.

Mein Datenschutzbeauftragter brachte dann Licht in das Dunkel meines kleinen Hinterstübchens: Ist man die einzige Person, die über etwas schreibt, landet man bei google ziemlich weit oben. Wird man dann von zweieinhalb Lesern angeklickt, ist man ganz oben. Endlich mal ganz oben! Ändert aber natürlich nichts an meiner Grundfrustration - ich Kuh.

Ruhm hat eben seine Schattenseiten.

Immer noch frage ich mich, wer da eigentlich zitiert wurde, als von meinem "gewöhnlich gut informierten" Überblick gesprochen wurde - wurden Interviews gemacht? - und was der ganze Satz bedeuten sollte. Ist aber vielleicht auch egal. Auf keinen Fall werde ich hier noch mal die W-Straße erwähnen. Nie wieder. Das sagt man nicht mehr. Hoffe aber abschließend, dass die Häuser am Ende nicht nur genau denen sein werden, die darin heute legal wohnen (können).

So, und wenn heute Abend nicht noch jemand Thilo Sarrazin ordentlich den Kopf putzt oder was ganz verbotenes tut, kann ich gleich gehen und mir im Club nen schönen alten Film anschauen. Hoffentlich gibt es Kakao und der Ofen bollert ordentlich.


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Montag, 23. August 2010

SIMON-WEISE-STRASSE / Is däs Kunst ode kann des wäsch? III

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Politische Kunst auf dem Weisestraßenfest
21. August 2010



Am Samstag wollte ich mir mal das Weisestraßenfest in Neukölln anschauen. Zuletzt war ich verwundert, mit was für großen Plakaten überall in der Stadt dafür geworben wurde - ich hatte zuvor angenommen, es sollte eher im Rahmen eines Nachbarschaftsfestes stattfinden. Obwohl das ganze sehr bierlastig war und auf der Bühne die selbe Punk-Band spielte wie schon 1980, beschlich mich dort gleich die Ahnung, dass es sich um das zukünftige "Simon-Weise-Straßen-Fest" handelt.

Gerne hätte ich den Sumpf aus Bier (Astra), Mann (viele altlinke Gesichter aus 61 - auf eine Comeback hoffend?) und Gebrüll (St. Pauli gegen SC Freiburg) alsbald wieder verlassen. Aber manche Leute sagen "zehn Minuten!" und meinen zwei Stunden. Nach 3 Stunden Punk-Dusche war ich schwer depressiv.

Vor dem Stadtteil- und Infoladen Lunte äußerte man sich ebenfalls missmutig über die Idee dieses Straßenfest zu veranstalten. "Da kommen doch jetzt schon die, die unseren Bezirk gentrifizieren werden!" Um die Ecke am Herrfurthplatz entdeckte ich dann noch einen merkwürdigen Bio-Wochenmarkt. Dort gab es auch einen Stand, an dem man nur bunte, handgeschneiderte Röcke kaufen konnte.

Sonntag, 15. August 2010

BERLIN / CAFE ŞIRIN


Seit etwa einem Jahr befindet sich in der Boddinstrasse das türkische Café Şirin. Zuvor war in den Räumen ein togoischer Kulturverein mit dem Namen Café Togo untergebracht. Da sich die neuen Besitzer sowieso überlegt hatten, Kaffee zum Mitnehmen anzubieten, haben sie den Aufkleber an der Fensterscheibe belassen.

Samstag, 14. August 2010

BERLIN / SCHÖNE DER NACHT NEUKÖLLN

...akşamın hüznü özlemin ezası
bütün bunları bir anlık dindiren
bir anlık dinlendiren
baba yadigarı akşam sefası... akşam sefası

Demet Duyuler



Beim Katze gießen vorgestern auf dem Balkon entdecke ich diese Blumen - wieder eine Sefası, würde ich sagen. Verrückte Sache.

Einigermaßen beeindruckt machte ich ein Foto von der rosa Blüte. Gestern dann war sie ganz verschwunden. Eine neue Blüte ist nun lila. Daraufhin habe ich noch mal nachgelesen und tatsächlich ist das Besondere an der Jalappenwinde, dass einige von ihnen nur nachts
blühen, die meisten aber sogar gleichzeitig in verschiedenen Farben. Wunderblume eben.

Beim OTTO-Versand kann man übrigens - Vorsicht ! Nur für Erwachsene ! - das Puzzle "Schöne der Nacht" bestellen.

