Montag, 30. November 2009

Partyamsel



Zuvor kam ich an der Tankstelle Ritterstraße Ecke Prinzen vorbei, wo der Partypöbel versuchte gegen einen Vogel anzustinken, der gegenüber in einem Baum ein Konzert gab.

Vielleicht kann mir ein Ornithologe ja bestätigen, dass es sich hierbei um eine nachtaktive Drossel handelte? Um eine Amsel gar?

Donnerstag, 5. November 2009

Arbeit



Man soll ja nicht meckern, wenn man Arbeit hat. Heutzutage. Aber am Sonntag drückt mir mein Hasenkollektiv dieses Konzert rein, ohne mir vorher Bescheid zu sagen... Die Stimmung war toll. Osteuropäische Hochzeitslieder und Graf Zahl aus der Sesamstrasse hat übers Zählen gesungen und sich dann ordentlich zulaufen lassen. Das hat mir den Rest gegeben und ich kämpfe noch mit den Spätfolgen.

Trotzdem habe ich das an dem Abend filmisch dokumentiert. Nach einem kurzen Highlight nimmt der Streifen eine ganz unerwartete Wendung. Ich muss sagen: Mein schönster Film.

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Ein fliegendes Vogelhaus

Tornow am See, vergangenes Wochende:
Um die Eichhörnchen vom unerlaubten Genuss des Vogelfutters abzuhalten, hängte der Konstukteur dieses Vogelhäuschens - Fink, der Russe - das ganze einfach an einem Lufthaken auf. Doch über die dünnen Zweige im Hintergrund kamen sie noch immer an ihr Ziel. Also verhängte er den Zugang vorne und hinten teilweise mit rot-weiß gestreiften Absperrband. Das wirkte.

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Muss das nicht "verschmusste Fahrbahn" heißen?

Ich wurde gerade angehalten, in meinem blog mal ein bisschen mehr auf die Rechtschreibung zu achten.

Und schon in diesem Satz bin ich mir über das Wort "bisschen" (oder bißchen?) nicht ganz im klaren - wobei man doch klar, genau wie wahrhaft..., nee. Oder schreibt man das gar groß?

Jedenfalls kommt ja "bisschen" nicht von "bis" im Sinne von "von.. bis", desshalb ja auch nicht "ein vonchen", sondern von "ein biss", das ist mir wohl klar.

Aber mit dem ß oder ss... hab ich auch Schwierigkeiten. Oder gibt es das ß am Ende gar nicht mehr?
Zudem leite ich Konditionalsätze andauernd mit das (und nicht wenigstens mit "daß") ein, dafür schreibe ich immer wieder fälschlicherweise sspd.

Und jetzt, wo ich weiß, dass hier jemand auf meine Rechtschreibung schaut, werde ich auch noch ganz nervös.

Das hilft nicht.

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Unsere deutschen Freunde



Nachdem im Tante Horst Kneipenkollektiv am vergangenen Donnerstag Frank Apunkt Schneider erst etwas steif, dafür später aber um so kurzweiliger über Punk bis NDW referiert hatte, schickte mir Christian diesen Film.

Dienstag, 20. Oktober 2009

Hartz-Bänkle I - Kottbusser Brücke

Hartz-Bänkle I - Kottbusser Brücke

Gestern Abend nach der Demo gegen Sarrazin vor der Bundeszentrale der SSPD wurde ich noch auf ein Bier in den Room 77 gelockt.

Ich lief zu Fuß, um etwas runter zu kommen... nachdenklich.

Montag, 19. Oktober 2009

Gehirnbaracken

Als ich kürzlich nach einer Grippe mal wieder aus dem Haus und an den Tresen im Café Jenseits trat, informierte mich der Wirt der Traditionsgaststätte "Franken" in der Oranienstraße über die Nachrichtenlage. Herr Sarrazin hatte mal wieder einen Totalausfall in seinem guten Stübchen und etwas von der "Produktion kleiner Kopftuchmädchen" geplaudert und vorgeschlagen, die gegen jüdische Osteuropäer auszutauschen.

Das wäre doch alles grundwahr, ertönte es von rechts und halbrechts am Tresen und auch der Frankenwirt fand: "Das kann man doch mal offen aussprechen." Das es sich bei dem Einfall mit den jüdischen Einwandern um eine klassisch antisemitische Äußerung handelte, hatte an der Stelle auch keiner gemerkt.

