Montag, 7. August 2017

Seltsame Dingwelt


Das Werkbundarchiv – Museum der Dinge stellt mit seinem „Kabinett des Unbekannten“ gewohnte Hierarchien der Wissensvermittlung infrage
Mausefalle „Capito“, Luchs, Gütersloh, 1920-1935, Sammlung Werkbundarchiv Foto: Armin Herrmann

„Wiesbadener Gnom-Inspirolator“ steht auf einem winzigen Glasbehältnis, das in einem Gummigefäß steckt, ein abzweigendes Röhrchen wird durch einen Gummipfropf geschlossen. Ich denke an Zwerge. An Zaubertrank. An Wiesbaden.

Im Werkbundarchiv gibt es seltsame Dinge zu sehen: Eine etwas schäbige bunt bemalte Büste Uta von Naumburgs etwa, oder eine Kunststoffplatte, auf der ein schlanker Damenabsatz klebt. Ein metallenes Artefakt, könnte sakralen Gebrauchswert haben. Viele Gegenstände in diesem „Kabinett des Unbekannten“, die die Gastkuratorin Ece Pazarbaşı für die gleichnamige Ausstellung zusammengetragen hat, entziehen sich auch nach längerer Betrachtung einer Deutung. Dabei wird die Verwirrung durch keinerlei Erläuterungen gestört. Nur Nummerierungen verweisen auf Einträge, die sich in Karteikästen an zwei Seiten des Raums befinden.
Eine grobe Blech-Holz-Konstruktion mit der Nummer „52“ erinnert an das Architekturmodell einer Fabrik, hat aber die Anmut eines Gebrauchsproduktes, einer Maschine. In ihrer dilettantischen Bauart wiederum wirkt sie eher wie eine Bastelei.

Die Karteikarte, die sich amüsanterweise stets in dem vom Objekt weiter entfernten Tisch befindet, verrät, dass es sich um die Mausefalle „Capito“ handelt, produziert von der Firma Luchs zwischen 1920 bis 1935. Ausgesucht hat es eine Museumsmitarbeiterin wegen seiner „Ambivalenz“, wie sie im Interview, das mit jedem der „Kabinetts-Mitglieder“ geführt wurde, erzählt. Ihrer Recherche nach fand die seriell hergestellte „Mäuse-Guillotine“ reißenden Absatz. Zur Funktionsweise wollte sie sich jedoch nicht detailliert äußern. Das sei „nichts für zarte Gemüter …“

Besucher*innen sind an dieser Stelle aufgefordert, weitere Gedanken und Forschungsergebnisse zum Gegenstand zu notieren. Zur „Arschrutsche“ (Entwurf und Herstellung unbekannt) schrieb ein Gast, die Bezeichnung „Ruderbootsitz“ sei vielleicht feiner.

Ebenfalls Teil der Sammlung ist ein „Berliner Schlüssel“. Ausgesucht hat ihn die Kuratorin selbst. Für die Istanbulerin war dieser Gegenstand äußerst mysteriös. Und auch, wenn er vielen Berliner*innen noch ein Begriff sein mag, kann die Erfindung des Schlossermeisters Johann Schweiger von 1912 ohne Erklärung kaum verstanden werden: indem er an beiden Enden einen Bart aufweist, kann er nach dem Aufschließen einer Tür lediglich durch das Schloss geschoben, von innen gedreht, und dort abgezogen werden. So zwingt er zum Abschließen der Tür.

Sein Zweck ist tief in das Wesen eines Gegenstandes eingeschrieben
Die Bedeutungsdimension dieses Gegenstandes arbeitete der Philosoph Bruno Latour in seinem Buch „Der Berliner Schlüssel“ heraus: Sein Zweck ist tief in sein Wesen eingeschrieben. „Der Berliner Schlüssel, die Tür und der Hauswart befinden sich in einem erbitterten Kampf um Kontrolle und Zugang.“ Sie trennen innen und außen, Mieter und Dieb, Bewohner und Eigentümer.

Daraus leitete Latour seine Kernthese ab, dass ein Ding niemals „Objekt“ sei, sondern immer „Akteur“, und proklamierte damit das Ende des Objekts, das nur existiere, solange es als Fossil vergraben bliebe. Werde es aber freigelegt und in Praktiken erschlossen, wird es zum Akteur. Damit hebt er die Trennung zwischen Subjekt und Objekt auf: zwischen Natur und Kultur, Mensch und Ding.