Auf Aventurica gehört die Schöne der Nacht einer gespaltenen Schwesternschaft der Hexen an. Einige von ihnen sind exzentrische Diven, die ein Leben als Kurtisanen in den Städten führen - andere leben zurückgezogen in den Wäldern.

Das obige Gedicht hier noch mal in ganzer Länge. Sphärisch-Irisch vertont. Und den musikalischen Lesern sei noch dies ans Herz gelegt.

In der Wohnung fiel mir dann noch ein toller Roman von Wilhelm Genazino in die Hände. Er heißt Mittelmäßiges Heimweh und handelt von einem vereinsamenden Finanzdirektor, dem ein Ohr abfällt und der sich irgendwann ein Vogelbestimmungsbuch kauft.

Ich leg mich lesen.



Mittwoch, 11. August 2010

BERLIN / BAUMSCHEIBE LENAUSTRASSE

Akşam Sefası

Gestern Abend glänzte ich aus Versehen in einem botanischen Fachgespräch in türkischer Sprache. Ich saß beim Snack Point in der Lenaustraße und aß Köfte. Als mir der Betreiber den zweiten Cay servierte, fragte ich ihn, ob er die Baumscheibe bepflanzt habe. Er bestätigte dies und ich hakte nach: "Was sind denn das für Pflanzen?" - und erwartete, dass er mir irgend ein Gemüse nennt. Erstens sah das nach einem Obstanbau aus und zweitens dachte ich mir, dass die ja von Männern gepflegt wird.

"Hmm", sagte er, "den deutschen Namen weiß ich gar nicht."
Ich bat ihn um den türkischen Namen, nur um etwas zu haben.
Er: "Sabah Sefası!"
Ich: "Hmmm, ich kenne nur Akşam Sefası."
Darauf schwieg er bedächtig, schaute erst zur Baumscheibe, dann wieder zu mir und sagte ruhig und bestimmt: "Ja, es sind Akşam Sefası."

So gute kenne ich mich aus. Und das kam so: Als meine Mutter mich vor 3 Jahren in Istanbul besuchte, war sie gesundheitlich so angeschlagen, dass wir nur sehr kleine Ausflüge machen konnten und viel Zeit auf meiner Terrasse verbrachten. im Gestrüpp des Gartens entdeckte sie eine merkwürdige Pflanze. In der Nacht hatte sie geblüht, aber jetzt am Tag waren ihre Blüten geschlossen. Daraufhin fragte ich den Aushilfshausmeister, der sich auch um meinen Garten kümmerte, was das für eine Pflanze sei.
Akşam Sefası. Was wohl so viel heißt wie "Freude der Nacht".

Sabah Sefası - die Wunderblume

Nachdem meine Mutter wieder in Deutschland war, wollte sie unbedingt so eine Pflanze für ihren Balkon haben. Ich beschäftigte alle Floristen in der Umgebung meiner Wohnung mit dem Problem, aber am Ende sagte mir ein Blumenladenbesitzer, er könne die nicht besorgen, weil die Einfuhr nicht erlaubt sei. Das erzählte ich Mesut gestern auch noch - wir hatten uns mittlerweile mal vorgestellt - und er wunderte sich darüber sehr. Sagte aber nichts weiter.

Mesut ist vor 10 Jahren nach Berlin gekommen. Vorher hatte er in Izmir ein kleines Café neben einer Sprachschule, in der deutsche Lehrer und Beamte Türkisch lernten. Er war der strengste Lehrer des Programms, wie er mir sagte. Obwohl er schon einige Brocken Deutsch sprach, ließ er nur Türkisch zu. Am Ende haben sich die Lehrer immer herzlich bei ihm bedankt, weil sie so viel gelernt hatten.

In Berlin hat er einiges ausprobiert und dann vor einem Jahr dieses Restaurant eröffnet. Um die Baumscheibe kümmert sich seine Mutter, die tagsüber im Laden ist und kocht.

Als ich ging sagte Mesut noch: "Komm morgen noch mal wieder. Meine Mutter gibt dir so eine Pflanze!"

Meine Mutter ist mittlerweile verstorben, aber ich werde sie zum Gedenken an sie irgendwo einpflanzen. Wo, sag ich nicht.

Samstag, 7. August 2010

BAUMSCHEIBE REUTERSTRASSE / UNDER CONSTRUCTION I

Die Baumscheibe vor dem Berliner Elternverein der Türkischen Gemeinde ist nun schon länger im Modellzustand.
Im Hintergrund ein erster Versuch, der an der Uneinigkeit des Elternvereins scheiterte. Zu scharfkantig, zu dunkel, zu wenig rot-weiße Bestreifung, so die Kritiker.