Die Kreuzberger haben ja schon in den 80ern den Zitty-Titel "Türken raus aus Kreuzberg - warum nicht?" nur unterschreiben konnten; und obwohl sie bis heute kaum einen persönlich kennen, freuen sich gerade sicherlich auch über die gestrigen Entgleisungen einer weiteren Gesichtsbaracke des deutschen Fernsehens - Stefan Raab.

Der ließ sich über den vielleicht etwas streitbaren Vorschlag Christian Ströbeles, muslimische Feiertage in Deutschland einzuführen, in folgender Weise aus: „Was für islamische Feiertage gibt es? Wir haben sie einmal für sie aufgelistet, da können sie sich einen aussuchen, z.B…: 'Allahheiligen', 'Gründönerstag', 'Ayschemittwoch', 'Christi Kümmelfahrt', 'Isch-fick-deine-Muttertag'."

Ich gehe heute jedenfalls - und das in letzter Zeit aus Gründen der "Nachrichtenlage" immer häufiger - zu einer Protestkundgebung gegen den aufkommenden Großmaul-Rassismus. Um 16 Uhr vor der SSPD-Parteizentrale in der Wilhelmstraße. Denen schmeiße ich Döner an ihre Fenster.
Der bekanntlich eine Erfindung aus Deutschland ist, und den es so in der Türkei gar nicht gibt, weil die so eine Scheiße nicht fressen. Allenfalls als leckere Kalbvariante und als Zugeständnis an die europäischen Touristen, die das da gerade alles so hipp finden. Für Amis noch "kaşarlı" - quasi ein "cheese döner" und geil wenn man vollgesoffen in sein Hostel zurückwankt.

Der paßt immer: "ich kann gar nicht so viel [Döner] fressen, wie ich kotzen möchte"
Max Liebermann, Berlin 1933




Wohnung über Lehmann

Nun habe ich aus Versehen seit heute Morgen eine Wohnung für mich gefunden. Gerade, als ich auf eine gute Strategie für die weitere Suche gekommen war.

Ick stand nämlich neulich vor diesem Lehmann Getränkehandel in der Hasenheide und stellte fest, dass die Wohnung rechts im ersten Stock frei ist und dachte so bei mir: Das ist doch eigentlich ganz nett hier und den Kühlschrank spart man auch, weil es bei Lehmann gekühlte Getränke gibt!

Allerdings hat er wochentags nur bis 19 Uhr auf. An Samstagen sogar nur bis 16 Uhr. Und der Filialleiter Herr Gutsmuths konnte mir zur Wohnung auch nicht viel sagen.

Mein Begleiter wusste dann noch, dass der Lehmann in der Leibnizstraße bessere Öffnungszeiten hat: Mo-Fr: 9.00 - 1.00 Uhr / Sa: bis 0.00 Uhr! Aber da will ich nicht wohnen.

Vielleicht schaue ich mich mal bei den anderen Lehmann-Märkten um.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Katzenwochen / Klimaaktionstag

Bei meiner Recherche zum baldigen Klimaaktionstag am 24. Oktober habe ich zum Thema "Heizen" dieses Bild bei Greenpeace gefunden.

Samstag, 17. Oktober 2009

Tür zu

Ein Bild aus meiner blauen Reihe.

Ein abgeschlossenes Gartentor ohne Zaun am Kreuzberger Beginenhof - irgendwie trist.

Geht mir heute auch so. Sinnlos Tür zu.

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Say Hello / Wave Good Bye

Diese beiden possierlichen Bilder stammen wieder von der Webseite des Innenministeriums. Das erste zeigt fröhliche Iraker, die gerade in Deutschland ankommen (Bild: BMI/Hans-Joachim M. Rickel) - wobei ich natürlich gleich mal total rassistisch feststellen muss, dass die nicht gerade irakisch aussehen. Das zweite Bildchen zeigt weniger fröhliche Gestalten bei der "Rückführung", die in diesem Fall ziemlich unfreiwillig aussieht (Bild picture-alliance/dpa)

"Heimreisen" sollen nach dem Willen des Ministeriums nun tausende Kosovo-Flüchtlinge, die hier seit dem Krieg vor knapp zehn Jahren meist im Status der Duldung leben. Unter ihnen etwa 10.000 Roma, die in ihrem "Heimatland" mit den schlimmsten Lebensbedingungen rechnen müssen. Dort beträgt die Arbeitslosigkeit unter den Roma annähernd 100 Prozent.

