Sonntag, 6. März 2016


"Gegen Morgen in der grauen Frühe pissen die Tannen / Und ihr Ungeziefer, die Vögel, fängt an zu schreien"

Berthold Brecht






 Foto: Neukölln, Odersraße, © Antonia Herrscher 2016


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Samstag, 18. Juli 2015











tja.......
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Donnerstag, 21. August 2014

DER SINGENDE TRESEN / MÜHSAMBLUES

Der Singende Tresen
von links nach rechts: Thorsten Müller, 
Lilia Antico, Benjamin Hiesinger, Manja Präkels, 
Florian Segelke, Markus Liske,  @Nane Diehl





Andreas Hartmann hat in der taz ein Interview mit der Band Der Singende Tresen gemacht, dass ich hier mal einstelle.






ERICH WÄHRT AM LÄNGSTEN 
taz vom 21. August  2014

MUSIK Die Band "Der Singende Tresen" hat zum 80. Todesjahr des Schriftststellers Erich Mühsam dessen Texte vertont. Ein Gespräch mit Manja Präkels und Markus Liske über Poesie, Moden und die lebenslange Suche

VON ANDREAS HARTMANN

taz: Welches sind die berühmtesten Sätze Erich Mühsams, die auch heute noch als Kalendersprüche funktionieren oder sich für Tätowierungen anbieten würden?

Markus Liske: "Menschen lasst die Toten ruhn und erfüllt ihr Hoffen!"

Manja Präkels: "Sich fügen heißt lügen". Das ist der Spruch, mit dem Mühsam bei den Antifas so gut ankommt und so nannte auch die Punkband Slime vor zwei Jahren ihr Comebackalbum mit Vertonungen von Mühsam-Texten.

Nicht nur Slime haben den Anarchisten Mühsam für ihre Musik entdeckt. Im Frühjahr erschien von Euch ein Lesebuch mit Texten von Erich Mühsam. Nun habt ihr seine Texte auch noch auf einer eigenen CD vertont. Ist Mühsam Poesie?

Manja Präkels: Mühsams Texte sind einfach süffig, aus dem prallen Leben gegriffen und zum Teil immer noch hochaktuell.

Wie etwa der "Gesang der Vegetarier", der auf Eurer neuen CD zu hören ist. In diesem amüsiert sich Mühsam über die Selbstgefälligkeit von Leuten, die auf Fleisch verzichten. Dieses Thema beschäftigt heute auch noch manche WG.

Manja Präkels: Genau. Mühsam machte sich lustig über das Lebensverneinende, über das Freudlose dieses Vegetariertums und über die Ausschließlichkeit, in dem dieser Verzicht propagiert wurde. Man trägt dann heute so einen Mühsam-Text vor und hat das Gefühl, der sagt den Leuten noch etwas. Er wirkt nicht wie aus dem Archiv gegriffen, sondern er geht die Leute jetzt noch etwas an.

Was genau ist es, das uns heute immer noch an den Schriften eines bärtigen Bohemians aus der Zeit des Kaisserreichs interessieren sollte?

Markus Liske: Man muss sich das so vorstellen, dass in der Schlussphase des Kaisrerreichs, kurz vor dem 1. Weltkrieg, die Welt eigentlich der unseren von heute sehr ähnlich war. Auch bezüglich der Moden und Marotten, die es gab. Die einen machten freie Liebe, die anderen suchten ihr Heil im Vegetarismus. Die ganzen Debatten von heute waren eigentlich alle schon da. Es gab sogar bereits Veganer, nur nannten die sich damals noch Frutarier. Mühsam selbst, das kann man dazu vielleicht noch erwähnen, hat sehr viel geraucht, sehr gerne getrunken und gerne Fleisch gegessen.

Künstler, Intellektuelle und Linke verschiedenster Strömungen beziehen sich heute auf Mühsam. Wieso fällt der Zugang zu dem alten Anarchisten so leicht?

Markus Liske: Das Besondere an Mühsam fällt ja schon auf, wenn man ihn etwa mit seinem Freund Gustav Landauer vergleicht, mit dem zusammen er die Münchner Räterepublik gemacht hatte. Landauer war ein trockener Intellektueller, Mühsam dagegen war nie ein großer Theoretiker. Er war ein sehr lebensbejahender, amüsanter Dichter und er war ein Propagandist des Anachismus. Und das war er so glühend, dass man ihm bis heute seine Ehrlichkeit anmerkt.Oder auch im Vergleich zu Bakunin, der viel angreifbarer war als Mühsam. Da gibt es etwa die Debatte über den Antisemitismus Bakunins. Da ist viel mehr, worüber man bei ihm nächtelang diskutieren oder streiten kann. Das ist alles bei Mühsam nicht der Fall. Mühsam hat sich zwar auch mehrmals geirrt in seinen Texten. Er hat diese Irrtümer später aber eigentlich immer eingestanden.

Mühsam war sein Leben lang ein Suchender. Das ist es, was ihn heute auch bei jungen Linken so populär macht, oder?