Die Architekten und Designer kennen das Problem: Das Modell soll die zukünftige Wirklichkeit darstellen. Entspricht das Ergebnis dann nicht den Erwartungen des Bauherren, liegt es wohl daran, dass dieser die Abstraktion eines Projektes, die das Modell vollzieht, nicht verstanden hat. Tatsächlich aber: Abstrahiert die Umsetzung dann das Modell. Das wird auf beiden Seiten gerne außer Acht gelassen, während man so begeistert ausprobiert.

Ich wollte einfach mal was verschwurbeltes schreiben.
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CAFE WARSCHAU / FLANNIERSTR.

Da ich immer Tomaten auf den Augen habe, nehme ich an, das steht da schon ein paar Tage...

Gestern Abend trank ich noch ein Tyskie und einen kleinen Vodka im Café Warschau. Philpp hatte mir von einigen Nachbarschaftsstreitereien dort berichtet und ich dachte mir, dass das doch mal die Gelegenheit wäre Kristina Nälsund kennen zu lernen. Die Kneipe erinnerte mich zwar auf etwas unangeheme Weise an diese sehr authentischen Läden auf dem Hamburger Kiez, mit Resopaltischen, Häkelgardinen, Plüschkitsch und sagen wir einer Dame hinterm Tresen, die das Leben geliebt hat und noch immer liebt - sehr blond und mit großen Augen. Es läuft der ganze 80er-Pop rauf und runter und auf einem Flachbildschirm hinter der Bar wirken Sonny und Tubbs die ganze Nacht. Und die Klamotten und Frisuren der jungen Blondinen von Miami entsprechen genau dem Geschmack der Wirtin. Aber: Kristina hat das Herz auf dem rechten Fleck. Echt.

Sie erzählte mir, dass sie in Polen Lehramt studiert und dann eine Technik-Ausbildung gemacht hat, bevor sie Anfang der 80er Jahre aus Liebe nach Stockholm ging und dort heiratete. Das war wohl ihre schönste Zeit. Wieder wegen eines Mannes kam sie dann vor 20 Jahren nach Berlin und eröffnete nach einer gescheiterten Beziehung das Café Warschau. Das ist beim hippen jungen Partypöbel nun auch schon länger ziemlich angesagt. Vor kurzem bekam sie nun neue Nachbarn. Eine Gruppe junger Holländer und Belgier eröffnete das "O Tannenbaum". Die Einrichtung etwa: reduzierter Sperrmüllchick in hellen Cremefarben an ausgestopften Echt-Tier. Darüber freute sie sich erst sehr - Ist es doch nachts in der Sonnenallee beizeiten etwas gruselig. Sie half den Jungs bei allen Problemen, die in der Anfangsphase auftraten. Zur Eröffnungsparty wurde sie dann allerdings nicht mal eingeladen sondern fand lediglich einen Flyer im Hausbriefkasten - Kristina entspricht eben nicht dem Klientel dieser wahnsinnig coolen Bar. Das sieht allerdings auch ein Blinder mit Krückstock.

Kurz: Es kam nichts zurück, wenn man mal davon absieht, dass sie morgens die ganzen zerschmissenen Bierflaschen auffegen muss, die die Tannenbaum-Gäste vor ihrer Bar fallen lassen, wenn sie sich nicht damit einfach in ihren Laden setzen, weil das da drinnen echt auch so was von abgefahren ist, das Bier nebenan aber eben billiger. Neuerdings kommt die Polizei nun manchmal zu ihr und ermahnt sie wegen des Lärms der Gäste draussen, die gar nicht ihre Gäste sind. Nun überlegt sie schon, ob sie den Laden zumachen sollte. Das macht einfach keinen Spaß mehr.

Etwas weiter runter in der Panniertrasse wurde nun durch das Abkleben zweier Straßennamen auf den Punkt gebracht, was sich hier langsam bis rauf zum Schillerkiez voranwälzt. Der Kampf um Raum ist hier in die harte Phase übergegangen. Daran soll Simon Weser erinnern. Wenn hier zurzeit nachts ein Polizeiwagen die Straße entlang flanniert, greifen die draussen sitzenden Gäste unaufgefordert nach ihren Stühlen und rennen mit den Möbeln nach drinnen. Das hat schon wieder was.
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Freitag, 6. August 2010

MUSLIM MEETS WEST I / CAZZ BAR

Hüpfburg auf dem islamischen Festtagen am Hermannplatz, wo über den Koran aufgeklärt wurde