Ein entsprechendes Abkommen soll noch in diesem Herbst unterzeichnet werden, so dass dann gleich bis zu 2500 abgeschoben werden können.

Mittwoch, 14. Oktober 2009

BS II / Denunzianten

Diese Baumscheibe bepflanzte der Besitzer der türkischen Teestube in der Kreuzberger Solmsstraße. Was die merkwürdige Holzrahmenkonstruktion soll, konnte er mir nicht plausibel machen, als ich neulich eine Zigarrette mit ihm rauchte.

Queraussteiffung?

Zuerst wuchsen in der Scheibe Tomatenpflanzen und mediterane Kräuter. Leider ist sie nun etwas verwahrlost.

Als ich vergangene Woche gegenüber einige Kisten abholte und dafür in der zweiten Reihe stehen blieb, hatte mich gleich das Ordnungsamt am Wickel. Der nette junge Fahradkurier, der bei den beiden Damen vom Amt rumgestikulierte, hatte mich nicht etwa zu verteidigen versucht, sondern höchst selbst angerufen - als ich zu ihrem Wagen trat, bedankten sich die Frauen gerade bei ihm für den Hinweis, dass in dem türkischen Teehaus "illegale Glücksspiele" stattfinden würden.

Ich war fassungslos.

VOrSICHT frisch

Neulich in der Post in der Ritterstraße hatte jemand seine schlechte Laune über das olle Hartz IV zum Ausdruck gebracht. In der Schlange am Geldautomaten schmunzelndes Schweigen. Die Farbe gefiehl allerdings nicht so mit Postgelb.

Ein Mitarbeiter heftete noch schnell Schilder dran. Alles frisch!

Assimilation

Das fanden Christian und ich vorgestern auf den Seiten des Bundesministerium des Innern - BMI.

Im Hintergrund zwei, die es geschafft haben! Sich noch etwas verschämt hinter ihren tollen neuen Pässen versteckend - neben ihrer neuen Nationalflagge.

Und im Vordergrund die häßliche Fratze der Assimilation.

Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan hatte die in Deutschland lebenden Türken im letzten Jahr gewarnt: „Assimilierung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“

Da haben sich dann wieder alle aufgeregt.

Sonntag, 11. Oktober 2009

heiterer Samstag


Auf dem Weg zum gestrigen Naziaufmarsch kam ich an einer Wanne der Bundespolizei vorbei. Drinnen saßen zwei verzweifelte Polizisten auf der Suche nach dem Ärger. Der Beifahrer blätterte mit getstresstem Gesichtsausdruck in einem Stadtplan auf dessen Rückseite stand: "Lieber eine andere Stadt?" Leider konnte ich davon kein Foto machen.

Nazis sind übrigens wirklich alle voll die Gesichtsbaracken. Wobei nicht alle Gesichtsbaracken Nazis sein müssen, denke ich.

Max Goldt bemerkte einmal, dass die Junkies alle keine Ärsche in der Hose haben und vermutete, dass diese Leute deshalb irgendwann angefangen hatten, Drogen zu nehmen. Vielleicht ist das bei Nazis genauso mit den Gesichtern.

Wobei Nazis zusätzlich dazu auch keinen Arsch in der Hose haben.

Insgesamt war es ein heiterer antifaschistischer Samstag.

Auf dem Rückweg durch den Friedrichshein entdeckte Maike noch dieses tolle Haus, dass sich irgendein Idiot wohl mal als Anlehnung an eine Burg gebaut hatte. Wobei die Fassade aber doch eher an Band-Proberaum erinnert - so Eierkartons. Die Jungs brüllten dann noch: "Das war mal unsere Schule!" Die Hände an die Taschenmesser in unseren Jacken geklammert, haben wir ganz vergessen zu schauen, wie die Strasse hieß.

Im Club 49 kam ich gerade rechtzeitig für das Spiel Deutschland gegen Russland: Als ich rein kam, lief gerade die deutsche Nationalhymne und alle waren ganz andächtig.

ich auch.

Freitag, 9. Oktober 2009

BS I / Club 49

Kai vom Club 49 erzählte mir, er habe mich gegoogelt und so etwas gelesen wie: "Antonia hat zahlreiche Baumscheiben in Berlin dokumentiert." Das sei aber wohl eine andere Antonia.

Nein, das bin ich.