Manja Präkels: Und zwar populär bei jungen Leuten, die unzufrieden sind mit der traditionellen Linken, sich aber trotzdem engagieren wollen. Mühsam hilft auch, die historischen Zusammenhänge zu verstehen.

Markus Liske: Ich glaube, eine spezielle Entwicklung in der deutschen Politik, aber auch der deutschen Linken, begünstigt das neu erwachte Interesse an Mühsam. Es gibt einfach sehr viele junge Menschen, die sich als links verstehen, die sich aber überhaupt nicht aufgehoben fühlen in der Linkspartei und schon gar nicht bei den Grünen. Es gibt wenig Parteigebundenheit bei jungen Linken und ein Suchen nach einem Weg. Da hilft dann auch Erich Mühsam.

Manja Präkels: Mühsam hat sich auch eingesetzt für das sogenannte Lumpenproletariat. Mit dieser Haltung spricht Mühsam den Leuten heute immer noch aus dem Herzen. Er ist richtig in die Kneipen gegangen und hat versucht, die abgestürzten Leute, die Arbeitslosen und Landstreicher - mit teilweise nicht so großem Erfolg - aus der Reserve zu locken, sie zu politisieren. Auch, indem er ihnen schonmal ein Bier ausgab. Der dahinterstehender Grundgedanke gilt auch heute noch: Wenn wir die Ränder der Gesellschaft vergessen, dann können wir bald alles voll vergessen. Das ist ganz aktuell. Das Auseinanderbrechen von Städten in tolle Sannierungsgebiete und Ghettos - jeder spürt, dass das nicht gut sein kann. Dass es sich nicht gut anfühlt, wenn man durch den Prenzlauer Berg geht und dort keine ältere Person mehr sieht.

Wenn man Euch zuhört, hat man das Gefühl, Mühsam hilft in allen Lebenslagen. Gehört er in jeden Erste-Hilfe-Schrank?

Manja Präkels: Unbedingt. Wenn gar nichts mehr geht: Mühsam!

Nächste Konzerte: 6. 9. Setalight-Festival: Zukunft, ab 19 Uhr / 9. 9. Lesung & Konzert: Freilichtbühne Weißensee, 18 Uhr, Info: www.dersingendetresen.de

Samstag, 10. Mai 2014



Montag, 5. Mai 2014

KOPFSTAND / GROSSE DINGE





In den letzten Tagen sehe ich nicht mehr ein, dass es keine Spielplätze für Erwachsene gibt. Als ich heute Mittag an einem vorbei ging, wollte ich klettern und im Sand buddeln. Lief aber weiter zum Tempelhofer Feld, setzte mich zwischen die Beete auf eine Bank und hörte den Grossen bei der Gartenarbeit zu.

Am Abend wurde dann die Meditation in die Kita verlegt. Da waren Trampoline, Schlafmatten, Kissen und Mini-Klos. Danach gingen wir noch in den Saal, wo  gerade die Kinderdisko begann. K. vermutete dort noch Reste vom Sonntagsessen für mich. Es gab einen Stempel am Eingang, Chips und Saft. Wollt ihr mit tanzen?, scherzte eine Betreuerin. Ich wollte!

Auf dem Weg nach Hause dachte ich: Was wohl die Leute denken, wenn ich jetzt hier auf dem Weg einen Kopfstand mache?


Foto: Neukölln, Weisestrasße, © Antonia Herrscher 2014
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BAUMKÖRBCHEN / NOWOSIBIRSK

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Baumscheibe in Akademgorodok, "dem Akademikerstädtchen mitten in einem wunderschönen Birkenwald unweit von Nowosibirsk. Aber auch in Nowosibirsk selbst gibt es Zeugnisse von urban bzw. backyard gardening, das hier vor allem in den für europäische Verhältnisse ungewohnt freundlichen und verzweigten Hinterhöfen stattfindet", schreibt mir Philipp Goll gestern und lässt grüssen....


 Foto: Baum im Lehrerviertel von Akademgorodok, © Philipp Goll 2014
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Donnerstag, 17. April 2014

BABELSBERG 03 / "NÄHER DRAN GEHT NICHT"


FUSSBALL Der SV Babelsberg 03 ist einer der wenigen entschieden linken Fußballvereine. Seine Fans von heute stammen zu großen Teilen in dritter Generation aus der Potsdamer Hausbesetzerszene der neunziger Jahre VON ANTONIA HERRSCHER
 taz vom 17.04.2014


"Hausbesetzungen sind kein Problem, sondern die Lösung.", so das Motto der Hausbesetzerszene Potsdams Anfang der 90er Jahre. Die Schlacht um Immobilien hatte direkt nach der Wende begonnen, und die Stadt entwickelte sich mit über 20 besetzten Gebäuden in der Altstadt zur Hausbesetzer-Hochburg Deutschlands, die die von Hamburg noch überstieg. Der Spiegel schrieb 1994, man befürchte eine neue "Hafenstraße" in der preußischen Stadt bei Berlin.