Ausgehend davon und dem „Berliner Schlüssel“ als erstem Akteur entstand in einem Schneeballsystem ein partizipatives Ausstellungsprojekt, in dem zunächst Mitarbeiter*innen des Museums Dinge aus dem mu­seums­eigenen Bestand sowie unbekannte Orte aus der Umgebung aussuchten. Die neuen Akteure wählten ihrerseits weitere Gegenstände aus, die ihnen rätselhaft waren.

In dieser Interaktion öffnet sich das Museum nach außen. Weitere Orte wurden in der „Kabinetts-Sitzung“ als „Satelliten“ ausgesucht – als Ausstellungsflächen für den „nomadischen“ Teil der Schau. Die Indexeinträge für diese Gegenstände befinden sich allerdings auch nur im Museum.

Ece Pazarbaşı geht es um die Infragestellung gängiger Praktiken des Lernens und Forschens. In der Tradition musealer Praxis gelten Museen als Institutionen der Wissensvermittlung, wobei die Besucher*innen üblicherweise an die Richtigkeit der Informationen glauben. Das entstandene Netzwerk forscht hier exemplarisch auf Augenhöhe.

Der Ausstellungstitel verweist übrigens auf das historische Cabinet d’Ignorance des Mathematisch-Physikalischen Salons in Dresden, das Anfang des 18. Jahrhunderts für nicht klassifizierbare Objekte geschaffen wurde. Ausgestellt wurden vor allem unbekannte Tiere und als Monster bezeichnete rätselhafte Wesen.

Die „Wiesbadener Gnom-Inspirolator“ wurde in den 50er Jahren übrigens von den Lyssia-Werken hergestellt. Meine Recherche ergab, dass es sich um einen Reise-Miniinhalator handelt. Ausgesucht hatte ihn Nina Weniger vom Comik-Fachgeschäft Modern Graphics – er erinnerte sie an „den kranken Gnom von Wiesbaden, der auf der Suche nach Heilung auf den berühmten ,Inspirolator' traf, der ihm mittels zweier vermischter Hustensäfte das Leben rettete.“ 

Kabinett des Unbekannten: Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Oranienstr. 25, noch bis 25. 9., Do–Mo 12–19 Uhr, 6/4 €, www.museumderdinge.de 

Dieser Text erschien im taz.plan. Mehr Kultur für Berlin und Brandenburg immer Donnerstags in der Printausgabe der taz


Mittwoch, 7. Juni 2017

GRENZGEBIET / FRAGMENTE

.
.

Eines ist, in die Nacht zu rasen,
 – ein anderes, schauen,
was die Nacht bewegt: 
ein eigener, maßloser Traum?
Eines ist, 
in die Ferne zu fallen mit klarem Blick,
doch das fließende Grenzgebiet, Wirklichkeit? Wo ist's?

Christian Lehnert, "Angelus"
aus "Windzüge" 2016


Gestern Abend erschienen mir die Wolken über dem Flugfeld wie eine Kampfansage des Lebens an mich. Nichts passte zusammen: Frühlingssturm, Sommerlicht, Herbsttemperatur, trotzdem angetrunken kurz vor Sonnenuntergang. Ich radelte um die Pfützen herum nach Hause, aß Stullen und legte mich in meine Einzelteile zerlegt ins Bett.

Fragmentiert auch der Morgen. Wetter Online titelt: "Abendliches
Wolkenspektakel über der Stadt". Die Sonne schleudert wilde Schatten auf das Fenster im Bad. Eine Zwischenwelt im Kastenfenster bei den drei toten Marienkäfern Ei, Wei und Wei.

Am Sonntag Berghain. Ich hab versprochen, ich bringe Stullen mit, damit wir nicht die teuren Burger essen müssen. Ganz früher, hatte ich noch nachgeschoben, da hatte ich immer Stullen dabei. Und dachte: Vielleicht war ich ja auch früher viel beliebter als heute.

.
.