Auf einer der zahlreichen unsortierten Halden liegen Baumscheiben-Fotos herum und ich hab total vergessen, wo das alles war.

Bin dann aber gleich heute morgen noch mal zum Club und hab die Baumscheibe dort fotografiert. Sie wird von dem Haustechniker-Meister und Stammgast Robert Kovac gepflegt. In diesem Fall hat er auch den Baum in die ganz nackte Scheibe gesetzt - einen Trompetenbaum, dessen Früchte nach Roberts Aussage eine psychedelische Wirkung haben. Daneben pflanzte er noch Tomaten, die aber nicht so richtig gediehen. Also entschied er sich für eine robuste immergrüne und sommerblühende Bepflanzung, die er mit einem stabilen Holzwall umzäunte.

Nebendran steht sein Autoanhänger, an dem man laut Kai gerne sein Fahhrad anschließen darf. Falls er den Anhänger mal braucht und es ist ein Fahrrad dran. schraubt er die oberen Streben des Anhängers ab, entfernt das Rad, schraubt die Streben wieder an und stellt das Rad hinten in den Club, wo es dann abgeholt werden kann.

Also Fahrrad richtig sicher abschließen, Früchtchen nehmen und ab in Club.





Donnerstag, 8. Oktober 2009

Nordic


Da mich heute eine so melancholische Stimmung begleitet, hab ich mir die wenigen Fotos von einer Journalistenreise ins norwegische Moss am Oslo-Fjord angeschaut, die ich kürzlich machen durfte. Das passt nur in sofern zu meiner Stimmung, dass ich mit einer fantstischen Gruppe von schwulen Kunstkritikern aus aller Welt, die ausgelassensten Tage seit langer Zeit verbracht habe. Jeden Abend saß ich dann mit einem dämlichen Grinsen am Fjord auf einem Felsen und genoss die Leichtigkeit des Seins - davon gibt es nur diese zwei Handy-Fotos.

Nun sitze ich etwas trübe und schon wieder bierdurstig in der taz rum und habe keine Lust, mir über so etwas wie eine nordische Identität Gedanken zu machen, um die es bei der Momentum - Nordic Festival of Contemporary Art irgendwie gehen sollte. Die Ausstellungsmacher hatten fast ausschließlich nordische Künstler eingeladen, die sich unter dem Titel "Favoured Nations" mit dem auseinandersetzen sollten, was man als nordisch bezeichnen könnte. Wobei "favoured" in zweierlei Hinsicht zu verstehen sein sollte. Im Sinne einer bevorzugten Region aufgrund hoher Lebensqualität und Wohlstand. Und im Sinne eines mit ihren gemeinsam geteilten Werten und Idealen bevorzugten kulturellen Raums.

Was dabei neben dem auch hier hinlänglich bekannten etwas kunsthandwerklichen Elfen-und-Wälder-Muff herauskam, waren viele Arbeiten, die sich mit dem Zerfall des allgemeinen Wohlstandes und damit einhergehenden Auflösungsprozessen des Wohlfahrtsstaates beschäftigte.

Ein zweiter Aspekt war der Begriff der "Equality" - So sollten alle Künstler für ihre Arbeiten das gleiche Geld zur Verfügung gestellt werden - ein etwas stumpfer Begriff von Gleichheit. War dann aber auch nicht so.

In einem immer rassistischer werdenden Nordeuropa gilt dies zunehmend auch immer weniger für die migrantische Bevölkerung, wie die Gruppe A-Kassen in ihrem Film über rassistische Sprache in den Niederlanden gezeigt hat.

Die Konstruktion einer nordische Identität ist vor allem ein Produkt aus schwedischer Großmachtzeiten, wie Bernd Henningsen in seinem Essay "Die schwedische Konstruktion einer nordischen Identität durch Olof Rudbeck" beschreibt. Es handelt sich um ein nordisches Gemeinschaftskonstrukt. "Der politisch gescheiterte Prozess des nordischen nation-building überlebte auf ideologischem Niveau." Und gerade in Krisenzeiten wird dieser alte Hut immer wieder ausgepackt. In Deutschland hat man da eine besondere Affinität zu. Die Germanen, die aus dem Norden kamen, sind die besseren, die reineren Menschen. "Aus dem Norden kommt das Licht" von Kurt Pastenaci war denn auch eines der Lieblingslektüren der Nationalsozialisten. Googelt man "Licht aus dem Norden" erhält man 1.300.000 Treffer. Als gemeinsame Folie dient nicht zuletzt die isländische Kunst und Literatur. Weil der Führer zu beschäftigt war, spendierte er Eva Braun, sowie ihrer Schwester und ihrer Mutter 1939 eine Island-Reise, die Eva Braun mit einer 8mm-Kamera festhielt. Himmler plante dort eine geheime Ausgrabungsreise und eine isländische Tageszeitung frohlockte: "Hitler, Goering, Goebbels, alles Abkömmlinge von Wikingern", wie Wolfgang Müller in seinem Buch "Neues von der Elfenfront" berichtet.