Vor einigen Tagen war ich mit meinem Istanbuler Freund Ertuğ auf einem kleinen walk on the wild side. Eigentlich arbeite er hier gerade für eine New Yorker Uni an einer Studie über das Dating-Verhalten schwuler Deutsch-Türken in Berlin. Da ich mich in dieser speziellen Szene wirklich gar nicht auskenne, konnte ich ihm nur anbieten, einen Spaziergang durch Neukölln zu machen. Am Ende unseres Weges stand der Schillerkiez auf dem Plan, aber wir blieben dann schon in dem neuen Partybezirk um die Weserstraße zu lange hängen. Auch, weil wir am Abend zuvor entschieden zu lange gefeiert und diesem Abend entschieden zu schwer gegessen hatten. In Neukölln kam Ertuğ aus dem Staunen darüber nicht mehr raus, was man hier für "links" hält. Auf einer Toilette entdeckte er einen Aufkleber, auf dem stand: "Homosexualität ist kein Verbrechen - auch nicht in muslimischen Ländern!"

Ertuğ war im Frühjahr für einige Monate nach Deutschland gekommen. In Erfurt fand ein internationales - oder sagen wir: intermuslimisches - Meeting mit deutschen Studenten der Universität Erfurt statt. Unter dem Motto "Muslim meets west" sollte über die verschiedenen muslimischen Migranten-Gruppen gearbeitet werden. Das sah dann so aus, dass arabische Studenten ein Referat über Türkische Moslems in Deutschland hielten oder etwa eine Türkin etwas über Bosnien und Herzegowina berichtete. Die deutschen Studenten hörten eigentlich nur zu. Diese Veranstaltung hat er bis zum Ende nicht verstanden. Um von Deutschland noch etwas mehr zu sehen, entschied er sich zu einem kurzen Trip nach Berlin. Die Kontakte, die er zur Istanbuler Theaterszene hat, brachten ihn an seinem ersten Abend ins IchOrya am Oranienplatz, wo ich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen war und wir uns vorgestellt wurden.

Um uns seinem Forschungsthema noch einmal gemeinsam zuzuwenden, beschlossen wir nach dem Abend in Neukölln in die Cazz Bar zu gehen. Dort trifft sich das zentralanatolische Kapital Berlins - und die die das gerne wären. Sogar Schauspieler aus "Tal der Wölfe" wurden da schon gesichtet. Aber eigentlich, so wurde Ertuğ versichert, sei es an Freitagen ein Dating-Spot für schwule Türken. Nur wisse das eben niemand so richtig. Also stopfte ich mir am Morgen ein besonders zickiges und glänzendes Oberteil in die Badetasche und traf ihn am Abend am Savignyplatz. Von dort machten wir uns auf die Suche nach der Bar im Jeanne-Mammen-Bogen. Kein Schwein dort kannte sie. Erst die italienischen Kellner in der Galerie am Else-Uri-Bogen waren im Thema. Natürlich.

Über Geld möchte ich in dem Zusammenhang ja nicht sprechen, aber nachdem wir den Eintritt bezahlt hatten, fragte uns eine Kellnerin, ob wir zwei vor hätten, eine Flasche zu bestellen. Ich wollte nicht einfach nein sagen und da Ertug kein Deutsch sprach und die Kellnerin kein Türkisch (Also Hallo! Ich war schon immer gegen Deutsch. Ja, tut mir leid, geht nicht!) fragte ich einfach: "Was für eine Flasche denn zum Beispiel?" "Na Wodka zum Beispiel?!" entgegenete sie etwas spöttisch. Ich verneinte und wir mussten mit einem Platz in einer Ecke hinter oder direkt am Tresen Vorlieb nehmen. Der Platz sollte sich aber als echter Standort-Vorteil erweisen. Wir hatten alles im Blick und konnten ungestört glotzen. Als dann der Schlagzeuger sein Instrument anstimmte schwante es mir: Cazz Bar!

Die Band begann bald zu spielen und der Manager der Bar trat nun auf die Bühne, um in Karaoke-Qualität einige Volkslieder anzustimmen. Der Hall des Gesangs war nicht zu ertragen. Es ist wohl so eine Art Recht des ersten Liedes, jedenfalls durfte dann auch der eigentliche Star des Abends - eine Sängerin aus Istanbul - die Bühne betreten und schmetterte sofort los. Da klang das Mikro schon besser. Vielleicht war das vorher also auch nur eine Art Soundcheck. Ertuğ sprang sofort auf und bat mich, mit ihm zu tanzen. Das hab ich dann auch gemacht.