 Foto: Blick in den Garten, © Antonia Herrscher 2017

Sonntag, 6. März 2016


"Gegen Morgen in der grauen Frühe pissen die Tannen / Und ihr Ungeziefer, die Vögel, fängt an zu schreien"

Berthold Brecht






 Foto: Neukölln, Odersraße, © Antonia Herrscher 2016


.
 .

Samstag, 18. Juli 2015











tja.......
.
.
.
.
.

Donnerstag, 21. August 2014

DER SINGENDE TRESEN / MÜHSAMBLUES

Der Singende Tresen
von links nach rechts: Thorsten Müller, 
Lilia Antico, Benjamin Hiesinger, Manja Präkels, 
Florian Segelke, Markus Liske,  @Nane Diehl





Andreas Hartmann hat in der taz ein Interview mit der Band Der Singende Tresen gemacht, dass ich hier mal einstelle.






ERICH WÄHRT AM LÄNGSTEN 
taz vom 21. August  2014

MUSIK Die Band "Der Singende Tresen" hat zum 80. Todesjahr des Schriftststellers Erich Mühsam dessen Texte vertont. Ein Gespräch mit Manja Präkels und Markus Liske über Poesie, Moden und die lebenslange Suche

VON ANDREAS HARTMANN

taz: Welches sind die berühmtesten Sätze Erich Mühsams, die auch heute noch als Kalendersprüche funktionieren oder sich für Tätowierungen anbieten würden?

Markus Liske: "Menschen lasst die Toten ruhn und erfüllt ihr Hoffen!"

Manja Präkels: "Sich fügen heißt lügen". Das ist der Spruch, mit dem Mühsam bei den Antifas so gut ankommt und so nannte auch die Punkband Slime vor zwei Jahren ihr Comebackalbum mit Vertonungen von Mühsam-Texten.

Nicht nur Slime haben den Anarchisten Mühsam für ihre Musik entdeckt. Im Frühjahr erschien von Euch ein Lesebuch mit Texten von Erich Mühsam. Nun habt ihr seine Texte auch noch auf einer eigenen CD vertont. Ist Mühsam Poesie?

Manja Präkels: Mühsams Texte sind einfach süffig, aus dem prallen Leben gegriffen und zum Teil immer noch hochaktuell.

Wie etwa der "Gesang der Vegetarier", der auf Eurer neuen CD zu hören ist. In diesem amüsiert sich Mühsam über die Selbstgefälligkeit von Leuten, die auf Fleisch verzichten. Dieses Thema beschäftigt heute auch noch manche WG.

Manja Präkels: Genau. Mühsam machte sich lustig über das Lebensverneinende, über das Freudlose dieses Vegetariertums und über die Ausschließlichkeit, in dem dieser Verzicht propagiert wurde. Man trägt dann heute so einen Mühsam-Text vor und hat das Gefühl, der sagt den Leuten noch etwas. Er wirkt nicht wie aus dem Archiv gegriffen, sondern er geht die Leute jetzt noch etwas an.

Was genau ist es, das uns heute immer noch an den Schriften eines bärtigen Bohemians aus der Zeit des Kaisserreichs interessieren sollte?

Markus Liske: Man muss sich das so vorstellen, dass in der Schlussphase des Kaisrerreichs, kurz vor dem 1. Weltkrieg, die Welt eigentlich der unseren von heute sehr ähnlich war. Auch bezüglich der Moden und Marotten, die es gab. Die einen machten freie Liebe, die anderen suchten ihr Heil im Vegetarismus. Die ganzen Debatten von heute waren eigentlich alle schon da. Es gab sogar bereits Veganer, nur nannten die sich damals noch Frutarier. Mühsam selbst, das kann man dazu vielleicht noch erwähnen, hat sehr viel geraucht, sehr gerne getrunken und gerne Fleisch gegessen.

Künstler, Intellektuelle und Linke verschiedenster Strömungen beziehen sich heute auf Mühsam. Wieso fällt der Zugang zu dem alten Anarchisten so leicht?