Die Assoziationen sind so auch
die gleichen geblieben: "Trust Nordisk" wirbt so z.B. ein Filmverlag mit Schwerpunkt Nordeuropa, "True North" heißt ein gesellschaftskritischer Film über nordische Schlepperbanden eines anderen Labels. Wobei das alles wohl eher "branding"-Versuche darstellt auf der Suche nch einer gemeinsamen nordischen Vermarktungsstrategie. "Nordisch" als Marke.

Mein Lieblingsfund dazu ist ein Artikel über die neue "nordische Küche" aus dem Stern vom vergangenen September:

"Algen zum Beispiel von den Stränden der dänischen Nordseeinsel Mandø, die - mit ein bisschen Glück - nach Koriander schmecken. Beeren, gereift in der endlosen Mittsommersonne, die seltsamsten Sorten, mal süß, mal herb, mal bitter, aber immer mit dem Geschmack der Wildnis, der weiten Ebenen und Wälder Nordschwedens. Dorsch, der Brotfisch der "neuen nordischen Küche", kommt aus den saubersten Gewässern rund um die Färöer-Inseln. Rotforellen aus isländischen Fjorden, gefrorene Hummereier aus Schweden, von geschmolzenem Gletschereis gewässerte Gerste aus Norwegen - ein Universum tut sich auf."

Mittwoch, 7. Oktober 2009

handeln II




Ein Freund, der in einem Antiquariat gegenüber des Spreewaldbades in der Wiener-Straße aushilft, erzählte neulich schöne Geschichten, als wir an der Bar im Salon Petra zusammenstanden:

Kürzlich kam eine Frau in den Laden, schritt in den hinteren Teil des Buchladens, wo er am Computer saß und fragte: "Verleihen Sie Handtücher?"

Vor vielen Jahren hatte er ein eigenes Antiquariat in Frankfurt. Eines Tages kamen zwei Männer herein, gingen zielstrebig auf den Verkaufstresen zu und der eine sagte: "Rasiercreme bitte, wie immer!" Mein Bekannter begann etwas verdutzt eine komplizierte Erklärung, dass es sich ja um einen Buchladen handele... Irgendwann stellte sich heraus, dass der ein Mann kürzlich erblindet war und der andere ihm helfen sollte damit im Alttag fertig zu werden. In dem Laden war kurze Zeit vorher noch eine Drogerie gewesen.

Das Foto zeigt einen Jungen in der bayrischen Rhön, der Muscheln und Perlmutt an Touristen verkauft. Wir fanden seinen Laden prima. Verkauft hat er aber glaube ich wenig. Und, dass ich ihn fotografiert habe, war ihm offensichtlich unangenehm.

handeln I




Immer wieder mal kommt mir der Gedanke, einen Laden zu machen. Dabei habe ich gar keine bestimmte Idee. Meist fällt mir einfach irgendein Ladengeschäft auf, dass gerade zu vermieten ist und schon beginnt die Kalkulation: Wie ist der Standort?, was könnte man darin machen?, wie richte ich das ein? usw...
Doch dann kommt mir immer in den Sinn, wie anstrengend so eine Existenz als Händler sein muss. Ich hab ja schon in diversen Läden gejobbt, in denen Brötchen oder Papierschneidemaschinen verkauft wurden. Den intensivsten Eindruck von einem solchen Leben bekam ich jedoch als PR-Tussi für eine Ausstellung namens "Le Grand Magasin" - ein Kunstprojekt von Andreas Wegner. Die Ausstellung befand sich in der Galerie im Saalbau und ist mittlerweile ohne mich in die neue Mall ("Hermann-Quartier") im U-Bahnhof Hermannstraße umgezogen - neben McGeiz und Kaisers.