Kurz nach der Wende sang der Babelsberger Musiker Hubert Schabulke über sein Haus, in dessen Garten noch "Äppel, Petersilie und Jestrüpp" wuchsen: "Det is so'n ollet, altet Haus / Mit ohne Kabel und die meisten ziehen aus / Man weess och nich so richtich janz jenau / Jehört et nu JEWOBA oder KWV …" Damals ging manch Paradies verloren.

"Babelsberch 14482" wurde bald zur Hymne dieser Szene und später offizielles Lied des heimischen Fußballvereins SV Babelsberg 03, der zu dieser Zeit quasi aus Ruinen wieder auferstand - mit ihm eine Fangemeinde, die seither fest mit diesen Kämpfen um Raum und Rechte verbunden ist.

Der 1903 gegründete Verein bestand nach 1989 nur noch aus einer Rumpfmannschaft, denn viele Spieler waren nach Wannsee gegangen, um Westgeld zu verdienen. In der Nordkurve noch ein versprengter Rest von etwa 30 Fans. Zu ihnen gesellten sich bald die Punks aus den besetzten Häusern. Sie kamen an den Samstagen mit Kisten von Bier und ihren Hunden in das Karl-Liebknecht-Stadion. 1991 kam es zu einer Neugründung, die vor allem von diesen Fans getragen wurde. Zwischenzeitlich schaffte es der Verein in die 2. Liga. Und trotz derzeitiger Position in der Regionalliga kommen heute bis zu 3.000 Zuschauer zu den Spielen im "Karli" - etwa ein Drittel von ihnen aus Berlin. Aber auch Fangruppen aus Großbritannien oder die Freunde aus St. Pauli, mit denen zahlreiche gemeinsame Aktionen laufen.

"Das Besondere an Babelsberg gegenüber anderen professionellen Vereinen ist eben, dass Fans und Verein identisch sind", so Marketingleiter Thoralf Höntze, einer der wenigen Festangestellten des Vereins, auf die Frage, ob es im Verein keine inhaltlichen Konflikte gebe. Natürlich stehen auch die Fans anderer linker Vereine wie der Hamburger FC St. Pauli für gemeinsame politische Inhalte, aber wenn es darum gehe, Position zu beziehen, hält sich der Vorstand lieber raus. "Diese Trennung gibt es bei uns nicht." Die vielen engagierten Babelsberger setzen sich zum Teil schon aus der dritten Generation derer zusammen, die die Konflikte der 90er Jahre zusammen gebracht hatten. "Das zieht sich vom Vorstand bis zum Fan in der Kurve durch, dass bestimmte Einstellungen geteilt werden." Es gibt aber auch die, die einfach nur guten Fußball sehen wollen.

Als der Verein 2011 von Insolvenz bedroht wurde, besetzten Fans kurzerhand das gerade neu errichtete Vereinsheim und retteten Babelsberg mit einem neuen Finanzierungskonzept und Kooperationspartnern vor dem Aus. Die "Acht Tage im Mai" erlangten Kultstatus.

In der Gewissheit, demnächst wieder aufzusteigen, engagieren sich zurzeit etwa 50 Ehrenamtliche. Sie veröffentlichen das Stadionheft "Nulldrei", schreiben Spielberichte, betreuen Kinder während der Spiele, organisieren Stadionmusik, kleben Plakate und erledigen das Merchandising - vom Entwurf bis zum Verkauf. Für die kulturelle Arbeit außerhalb des Fußballbetriebs in Berlin und Potsdam hat sich die Marke "Blauweissbunt*Nulldrei" entwickelt. Sie organisieren z. B. das antirassistische Stadionfest "Der Ball ist bunt" jedes Jahr im Spätsommer, wo Fanclubs aus ganz Deutschland, aber auch Mannschaften aus Asylbewerberheimen gegeneinander antreten. "Da geht es nicht nur um den guten Zweck, sondern um den Pokal und natürlich auch um Alkohol", so Höntze.

Zuletzt erregte der Verein großes Aufsehen, als er den Schulterschluss mit dem Textilhersteller Lonsdale suchte, dessen Mode in der Öffentlichkeit noch immer zu Unrecht der rechten Szene zugeschrieben wird. Lonsdale produzierte daraufhin 900 T-Shirts im Vereinsdesign.

Auch der Partnerverein in Kuba, "Mantua 62", profitiert davon und konnte mit neuen Trikots ausgestattet werden. Die Freundschaft mit ihnen war vor vielen Jahren über einen Fan in der Nordkurve entstanden. Es folgten regelmäßige Besuche mit solidarischen Hilfsaktionen, Kleider- und Kickschuh-Spenden. Nun soll der Trainingsplatz saniert werden. Auch hier gibt es Raumkonflikte: Das Feld wird von einem Hohlweg gekreuzt, der von Pferdewagen genutzt wird. So kommt es immer wieder zu Spielunterbrechungen. Daher wird für einen Umgehungsweg gesammelt.

Und die Spiele? Auf zum Heimspiel: am Ostermontag um 13.30 Uhr gegen VFC Plauen. Denn: Babelsberg ist "Berlins geilster Fußballverein (näher dran geht nicht)".

Infos: www.babelsberg03.de
Foto: Jan Kuppert
Musik: Herbert Schabulke
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