Markus Liske: Das Besondere an Mühsam fällt ja schon auf, wenn man ihn etwa mit seinem Freund Gustav Landauer vergleicht, mit dem zusammen er die Münchner Räterepublik gemacht hatte. Landauer war ein trockener Intellektueller, Mühsam dagegen war nie ein großer Theoretiker. Er war ein sehr lebensbejahender, amüsanter Dichter und er war ein Propagandist des Anachismus. Und das war er so glühend, dass man ihm bis heute seine Ehrlichkeit anmerkt.Oder auch im Vergleich zu Bakunin, der viel angreifbarer war als Mühsam. Da gibt es etwa die Debatte über den Antisemitismus Bakunins. Da ist viel mehr, worüber man bei ihm nächtelang diskutieren oder streiten kann. Das ist alles bei Mühsam nicht der Fall. Mühsam hat sich zwar auch mehrmals geirrt in seinen Texten. Er hat diese Irrtümer später aber eigentlich immer eingestanden.

Mühsam war sein Leben lang ein Suchender. Das ist es, was ihn heute auch bei jungen Linken so populär macht, oder?

Manja Präkels: Und zwar populär bei jungen Leuten, die unzufrieden sind mit der traditionellen Linken, sich aber trotzdem engagieren wollen. Mühsam hilft auch, die historischen Zusammenhänge zu verstehen.

Markus Liske: Ich glaube, eine spezielle Entwicklung in der deutschen Politik, aber auch der deutschen Linken, begünstigt das neu erwachte Interesse an Mühsam. Es gibt einfach sehr viele junge Menschen, die sich als links verstehen, die sich aber überhaupt nicht aufgehoben fühlen in der Linkspartei und schon gar nicht bei den Grünen. Es gibt wenig Parteigebundenheit bei jungen Linken und ein Suchen nach einem Weg. Da hilft dann auch Erich Mühsam.

Manja Präkels: Mühsam hat sich auch eingesetzt für das sogenannte Lumpenproletariat. Mit dieser Haltung spricht Mühsam den Leuten heute immer noch aus dem Herzen. Er ist richtig in die Kneipen gegangen und hat versucht, die abgestürzten Leute, die Arbeitslosen und Landstreicher - mit teilweise nicht so großem Erfolg - aus der Reserve zu locken, sie zu politisieren. Auch, indem er ihnen schonmal ein Bier ausgab. Der dahinterstehender Grundgedanke gilt auch heute noch: Wenn wir die Ränder der Gesellschaft vergessen, dann können wir bald alles voll vergessen. Das ist ganz aktuell. Das Auseinanderbrechen von Städten in tolle Sannierungsgebiete und Ghettos - jeder spürt, dass das nicht gut sein kann. Dass es sich nicht gut anfühlt, wenn man durch den Prenzlauer Berg geht und dort keine ältere Person mehr sieht.

Wenn man Euch zuhört, hat man das Gefühl, Mühsam hilft in allen Lebenslagen. Gehört er in jeden Erste-Hilfe-Schrank?

Manja Präkels: Unbedingt. Wenn gar nichts mehr geht: Mühsam!

Nächste Konzerte: 6. 9. Setalight-Festival: Zukunft, ab 19 Uhr / 9. 9. Lesung & Konzert: Freilichtbühne Weißensee, 18 Uhr, Info: www.dersingendetresen.de

Samstag, 10. Mai 2014



Montag, 5. Mai 2014

KOPFSTAND / GROSSE DINGE





In den letzten Tagen sehe ich nicht mehr ein, dass es keine Spielplätze für Erwachsene gibt. Als ich heute Mittag an einem vorbei ging, wollte ich klettern und im Sand buddeln. Lief aber weiter zum Tempelhofer Feld, setzte mich zwischen die Beete auf eine Bank und hörte den Grossen bei der Gartenarbeit zu.

Am Abend wurde dann die Meditation in die Kita verlegt. Da waren Trampoline, Schlafmatten, Kissen und Mini-Klos. Danach gingen wir noch in den Saal, wo  gerade die Kinderdisko begann. K. vermutete dort noch Reste vom Sonntagsessen für mich. Es gab einen Stempel am Eingang, Chips und Saft. Wollt ihr mit tanzen?, scherzte eine Betreuerin. Ich wollte!

Auf dem Weg nach Hause dachte ich: Was wohl die Leute denken, wenn ich jetzt hier auf dem Weg einen Kopfstand mache?


Foto: Neukölln, Weisestrasße, © Antonia Herrscher 2014
.
.
.