Die Idee an dem Projekt war, Gebrauchsgüter, die von verschiedenen Produktivgenossenschaften in Europa hergestellt worden waren, in einer Galerie auszustellen und zum Verkauf anzubieten. Das Sortiment hätte nicht bunter sein können: Vom Schuhlöffel, über Papierschneidemaschinen (Modulor schickte gleich einen Industriespion), bis zur 10.000 Euro Posaune. Das ganze war sehr edel ausgestellt und wurde von zahlreichen Fotografien des Künstlers abgerundet. Wir hatten Galerie-Öffnungszeiten (Montags geschlossen) und "Le Grand Magasin" war der Edel-Spot neben all den Schmeiss-Weg-Läden in der Karl-Marx-Straße.

Tatsächlich bemerkte kaum eine Person, die den Laden betrat, dass es sich um ein Kunstprojekt handelte. Die meisten "Kunden" stürzten - oft von einem Kind zielstrebig in die Spielwarenecke gezerrt - auf irgendeine Auslage zu und fragten: Was soll n das kosten?
So hatten wir uns das ja auch gedacht. Doch auch nach einer möglichst knappen Erklärung (im Konsumrausch gibt es keine große Aufnahmebereitschaft für lange Vorträge über mitarbeiterbestimmte Produktionsweisen), wollten nur die wenigsten einsehen, dass wir keinen Laden betreiben, jedenfalls nur kurz mal. Stattdessen kam dann oft die Frage nach einem weiteren Preis, der Möglichkeit einer Großmengen-Bestellung oder ein Aufschrei: "Guck mal: der süße Maulwurf aus dem Kinderfernsehen!". Nicht selten wurde man auch angebrüllt, weil vieles nicht richtig "ausgepreist" war oder "an Lager".

Weil ich davon ganz rappelig wurde, habe ich dann an Montagen den Schriftverkehr erledigt. An einem solchen Montag klopfte eine Frau an die Tür. Weil es so dringend aussah, öffnete ich und ein: "Warum haben sie geschlossen?" schallte mir wütend entgegen. Ich erklärte ihr, dass dies eine Ausstellung sei, die Montags geschlossen wäre und, dass wir obendrein am Abend eine Veranstaltung hätten, die ich gerade vorbereitete, weshalb ich sie unmöglich rein lassen könne... Da schrie sie mich an: "Sie müssen sich doch an `die gesetzlichen Ladenöffnungszeiten`halten! Das ist unmöglich, lassen sie mich rein!...!" Gerade so konnte ich die zeternde Frau noch wieder in den Windfang drücken und die Tür abschließen. Mein Herz raste...

Das Foto zeigt übrigens eins der zahlreichen Modelle für die Ladeneinbaueten, die Peter Wächter und Mathias Heiden im Maßstab 1:50 gebaut hatten.

erik



Im Hof eines Hausprojektes, in dem ich kürzlich noch wohnte, lebte der rote Kater Erik. In Brandenburg aufgewachsen, dort von seine Mutter in der Mäusejagd ausgebildet („kann er!“), wurde er in jungen Jahren von einer Hausbewohnerin nach Kreuzberg verschleppt. Leider entpuppte er sich als augesprochener Rüpel und machte die zweite Katze im Haushalt dermaßen wuschig, dass ihr bald das gesamte Fell ausging. Im Hof wurde ein Mausefalle gebraucht und so flog Erik aus der Wohnung und wurde zum Hofkater erklärt. Ganz damit einverstanden war nie.

Er war bei weitem der kontaktfreudigste Kater, der mir jemals begegnet ist. Kaum betrat irgendjemand den Hof, schon hängte er sich mit nachträglichen Mauzen an dessen Fersen. Nicht ohne Charme hüpfte er in jede Einkaufstüte und nutzte jede Gelegenheit irgendwo hinein zu gelangen. Einen besonderen Witz hatte sein Schlafplatz im Gemeinschafts-Briefkorb an der Hoftür. Infiltriert durch die übelsten Geschichten bezüglich seines boshaften und niederträchtigen Charakters, sah ich bei unseren ersten Begegnungen stets zu, das ich das Weite fand. Er hatte damals etwas leicht pennerhaftes an sich. Ein bisschen was von der Klettigkeit eines Motzverkäufers. Zwar gab es die ein oder andere Couch im Haus, auf der er mal liegen durfte, meist jedoch störte sich der Gastgeber schon nach kurzer Zeit an den vielen Haaren in der Wohnung oder machte ihn für erhöhte Heizkosten verantwortlich, weil seinetwegen ständig überall die Türen offen stünden - und so muss er sich stets neu umsehen. Als die Tage kürzer und die Nächte kühler wurden tat er mir aber doch leid und ich ließ in in die Küche – eigentlich lehnen mich Katzen ab. Als mich mein Freund einmal in Istanbul besuchte, hatten wir schon am zweiten Tag alle Katzen der Umgebung auf unserer Terrasse zu Gast. Am Tag nach seiner Abreise waren sie alle verschwunden. Als dann doch mal eine von ihnen in den Garten geschlichen kam und sich an meine Beine anschmiegte, wollte ich sie streicheln und sie zerkratzte mich derart, dass ich noch heute Narben davon habe. So war das immer. Außerdem hat meine Mutter mich einst vor Männern gewarnt, die Katzen mögen.

Aber Erik mochte mich und mein Freund mochte ihn, und am gemütlichsten war es, wenn wir alle drei im Bett lagen, aßen und Videos guckten. Nun waren wir fast eine kleine Familie. Meine Position in der WG allerdings verschlechterte sich dramatisch – es hatte sich nun quasi der Underdog mit der Penner-Katze zusammen getan.

Wir bemerkten bald, dass sich das Haus in zwei Fraktionen aufteilte, die immer wieder über die gleichen Dinge stritten (schon in Plenumsprotokollen von 1997 sind die Punkte: „Pro-Kopf oder Quadratmetermiete“ und „Der Hofkater“ vermerkt. Eine Gruppe die man als innerer und einflußreicheren Kreis betrachten könnte, steht stets einer Gruppe von Bewohnern gegenüber, die sich zurückgezogen haben und irgendwann einfach nur noch alles scheiße finden – außer Erik. Mir ging ein Licht auf, als wir bei einem sommerlichen Plenum einmal fast vollzählig (die sogenannten Jugendlichen waren auch teilweise anwesend) im Hof im Kreis saßen und der Kater auf dem zweiten Schoß rechts von mir eine Streichelrunde gegen den Urzeigersinn begann. Bald kam er bei mir an, wollte aber dann auf den nächsten Schoß und so weiter um genau an der Stelle wo dieser „innere Kreis“ begann, wieder umzukehren. Von denen, die mit einem kleinen Putsch im Projekt phantasierten hörte man solche Sätze wie: „Ja, Erik ist ja immer an allem Schuld, egal, was im Hof passiert“.

Dann entdeckte meine Mitbewohnerin ihre Katzenhaaralergie und ein Mitbewohner konnte eine Katzenpfote nicht in der Nähe des Kühlschranks ertragen und schlug Erik deshalb eines Tages quer durch die Küche und rief: „Nun kannst du ihn ja streicheln, dann wird alles wieder gut!“ Die Fronten waren geklärt. Erik gawann trotz allem an Selbstbewusstsein und so wich dieser Gemütsathlet dem Rowdy einfach aus, indem er gleich in mein Zimmer verschwand und sich neben seinen kleinen Fressnapf setzte. Weil er ein kluger Kater zu sein schien und wir weiteren Ärger vermeiden wollten, kam mein Freund eines Tages mit einem Katzenklo an, dass er einer Tazlerin für 5 Euro abgekauft hatte. Wir stellten es in mein Badezimmer und alle Probleme schienen gelöst. Am liebsten ging Erik nun kacken, wenn ich das tat. Als er sein erstes Häufchen in die Kiste machte, freute ich mich wie eine Mutter über den ersten Erfolg bei seinem Kind. Nun hatte er ein richtiges Zuhause.

Tagsüber saß er nun gerne dekorativ im hauseigenen Kneipenkollektiv "Tante Horst" herum zu dessen Farbkonzept er wunderbar paßte und wo ich die eine oder andere Schicht schmiss. Zugang hatte er bequem durch das Hoffenster. Wann immer ein Gast irgendwo Platz nam, hoppste er schnurstracks auf dessen Schoß und ließ sich kraulen. Einmal brachten es zwei Mädchen auf der hinteren Couch auf 8 Stunden. Glücklicherweise konnte man die Polster abziehen und waschen. Nur machte ich mir etwas Sorgen, dass er auf die Straße laufen könnte und fragte seine Besitzerin. Die sagte mir, dass er das niemals täte, weil er Angst vor der Strasse habe. Es wäre doch schön, wenn er sich im Café wohl fühle und „Dieser Kater ist immer ein Partylöwe gewesen.“ Leider musste er auch hier verwiesen werden, weil ein Mitarbeiter zu ersticken drohte. So kam es, dass Erik mit seinen 13 Jahren das erste Mal die Strasse über das Hoftor betrat um vorne herum durch die Eingangstür einzutreten. Davon waren alle angerührt und so kam es, dass der Allergiker mehrere Emails bekam, in denen um Bleiberecht für Erik gebeten wurde. Den eskalösen Emailverkehr haben wir Erik später dann mal vorgelesen. Das Haus musste ich aufgrund immer herberer Streitigkeiten bald verlassen. Nun saß Erik wieder oft im Hof, maulte und war eine Weile ganz durcheinander.

Am 19. April ist Erik an den Folgen einer schweren Krebserkrankung verstorben. Er schlief friedlich in den Armen von Silvia ein, die danach betonte, er habe bis zum Schluss auf seine ganz besondere Art gschnurrgurgelt.
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eis und kohlen I

Eis und Kohlen I

“Holz und Kohlen Özdemir” Fürbringer Straße

Der Besitzer dieses Kohlenhandels in der Fürbringer Straße verkaufte seinen Laden vor zwei jahren an seine Cousin nachdem sein Sohn in dem Kinofilm “Knallhart” eine der Hauptrollen gespielt hatte.
Seit einiger Zeit werden nun auch in den Straßen um den Kohlenhandel herum die meisten Häuser auf den neuesten Stand gebracht. Die Zahl der Kohleöfen ist deshalb beträchtlich gesunken. Hinzu kommt, dass nach den warmen Wintern der letzten Jahre die Sommermonate besonders negativ zu Buche geschlagen sind. Herr Özdemir musste sich also etwas überlegen.

Als ich im vorletzten Frühjahr seinen Laden betrat, war er gerade dabei eine Eistruhe für Kugeleis anzuschließen. Erst kurz zuvor hatte er den vorderen Teil des Ladens mit Nut- und Federbrettern ausgekleidet und weiß (!) gestrichen. Für einen Kohlenhandel fand ich das eine gewagte Farbe – Für die Säcke mit den Brennstoffen hatte er eine Ecke neben der Treppe abgeteilt. Nun machte die weiße Farbe endlich Sinn. Das sieht natürlich viel hygienischer aus. Ich fragte ihn trotzdem ungläubig, ob er vorhabe hier demnächst Eis zu verkaufen. Enthusiastisch bejahte er dies und erklärte mir sein “Eis-und-Kohlen-Konzept”. Als die Tage wärmer wurden blieb der Laden dennoch geschlossen und auch im Herbst mussten wir zunächst die Kohle aus dem weiter entfernten Kaisers Markt holen. Erst im im Januar eröffnete Herr Özdemir wieder und es blieb bei den gewohnt unregelmäßigen Öffnungszeiten – ohne Eisverkauf.
Im folgenden Herbst jedoch entdeckte ich nachts eine Langnese Eiskarte an der Tür.

Herr Özdemir stellte in den folgenden Monaten diverses Kiosk-Mobiliar in sein Souterrain. Nun kann man dort fast alles kaufen, was ein Spätkauf so anbietet. Das hatte natürlich auch Einfluß auf seine Öffnungszeiten. Kohlenkauf ist jetzt nur noch abends möglich, was Jochen und mir wenig ausmacht, denn wir können nun bequem von unserer gegenüber liegenden Stammkneipe aus abwarten bis er aufmacht, kurz rüber huschen und weiter trinken.

Irgendwann wurde es dem benachbarten Kioskbesitzer allerdings zu bunt, dass sich nun auch noch der Kohlenhändler in das Spätkaufgewerbe hineindrängt – hatten doch im vergangenen Jahr schon vier weitere solche Läden aufgemacht, die seitdem um die Kundschaft des Kleinkiezes buhlen. “Was du kannst, kann ich auch”, hat er sich wohl gedacht bot nun in seinem Getränke-Tele-Spätkauf ganztägig Kohlen zum Verkauf an – 20 Cent billiger.

Als ich neulich einen türkischen Mann nach seiner Motivation fragte, noch einen Kiosk hier zu eröffnen, nachdem doch schon der erste wegen der vielen Konkurrenz schließen musste und alle anderen jammern, antwortete er nur weise: “Wir Türken kennen so etwas nicht, Konkurrenz.”